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HSV Handball: Mit Torsten Jansen zurück in die Bundesliga

Torsten Jansen (44) leistete als Linksaußen von 2003 bis 2015 als Spieler einen immensen Beitrag zur großen Zeit des Handball Sport Verein Hamburg, sowohl in der Bundesliga als auch international. Mit Jansen wurde der Club Deutscher Meister, Pokalsieger und Supercup-Gewinner, holte den Europapokal der Pokalsieger und als Krönung 2013 die Champions-League. Mit der deutschen Nationalmannschaft wurde Jansen Europa- und Weltmeister. Mit Jansen als Trainer steht der in der Saison 2015/16 aufgrund einer Insolvenz bis in die Dritte Liga abgestürzte Handball Sport Verein Hamburg kurz vor der Rückkehr in die Bundesliga

Interview: Mirko Schneider

 

SZENE HAMBURG: Herr Jansen, Sie haben als Spieler einschließlich des Weltmeistertitels alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Ab welchem Zeitpunkt haben Sie an eine Karriere als Trainer gedacht?

Torsten Jansen: Erst relativ spät. In den letzten ein, zwei Jahren meiner Karriere habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was ich danach machen möchte. In diesem Prozess hat sich immer mehr herauskristallisiert: Das, was ich über lange Jahre auf dem Feld sozusagen praktisch gelernt und studiert habe, möchte ich nun mal auf eine andere Art und Weise erleben.

In Ihrer Trainerausbildung hatten Sie statt mit dem Hamburger Handball-Verband sogleich mit dem Deutschen Handballbund zu tun. Wie kam das?

Der Deutsche Handballbund bot damals für langjährige Bundesligaspieler die Möglichkeit an, sofort den B-Schein in kompakter Form zu absolvieren. Insgesamt waren es 100 Lehreinheiten. Ich wurde ja dann am 15. Juli 2016 A-Jugendtrainer beim HSV Hamburg und übernahm am 29. März 2017 die Herren, mit denen wir im Sommer 2018 in die Zweite Bundesliga aufstiegen. Parallel dazu machte ich über insgesamt ein Jahr den A-Schein.

hsv-handball-trainer-torsten-jansenWas hat Ihnen die theoretische Ausbildung gebracht? Sie hatten ja praktisch alles auf dem Feld erlebt.

Grundsätzlich hat sie mir sehr viel gebracht. Alle Verbände, die Trainerausbildungen organisieren, erfüllen eine wichtige Aufgabe. Mir hat die Ausbildung einen gewissen Rahmen gegeben. Ich bin dadurch noch strukturierter geworden. Habe für mich herausgefunden, wie ich gewisse Sachen umsetzen will. Beispielsweise wie ich ein Training plane oder ganze Trainingswochen. Über Trainingslehre habe ich dort sowieso viel gelernt. Es ist eben etwas anderes, ob man als Spieler auf dem Feld steht oder als Trainer an der Seitenlinie.

Wie nehmen Sie Ihr Trainerdasein wahr?

Als sehr umfangreich. Als Trainer denkt man sehr viel an die Mannschaft. Dazu gehört die Vorbereitung auf den nächsten Gegner, das Spiel, die Entwicklung der einzelnen Spieler, das Zusammenspiel als Mannschaft, die Kommunikation mit den Spielern und dem Trainerteam und natürlich die Punktspiele. Eigentlich ist man die Anlaufstelle für jeden. Auch für vieles, woran man nicht sofort denkt oder was man nicht sofort sieht.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel dieses Gespräch hier. Auch die Presse möchte ja regelmäßig von einem etwas wissen. Oder eine Spielerverpflichtung. Natürlich unterhalte ich mich mit dem Spieler, den ich möchte und zeige ihm seine möglichen Perspektiven bei uns auf. Eigentlich bin ich da ein bisschen wie ein Verkäufer, der etwas verkaufen möchte.

Es kann aber sein, dass ich erst einmal neun Absagen von Spielern erhalte. Bis dann im zehnten Gespräch eine Zusage kommt. Die zehn Gespräche haben aber eben auch viel Zeit in Anspruch genommen.

Zum Thema Presse: Zu welchem Umgang mit den Medien raten Sie jungen Trainer:innen?

Ich kann da keinen pauschalen Rat geben. Es kommt ja auch auf den Standort an. Hamburg ist zum Beispiel eine Medienstadt. Da wächst man rein. Für mich ist Vertrauen ganz entscheidend. Natürlich will ich nichts in der Zeitung lesen, was ich gar nicht gesagt habe. Das passiert aber in aller Regel auch nicht.

Grundsätzlich halte ich es so: Wenn ich mit den Medien spreche, will ich nicht ständig sagen: `Das dürft ihr aber nicht schreiben.` Ich sage die Dinge so, wie ich sie sehe. Und wenn ein Journalist einen Vorsprung hat und weiß, dass wir diesen oder jenen Spieler holen, bin ich der Letzte, der sagt: `Das ist nicht so`.

Dass im Boulevardjournalismus manche Aussagen etwas größer gemacht werden, ist sicherlich auch so. Damit kann ich aber leben.

 

„Ich sehe mich als jemanden, der den Spielern Hilfestellungen gibt“

 

Macht Ihnen Ihr Beruf als Trainer Spaß?

Klar macht er mir Spaß. Würde er mir keinen Spaß machen, würde ich ihn nicht schon seit vier Jahren ausüben. Ich genieße es ohne Frage, Trainer beim HSV Hamburg zu sein. Es ist der Verein, bei dem ich fast meine gesamte Karriere verbracht habe. Als Spieler hatte ich hier eine super Zeit, die ich auch mitprägen durfte. Deshalb ist das schon etwas Besonderes für mich, hier Trainer zu sein.

Wie ist Ihr Stil als Trainer?

Schwierig zu beantworten. Autoritär bin ich in der Regel nicht. Wenn ich Spieler kritisiere, versuche ich dies stets auf eine konstruktive Weise zu tun. Wenn ein Spieler Dinge absolut nicht einsieht, kann ich auch deutlich werden. Aber eher nicht vor der ganzen Mannschaft, sondern im Gespräch unter vier Augen. Menschen stecken andere Menschen gerne in Kategorien. Ich finde aber: Es gibt viele Zwischenkategorien. Und Zwischen-Zwischen-Kategorien.

Sind Sie stolz auf Ihre Arbeit, wenn Spieler sich gut entwickeln?

Ich sehe mich eher als jemanden, der den Spielern Hilfestellungen gibt. Der sie ermutigt, Dinge besser zu machen und ihnen Wege dahin zeigt. Aber letzten Endes ist jeder Spieler für seine Leistung im Teamverbund selbst verantwortlich. Jeder Spieler ist seines eigenen Glückes Schmied.

Zum Zeitpunkt dieses Interviews sind Sie mit dem HSV Hamburg Tabellenführer der Zweiten Bundesliga. Glückt der Aufstieg und damit die Rückkehr auf die große Bühne?

Wir sind optimistisch, dass wir es schaffen können und wir wollen es schaffen. Doch jeder weiß: Es kann viel passieren. Wir haben gerade daheim 27:28 gegen den TV Großwallstadt verloren. Das zeigt uns: Wir müssen bei jedem einzelnen Spiel total fokussiert sein.

Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus? Wollen Sie Ihr Leben lang Trainer sein?

Eine Prognose ist in diesem Geschäft eigentlich nicht möglich. So lange mir das Trainerdasein Spaß macht, will ich Trainer sein. Ich plane nicht so weit in die Zukunft. Ich lebe im Hier und Jetzt und konzentriere mich auf das, was ist.


 SZENE HAMBURG Sport, Mai 2021. Das Magazin ist seit dem 29. April 2021 als Heft im Mai-Heft im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Volleyball: Das Wunder von Eimsbüttel

Die ETV-Damen sind das beste Team der Stadt – und sie wollen sich ohne viel Geld im Profibereich etablieren

Text: Mirko Schneider

 

Ein Sonntagnachmittag in der Sporthalle Hoheluft. Eine stimmungsvolle Musikauswahl mit unüberhörbarem 90er-Jahre-Touch dröhnt aus den Boxen. In 30 Minuten beginnt die Volleyball-Partie der Damen des Eimsbütteler TV gegen den VC Allbau Essen in der Zweiten Bundesliga. Und was machen die ETV-Damen beim Aufwärmen? Bauen „I want it that way“ von den Backstreet Boys in ihre Übungen ein. Als der Hallensprecher die Spielerinnen beider Teams einzeln vorstellt, stürmt Libera Ines Laube mit einem kleinen Krönchen auf dem Kopf auf die Platte. Sie feiert heute ihren 31. Geburtstag.

„Mein Team besteht aus vielen fröhlichen, spontanen und aufgeschlossenen Damen, die viel Spaß miteinander haben“, hat Trainer Ulrich Kahl, 58, im Vorgespräch gesagt. Das ist in jeder Sekunde zu spüren. Was er auch gesagt hat: „Unser Teamspirit ist riesig und alle haben große Lust darauf, Leistung zu bringen und gemeinsam guten Volleyball miteinander zu spielen.“ Das wiederum beweisen die ETV-Damen ab dem ersten Ball. Sie machen es dem Tabellendritten so schwer wie möglich und unterliegen erst nach tapferem Kampf in vier Sätzen.

Dennoch ist der Klassenerhalt so gut wie gesichert. Und das ist eine erneute Überraschung, nachdem der erstmalige Aufstieg in den Leistungsbereich der Zweiten Liga einem Wunder gleich kam.

 

„Wollen wir aufsteigen oder nicht?“

Ulrich Kahl

 

Denn zum einen ließ der Absturz des VT Aurubis (mittlerweile Volleyball-Team Hamburg; Anm. d. Red.) von der Bundesliga in die Dritte Liga große Zweifel aufkommen, ob Damen-Volleyball sich in Hamburg als Profisportart überhaupt dauerhaft etablieren lässt. Zum anderen schreibt sich mit dem ETV nun ein typischer Breitensportverein dieses Ziel auf die Fahnen.

Der dafür entscheidende sportliche Moment spielte sich Anfang 2020 bei einer Mannschaftssitzung ab. Kahl, seit 19 Jahren Coach der Volleyball-Damen beim ETV, stellte seine Spielerinnen vor die Wahl. „Wir waren Tabellenführer der Dritten Liga und hatten gerade unser erstes Spiel verloren. Gegen den Zweiten. Das ärgerte uns mächtig. Da habe ich meinen Spielerinnen gesagt: ‚Jetzt Butter bei die Fische! Wollen wir aufsteigen oder nicht?‘“ Einstimmig wurde der Beschluss gefasst: Wir wollen hoch.

Ab diesem Zeitpunkt rauschten die ETV-Volleyball-Damen durch die Dritte Liga. Sie gaben in der Rückrunde keinen Satz mehr ab. Nur war da ja noch der zu stemmende Etat. 10.000 Euro betrug er in der Dritten Liga, 50.000 Euro waren für die Zweite Liga nötig. Wohlgemerkt ohne Zahlungen an die Spielerinnen wie in anderen Clubs mit wesentlich höherem Budget. „Das ist leider einfach nicht drin. Damit sind wir sicher eine Ausnahme in der Zweiten Liga“, sagt Kahl. Trotzdem konnte sogar Außenangreiferin Saskia Radzuweit, 30, Ex-Bundesliga- und Ex-Nationalspielerin, von einem Comeback überzeugt werden, nachdem sie ihre Karriere 2018 schon beendet hatte. „Was der ETV hier gerade aufbaut, sehe ich genauso positiv wie das Team selbst. Dass kein Geld gezahlt wird, hat mich nicht gestört“, sagt Radzuweit.

 

„Träumen ist erlaubt“

Ulrich Kahl

 

Ebenso erfolgreich verlief die intensive Sponsorensuche. Mit der Top-motive-Gruppe als Hauptsponsor und der Pizzakette Smiley’s wurden schließlich namhafte Unternehmen von einem Engagement überzeugt. So konnte das Abenteuer Zweite Bundesliga starten. Dreimal die Woche Balltraining in der Halle, dazu ein- bis zweimal Krafttraining in Eigenregie. 14 Damen im Kader, die meisten Anfang 20 und Studentinnen. Der ETV ging nicht gerade als Favorit in die Saison. Doch das eingeschworene Team fand seinen Platz im unteren Mittelfeld der Zweitligatabelle mit Puffer auf die Abstiegsränge.

Nun stellt sich die Frage: Ist sogar noch mehr drin? „Eine Sportstadt wie Hamburg muss natürlich das Ziel haben, auch im Damen-Volleyball in der Ersten Bundesliga vertreten zu sein“, sagt Kahl. „Doch unter 250.00 Euro Etat würde da gar nichts gehen. Und das wäre das absolute Minimum. Wenn wir irgendwann die Chance haben, wirtschaftlich verantwortbar aufzusteigen, werden wir uns nicht wehren. Bis dahin müsste allerdings unglaublich viel passieren. Träumen ist aber erlaubt.“


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2021. Das Magazin ist seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Portrait: Basketball-Coaching-Talent Sükran Gencay

Sükran Gencay ist mit den Basketballern des ETV in die 2. Liga Pro B aufgestiegen, es war der sechste Aufstieg in acht Jahren. Über ein außergewöhnliches Coaching-Talent

Text: Matthias Greulich

 

Sükran Gencay verdreht Augen, als sie einen Spieler der gegnerischen Mannschaft über eine Schiedsrichterentscheidung lamentieren hört. „Spiel’ doch mal Basketball“, ruft sie dem Zwei-Meter-Mann zu. Der Schlaks sieht die 160 Zentimeter große Frau mit dem schwarzen T-Shirt an und hört tatsächlich auf zu meckern.

„Ich mag klare Ansagen, das war schon immer so“, sagt die 34-Jährige, die als Headcoach mit den ETV Basketballern im Frühjahr sensationell in die 2. Bundesliga aufgestiegen ist. Es ist der sechste Aufstieg, seitdem Gencay vor acht Jahren das Team in der Kreisliga übernahm. Wenn in der dritthöchsten deutschen Spielklasse wie geplant am 16. Oktober die Saison beginnen kann, heißen die Gegner ART Giants Düsseldorf, Rhein Stars Köln oder SC Rist Wedel. Einige Spieler in der 2. Bundesliga Pro B können vom Basketball leben, andere sind Halbprofis oder opfern wie die Eimsbütteler Amateure fast ihre gesamte Freizeit für ihr Hobby. Das gilt auch für ihre ehrgeizige Trainerin, die als Projektmanagerin arbeitet und die Basketballabteilung des ETV ehrenamtlich leitet.

 

Ganz oder gar nicht

 

Der Job in einer Logistikfirma macht Gencay unabhängig: „Ich habe wenig Freizeit, sehe die Konstellation aber eher als Vorteil. Basketball bleibt eine Leidenschaft. Ich habe nicht diesen extremen Druck wie andere Trainer.“ Allerdings verzichtet sie in dieser Saison erstmals darauf, selber zu spielen. Bei der BG West, der Basketballgemeinschaft des SV Eidelstedt und des SV Lurup, könnte sie zwar gelegentlich aushelfen, aber „ich will dem Team dann auch gerecht werden“. Etwas nur halb zu machen, widerstrebe ihr.

Bräuchte man übrigens eine Referentin, um die Vorteile des Mannschaftssports zu schildern, wäre Gencay denkbar geeignet. „Die Möglichkeiten, sich als Persönlichkeit weiterzuentwickeln, hast du sonst nicht im Alltag“, findet sie. Umso mehr gilt das für die sehr vielfältige ETV Basketball Community. „Das ist einer unserer größten Reichtümer.“ Die Muslima ist dafür ein Beispiel. In Wilhelmsburg aufgewachsen, ging sie in St. Georg zur Schule und begann beim ETV Basketball zu spielen. Die Towers gab es noch nicht, es war für Wilhelmsburger Mädchen mit türkischen Wurzeln Mitte der 1990er Jahre nicht selbstverständlich, im Verein Basketball zu spielen. „Da ist meine Generation so etwas wie ein Türöffner.“ Mittlerweile seien junge Frauen wie sie in den Vereinen viel präsenter.

 

Wertschätzender Umgang

 

Je höher die Spielklasse ist, der die ETV Basketballer angehören, desto mehr wird es für Außenstehende ein Thema, dass da eine Frau Männer in der dritten Liga trainiert. „Anfangs hat mich das wütend gemacht, weil es für mich nie wichtig war“, sagt Gencay. Inzwischen sehe sie das Interesse der Medien entspannter. „Es ist noch keine Normalität, aber das kann sich ändern.“ Davon, dass Frauen ein Team anders führen als Männer, ist sie überzeugt. „Es geht um einen wertschätzenden Umgang miteinander.“ Sie schaffe es, deutliche Ansagen an der Seitenlinie mit einem guten Verhältnis zum Team zu verbinden, was im Leistungsbasketball eher selten ist.

Als ihre Spieler vor zwei Jahren als Aufsteiger in der Regionalliga reihenweise Spiele verloren, ging das Team reichlich deprimiert in die Weihnachtspause. Der Klassenerhalt war angesichts der vielen Niederlagen weit aus dem Blick geraten. Sükran Gencay schickte jedem ihrer Spieler einen handgeschriebenen Brief, in dem sie an die Stärken jedes Einzelnen im Kader erinnerte. In Zeiten von WhatsApp waren diese Briefe so außergewöhnlich, dass viele Spieler sich noch an den Inhalt erinnern können. „Das Schriftliche hat einen besonderen Wert, ich habe mir genau überlegt, was ich schrieb“, sagt Gencay. Und dass der ETV wieder an sich zu glauben begann, war ein erster Schritt für den Klassenerhalt, der einige Monate später tatsächlich gefeiert werden konnte. „Manchmal bin ich auch nett“, sagt sie und lacht.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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HSV-Fußballfrauen: Zurück ins Profilager

Im Sommer 2012 zog der HSV sein Frauenfußball- Team aus der Bundesliga zurück. Nun will der Verein an die Spitze zurück.

Text: Mirko Schneider
Foto: Karsten Schulz

HSV-Abwehrspielerin Heike Freese war außer sich. „Bei den Herren bekommt ein nicht topfitter Torwart Rene Adler 2,7 Millionen Euro Gehalt. Bei uns wird wegen 100.000 Euro die Frauenmannschaft abgemeldet“, klagte Freese am 22. Mai 2012. Der Vorstand des bei den männlichen Bundesligaprofis verschwenderisch wirtschaftenden Hamburger Sportvereins ließ wegen einer vergleichsweise lächerlich niedrigen Lücke im Saisonetat erbarmungslos den Sparhammer auf seine Damen-Fußballerinnen niedersausen – und zog das Team aus der Bundesliga zurück.

Sechs Jahre später hat sich an der Ulzburger Straße in Norderstedt, der Trainingsstätte der HSV-Frauen, vieles verändert. Neue Verantwortliche sind seit einiger Zeit am Werk. Und so hörte man am 20. Februar dieses Jahres ungewohnte Töne. „Mittelfristig ist es unser Ziel, wieder die Nummer eins im Hamburger Frauen- und Mädchenfußball zu werden“, sagte Kumar Tschana, Leiter Amateursport des HSV e. V., bei der Vorstellung eines Konzeptes mit dem Titel „Der HSV stärkt den Frauen- und Mädchenfußball“. Größte Ziele sind eine intensive Nachwuchsförderung und die Rückkehr der HSV-Frauen in den Profibereich (mindestens zweite Bundesliga) in zehn Jahren.

 

„Ich will Meister werden und aufsteigen“

 

„Wenn man auf die Tabelle schaut, liegen wir vor dem Plan“, sagt Manuel Alpers (41) fröhlich. Gemeinsam mit Christian Kroll (32) trainiert der im Sommer verpflichtete Alpers die in der viertklassigen Oberliga Hamburg spielenden HSV-Damen. Bereits den Bramfelder SV führte Alpers mit geringen Mitteln in die zweite Bundesliga. Nun ist eine perfekte Saison möglich. 13 Siege mit 87:5 Toren aus 13 Spielen holte die Mannschaft vor der Winterpause. Die Meisterschaft dürfte ihr kaum zu nehmen sein. Setzt sich die Mannschaft danach in der Ausscheidungsrunde mit den Oberligameistern aus Bremen und Schleswig-Holstein als Erster durch, ist der Aufstieg perfekt. „Ich will Meister werden und in die Regionalliga aufsteigen“, hatte Alpers sofort zu Beginn seines Engagements verkündet.

Mit ihm haben sich die Verantwortlichen beim HSV einen besonderen Charakter ins Boot geholt. Alpers’ Ambitionen auf eine Karriere als Profi-Fußballer zerstörte ein Kreuzbandriss mit 23 Jahren. Mit 29 sprang er interimsweise als Trainer bei den Bramfelder Fußball-Frauen ein. Dabei hielt er nichts von Frauenfußball, es war ein Freundschaftsdienst. Doch Alpers änderte seine Meinung, als er sah, mit welcher Leidenschaft seine auf dem Feld kämpfenden Spielerinnen bei der Sache waren. Er ist ein ehrgeiziger Tüftler, kann stundenlang über Fußball reden, jedes kleine Detail auf dem Feld ist ihm wichtig. „Unser Spiel hat offensiv und defensiv eine gute Struktur bekommen“, sagt er über den bisherigen Saisonverlauf. Aus seinem Mund ein Riesenlob.

Was ihn ebenfalls freut: „Viele Spielerinnen sind torgefährlich. Es reicht nicht, eine aus dem Spiel zu nehmen.“ Die beste Torjägerin der Liga Kimberly Zietz (19 Tore) sowie Emma Sick (18) und Victoria Schulz (15) sind drei gute Beispiele dafür. Alpers’ Spielanalysen verwundern manchmal. Er kann nach einem hohen Sieg total unzufrieden, nach einem knappen Erfolg voll des Lobes sein. Fußball ist für ihn mehr als nur Torchancen und Treffer.

Demnächst wieder an der Spitze? Hamburgs Fußballfrauen wollen zurück in die Bundesliga

„Es ist manchmal frustrierend, Manuel auch mit einem 8:0 nicht zufrieden stellen zu können“, sagt Außenverteidigerin und Co-Kapitänin Franka Dreyer (27) lachend. „Er ist eben ein kleiner Perfektionist.“ Sie findet das gut. Und weitet ihr Lob über Alpers auf den ganzen HSV aus. „Das Trainerteam ergänzt sich perfekt. Manuel ist mehr der Taktiker, Christian Kroll geht stärker auf die Emotionen der Spielerinnen ein. Und so ein professionelles Umfeld wie hier im Verein habe ich nur in Gütersloh in der zweiten Bundesliga erlebt.“ Diese Worte Dreyers, die Profi-Erfahrung besitzt, haben ein ähnlich hohes Gewicht wie Alpers’ Lob für das strukturell starke Spiel. Athletikcoach, physiotherapeutische Betreuung, Mannschaftsarzt, ein Kunstrasenplatz für Training und Spiel, ein neues Umkleidehaus und bald sogar eine neue Beachsoccer-Anlage – der HSV tut wieder etwas für seine Fußballerinnen, auch wenn er ihnen keine Gehälter zahlen kann.

Mit nur 21 Jahren ein Urgestein und „einfach stolz, mit der Raute auf dem Trikot aufzulaufen“ ist Spielführerin und Offensiv-Allrounderin Victoria Schulz. Als gerade ausgebildete Immobilienkauffrau ist sie mit kurzen Unterbrechungen seit der C-Jugend im Club. „Ich finde es schön, dass sich der Verein nun so zu uns bekennt.“ Die Mischung aus erfahrenen Spielerinnen als Stützen und jungen Talenten sei sehr gut, wenngleich das geringe Durchschnittsalter der Mannschaft sie manchmal verblüffe: „Wie jung wir sind, zeigt sich für mich immer, wenn ich beim Abschlussspiel im ,Team alt‘ lande.“

 

Kameradschaft ist mehr als nur eine Floskel

 

Ihre Art, das Team zu führen, beruht auf innerer Überzeugung. „Ich bin niemand, der auf dem Platz groß rumtönt, führe lieber auf dem Feld und außerhalb viele kleine Gespräche“, erklärt Schulz. Das kommt gut an in einem Team, das Kameradschaft nicht als hohle Floskel versteht. Sondern gemeinsam Fußballspiele besucht, Geburtstage feiert, viel unternimmt.

Doch ist der Boom nachhaltig? Vieles spricht dafür. Die Finanzierung wurde durch das Spitzensportkonzept des Vereins auf breitere Füße gestellt. Der Nachwuchs ist das Faustpfand für die Zukunft. Die zweite Mannschaft ist Zweiter in der Landesliga, die U17 mischt in der Bundesliga Nord/Nordost in der Spitzengruppe mit, ebenso wie die U16 in der Oberliga. „Wir wollen unsere Fußballerinnen sehr gut ausbilden, uns aus dem eigenen Nachwuchs bedienen können. Das stärkt die Spielerinnen, schafft Identifikation und Nachhaltigkeit. Das ist die beste Basis, damit wir Leistungssport betreiben können“, sagt Alpers. Bittere Klagen wie im Mai 2012 von Heike Freese sollen für immer der Vergangenheit angehören.

HSVFrauen.de


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2019. Das Magazin ist seit dem 21. Dezember 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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