Beiträge

Walking-Football – Gehen mit Ball

Die Spvgg. Billstedt-Horn stellt das erste Walking-Football-Team in Hamburg und freut sich auf die Einführung einer Meisterschaft

Text: Mirko Schneider

Schon die Adresse der Halle klingt paradiesisch: Sonnenland 27. Und wer sich die Mühe macht, diese Sportstätte an einem Donnerstagabend aufzusuchen, stellt fest: Fußball hat im Paradies selbstverständlich einen festen Platz. Nur wird nicht gerannt. Denn hier trainiert das Walking FootballTeam der Spvgg. Billstedt-Horn. Erfunden wurde Walking-Football (zu Deutsch: Gehfußball) 2011 in England. Seit einiger Zeit ist der Sport auch in Deutschland angekommen. In Hamburg nimmt die Spvgg. Billstedt-Horn dabei eine Sonderstellung ein.

Das Walking-Football-Team des Clubs ist das erste offizielle Hamburger Team in dieser inklusiven Sportart. Gut ein Dutzend Spieler sind jede Woche dabei. Entweder in der Halle oder in den wärmeren Monaten auf ihrem Platz an der Möllner Landstraße 197. Eifrig passen sie den Ball mit viel Spaß hin und her mit dem Ziel, ihn im drei Meter großen Tor des Gegners zu versenken. Nur dürfen sie dabei ausschließlich gehen. Auch Körperkontakt ist nicht erlaubt. „Walking Football ist die inklusivste Sportart, die es gibt“, sagt André Riebe (30). Er ist Inklusionsbeauftragter des Hamburger Fußball-Verbandes (HFV) und leitet die Gruppe gemeinsam mit dem Billstedter Trainer Jan Willms (29).

Eine Sportart für Menschen mit Behinderung

Riebes Geschichte ist anrührend. Bei seiner Geburt wurde die Sehbehinderung Aniridie diagnostiziert. „Ich bin stark blendempfindlich und sehe sehr trübe“, erläutert Riebe. Trotzdem habe er als Junge mit sechs Jahren versucht, in einer Jugendfußballmannschaft Fuß zu fassen. Es folgte eine schwierige Zeit. „Nach einem halben Jahr war meine Mannschaft gespalten. Die eine Hälfte der Spieler und Eltern fand, ich solle dabei sein. Die andere Hälfte fand, ich trage nichts zum sportlichen Erfolg bei und solle aus dem Verein austreten“, erinnert sich Riebe. So schlimm das war, Riebe hatte sein Lebensthema gefunden. „Ich beschloss als Jugendlicher, anderen Menschen diese schlimmen Gefühle zu ersparen und mich im Inklusionssport zu engagieren“, sagt er im Rückblick.

„Man kann durchaus ins Schwitzen kommen“

(André Riebe, Inklusionsbeauftragter des Hamburger Fußball-Verbandes)

Zufällig lernte Riebe Jan Willms kennen, mit dem er zuvor schon an einem anderen inklusiven Projekt arbeitete. Im Rahmen eines Jahresprojekts seiner Tätigkeit als Heilerziehungspfleger erstellte Willms eine Sozialraumanalyse von Billstedt. Eines der Ergebnisse: Inklusive Sportarten werden viel zu wenig angeboten. „Da haben wir beschlossen, eine Sportart für Menschen mit Behinderung anzubieten“, sagt Willms. Da Riebe und Willms fußballbegeistert sind, lag Walking Football nahe.

„Bei uns kann wirklich jeder mitspielen“

Wie inklusiv die Sportart wirklich ist, lässt sich schon an der Zusammensetzung des Teams der Spvgg. BillstedtHorn selbst beobachten. Die Spieler sind 16 bis 65 Jahre alt, einige Frauen sind dabei. Circa 75 Prozent der Spieler haben eine körperliche oder geistige Beeinträchtigung. Einige Spieler sind im Rahmen der Kooperation mit der Evangelischen Stiftung Alsterdorf dabei, die einen Standort in Form eines Wohnhauses in der Billstedter Hauptstraße hat. „Bei uns kann wirklich jeder mitspielen“, sagt Riebe. Nur sei die im Umkehrschluss oft gezogene Schlussfolgerung von Anfängern, Walking Football sei körperlich gar nicht herausfordernd, so nicht richtig. „Man kann durchaus ins Schwitzen kommen bei diesem Sport“, sagt Riebe. „Immerhin trainieren wir 90 Minuten und wenn man da permanent geht, sich anbietet und den Ball passt, wird der Körper durchaus gefordert.“ Und Willms ergänzt lachend: „Der Unterschied ist vielmehr der, dass man keine Angst um seine Knochen und seine Gelenke haben muss.“

Zusammenspiel ist ein Muss

Die Herausforderung und die gesundheitlich positive Wirkung von Walking Football gleichermaßen bestätigen kann Dino Zimmer (29). Zimmer ist einer der Spieler des Teams. Er leidet unter mehreren Beeinträchtigungen. „Ich bin extrem kurzsichtig, habe Belastungsasthma und einen Herzklappenfehler“, sagt Zimmer. Leistungssport ist für ihn tabu, schnell laufen auch. „Aber ich spiele natürlich gerne Fußball und bin sehr ehrgeizig. Ich muss immer aufpassen, nicht doch loszulaufen“, sagt er lachend. Und keine hohen Pässe zu spielen.

„Das habe ich früher als Spieler gerne gemacht. Doch im Walking Football darf der Ball nur hüfthoch gepasst werden“, sagt Zimmer. Was ihm ebenfalls gefällt: Dass ein überragender Spieler einer Mannschaft alles in Grund und Boden spielt und den Ball nicht abgibt, ist beim Walking Football nicht möglich. Das Team ist auf das Zusammenspiel angewiesen. „Wenn einer zu viel dribbelt, ist das nicht sinnvoll. Du bist schnell von Gegenspielern umstellt. Du musst passen und deine Mitspieler einbeziehen“, sagt Zimmer.

„Wir wollen einen Hamburger Meister ausspielen“

Wie viele der Spieler freut er sich schon auf die Hamburger Walking-Football-Liga. „Der fiebere ich wirklich entgegen“, sagt er. Dass eine solche Liga so bald wie möglich kommt, daran lässt Andreas Hammer (55) keinen Zweifel. Hammer ist Ehrenamtsbeauftragter und Beisitzer im Spielausschuss des Hamburger Fußball-Verbandes. Im Deutschen Fußball-Bund (DFB) ist er Mitglied im Ausschuss für Beachsoccer, Freizeit- und Breitensport. „Wo man bei dieser Sportart nur einen Funken hinschmeißt, da entsteht ein Flächenbrand“, beschreibt Hammer die Walking-Football-Begeisterung. „In Südengland haben sich in kürzester Zeit 11.000 Menschen gefunden und einen Spielbetrieb organisiert. In Deutschland gibt es in einigen Bundesländern schon Meisterschaften, zum Beispiel in Schleswig-Holstein. Wir wollen in Hamburg nun nachziehen und noch in diesem Jahr Turniere veranstalten. Wenn der Zeitplan es hergibt, so wollen wir auch einen Hamburger Meister ausspielen.“

Walking-Football-Sparte in Planung?

Die Rückmeldungen aus den Hamburger Vereinen sind jedenfalls positiv. Und haben auch durchaus schon Prominenz angezogen. Der Hamburger Sportverein fragte bereits beim Verband an und interessiert sich für die Einrichtung einer Walking-Football-Sparte. Der FC St. Pauli schickte mit dem früheren Sportmoderator Lou Richter (61) ein bekanntes Gesicht zur Walking-Football-Übungsleiterfortbildung beim HFV.

Bei der Spvgg. Billstedt-Horn wiederum wird die Zukunft zusätzlich noch auf weiteren Ebenen geplant. Durch eine großzügige Spende des verstorbenen Vereins-Ehrenmitglieds Manfred Schulenburg war die Anschaffung der insgesamt 1600 Euro teuren Spezialtore möglich, die der Verein für das Training benötigte. Bislang behalf man sich mit zwei kleinen nebeneinander gestellten Toren. Am 30. April will der Club ein eigenes Turnier auf die Beine stellen, um noch mehr Menschen für Walking Football zu begeistern. Das Besondere: Gespielt werden soll im sogenannten Soccer-Ei, mit dessen Erfinder Heinz-Jürgen Uhlenbrock die Spvgg. Billstedt-Horn zusammenarbeitet.

Dabei handelt es sich um ein mobiles, multifunktionales Kleinspielfeld, in dem unter anderem durch die Banden noch mehr Tempo und Spielfluss ins Spiel kommt. „Auf das Turnier freuen wir uns sehr und wir haben schon viele weitere Ideen“, sagt Riebe. Die Sponsorensuche – unter anderem für ein vereinseigenes Soccer-Ei – soll vorangetrieben und Kooperationen mit weiteren Sozial- und Bildungseinrichtungen gesucht werden. „Wir wollen uns noch mehr für den Stadtteil öffnen“, sagt Riebe. „Damit so viele Menschen wie möglich Spaß am Walking Football haben können.“

billstedt-horn.de


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

„Sexualität ist eine positive Lebensenergie“

Familienplanung und sexuelle Selbstbestimmung sollten mittlerweile für alle selbstverständlich sein. Warum das nicht so ist und wie es doch noch werden kann, erklären die Frauenbeauftragen der Elbe-Werkstätten Bianca Bicker, Andrea Junginger, Kristine Westermann mit ihren Vertrauenspersonen Chasa Chahine und Margarita Martinez und die Sexualpädagogin Annica Petri vom Familienplanungszentrum HH e. V. (FPZ)

Text & Fotos: Markus Gölzer

 

Man sitzt als besorgte Mutter am Bett seines Kindes auf der Intensivstation. Endlich kommt der Arzt. Seine erste Frage: Wo sind die Eltern? Dann könnte es sein, dass man im Rollstuhl sitzt. Und der Arzt nicht der Erste im Leben war, der einem das klassische Lebensmodell „Mutter“ nicht zugetraut hat. Kinderwunsch von Menschen mit Behinderung ist immer noch ein Tabu. Es gibt ganz schnell den Reflex: Alles darf sein, nur das nicht. Der Wind kommt bei behinderten Menschen mit Kinderwunsch nicht nur von gesellschaftlicher Seite von vorn, sondern auch aus dem persönlichen Umfeld. Vom Frauenarzt, der empfiehlt, doch bitte die Pille zu nehmen, bis hin zu den eigenen Eltern. Kristine Westermann, Frauenbeauftragte Elbe Ost, über ihre Erfahrungen: „Kinder zu bekommen, ist teilweise verpönt gewesen. Man hört ‚Du darfst keine Kinder haben‘ oder ,Das Jugendamt nimmt dir das Kind weg‘. Sogar ‚Du darfst nicht heiraten.‘ Das stimmte alles nicht. Ich habe zwei Kinder mit meinem Ehemann.“

 

Eine Behinderung ist nichts Defizitäres

 

Behinderung wird nach wie vor mit Krankheit verbunden. Es wird davon ausgegangen, dass sich diese Menschen nicht um ihre Kinder kümmern können. Annica Petri: „Behinderung wird von der Mehrheitsgesellschaft oft als etwas Defizitäres verstanden. Das ist falsch: Wie komme ich darauf, dass eine Mutter oder ein Vater im Rollstuhl ihr Kind nicht versorgen können? Da müssen wir über Assistenzgeräte reden und wie man eine Babywippe am Rollie anbringt und so weiter. Warum denken Menschen, dass das nicht möglich ist? Das ist das, was bei Inklusion fehlt: der Blickwechsel.“ Oder wie es Kristine Westermann in einem Statement formuliert: „Es muss noch viel bekannter werden, dass Frauen mit einer Einschränkung auch gute Mütter sein können.“

 

„Wir werden von vornherein schon als Opfer gesehen“

 

Mit oder ohne Kinderwunsch – Frauen mit Behinderung werden öfter benachteiligt, erleben häufiger Diskriminierung. Sie werden schlechter bezahlt und viermal so häufig Opfer sexueller Gewalt.

Bianca Bicker, Frauenbeauftragte Elbe ReTörn: „Viele wissen nicht, was ihre Rechte sind. Das sie Nein sagen dürfen, dass sie nicht alles machen müssen. Die Aufklärung fehlt bei vielen. Anders­rum denken die Menschen, die diese Gewalt ausüben, mit denen kann man’s ja machen.“ Andrea Junginger, Frauenbeauftragte Elbe West: „Wir werden von vornherein schon als Opfer gesehen. Ich selbst hatte da auch schon ein Erlebnis. Ich dachte früher, dein Freund ist auch mein Freund, und da bin ich eines Besseren belehrt worden. Der Punkt ist: Das frisst sich so tief rein, dass man das nicht vergisst. Auch wenn man einen 120-prozentigen Schaden im Kurzzeitgedächtnis hat – das ist eine Sache, die vergisst du dein Leben lang nicht.“

Aufklärungs- und Informationsmaterial im Familienplanungszentrum (FPZ) (Foto: Markus Gölzer)

Aufklärungs- und Informationsmaterial im Familienplanungszentrum (FPZ) (Foto: Markus Gölzer)

 

„Menschen mit Behinderung haben ein Glaubwürdigkeitsproblem“

 

Chasa Chahine ergänzt: „Ich würde noch sagen, Frauen, die mit einer Behinderung aufwachsen, psychisch, geistig, körperlich, sind oft in Institutionen aufgewachsen, hatten viel mit ÄrztInnen zu tun, haben immer so erlebt, dass der Körper allen gehört, haben kein Gefühl für die Grenzen des eigenen Körpers auf psychischer Ebene. Viele Täter denken: Die kann ja froh sein, dass die überhaupt mal ein Mann beachtet und berührt.“ „Menschen mit Behinderung haben ein Glaubwürdigkeitsproblem“, führt Bianca Bicker weiter aus. „Viele denken sich, die weiß ja gar nicht, was das ist, der hat sie vielleicht nur an der Schulter angefasst. Man sollte dem Opfer glauben, aber viele machen es einfach nicht.

Das gibt es auch innerhalb von Einrichtungen. Der Gruppenleiter sagt: Das war doch nur ein Scherz. Die Frau denkt: Nein, das wollte ich jetzt nicht.“ Das macht es Tätern und Täterinnen leicht, ihre Strategien auszuspielen. Annica Petri: „Das Opfer einbinden in die Handlung, Angst machen, bedrohen, Schweigegebot auferlegen. Wenn jemand eine Lernschwierigkeit oder kognitive Behinderung hat, wirken Täter noch viel mächtiger. Und sind es auch. Dann ist es sehr wichtig, wie sensibel das Umfeld reagiert: Wenn ich berichten will als Opfer. Es kommt darauf an: Kann ich sprechen? Was ist, wenn ich gebärde? Wer versteht meine Gebärden? Was ist, wenn ich Autistin bin? Wer versteht meine Zeichen? Da kommt eine Vielfalt an Gründen zusammen, wo wir in allem, auch bei den Behörden, bei der Polizei, Fortbildung brauchen. Wenn jemand kommt und sagt, es ist etwas Schlimmes passiert: Jemand hat mich angefasst. Dass die Leute sensibilisiert sind, auch für verschiedene Behinderungsarten, Material haben wie zum Beispiel Gebärdenvideos.“

 

„Nein heißt Nein“

 

Bianca Bicker: „Barrierefreiheit fängt in den Köpfen an. Wo darf ich hin, was ist erlaubt, darf ich Nein sagen. Dann geht das weiter: Ärzte, Anwälte, Polizei, Beratungsstellen, an wen kann ich mich wenden. Man googelt das im Internet und viele verstehen das gar nicht. Ich habe bei den Elbe-Werkstätten ein Schulungskonzept in Einfacher Sprache entwickelt: ‚Nein heißt Nein: Schutz vor sexualisierter Gewalt am Arbeitsplatz‘. Solche Sachen sind überall wichtig. Nicht nur in Werkstätten und Wohnungseinrichtungen für Menschen mit Beeinträchtigungen, sondern auch außerhalb.“

„Auch ein Mensch mit Lernschwierigkeiten ist ein erwachsener Mensch.“ Andrea Junginger spricht aus ureigener Erfahrung. Ihr wurde als erwachsene Frau auf einer Polizeistation wegen einer anderen Sache ein Polizeiteddy zur Beruhigung gereicht.

 

„Die Sexuelle Selbstbestimmung ist an vielen Punkten eingeschränkt“

 

Annica Petri im FPZ mit Materialien für die sexuelle Bildung (Foto: Markus Gölzer)

Annica Petri im FPZ mit Materialien für die sexuelle Bildung (Foto: Markus Gölzer)

Für Annica Petri ist es in der sexuellen Bildung wichtig, dass Menschen Worte haben für die Genitalien, Zeichen, Gebärden. Manche nutzen einen Talker, einen kleinen Sprachcomputer mit Bildern auf den Tasten oder ganzen Sätzen zur Sprachausgabe. „Wenn auf dem Talker Vulva, Vagina und Penis nicht eingearbeitet sind, und ein Jugendlicher oder eine Jugendliche will berichten, es hat mich jemand an den Genitalien angefasst, wie sollen sie das machen? Das geht dann nicht. Oder wenn das in der Familie sehr schamhaft ist, dann erklär’ ich den Eltern, warum es gut ist, über das Thema zu sprechen. Nur wenn Kinder Worte haben, können sie auch berichten. Wir haben mal einen Jugendlichen in der Jungsgruppe gehabt, der mit Talker kommuniziert hat und der ganz lang was eingetippt hat für meinem Kollegen, und am Ende kam raus: Er wollte, dass ihm jemand Worte für die Genitalien programmiert. Und dass ihm jemand ‚Fuck‘ programmiert. Er meinte: Ich will dazugehören, ich will das so gerne sagen. Die Erwachsenen wollen nicht, dass ich das einprogrammiere.

Das ist ein Minibeispiel, wie sexuelle Selbstbestimmung an vielen Punkten eingeschränkt ist und es niemandem auffällt. Und wenn wir das Thema nicht besprechen, dann können sich die Menschen darin weder fortbilden, noch ihre Lust entdecken. Das ist ein Teil meiner Arbeit in der sexuellen Bildung, zu vermitteln, dass Sexualität eine positive Lebensenergie ist. Dass auch für das Lustvolle ein Raum geschaffen wird. Etwas, was wahnsinnig bereichernd sein kann und wo alle Menschen das Recht haben, rauszufinden: Was ist für mich schön, mit wem will ich das leben, auf welche Art will ich das leben.“

familienplanungszentrum.de; elbe-werkstaetten.de


Information:

Das Familienplanungszentrum HH e. V. ist eine Schwangerenberatungsstelle mit einem breiten Angebotsspektrum rund um Körper, Partnerschaft, Liebe, Sexualität und Kinderwunsch. Die Elbe-Werkstätten bieten 3100 Menschen mit Behinderung einen Arbeitsplatz. Frauenbeauftragte sind gesetzliche Pflicht. Sie sind in den Werkstätten beschäftigt, vertreten die Interessen der dort beschäftigten Frauen gegenüber der Werkstattleitung. Schwerpunkte sind: Vereinbarkeit von Familie und Beschäftigung, Gleichstellung von Frauen und Männern sowie Schutz vor körperlicher, sexueller, psychischer Belästigung und Gewalt.



 VIELFALT LEBEN ist in Zusammenarbeit mit dem Inklusionsbüro Hamburg entstanden und liegt der SZENE HAMBURG aus dem Dezember 2021 bei. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Die Heldinnen und Helden der Arbeit

Bei Leben mit Behinderung Hamburg arbeiten viele engagierte Menschen, für die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung im Alltag

 

Pflegekräfte haben Superkräfte – das hat besonders das von der Corona-Pandemie geprägte vergangene Jahr gezeigt. Während die Welt aus den Fugen geriet, behielten sie nicht nur die Nerven, sondern sorgten auch noch dafür, andere Menschen so gut es ging durch diesen neuen Alltag zu begleiten.

Das ist wichtig, denn besonders Menschen mit Behinderung haben keine starke Lobby. Darum brauchen sie Menschen mit Empathie, Fachlichkeit und Kompetenz zur Unterstützung, die das Herz am rechten Fleck und im besten Fall auch noch eine Ausbildung als Pflegefachfrau/Pflegefachmann in der Tasche haben. Die kann bei Leben mit Behinderung Hamburg absolviert werden. In drei Jahren lernen die Auszubildenden hier nicht nur alles, was die ganzheitliche Versorgung unterstützungsbedürftiger Menschen betrifft, sondern auch, wie man älteren Personen und/oder Menschen mit Behinderung dabei hilft, Freude am Leben zu haben.

 

Die Ausbildung verleiht Superkräfte

 

Dazu lernen die Auszubildenden unterschiedliche Einsatzbereiche innerhalb der Organisation kennen und absolvieren zudem drei externe Facheinsätze. Diese Vertiefungseinsätze finden in unterschiedlichen Einrichtungen oder Krankenhäusern statt. Wer eine solche Ausbildung machen möchte, sollte Teamfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein, sowie Spaß an der Arbeit mit Menschen mitbringen. Die Superkräfte entwickeln sich dann von ganz allein.

wasmitmenschen.org


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Thomas: „Der Knast hat mich verändert“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Thomas begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Du bist machtlos. Dir gehen 97 Tausend Dinge durch den Kopf, aber du kannst nichts ändern. Es ist schon in der freien Welt schwer gegen eine Scheidung anzukommen, aber im Knast? Da ist es unmöglich. Das ist jetzt 15 Jahre her und es hat sehr lange wehgetan. Meine beiden Töchter habe ich seitdem nie wieder gesehen. Sie wollen nichts mehr mit mir zu tun haben.

Aber meine Beharrlichkeit und meine Einstellung zum Leben haben mich da herausgeholt: Lustig sein, herumkaspern, reden, viel reden – du merkst, ich labere wie ein Buch. Diese positive Gangart hat mich das durchstehen lassen. Mit einem ‚Ihr seid alle Schweine und mir geht’s so dreckig‘ erreiche ich doch nichts. Ich ziehe mich nur selbst herunter. Dabei will ich ja nach oben. Also winke ich und rufe: ‚Hallo, hier bin ich. Könnt ihr mich sehen?‘ Das ist das A und O. Damit tue ich mir selbst gut.

Dennoch haben mich die drei Jahre Knast verändert. Ich bin ein Einzelgänger geworden. Sich nicht mehr frei bewegen zu können, das macht was mit dir.

 

„Ich habe seitdem Panikattacken“

 

Auch die Zeit nach dem Gefängnis, war verdammt schwierig. Ich kam damals nicht wirklich alleine klar, bin mittlerweile schwerbehindert, habe zwei Stents und seit der Knastzeit regelmäßige Panikattacken. Also habe ich mir Hilfe geholt – was eher untypisch für mich ist. Meistens gehe ich die Dinge lieber selbst an. Aber es war eine unheimliche Erleichterung, jemanden um Unterstützung zu bitten. Seitdem habe ich eine Betreuerin – ein unglaublicher Glücksfall. Auf die lasse ich nichts kommen, eine ganz tolle Frau. Sie ist der einzige Mensch, dem ich alles, aber auch wirklich alles, auf den Tisch gelegt habe. Ich habe mich komplett nackig gemacht. Und sie hat mir wieder auf die Beine geholfen.

Wirklich vieles, was ich heute habe, ist ihr zu verdanken. Ich würde sie vom Fleck weg heiraten. Vielleicht hätte ich mich als junger Kerl mal ein bisschen genauer umgucken müssen, dann hätte ich jemanden wie sie kennengelernt.

Aber gut, mir geht es heute wunderbar, ich bin unabhängig. Von der Rente, dem Geld von der Krankenkasse und der Sozialhilfe kannst du zwar nicht leben und nicht sterben, aber es gibt genug, an dem ich mich erfreue. Ich habe mir zum Beispiel einen ewigen Traum erfüllt und endlich einen Beamer gekauft. Niemand kann jetzt gerade ins Kino gehen und ich? Schmeiß das Ding an, Edgar Wallace an die Wand und zack, habe ich mein eigenes Kino.

 

Seit 25 Jahren Insel Radio

 

Außerdem habe ich das Insel Radio, meine große Leidenschaft seit 25 Jahren. Früher haben wir das noch zusammen gemacht. Da hatten wir noch unseren Hüttenkracher, einen Anhänger, den wir selbst gebaut haben. Tutto completto mit Sendestudio. Mit dem sind wir auf Festivals gefahren, haben Live-Musik gespielt, da war immer richtig Party angesagt. Der Kollege ist vor ein paar Jahren verstorben, dann habe ich das Ganze etwas heruntergefahren.

Ich bin keine arme Sau. Ich bin froh, dass ich lebe, dass ich unter Leuten bin, Radio und all so’n Tüddelkram mache. Und wenn meine Töchter irgendwann ankommen und sagen: ‚Du, Papa, wir haben uns das anders überlegt‘, freue ich mich natürlich riesig. Wenn es nicht passiert, ist das auch okay.“


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Emma: „Es ist okay, wenn es mal schlechter läuft”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Emma begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Wir waren ganz alleine an diesem superschönen Badesee, irgendwo in Niedersachsen, haben uns ausgezogen und waren Nacktbaden. Dieser komplette Tag in der Natur hat sich mir so krass eingebrannt. Das war letzten Sommer mit ein paar Freundinnen. Die Eltern der einen haben so einen ausgebauten Hof als Ferienhaus. Ach, ich freu mich auf den Sommer.

Und doch habe ich manchmal das Gefühl, ich nutze das Leben nicht so aus, wie man es ausnutzen könnte. Es ist ein bisschen die Angst, später zu merken, dass ich manches versäumt habe. Meistens geht es dabei aber um Kleinigkeiten: Wieso habe ich nicht zugesagt, bin nicht zu dem Treffen, zu der Party gegangen, wieso habe ich das schöne Wetter nicht genutzt?

Aber ich schaffe es auch immer wieder mich daran zu erinnern, nicht allzu hart zu mir selbst zu sein. Es ist okay, wenn es mal schlechter läuft.

Man sollte sich sowieso nicht so vom großen Ganzen stressen lassen. Das habe ich während meines FSJs gelernt. Ich habe in einem Atelier für Menschen mit Behinderung gearbeitet und die haben das gelebt. Sie waren so viel entspannter und jeden Tag dankbar. Dankbar für die kleinen Dinge, dankbar für all die Dinge, die sie machen können und nicht frustriert wegen der Dinge, die sie nicht machen können. Davon können wir eine Menge lernen.

 

„Ich bewundere sie sehr“

 

Und von meiner Mama. Von der können wir auch eine Menge lernen. Eigentlich finde ich, sollte jeder sie kennen, weil sie so toll ist. Für mich war sie schon immer die Frau, die weiß, wo es lang geht, die hat einen Plan und alles was sie sagt und denkt, da gebe ich etwas drauf. Als Kind war es noch doller, aber auch heute noch bewundere ich sie sehr. Meine Mama ist extrem taff. Ich glaube, das hat sie mir ein Stück weit mitgegeben.

Obwohl ich hier und da zur Einsamkeit neige. In der ersten Lockdown-Phase war es besonders stark. Da habe ich in einer blöden Zweier-Zweck-WG in Wandsbek gewohnt und hatte zu viel Zeit mit mir selbst. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich was ändern muss. Also bin ich in eine Achter-WG in Othmarschen gezogen. Es ist ein altes Pflegehaus, mit Garten, großer Küche, großem Wohnzimmer und einer Art Partykeller. Mega nice! Wir sind total bunt zusammengestellt, zwischen 20 und 31 Jahren ist alles dabei.

Irgendwie komme ich mit fast jedem Menschen klar. Das macht zum Teil auch die soziale Arbeit. Ich habe Bock auf Leute, bin offen und interessiert und habe auch für das meiste Verständnis und Empathie.

Wobei, wenn ich so drüber nachdenke: Für Billie Eilish irgendwie nicht. Wieso feiern die alle? Ich finde die öde. Genau wie Harry Potter.“


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Michel Arriens: Im Einsatz gegen Diskriminierung

Inklusionsaktivist Michel Arriens strotzt vor Tatendrang: Der kleinwüchsige Mann ist unermüdlich im Einsatz gegen Diskriminierung

Interview: Mirko Schneider
Foto: Anna Spindelndreier

Michel, du nennst dich „Inklusionsaktivist“. Was verstehst du darunter?

Michel Arriens: Ich setze mich für die Bedürfnisse der zehn Millionen Menschen mit Behinderung in Deutschland ein. Aber nicht nur für die der rund 100.000 kleinwüchsigen Menschen. Als studierter Medien- und Kommunikationswissenschaftler arbeite ich als Head of Social Media & Campaigner bei Change.org.

Außerdem bin ich Pressesprecher beim Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien. Online bin ich auf Facebook und Twitter sehr aktiv, blogge, filme, fotografiere, führe viele Gespräche mit Entscheidungsträgern und besuche Veranstaltungen wie zum Beispiel die re:publica. Da schmeiße ich dann meinen Roller an und ab geht die Post.

In deinem Blog schreibst du, du seiest „Experte für Kampagnen-Eskalation“. Verrätst du uns ein paar Tricks?

(lacht) Für welche Kampagne denn? Grundsätzlich ist eine Kampagne als Dreieck zu betrachten. Erste Seite: eine Masse von Menschen, die etwas verändern will. Zweite: die mediale Berichterstattung. Dritte: die Entscheidungsträger, die zu Taten bewegt werden sollen. Alle drei Seiten müssen bedacht werden. Eine Online-Petition zum Beispiel, selbst wenn sie viele Menschen mobilisiert, nützt ohne medialen Druck kaum etwas.

Also müssen die Belange der Medien mitgedacht, ihnen wahre und gute Geschichten geliefert werden, über die sie berichten können. Durch die Öffentlichkeit wird das Anliegen sichtbarer, die Mobilisierung wird verstärkt – und der Druck auf die Entscheidungsträger wächst. Mit denen muss man dann parallel in den Dialog treten, damit sie die Plastiktüte im Discounter abschaffen. Oder eben das tun, was das Ziel der Kampagne ist.

 

„Man sieht den Körper – und traut uns viel weniger zu“

 

Für kleinwüchsige Menschen fällt eine Benachteiligung sofort auf: die oft nicht gegebene Barrierefreiheit.

Richtig. Schon beim Aufwachsen existiert eine Spaltung unserer Lebensrealitäten. Wenn ich nicht in deine Lieblingsdisco, dein Lieblingscafé, dein Lieblingsrestaurant, deinen Lieblingssportverein gehen kann – wie sollen wir uns dann eigentlich kennenlernen? Mindestens genauso schlimm ist oft die Haltung, kleinwüchsige Menschen nichts zuzutrauen.

Wenn ich dafür gelobt werde, dass ich „trotzdem“ im Club feiere und abgehe, ärgere ich mich. Oder dass ich „trotzdem“ lächele. Was ist denn dieses „Trotzdem“? Ich kann genauso feiern und lächeln wie andere Menschen auch. Ich will nicht diesen Makel angeheftet bekommen. Der hat übrigens ganz reale ökonomische Konsequenzen.

Welche?

Es gibt eine Menge Studien dazu. Trotz erwiesenermaßen überdurchschnittlicher Qualifikation ist die Arbeitslosenquote unter kleinwüchsigen Menschen doppelt so hoch. Man sieht ihren Körper – und traut ihnen viel weniger zu. Das ist diskriminierend und traurig.

Du hast die Medien angesprochen, die eine wichtige Rolle für die Belange benachteiligter Menschen spielen. Doch sie können auch ein weniger rühmlicher Akteur sein, oder?

Ja. Die Erfahrung habe ich am eigenen Leib gemacht. Für Sat.1 moderierte ich 2012 die Doku-Serie „Die große Welt der kleinen Menschen“ mit Ulla Kock am Brink. Vorneweg: Mit Ulla Kock am Brink würde ich jederzeit wieder zusammenarbeiten. Sie war ausgezeichnet. Doch es gab viel berechtigte Kritik daran. So wurde beispielsweise ein kleiner Mann gezeigt, der durch einen Wald geht.

Unterlegt wurde die Szene ohne mein Wissen mit der Musik aus den „7 Zwergen“. Es wurde sich zu oft lustig gemacht, zu viele Stereotype reproduziert. Mit dem Wissen von heute würde ich die Sendung so nicht mehr machen.

 

Die Disco, die Kleinwüchsige jagen ließ

 

Manchmal geben sich kleinwüchsige Menschen leider für Aktionen her, bei denen man nur den Kopf schütteln kann. So wie das Zwergenwerfen. Wie findest du das?

Das nervt mich. Klar, die Menschen machen das freiwillig. Aber welches Bild transportiert denn das? Wir sind klein, putzig, nicht ernst zu nehmen. Extrem schlimm fand ich im Jahre 2013 die Aktion einer Disco in Cuxhaven namens „Fang den Liliputaner und gewinne einen Flatscreen“. Vorbild war der Film „Project X“, in dem eine Party von Jugendlichen vollends eskaliert. Als die Eskalation so richtig ins Rollen kommt, wird ein kleinwüchsiger Mensch in einen Backofen eingesperrt. Die Disco ließ also einen kleinwüchsigen Menschen von den Disco-Besuchern jagen, um ihn dann einzusperren!

Wir haben dazu vom Bundesverband für Kleinwüchsige Menschen eine Stellungnahme verfasst, unsere Abscheu kundgetan. Die Aktion ist totale Scheiße – und der Begriff „Liliputaner“ übrigens auch. Man kann sich das leicht klarmachen, wenn man den Begriff tauscht. Was wäre wohl los, wenn eine Disco mit dem Slogan „Fang den Neger und gewinne einen Flatscreen“ wirbt?

Treibt dich das vor allem an?

Dass solches Gedankengut nicht wieder salonfähig wird? Klares Ja! Ich nehme einen gesellschaftlichen Ruck in eine bestimmte Richtung wahr. Dagegen stelle ich mich und ich wünsche mir, dass es viele andere Menschen auch tun. Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, das Aufstellen von Barrieren gegenüber Behinderten durch jegliche Form der Ausgrenzung – all diese Diskriminierungen müssen bekämpft werden. Ich persönlich habe mit 20 Jahren den Entschluss gefasst, etwas zu tun.

Ich habe mir eine große Klappe antrainiert, um gehört zu werden. Das war wichtig, hat mich selbstbewusster gemacht. Denn ich will nicht als Mensch mit einer Behinderung in einer Gesellschaft leben, die mich als Sonderling betrachtet.

Michel Arriens.de


Wie inklusiv ist Hamburg schon? Dieser Text stammt aus Vielfalt leben – dem Magazin von SZENE HAMBURG und Inklusionsbüro, Juni 2019
Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel erhältlich: inklusive der SZENE HAMBURG, im 
Online Shop oder hierVielfalt-leben-Juni-2019-cover


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

 

Ein Fußballteam für alle!?

Tobias Hillebrand hat eine Vision: Eine Fußball-Liga, in der jeder mitspielen darf – egal, ob mit oder ohne Handicap. 2019 soll die neue Inklusionsliga starten.

Tobias Hillebrand (26) hat einen Traum. „Klar kann ich mir vorstellen, bei der Eröffnung dabei zu sein. Das wäre schon cool, wenn man einen Weg so lange mitgegangen ist“, sagt er. Hillebrand ist im Hamburger Fußballverband (HFV) Koordinator für die Bereiche Behindertenfußball und Inklusion – und arbeitet für den Verband an einer kleinen Revolution: der Inklusionsliga. „Inklusion bedeutet, dass alle mitspielen können“, sagt Hillebrand, der gerade seine Magisterarbeit im Sportstudium schreibt und zudem Erziehungswissenschaften studiert hat.

Was sich aufs erste Hören selbstverständlich anhört, wäre bei genauerer Betrachtung etwas für Hamburg völlig Neues. Menschen mit geistigem und/oder körperlichem Handicap, Menschen ohne Handicaps, Frauen und Männer, Alte und Junge – alle in einer Fußballmannschaft. Unter anderem in Bayern und am Niederrhein existieren erfolgreiche Modellversuche. Auch in Hamburg gibt es ein Vorbild. In der Freiwurf-Hamburg-Liga spielen acht Teams in der bundesweit ersten vom Deutschen Handball-Bund anerkannten inklusiven Handball-Liga.

Hürden auf dem Weg zur Inklusionsliga

Hillebrand selbst scheint wie geschaffen für die Aufgabe, das gute Beispiel des Handballs nun auf die Fußball-Felder unserer Stadt zu transferieren. Die Eltern des jungen Mannes waren gehörlos. Er kennt den Kontakt zwischen Menschen mit und ohne Handicap also aus eigener Erfahrung. „Ich habe viel mit Zeichensprache übersetzt und ich war immer der Erste, der ans Telefon gegangen ist. Ich war sozusagen der Ansprechpartner vom Arzt bis zur Kirche. Mit Unterstützung meiner Großeltern hat das alles sehr gut geklappt und ich habe auch viel Freizeit mit anderen gehörlosen Menschen verbracht“, sagt Hillebrand. Er ist überzeugt, dass nur der Kontakt zur Inklusion beiträgt. Hier könne der Fußball seine oft gerühmte Brückenfunktion einnehmen. „Ein hemmender Faktor für Menschen ohne Handicap ist es oft, dass sie die Reaktionen von Menschen mit Handicap nicht so richtig einschätzen können. Das können sie aber mit der Zeit. Und dann wachsen tolle Gemeinschaften heran.“

Lob erhält Hillebrand von HFV-Pressesprecher Carsten Byernetzki: „Dem Verband liegt das Thema schon seit Jahren sehr am Herzen. Tobias treibt das hier bei uns super voran. Wer einmal gesehen hat, wie ehrlich und natürlich diese Menschen sich freuen, wenn sie zum Beispiel ein Tor schießen, der weiß, es lohnt sich.“ Doch auf dem Weg zur Inklusionsliga, die im Sommer 2019 starten soll, sind noch einige Hürden zu überwinden. Hillebrand netzwerkt viel, spricht mit Vereinen über deren klassische Probleme beim Aufbau einer Mannschaft wie zum Beispiel notwendige Fahrdienste für Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Das erste Hallen-Inklusionsturnier fand bereits statt, der im Bereich Inklusion sehr aktive SV Nettelnburg-Allermöhe siegte im Beisein des von der entspannten Turnieratmosphäre und den sportlichen Leistungen begeisterten HFV-Präsidenten Dirk Fischer. Weitere Turniere sind in diesem Jahr geplant. „Der Hamburger Sportbund finanziert die Turniere aus seinem Inklusionstopf, wir als HFV steuern zum Beispiel etwas Geld für die Pokale bei“, so Hillebrand.

Nächstes Jahr soll’s losgehen

Die acht Mannschaften für einen Ligastart sind bereits beisammen, aber losgehen kann es trotzdem noch nicht. Denn mehrere rechtliche Hürden sind zu überwinden. Nach den HFV-Statuten wird nach Geschlechtern getrennt in Altersgruppen (Jugendmannschaften, Damen, Herren, Senioren etc.) gespielt. Und es dürfen nur Mannschaften mitkicken, die HFV-Mitglieder sind. Unter den acht Interessenten befinden sich aber mit dem SV Eichede und Bad Oldesloe zwei Teams, die Mitglied im Schleswig-Holsteinischen Fußball-Verband sind. „Wir müssen für die Inklusionsliga neue rechtliche Rahmenbedingungen schaffen, wollen die Statuten ändern. Das soll auf dem Verbandstag 2019 geschehen“, sagt Byernetzki.

Der HFV will dann selbst einen Antrag stellen, zustimmen müssen die Hamburger Amateurfußballvereine. „2018 ist ein hoffnungsvolles Jahr. Ich bin zuversichtlich, dass es 2019 losgeht“, sagt Hillebrand. Und die vorsichtige Frage, ob sich auch genügend Menschen ohne Handicap finden werden, die mitspielen, beantwortet Hille-
brand lächelnd und gelassen: „Die Frage sollte lauten: Warum eigentlich nicht?“

Text: Mirko Schneider
Foto: HFV

 


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!