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1. Mai – viel los in Hamburg

Nach Neujahr und Ostern wartet mit dem 1. Mai endlich wieder ein Feiertag auf Hamburg, zwar an einem Sonntag, trotzdem ist viel los in der Stadt – ein Überblick über die wichtigsten Demonstrationen und Partys

Warum feiert man den „Tag der Arbeit“ überhaupt? Die Tradition des 1. Mai geht zurück auf den „Haymarket Riot“ am 4. Mai 1886 in Chicago. Nachdem am 1. Mai des Jahres in den ganzen USA rund 400.000 Arbeiter:innen für die Achtstundenwoche gestreikt und demonstriert hatten, kam es in der Stadt zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Am Ende starben sieben Polizeibeamte und mindestens ein Zivilist bei den Ausschreitungen am Haymarket. Für den 1. Mai 1890 wurde in Gedenken an diese Ausschreitungen ein weltweiter Feiertag geplant – die Geburtsstunde des 1. Mai als „Internationaler Kampftag der Arbeiterklasse“. Mittlerweile ist der erste Tag im Mai in vielen Ländern weltweit ein gesetzlicher Feiertag.

Am Wochenende des 1. Mai sind in Hamburg 24 Demonstrationen angemeldet

Demonstrationen am 1. Mai

Auch in Hamburg wird am 1. Mai 2022 wieder demonstriert. Laut Polizei sind insgesamt 24 Veranstaltungen am ganzen Wochenende angemeldet, hier kommen die wichtigsten:

Demonstrationen von ver.di und dem Deutschen Gewerkschaftsbund

Din Hamburg gibt es am 1. Mai 2022 drei Demonstrationen der Gewerkschaften, in…

… in Bergedorf um 10 Uhr ab dem Lohbrügger Markt, Abschlusskundgebung um 12 Uhr im Rathauspark Bergedorf;

… in Harburg um 10.15 Uhr ab dem Rathausplatz, Abschlusskundgebung um 11 Uhr ebenfalls auf dem Rathausplatz;

… und von Eimsbüttel nach St. Pauli um 10 ab Heußweg, Nähe der U-Bahn Osterstraße, Abschlusskundgebung um 12 Uhr auf der Straße St. Pauli Fischmarkt.

Linke Demonstrationen

Unter dem Motto „Wer hat, der gibt“ demonstriert außerdem ein linkes Bündnis aus unter anderem der „Seebrücke Hamburg“, der Partei „die Linke“, dem AStA der Uni Hamburg und Fridays for Future Hamburg um 13 Uhr ab der Elbphilharmonie. Ziel der Demo ist der Ballindamm Nähe Alstertor (unweit der Warburg Bank).

Auch in Wilhelmsburg wird am 1. Mai demonstriert. „Verboten gut – Anarchismus in die Offensive“ ist das Motto, los geht es um 18 Uhr an der Neuenfelder Straße, Ziel ist die Harburger Chaussee.   

Unter dem Motto „Heraus zum revolutionären 1. Mai“ startet um 16 Uhr am Berliner Tor eine weitere Demonstration und soll um 20 Uhr am U- und S-Bahnhof Barmbek enden.

Fast parallel dazu gibt es auf der Schanze das „Klassenfest gegen den Staat und das Kapital“. Die hier angemeldete Demonstration startet um 15 Uhr.

Die Polizei erwartet einen ruhigen 1. Mai

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Die Polizei erwartet für Hamburg einen ruhigen 1. Mai

Besonders im Stadtteil Sternschanze war die Polizei im vergangenen Jahr mit Wasserwerfern gegen Demonstrierende vorgegangen. In diesem Jahr gibt es aber weder ein Versammlungsverbot noch Maskenpflicht. Daher rechnet die Polizei „mit einem Versammlungsgeschehen, wie wir es aus der Zeit vor Corona rund um den 1. Mai kennen“ und geht für dieses Jahr von einem „störungsfreien und gewaltfreiem Verlauf“ aus. 

Tanz in den Mai – der Start in den Party-Sommer

Neben dem politischen ist der 1. Mai auch der Startschuss für den Party-Sommer. Während in vielen Teilen Deutschlands in der sogenannten Walpurgisnacht der Frühling begrüßt wird, ist in Hamburg in der Nacht auf den 1. Mai Zeit für den Tanz in den Mai. Auch 2022 gibt es etliche Partys in der Stadt:

„Mai Ahoi“ auf der Cap San Diego. 

Auf dem alten Frachtschiff im Hamburger Hafen gibt es bei „Mai Ahoi“ am 30. April ab 21 Uhr vier Areas mit Partyclassics, Clubsounds, finest House & Electro und Black, RnB und old school. Tickets gibt es ab 13 Euro (Vorverkauf wird empfohlen).

Indie Rock bei Frau Hedis Revolver Club

An den Landungsbrücken gibt es ab 20 Uhr von New Wave über Indierock und Post Punk bis Brit Pop alles, was das Herz begehrt. Und wie sagte es schon Thees Uhlmann: „Ich finde was Günther Netzer für stilvollen Fußball und Analyse war, das ist der Revolver Club heute immer noch für stilvolle und coole Indie-Parties!“ Der Eintritt kostet 15 Euro (Abendkasse 18 Euro). Rein kommen alle ab 18, außer Junggesell:innenabschiede.

Freundlich+Kompetent in den Mai tanzen

Direkt an der Mundsburg bittet Carlos aka The Wingman ihm Freundlich+Kompetent zu Beats á la Neo Beat, Rap, Trap, Funk&Soul und Rock. Einlass ist um 17 Uhr, los geht‘s um 20 Uhr und der Eintritt ist wie immer frei.

„Manhatten Mayday“ im Fundbureau

Gemeinsam in den Mai Tanzen im das geht auch endlich wieder an der Sternbrücke. Auf zwei Floors gibt es bei „Manhatten Mayday“ einerseits Pop, Charts & Rnb) und andererseits Techno & Techhouse. Tickets gibts nur an der Abendkasse und los gehts um 23 Uhr.

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Mit dem Tanz in den Mai startet der Party-Sommer 2022 (Foto: unsplash/Pablo Heimplatz)

Im Goldbekhaus tanzen alle Ü 40 in den Mai 

Hat das Kulturzentrum in Winterhude mit der „Winterhuder Tanznacht“ schon eine legendäre Ü40-Party etabliert, kehr jetzt auch der Tanz in den Mai zurück. Die perfekte Adresse für alle über 40. Getanzt wird zu bewährter Musik und nach dem 2G+-Modell. Tickets gibt es für 8 Euro (Abendkasse 10 Euro).

Club 40up im Kent Club

Der Kent Club ist neu, sieht gut aus und lädt mit dem Club 40up ebenfalls zum Tanz in den Mai. Für alle über 40 eine der besten Adressen der Stadt, um bei richtig guten Beats in den Mai zu tanzen. Zur Begrüßung gibt es einen Shot und in der ersten Stunde eine Happy Hour. Los gehts um 22 Uhr, Ticktes gibts ab 13 Euro (Abendkasse 15 Euro).

Punk in Marias Ballroom

Für alle Fans des gepflegten Punk geht es am 30. April nach Harburg. In Marias Ballroom geben sich ab 20.30 Uhr „Blanker Hohn“, die „Barrytown Wheelies“ und „Bondgirl“ die Ehre. Tickets gibt es für 11,50 Euro (Abendkasse 14 Euro), Einlass ist um 20 Uhr.

Motorbooty im Molotow

Wenn es auf dem Kiez eine legendäre Partyreihe gibt, dann ist es Motorbooty im Molotow. Zum 1. Mai feiert die Reihe auf 2 Floors mit reichlich Rock’n’Roll und zwar mit dem mittelmäßigen oder schlechten, sondern nur mit dem richtig guten Zeug. Einlass ist ab 23 Uhr und der Eintritt für das 2G+-Event kostet 6 Euro für alle Floors.

Lange raven im Südpol

Den längsten Tanz in den Mai gibt es in der Süderstraße. Die Party im Südpol startet schon am 29. Mai um 23.55 Uhr. Schluss ist erst am 1. Mai um 22.00 Uhr. Einlass gibts bei dem 2G+-Event nur mit gültigem Nachweis. Tickets sind außerdem auch nur vor Ort zu haben. Mehr Infos unter suedpol.org.

Open Air im Schrödingers

Wer zum Wegfall der Maskenpflicht unter freiem Himmel in den Mai tanzen will, für den gehts in den Schanzenpark. Im Schrödingers ist ab 16 Uhr die Lichtung bei freiem Eintritt (nach 2G+-Regel) geöffnet. Ab 22 Uhr geht es im Wintergarten weiter und ab 23 Uhr gibt’s Musik von Ida Daugaard.


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Sternbrücke: „Die Clubs müssen weichen“

Die Zukunft ist ungewiss. Im Dezember will die Bahn ihre Neubau-Entwürfe zur Abstimmung stellen. Anwohnende kritisieren die Dimensionen und fehlenden demokratischen Beteiligungsprozess. Zur aktuellen Situation an der Sternbrücke und warum die Clubs nicht mehr Teil des Protestes sind, äußert sich Daniel Höötmann von der Astra Stube

Interview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Daniel, wie konntet ihr die Zeit während der Schließung überstehen?

Daniel Höötmann: Die ersten zwei Monate hat uns die Aktion von Tourhafen und dem Friese, Mercher von Turbostaat, geholfen. Die Aktion hieß „Be My Quarantine“ und Tourhafen, eine Hamburger Firma, die Merchandise für Bands und Clubs macht, hat T-Shirts drucken lassen, wo hinten im Nacken das Logo des Clubs war und vorne ein Druck von Künstler*innen. Die Erlöse sind den Clubs zugutegekommen. Danach kam natürlich der Rettungsschirm der Kulturbehörde, wo unsere Fixkosten bezahlt wurden.

Ist das Team noch dasselbe?

Ja. Wir haben ein paar neue Gesichter dazubekommen, da wir mit der 2G-Regelung mehr Personal brauchen. Aber unsere Leute waren sofort am Start, als wir wieder aufgemacht haben. Und sind natürlich geimpft, um sich und andere zu schützen.

Wurde im Laden etwas verändert?

Wir haben im ersten Lockdown den Club renoviert: Gestrichen, eine neue Lichtanlage hinter der Bühne installiert und die kompletten Stromleitungen neu gelegt. Das Lager wurde von unserem Hauke Horeis innerhalb eines Monats entrümpelt und er hat dort einen Backstage eingerichtet. Ab und zu habe ich gedacht er wohnt da schon. Und wir haben unseren Tresen und die Holztheken an den beiden großen Fenstern schick gemacht.

 

„Schlangestehen in 2021 ist sehr angesagt“

 

Wie liefen die ersten 2G-Veranstaltungen?

2G ist momentan die einzige Lösung, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Die ersten Konzerte und Partys liefen alle super. Die Leute wollen wieder raus, feiern, Live-Musik hören, Bier trinken und Menschen treffen. Die Gäste sind super, wir haben null Stress mit unserem Publikum. Alle akzeptieren die 2G-Regeln. Natürlich dauert alles länger beim Einlass: Luca-App oder handschriftlich eintragen, Impfzertifikat und Personalausweis vorzeigen, dazu das Ticket bereithalten. Schlangestehen in 2021 ist sehr angesagt.

Glaubst du, dass ihr trotz „vierter Welle“ geöffnet bleibt?

Wir hoffen es. Ich denke nicht das der Hamburger Senat noch mal einen Lockdown machen wird oder wie am Anfang von 2G erneut Abstand und Maskenpflicht einführt. Dann müssten wir wohl wieder zumachen, denn die Menschen werden dies in Clubs nicht noch mal akzeptieren.

Welche musikalischen Highlights sind für Dezember geplant?

Am 2.12. kommen die Cigaretten zu uns. Da freue ich mich sehr drauf. Der Feine Herr Soundso, Pony Royal und Passierzettel kommen unter anderem auch. Im Dezember haben wir viele Hamburger Bands dabei. Denn Newcomer-Förderung ist uns immer noch wichtig. Egal, ob von hier oder aus der ganzen Welt.

 

Party bis Ende 2022?

 

Was passiert in der Astra Stube an Silvester?

Es wird wieder unsere Silvester Party geben. Die machen wir jedes Jahr. Unsere Techniker, von denen einige auch DJs sind, legen auf. An Silvester sind alle Clubs unter der Sternbrücke voll. Waagenbau und Fundbuero haben auch immer auf und unter der Sternbrücke ist es rappelvoll.

Es wird in Zukunft also wieder Partys geben?

Klar doch. Wir haben bis Ende Dezember jeden Freitag und Samstag nach den Konzerten ab null Uhr Partys. Musikalisch ist alles dabei: HipHop, Electro, Reggae, Indie Punk. Wir haben ein paar neue Partys, die wir ausprobieren. Wie „Astra Colada’s Tanzcafe“. Das ist die Party von mir und Hauke. Den Podcast „Astra Colada“ haben wir im ersten Lockdown gestartet. Den nehmen wir in der Astra Stube mit Gästen aus dem Kulturbereich auf. Mit aktuell 1800 Hörenden pro Folge. Und wir haben uns gedacht: „Na dann machen wir doch mal eine Party.“

Bis wann läuft euer aktueller Mietvertrag?

Bis zum 31.12.2022. Ab Januar 2023 soll wohl angefangen werden, die Gebäude abzureißen.

 

„Kein normal denkender Mensch würde den Mietvertrag der Bahn unterschreiben“

 

19 Jahre in der Branche: Clubbetreiber Daniel Höötmann (Foto: Cindy Gusinski)

19 Jahre in der Branche: Clubbetreiber Daniel Höötmann (Foto: Cindy Gusinski)

Diskussionen darüber gibt es schon lange. Wenn ihr einen Wunsch frei hättet, wie sähe die Zukunft der Astra Stube aus?

Ich bin ehrlich. Ich liebe die Astra Stube dort, wo sie jetzt ist. Nur wird es immer schwerer, den Club am Laufen und instand zu halten. Kein normal denkender Mensch würde den Mietvertrag der Bahn unterschreiben. Wenn die Brücke abgerissen und neu gebaut wird, wovon wir zu 100% ausgehen, wünsche ich mir, dass wir zusammen mit allen Clubs unter der Sternbrücke das Kulturhaus gegenüber bauen dürfen und so einen neuen, alten Platz bekommen. Denn egal, ob Abriss oder Sanierung der Brücke, die Clubs müssen weichen und werden abgerissen.

Wie müsste so ein Haus aussehen, damit du dort eine Zukunft siehst?

In das Kulturhaus kommen nicht nur die Clubs. Es sollen Bandproberäume, Bandwohnungen, Kita, Gastro reinkommen. Wir haben mit einem Architekten aus der Schanze dieses Projekt geplant und jeder Club unter der Sternbrücke bekommt in diesem Kulturhaus seinen Platz. Natürlich legen wir viel Wert auf Schallisolierung und Besucherleitung, damit Nachbarn nicht unnötig gestört werden. Der alte Look der Brücke soll in dieses Kulturhaus mit einfließen.

Gibt es bereits konkrete Zusagen für so ein Projekt?

Wir stehen in engem Kontakt mit der Stadt Hamburg, der Bahn und der Lawaetz Stiftung. Letztere hilft uns sehr, zwischen Bahn, Stadt und Anwohnenden zu kommunizieren. Was dabei rauskommt, kann ich leider noch nicht sagen.

 

Die Clubs werden abgerissen, es gibt keinen Erhalt

 

Ihr habt während Corona in den Club investiert. Wäre das nicht umsonst, wenn die Brücke abgerissen wird?

Nein. Der Club brauchte dringend eine Renovierung und neue Technik. Wir hätten nicht wieder öffnen können und haben durch ein paar Förderungen neue Sachen anschaffen können. Die nehmen wir mit, wenn wir eine neue Bleibe haben. Und natürlich ein paar „alte“ Sachen aus dem Club, damit im neuen dann noch der alte Astra-Stube-Charme zu sehen ist.

Ihr wart zuerst Teil der Sternbrücken-Initiative zum Erhalt der Brücke und jetzt nicht mehr. Warum?

Wir haben uns mit der Ini getroffen, aber schnell gemerkt, dass sie nicht unsere Interessen vertreten und dort eher „Schreihälse“ dabei sind. Wir verstehen natürlich, dass die Ini keine riesige Brücke direkt vor ihren Wohnungen möchte. Aber sie haben keine Ideen, wo wir hinsollen, wenn die Brücke, so wie sie es fordern, saniert wird. Die Ini verschweigt immer, dass die Clubs abgerissen werden, egal, ob Sanierung oder neuer Brückenbau. Auch die Kreiselkonzerte, die sie veranstalten. Da wird den Bands, die dort spielen suggeriert, dass sie für den Cluberhalt unter der Brücke spielen. Was totaler Quatsch ist. Das finden wir sehr bedenklich und absolut nicht ehrlich.

 

Eine Astra Stube ist auch woanders möglich

 

Die Gegner eines Abrisses argumentieren mit der Dimension der neuen Brücke und dem fehlenden demokratischen Beteiligungsprozess. Versteht ihr diese Argumente nicht?

Wir verstehen die Aufregung in Ansätzen. Diese Brücke ist alt und keiner weiß das besser als wir Clubs darunter. Wir kämpfen mit Schimmel, Wasserschäden und so weiter. Aber auch der Verkehr unter dieser Brücke ist katastrophal. Es braucht richtige Radwege und bessere Busspuren, damit dort sicher gefahren werden kann. Ob die Brücke so groß sein muss, wie sie werden soll, kann ich nicht beantworten.

Wäre die Astra Stube auch an einem ganz anderen Ort möglich?

Wir denken ja. Die Astra Stube hängt natürlich mit der Brücke zusammen. Aber die Astra Stube lebt von seinen Künstler*innen, Besucher*innen und unserer Crew. Ich denke, das schaffen wir auch an einem anderen Ort. Aber das Kulturhaus ist unser Wunsch, damit wir am Standort Sternbrücke bleiben können.

Abstimmung Bahn; Initiative Sternbrücke


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Fast ein Vogelball: Federn richten

Karneval in Rio und Berliner Hipstertum treffen auf Fusion-Ambiente mit Queer-Faktor: Im zehnten Jahr des Bestehens stieg am 31. Juli die Pandemie-Edition des Vogelball Festivals

Text: Kevin Goonewardena
Fotos: Andreas Hornoff

 

Nach einem Jahr Pause hieß es auch dieses Jahr wieder „Ihr Vöglein kommet“ und auch wenn Corona-bedingt die Zuschauer:innenanzahl stark limitiert war, die Anwesenden genossen den Tanz zu elektronischen Klängen auf dem MS Dockville-Gelände in Wilhelmsburg sichtlich.

Schon von Anbeginn zeichnete die Veranstaltung im Hamburger Süden nicht nur der Umstand aus, dass der Begriff „Nachteule“ hier wortwörtlich genommen wurde: Bunte, ausgefallene, gekaufte, geliehene, selbstgemachte, wild kombinierte Kostüme und Schmuck garniert mit viel Schminke, Glitzer und Federn im Haupt, verwandelten die immer Farbenfrohen, genau wie graue Alltagsmäuschen aller Geschlechter in ravende Pfauen, Papageien oder quietschende Flamingos.

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Auch das Programm war nie, trotz deutlich elektronischem Einschlag, in eine stilistische Schublade, respektive ein Vogelnest gepresst. So bot sich auch bei der 2021er Edition ein wilder Genre-Mix der eingebettet in die Eckpfeiler Rap, Pop und elektronischer Musik die gegenwärtigen, progressiven Spielarten nicht nur im Line-Up als Gesamtes, sondern in der Musik einzelner Künstler:innen vereinte.

So brachten das Hamburger Kollektiv female treasure um Mariybu, die zu den vielversprechendsten Talenten am Rap-Kosmos überhaupt gehört und unlängst bei dem all-female Rap-Label 365XX ihren ersten Plattenvertrag unterschrieben hat, die Rapper:innen Ostberlin Androgyn, Possy-Gangmember Best Boy Electric, oder die Performance-Gruppe Cointreau On Ice mit ihrer Drag-Show nicht nur die Beine der Gäste zum Tanzen.vogelball_c_a_hornoff2

Schon immer war auch die von der Bühne in Texten, Kostümen, Performance aber auch in den zahlreichen Workshops, Panels und anderen Angeboten verbreitete queer-freundliche, Grenzen aufhebende, Individualismus lebende oder Probleme enttabuisierende Message beim Vogelball wichtiger Bestandteil des Konzeptes. Eine wichtige Veranstaltung, die 2022 hoffentlich wieder in voller Pracht erstrahlen kann.


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Virtual Clubbing: Futuristisches feiern

Läden zu, Tanzverbot, kein Ort zum Songs-Präsentieren. Nico Plagemann vom DJ-Duo Kollektiv Turmstrasse kennt das Problem. Für ihr neues Konzeptalbum „Unity of Opposites“ öffnen sie einen virtuellen Festival Space, samt Türsteher, Tanzfläche und eigenen Dance-Moves

Inteview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Nico, wann war euer letzter Auftritt vor Live-Publikum?

Nico Plagemann: Das ist ungef hr ein Jahr her. Wir haben schon zu Beginn der Pandemie beschlossen, nicht mehr zu spielen. Im April 2020 hatten wir noch eine wunderschöne Show in den Alpen. Mit getrenntem Dancefloor, Maskenpflicht und super viel Abstand. Das war sehr surreal und es war klar, dass es so nicht funktioniert.

Kennt ihr Beispiele aus dem Ausland, wie dort mit Veranstaltungen umgegangen wird?

Man sieht einiges auf Social Media. Wir sind eher zurückhaltend, wenn wir solche Bilder sehen: Der privilegierte DJ, der nach der Show nach Deutschland fliegt und beste medizinische Versorgung erwarten kann, wenn er sich ansteckt, spielt in Ländern deren Gesundheitssystem so unterversorgt und überlastet ist, dass Menschen wie die Fliegen sterben. Kellner, Zimmermädchen, Bar-Personal. Das sind die, die arbeiten, um zu überleben. Auf der anderen Seite ist es toll zu sehen, wie viele Veranstalter sich trauen, Konzepte zu entwickeln und sichere Partys veranstalten wollen. Das ist wichtig und einiges geht auf, wie das Beispiel aus England gerade zeigt.

Wie habt ihr die Pandemie bis jetzt überstanden?

Wir gehören leider zu den Künstlern, die wenig Hilfen bekommen haben. Ein Umstand der Bürokratie und weniger Voraussicht unserer Ministerien. Der Umgang mit dieser Pandemie hat gezeigt, dass auch ein sehr weit entwickeltes demokratisches und wohlhabendes Land eine ganze Menge falsch machen kann. Wir haben die Krise so weit überlebt, weil wir Rücklagen hatten, die wir uns über die letzten zehn Jahre aufgebaut haben. Das waren zum großen Teil Steuerrücklagen und Geld, was man für die Rente zurücklegt. Das ist jetzt weg. Es wird also spannend, ob wir überhaupt noch bis zum Ende des Jahres durchhalten.

 

Nur noch Wetterbericht und Nachrichten

 

Fehlt euch politische Unterstützung?

Wir wissen, dass alles im Rahmen der Kultur sehr, sehr gelitten hat. Klar ist, Kultur ist nicht systemrelevant, aber mich würde interessieren, was passiert, wenn wir mal alle kulturellen Inhalte für einen Tag abschalten. Zack: Musik aus, Filme, Serien, Shows weg, nur noch Wetterbericht und Nachrichten. Das kann sich keiner vorstellen, weil Kultur so allgegenwärtig in unserem Alltag verankert ist. Es ist essenziell für das Leben des modernen Menschen und aus diesem Blickwinkel hat die Politik versagt.

Kannst du der Zeit trotzdem etwas Positives abgewinnen?

Sicher, wir waren ja vorher ständig auf Tour. Auf einmal war sehr viel Zeit da, gerade auch für die Familie. Das war schön und tat der Seele sehr gut.

Und natürlich war Zeit ins Studio zu gehen. Wir haben uns komplett ausgeklinkt und einfach nur unser Ding gemacht. Vorher war immer irgendwie Druck und jetzt konnten wir mal wieder richtig loslassen.

Gibt es als DJ-Duo eine bestimmte Rollenverteilung?

Ja, das ist und war tatsächlich schon immer so bei uns: Ich mache Musik, Christian den Rest. Nein, im Ernst: Wir haben die letzten 15 Jahre zusammen getourt, gelebt und gearbeitet. Da hat jeder seine Stärken entwickelt und es hat sich wunderbar ergänzt.

Wir haben aber gemerkt, dass wir uns weiterentwickeln. Familie spielt eine große Rolle und gerade in der gezwungenen Auszeit, haben wir uns viele Gedanken um die Zukunft gemacht. Christian hat für sich beschlossen, erst einmal nicht mehr zu touren und sich um die Dinge im Hintergrund zu kümmern. Das bedeutet, der Hübsche aus der Band, ist jetzt nicht mehr auf der Bühne. Da müssen die Mädels ganz stark sein. Aber es geht um das Wohlbefinden, um das eigene Gleichgewicht, das ist wichtig und wir beide sind damit vollkommen fein.

 

 

Nach zehn Jahren gibt es ein neues Kollektiv Turmstrasse-Album. Warum erst jetzt?

Der Gedanke war schon länger da und auch Skizzen existierten. Aber es war nie der richtige Aufhänger oder Zeitpunkt da. Das klingt blöd, aber für uns ist ein Album wirklich etwas Besonderes. Vielleicht hat es deshalb so lange gedauert.

Könntest du den Sound in ein paar Sätzen beschreiben?

Man soll ja weniger über Musik reden und lieber hören. Aber wir glauben, das Album wird für viele ein Schock, weil der Sound schon sehr trocken und direkt ist. Wir nennen es spaßeshalber Small-Room-Techno, weil es nicht für die große Bühne gemacht ist. Wir hatten lange das Gefühl ein Album wäre nicht genug und spielen es ausschließlich live auf unserer Online-Stage. Das ist das eigentliche Konzept, es ist ein Live-Album. Angepasst in eine Covid-freie Online-Show.

Was bedeutet das?

Wir hatten schon einige Ideen, die ins Virtuelle gingen und mit meinem guten Freund Alex von der Agentur Demodern gesprochen. Im Winter 2019 erzählte er mir, dass sie an einer virtuellen Stage arbeiten. Unity of Opposites ist nun das Ergebnis vieler Stunden Arbeit und Liebe zu unserem Projekt und voll mit dem Unity-Gedanken. Wir sind erst am Anfang. Sowohl musikalisch als auch mit der Stage. Es ist also erst mal ein Konzeptalbum.

Die Stage, die Show, die Musik ist zusammengenommen das Album. Deshalb gibt es auch noch keinen Release-Termin. Aber einer der Grundgedanken war natürlich, Menschen in der Zeit von Covid zusammenzubringen und live spielen zu können.

 

Willkommen in der Zukunft

 

Wie funktioniert das genau?

Zunächst einmal heißt es sich pünktlich einloggen. Die Shows starten um 21 Uhr, ab 20.30 Uhr sind die Türen geöffnet. Man wählt einen Avatar und muss anschließend am Türsteher vorbei. Ist das geschafft, kann man mit anderen Partygästen interagieren, tanzen und chatten. Die Live-Show wird über zwei riesige schwebende Leinwände links und rechts vom Dancefloor angezeigt. Oder man klickt auf den Bildschirm, dann gibt es Kollektiv Turmstrasse pur auf Augen.

Im Bigscreen sieht man die Technik, das Licht, die Video-Show und mich beim Dancen und Schrauben. Wir möchten aber auch nicht zu viel verraten. Teil der Erfahrung ist es, das Ganze selbst zu entdecken.

Hast du bei der ersten Show die Reaktion der Gäste mitbekommen?

Natürlich, das war ja der Plan, live vor Publikum zu spielen. Es war ein Gänsehaut-Moment als ich anfing und der Chat förmlich explodiert ist. Man hat gleich gemerkt, welche Stücke mehr Feedback hatten. Das war also für mich sehr echt und live. Ich freue mich darauf, bei der nächsten Show noch direkter mit den Leuten interagieren zu können. Wir arbeiten daran, noch mehr Interaktionen für das Publikum zu ermöglichen.

Glaubt ihr, dass das Konzept Corona überdauern wird?

Wir denken ja. Es ist durchaus vorstellbar, das Streaming und virtuelle Clubs mehr Präsenz bekommen. Sei es, um Fans aus anderen Ländern an besonderen Events teilhaben zu lassen oder auch als virtuelle Kopie eines Clubs, der jedes Wochenende sein Programm online teilt. Und man muss festhalten, es ist positive Technologie. Es bringt Menschen zusammen. Der Grundgedanke ist richtig und somit ist es die Vorstufe zum Holodeck der Enterprise. Willkommen in der Zukunft!

Ihr wurdet kürzlich im Line-up für größere Festivals 2022 wie Hurricane veröffentlicht. Habt ihr noch Hoffnung für diese Saison?

Es gab und gibt immer wieder Anfragen. Aber: keine Impfung, keine Gigs. Hier geht es in erster Linie ums Reisen. Flugzeuge und Bahn sind gerade keine gute Idee. Wir denken nicht, dass wir dieses Jahr eine wirkliche Festival-Saison haben werden. Ich hoffe, dass Deutschland die Impfungen so schnell wie möglich durchbekommt und wir nächstes Jahr, quasi mit einem Raketenstart und ohne Sorge um die Gesundheit, die letzten zwei Saisons nachholen können.

Wir brauchen Schutz und jeder vollständig Geimpfte sollte wieder tun können, was er will. Vor allem die jungen Menschen brauchen jetzt wieder ihren Freiraum. Wir fordern also umgehende Impfungen für alle Party People und Kollektiv Turmstrasse-Fans.


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Es geht wieder rund: Sommerdom kehrt zurück

Vom 30. Juli bis 29. August 2021 findet das größte Volksfest Norddeutschlands wieder auf dem Heiligengeistfeld statt.

Text: Felix Willeke

 

Zum letzten Mal drehten sich im Dezember 2019 die Karussells auf dem Heiligengeistfeld, danach kam die Corona-Pandemie. Die  folgenden vier geplanten Dom-Veranstaltungen mussten abgesagt werden. Jetzt geht es aber wieder los: „Damit geht unser größter Wunsch in Erfüllung, wir bekommen unseren Dom zurück“, sagte Robert Kirchhecker, Präsident des Schaustellerverbandes Hamburg von 1884 e.V., dem „Hamburger Abendblatt“.

Die Wirtschatfsbehörde erlaubt für diesen Sommer 20 bis 30 Prozent weniger Betriebe. Zusätzlich wurde ein umfangreiches Hygiene- und Schutzkonzept erarbeitet. Für den Sommerdom 2021 gilt daher der Einlass nur für negativ Getestete, geimpfte und genesene Personen und es dürfen sich nicht mehr als 10.000 Menschen gleichzeitig auf dem Heiligengeistfeld aufhalten. Darüber hinaus soll es eine Maskenpflicht für alle Besucher:innen geben.


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Meet the Resident – Cine

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: Cine von Drumbule Crew Hamburg und Friek Out Crew Rostock  – präsentiert von hamburg elektronisch

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman 

 

SZENE HAMBURG: Wie würdest du dein Sound beschreiben?

Drum and Bass (Neuro, Deep, Liquid).

Wann ist deine Lieblingsplaytime?

Jede Spielzeit hat seinen Charme und beinhaltet unterschiedliche Aufgaben. Am liebsten spiele ich aber ab zwei Uhr aufwärts.

Was war die bisher nervigste Gastfrage?

„Kannst du auch Musik aus den Charts spielen?“

Wann war dein letzter Gig vor Live-Publikum?

Bei der Drumbule im Hafenklang am 15.2.2020.

Welche ist deine Platte des Monats?

Die Platte „Gossip“ von Argonautiks.

Was war dein größter Moment als DJ?

Als ich gefragt wurde, ob ich Mitglied der Drumbule Crew werden möchte und alles was das mit sich brachte: Gemeinsame Momente bei Gigs, Festivals und privat.

Was ist für dich der (DJ-) Stream des Monats?

Der Drumbule Twitch-Kanal.

Hast du einen Wochenend-Tipp im Club-Lockdown?

Klubforward Hamburg.

Was vermisst Du aktuell am meisten?

Die vielen Menschen aus dem Hafenklang, lauter und fetter Sound aus guten Boxen, tanzen und auflegen vor einer tanzenden Meute.

 

Ein aktuelles Set von Cine hört ihr hier:

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2021. Das Magazin ist seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Nachtleben im Lockdown: „Clubs könnten Teil der Lösung sein“

Fenja Möller und Kai Schulz wurden vor einem halben Jahr neue Vorstandsvorsitzende des Clubkombinats. In SZENE HAMBURG sprechen sie über politische Forderungen, wie Clubs durchhalten und sich auf einen möglichen Neustart vorbereiten

Interview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Fenja und Kai, Vorstand im Clubkombinat. Ein ruhiger Job in Zeiten von Corona?

Kai-Schulz

Mitbetreiber der Hebebühne: Kai Schulz

Kai: Im Gegenteil. Die Herausforderungen für die Clubs und somit auch für das Kombinat sind enorm. Es gilt der Politik klarzumachen, dass eine Unterstützung der Strukturen während, aber auch nach der Pandemie, notwendig ist. Auch sind Themen wie Schallschutz und Nachhaltigkeit aktueller denn je.

Fenja: Der neu gewählte Vorstand ist relativ jung und sehr motiviert. Es gibt digitale Treffen und wir diskutieren über unterschiedliche Dinge, um mit dem tollen Team hinter dem Clubkombinat die Szene in Hamburg zu unterstützen und zu stärken.

Mit welchen konkreten Zielen seid ihr angetreten?

Kai: Es geht um die Sicherung der Zukunft der Live-Kultur in Hamburg. Dazu gehören sowohl Fragen finanzieller, aber auch struktureller Natur.

Fenja: Ein großes Ziel ist natürlich, dass möglichst alle Clubs diese Zeit überleben. Aber auch die generelle Zukunft der Clubkultur ist ein großes Thema, denn auch vor der Pandemie hatten es Betreiberinnen und Betreiber nicht leicht. Aber auch Themen wie Awareness oder Inklusion möchten wir bearbeiten und hoffentlich verbessern.

 

„Zurzeit entstehen einige neue Kontakte zur Politik“

Fenja Möller

 

Was konntet ihr bereits in die Tat umsetzen?

Fenja: In Hamburg wurde sehr schnell der „Clubrettungsschirm“ entwickelt, der viele Clubs durch die jetzige Zeit hilft. Zurzeit entstehen einige neue Kontakte zur Politik, die uns in Zukunft hoffentlich weiterhelfen werden.

Kai: Das Clubkombinat ist unter anderem einer der Initiatoren für das „Forum Kultur und Kreativwirtschaft HH“, bei dem wir mit verschiedenen Akteuren aus der Stadt gemeinsame Positionen entwickelt haben, um in Richtung Politik klare Signale für die Zukunft unserer Branche zu geben.

Im ersten Lockdown gab es zahlreiche Solidaritätsaktionen. Auch Streaming war ein großes Thema. Warum ist es darum so ruhig geworden?

Kai: Es ist eine Zeitlang die einzige Möglichkeit gewesen, überhaupt Live-Musik einem Publikum zu bieten. Ein digitales Angebot zu haben, wird für einige Clubs in Zukunft ein Thema sein, auch wenn es jetzt aus diversen Gründen eher ruhig um Streams und auch damit verbundene Aktionen geworden ist.

Woran liegt das?

Fenja: Ein großer Beweggrund war, dass zumindest ein kleiner Teil der Crew wieder etwas Arbeit bekommen kann. Aber das Live-Erlebnis kann ein Stream einfach nicht ersetzen. So wie ich es mitbekomme, ist einfach bei vielen die Lust vergangen, sich Streams anzuschauen. Es ist sehr viel Arbeit, aber man hat trotzdem nicht die Viewerzahlen, die man gerne hätte.

Welche Soli­-Aktionen gibt es aktuell in Hamburg?

Fenja: Sehr viele Clubs haben ihr Merch-Angebot ausgeweitet oder besonderen Soli-Merch.

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Fenja Möller ist im Molotow zuständig für Booking und PR

Kai: Außerdem kann über die Clubstiftung gespendet werden. In unserem Shop gibt es diverse Artikel deren Erlös in die Stiftung gehen.

Wie steht es um den Rettungsfonds „Save our Sounds“?

Kai: Es sind ungefähr 300.000 Euro an Spenden gesammelt worden. An die Clubs wurden ungefähr die Hälfte davon ausgeschüttet. Einige haben damit zum Beispiel die Planung und Umsetzung ihrer Streams finanzieren können. Über die Clubstiftung stehen dementsprechend, unter anderem für die Förderung eines Neustarts, weitere 150.000 Euro zur Verfügung.

Wie bereiten sich die Clubs auf einen solchen Neustart vor?

Fenja: Ich glaube das variiert. Es wurden viele Hygienekonzepte entwickelt, andere haben sich durch Förderungen eine neue Lüftung einbauen lassen, in der Hoffnung, möglichst früh wieder zu öffnen.

Kai: Eine konkrete Programmplanung ist aufgrund der politisch getroffenen Entscheidungen aber nur schwer bis gar nicht möglich.

 

„Clubs sind Kultur – sie gehören zu der Identität der Stadt“

Kai Schulz

 

Was haltet ihr von den aktuellen politischen Öffnungsstrategien?

Fenja: Die Sicherheit aller steht bei den meisten Clubbetreiberinnen und Clubbetreiber an oberster Stelle. Für uns bedeuteten sie allerdings, dass die Clubs auf jeden Fall noch für eine lange Zeit keine „normalen“ Veranstaltungen anbieten.

Kai: Aus meiner Sicht reicht der aktuelle Stufenplan nicht aus. Ich verstehe das Bedürfnis nach Sicherheit, aber die genannten Zeiträume mit der Abhängigkeit einer stabilen Inzidenz, sind ein Signal an die Clubs noch lange geschlossen zu bleiben.

Sind Clubs nicht systemrelevant?

Kai: Wer entscheidet das? Clubs sind Kultur – sie gehören zu der Identität der Stadt und sind für unser kulturelles und speziell das Nachtleben prägend. Wir dürfen auch nicht die Menschen vergessen, die das ganze System tragen. Die Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne, die Fachkräfte und die meist über Jahre gewachsenen Teams. Clubs bieten Menschen soziale Kontakte, sind eine kreative Plattform und verbinden Generationen und gesellschaftliche Schichten. Wenn man mich fragt, ist genau das relevant.

Fenja: Viele, die in der Branche arbeiten, machen dies zum Großteil nicht aus finanziellen Gründen, sondern aus Überzeugung. Für uns sind Clubs systemrelevant, weil sie das Kulturangebot der Stadt stark prägen und für Menschen ein Ort sind, um Musik und Kultur immer wieder neu zu entdecken.

Welche Forderungen habt ihr an die Politik?

Kai: Wir brauchen jetzt und wenn wir wieder öffnen, weitere finanzielle Unterstützung. Außerdem haben wir den Vorschlag gemacht, einige wenige Clubs als Pilotprojekte zu öffnen, um gemeinsam mit der Politik und Wissenschaft Erkenntnisse über die wirklichen Auswirkungen von Live-Veranstaltungen zu bekommen. Die Ergebnisse können Grundlage für andere politische Entscheidungen sein, welche eine Rückkehr zu einer sicheren und lebendigen Clubkultur erlauben würden.

Fenja: Wir haben im letzten Jahr gesehen, dass es viele illegale Veranstaltungen gab. Der Drang auf eine Party zu gehen, war größer als die Vernunft und das wird wahrscheinlich dieses Jahr auch passieren. Wenn die Clubs öffnen und die Leute vorher getestet sind, werden Menschen die positiv sind sofort erkannt. So könnten Clubs ein Teil der Lösung sein.

 

Der Rettungsschirm

 

Wie lange können die Hamburger Clubs noch durchhalten?

Fenja: Ein Großteil fällt unter den Rettungsschirm der Kulturbehörde. Solange es diese Förderung gibt, werden zumindest die Fixkosten gedeckt. Es wird aber sehr lange dauern, bis wieder Normalität in unserer Branche herrscht. Bis internationale Bands wieder auf Tour gehen. Und selbst wenn, werden alle auf einmal touren und für ein Überangebot sorgen. Zum anderen sehen wir leider, dass einige Kolleginnen und Kollegen sich in andere Branchen weiterentwickelt haben.

Kai: Zudem gibt es die Herausforderung, das Besuchervertrauen neu zu gewinnen.

Weil sich das Ausgehverhalten der Menschen verändert haben wird?

Kai: Ich denke es wird einige geben, die wieder generell Vertrauen in geschlossene Räume mit vielen Menschen finden müssen. Aber auch viele, die es kaum abwarten können wieder zurück zu diesem Gefühl der Nähe und Verbundenheit zu kommen.

Fenja: Vor allem die Masse an Konzerten im Jahr 2022, die dann hoffentlich stattfinden, wird noch mal eine Bewältigungsprobe sein, bei dem sich viele entscheiden müssen, zu welchem Konzert sie gehen und welche sie aus finanziellen und zeitlichen Gründen nicht wahrnehmen können.

Wie steht es um eure eigenen Läden, Hebebühne und Molotow?

Kai: Die Hebebühne wird derzeit durch den Rettungsschirm am Leben erhalten. Kein schönes Gefühl, aber eine Alternative gibt es bei den derzeitigen Entscheidungen der Politik zumindest für uns keine. Unser Team konnte im Sommer 2020 zum Glück Outdoor bei der „Eulenhofsession“ wieder Musik auf die Bühne bringen. Auch in diesem Sommer hoffen wir, dass wir ein Programm in unserem Hof anbieten können.

Fenja: Auch das Molotow fällt unter den Rettungsschirm. Aber auch wir waren immerhin in der Lage letztes Jahr einige Outdoor-Konzerte anzubieten und dadurch einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu beschäftigen. Und natürlich hoffen wir auch demnächst wieder Outdoor-Konzerte, unter den aktuellen Bestimmungen, veranstalten zu können.

clubkombinat.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2021. Das Magazin ist seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Meet the Resident – Xenaia

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: Xenaia von female:pressure – präsentiert von hamburg elektronisch

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman 

 

SZENE HAMBURG: Wie würdest du dein Sound beschreiben?

Meinen Sound würde ich mittlerweile als technoid, hypnotisch beschreiben. Ich arbeite mit repetitiven Elementen und baue gerne alte Klassiker in meine Sets ein. Grundsätzlich finde ich es aber schwierig in Schubladen zu denken und halte es mir offen, während eines Sets im Club anders zu reagieren, als ich es vielleicht geplant hatte.

Wann ist deine Lieblingsplaytime?

Main-Time und Closing.

Wann war dein letzter Gig vor Live-Publikum?

8. März 2020, im Rahmen des Weltfrauentages im Bahnwärter Thiel (München) mit Elliver und Nadine von Qualitytime Booking in Berlin. Die Veranstaltung bestand aus einer Podiumsdiskussion zum Thema Awareness Strukturen in Deutschland und einer Nacht mit viel guter Musik.

Was ist für dich der (DJ-) Stream des Monats?

Das kommt ganz auf die Stimmung an. Aber an dieser Stelle empfehle ich mal meine Freunde von der Bladehouse Crew die jetzt ihre zweite Platte rausgebracht haben und einen stabil groovigen Output an Podcasts haben. Außerdem erwähnenswert ist das Label „ohne kommerziellen Wert“. In der Lockdown Zeit habe ich wohl aber am meisten Sets von Jan Kinsey gehört.

Welche ist deine Platte des Monats?

Ich höre momentan viele Musikrichtungen. Corona made me do it! Aber mein absoluter uplifiting Track ist: „Bonobo & Totally Enormous Extinct Dinosaurs – Heartbreak (Kerri Chandler Remix)“

Was war dein größter Moment als DJ?

Schwierig zu sagen, da ich so ungern vergleiche. Es war mir eine Ehre 2014 nach Sven Väth den Club übernehmen zu dürfen. Selten so viel Aufregung vor einem Gig gehabt. Außerdem spiele ich immer wieder gerne im Südpol und hänge dort sehr an unserer Crew.

Hast du einen Wochenend-Tipp im Club-Lockdown?

Hamburg hat schöne Ecken die man mal erkunden sollte. Außerdem Projekte anfangen, die liegen geblieben sind: Musik machen, sortieren, entdecken und in Rave-Erinnerungen schwelgen, um die Zeit bis zum nächsten Club Besuch zu überbrücken.
 

Ein aktuelles Set von Xenaia hört ihr hier:

 


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Meet the Resident – Crew Ombrelle

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: Crew Ombrelle – präsentiert von hamburg elektronisch

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman 

 

SZENE HAMBURG: Wie beschreibt ihr euren Sound?

Elektronische Viervierteltakte bei 124 bpm, die Euphorie lostreten. Genregrenzen durchbrechen – von flauschigen Klängen bis technoider Abfahrt. Raum zum Freisein.

 Was war die bisher schrecklichste Gastfrage, die ihr erlebt habt?

„Spielt mal was von Fettes Brot! Oder habt ihr auch ‚I will survive‘?“

Was war euer größter Moment als DJ?

Da gibt es zwei Momente, die uns immer noch flashen. Wir wurden nach einem spontanen Fusion-Set 2019 von Caterina Panesi aka Baud eingeladen, im Januar 2020 zwei Gigs in Italien zu spielen – in Livorno und Pisa. Die Einblicke in die italienische Feier- und Kulturszene und die Gastfreundschaft waren umwerfend.

Baud setzt sich dafür ein, die elektronische Subkultur in ihrer Region zu stärken und die Italiener/innen für die Arbeit von FLINT-DJs – lokal und international – zu sensibilisieren.

Ein weiterer Höhepunkt war das Habitat Festival 2019, bei dem wir mit unserem FLINT-Kollektiv Kosmos&Krawall in Form von DJ-Sets, Performances und einer Sekt-Bar mitgewirkt haben. Wir zwei haben bei steilen 32 Grad die Hauptbühne eröffnet. Das war der Shit!

 

Diversität

 

Welche ist eure Platte des Monats?

Die Save-The-Night-Compilation von unserem Kieler Herzensclub Luna. Die Bande hat zu ihrer Rettung ein Musiklabel gegründet und jede einzelne EP schockt. Lokale und international renommierte Acts solidarisieren sich und steuern Tracks bei.

Auf wen sollte man momentan ein Auge haben?

Auf alle Künstler/innen, für die es momentan besonders hart ist. Wir wünschen uns, dass nach der Krise alle wieder an die Decks kommen, die auch vor der Krise für musikalische Vielfalt und Individualität gesorgt haben, und zudem die Gender-Diversität in der Musikbranche nicht in den Hintergrund gerät. Wir brauchen mehr Bewegung in der Szene, mehr FLINT-DJs in den Line-ups und mehr Safe Spaces, um sich auszuprobieren!

Was sind Hamburgs Stärken?

Hamburgs Räume der elektronischen Subkultur, die auch politisch Stellung beziehen, wie zum Beispiel die Rote Flora, der Südpol oder das Gängeviertel, wo unser Kollektiv im Rahmen von female:pressure zusammengefunden hat und wo wir einen Proberaum nutzen können, den wir – wenn nicht gerade Kontaktbeschränkungen gelten – für FLINT-DJs öffnen.

 Und die Schwächen?

Die zunehmende Gentrifizierung und Baumaßnahmen (siehe Sternbrücke), die eine vielfältige Clublandschaft einschränken, wenn nicht sogar unmöglich machen. Lärmbeschwerden neuer Anwohner/innen machen es selbst eingesessenen Clubs schwer.

 

Ein aktuelles Set von Crew Ombrelle hört ihr hier: 

 


Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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