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„Uns interessieren Filme, die Fragen stellen“

Am 29. September 2022 startet das 30. Filmfest Hamburg. Festival-Leiter Albert Wiederspiel spricht anlässlich Jubiläums über das Jubiläumsprogramm, die Stärken Hamburgs als Filmfest-Standort und erläutert, wieso der Douglas-Sirk-Preis an Ulrich Seidl nicht vergeben wird

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Albert, 30 Jahre Filmfest Hamburg, davon 19 unter deiner Leitung: Mit welchem Gefühl gehst Du in das diesjährige Fest?

Albert Wiederspiel: Obwohl es mein 19. Filmfest ist, kommt es mir so vor, als wäre es das Erste, weil es das erste nach zwei Jahren Pandemie ist. Wir hatten in den vergangenen zwei Jahren ziemlich magere Filmfeste. Viel Film, aber wenig Fest. Das kam etwas zu kurz. Aktuell sieht es danach aus, dass wir dieses Jahr ein ganz normales Filmfest machen können, mit fast normaler Belegung der Säle. Es gibt einige Vorstellungen mit Abstand, um denen entgegen zukommen, die sich noch nicht wieder so richtig trauen.

Es wird also wieder ein großes Fest sein

Oh ja! Wir haben eine große Eröffnungsfeier, abendliche Treffen in unserer neuen Filmfest-Bar / Kasematte20, direkt um die Ecke vom Cinemaxx-Dammtor. Wir wollen zurück zu einer Festival-Normalität, die wir seit zwei Jahren vermisst haben.

Bist Du entsprechend aufgeregt?

Inzwischen weniger. Wir hatten kürzlich noch befürchtet, dass es doch eine Maskenpflicht im Kino geben könnte. Sowas bekommt einem Festival einfach nicht. Aber ich bin jetzt zuversichtlich, dass es bis zum Start keine böse Überraschung mehr geben wird. Und nach uns die Sintflut.

Kyiv zu Gast in Hamburg

Filmfest Hamburg_30.Jubilaeum_Logo_gelber-kleinMit welchem Film eröffnet das Filmfest in diesem Jahr?

Ich bin froh, dass wir mit einem extrem hamburgischen Film eröffnen können: „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ von Hans-Christian Schmid. Ich bin ein großer Fan von ihm. Er macht zu selten Kinofilme, finde ich. Er hat ja seit 10 Jahren keinen Kinofilm mehr gedreht. Und jetzt über ein Thema, das hier in Hamburg tief verankert ist: Die Reemtsma-Entführung. Die haben wir alle ja irgendwie noch präsent. Es ist ein wunderbarer, fast lakonischer Film geworden. Schmid ist ja ein sehr nüchterner Filmemacher. Das hat mir sehr gut gefallen.
Wir freuen uns auch auf die Weltpremiere vom neuen Fatih Akin-Film „Rheingold“. Wir fühlen uns mit Akin von Beginn an verbunden.

Das Filmfest Hamburg hat sogar ein zweites Filmfest eingeladen. Was hat es damit auf sich?

Das ist ein bisschen ein Festival im Festival. Ich bin begeistert darüber, dass wir die Ukrainer zu Gast haben. Das ist etwas, was mir sehr am Herzen lag. Wir zeigen im Rahmen des „Molodist Kyiv International Film Festival“, die ihren nationalen Wettbewerb ausrichten, acht Langfilme und 15 Kurzfilme. Es ist toll, dass trotz der Situation die Film- und Festivalwelt weitergeht und zusammenhält.

Du hast in einem Interview mal gesagt, dass ihr beim Filmfest Hamburg nur Filme zeigt, die ihr vorher gesehen habt. Schaust du Dir alle Filme auch selbst an?

Nein. Das ist schier unmöglich. Aber normalerweise habe ich bei Beginn des Filmfestes etwa die Hälfte der Filme gesehen. Wir nehmen nichts rein, was nicht gesichtet wurde. Es ist ein hervorragend kuratiertes Programm.

Albert Wiederspiel empfiehlt:

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Für Albert Wiederspiel ist „My Neighbor Adolf“ von Leonid Prudovsky eine echte Empfehlung (Foto: team productions/Luis Cano)

Was entscheidet schlussendlich darüber, welche Filme auf dem Filmfest gezeigt werden?

Was das anbelangt, sind wir fast basisdemokratisch. Ich habe jedenfalls kein Veto-Recht. Das letzte Wort hat meist Kathrin Kohlstedde, die die Programmleitung seit Jahren innehat. Wir versuchen pro Sektion eine bestimmte Anzahl an Filmen zu zeigen, aber davon abgesehen gibt es keine maßgeblichen Richtlinien. Wir wählen nur die Filme, die uns gefallen, beeindrucken und Relevanz haben – sei es filmästhetisch, politisch oder gesellschaftlich. Seit Jahren versuchen wir einen Spagat zwischen anspruchsvollen Filmen und dem Unterhaltungskino. Ich finde, dass uns das inzwischen gut gelingt.

Wenn man nur Zeit hat, einen oder zwei Filme auf dem Filmfest zu schauen, was sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen?

Grundsätzlich bin ich immer dafür, die Filme auszuwählen, die später nicht direkt ins Kino kommen, Filme, die einmalig bei uns zu sehen sind. Ich empfehle zum einen den Film R.M.N. vom rumänischen Regisseur Cristian Mungiu: Ein erschreckendes Porträt von einem Ort, der vor lauter Xenophobie und Rassismus zerfällt. Zusätzlich empfehle ich „My Neighbor Adolf“. Eine sehr skurrile israelische Komödie mit über einen Holocaust-Überlebenden in Brasilien, der meint, dass der rechts von ihm eingezogene Nachbar, gespielt von Udo Kier, Adolf Hitler sei. Israel ist nicht unbedingt für Komödien bekannt, aber diese ist wirklich die skurrilste, die ich seit Langem gesehen habe.

Hamburg ist intimer als Cannes oder Venedig

Du bist seit 2003 – also seit 19 Jahren – Leiter des Filmfest Hamburg. Hand aufs Herz: Ist es das schönste Amt nach Papst und Vorsitzender der SPD?

Viel schöner als beide Ämter. Die Filmfest-Leitung ist ein Traumjob. Als SPD-Vorsitzender kann man doch nur heulen. Dagegen ist mein Leben ein Tanz auf Rosen. Es ist ein Privileg, Filme zu zeigen, die man gut findet. Ich kam ja damals aus dem Verleihwesen und ich habe sehr darunter gelitten, dass ich sehr oft Filme an die Leute verticken musste, hinter denen ich überhaupt nicht stand. Mit Anfang 40 hatte ich eine Krise und dachte, das kann doch nicht der Rest meines Lebens sein! Ich kann doch nicht nur schreckliche Hollywood-Schinken auf die Leinwände schicken. Damals hatte ich mir vorgenommen, nur noch mit Filmen zu tun zu haben, die für mich auch Sinn haben.

Welche Momente sind dir in 30 Jahren besonders hängen geblieben?

Ich vergesse nie die italienischen Paparazzi, als Sophia Loren in der Stadt war. Das war mein erstes oder zweites Jahr als Filmfestleiter. Das war die absurdeste Situation, die wir je hatten. Wir wussten nicht, dass sie von weltweit aktiven Paparazzi verfolgt wird und waren nicht darauf vorbereitet. Es gibt ja diese Brücke, die vom Dammtor zum CinemaxX rüber führt. Wir schauten dort hoch – und die gesamte Brücke war voller Paparazzi mit ihren Tele-Objektiven. Das war total verrückt und passte weder zum Filmfest noch zu Hamburg. (lacht)

Was macht das Filmfest Hamburg im Vergleich zu anderen Filmfesten aus?

Das Schöne ist, dass wir im Vergleich zu Cannes, Venedig und Berlinale so schön klein sind. Dadurch entsteht mehr Intimität bei den Gästen und beim Publikum. Es ist leichter, mit Regisseuren und Filmcrew ins Gespräch zu kommen.

Kein Douglas-Sirk-Preis für Ulrich Seidl

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Der Film „Rheingold“ von Fatih Akin feiert beim Filmfest Hamburg Weltpremiere (Foto: bombero international/Warner-Bros Entertainment/Gordon Timpen)

Täuscht der Eindruck, oder ist das Filmfest Hamburg auch politischer als vergleichbare Filmfeste?

Uns interessieren Filme, die Fragen stellen. Es ist dabei unerheblich, ob es politische, soziale oder filmästhetische Fragen sind. Filme, die fragen stellen, interessieren uns deutlich mehr als affirmative Filme. Ich vermute, dass man das unserem Programm auch anmerkt.

Kurz vor Bekanntgabe des Programms wurden vom Nachrichtenmagazin Der Spiegel brisante Hintergründe zum Film „Sparta“ von Regisseur Ulrich Seidl veröffentlicht …

… Der Film ist ein hervorragender Film. Das geht in der ganzen Diskussion ein wenig unter. Wir haben den Film gesehen und ausgewählt, lange bevor der SPIEGEL mit der Geschichte aufkam. Wir hatten uns für den Film entschieden, weil er sehr sehr gut ist und ein extrem schwieriges Thema behandelt. Es gibt ja kaum etwas, das so tabuisiert ist wie das Thema Pädophilie. Seidl geht extrem feinfühlig mit dem Thema um. Man sieht im Film nichts, was man nicht sehen möchte. Es war für uns daher nie eine Frage, ob wir den Film zeigen wollen. Das wollen wir.

Aber den Douglas-Sirk-Preis kriegt er nicht?

Wir haben lange überlegt. Uns wurde aber schnell klar, dass, wenn wir den Preis übergeben würden, das gesamte Filmfest von dieser Diskussion überschattet werden würde. Das wäre weder im Interesse von Ulrich Seidl noch in unserer. Denn wir wollten ihm einen Preis für seine Verdienste um die Filmkultur geben. Plötzlich wäre es ein Forum für eine Diskussion über Dreharbeiten in Rumänien geworden. Das wollten wir nicht.

Wie kann man nun sinnvoll mit dem Thema umgehen?

Wir wollen eine Panel-Veranstaltung machen, um das Thema Dreharbeiten in Osteuropa generell zu thematisieren. Es gibt immer eine gewisse Gefahr, wenn Produktionen aus reicheren Ländern in ärmere Länder gehen. Es gibt das Risiko von Machtmissbrauch. Zum besagten Panel wollen wir sowohl deutsche als auch rumänische Produzenten einladen.

Der Film muss sich mit brisanten Themen auseinandersetzen

Wo wir gerade bei den ernsten Themen sind: Anfang Juli wurde der lange Zeit in Hamburg lebende iranische Regisseur Mohammad Rasulof in Teheran wegen des Vorwurfs der Volksverhetzung festgenommen. Wenige Tage später traf es auch die iranischen Regisseure Mostafa al-Ahmad und den Douglas-Sirk-Preisträger Jafar Panahi. Wie habt ihr diese Nachrichten aufgenommen?

Das trifft mich wirklich persönlich, weil ich mit Mohammad seit Jahren befreundet bin. Er hat für viele Jahre in Hamburg gelebt, bevor wieder nach Iran geflogen ist. Jafar habe ich zwar nie persönlich kennengelernt, aber wir waren immer wieder mal in Kontakt. Es gibt im Moment offensichtlich eine gewisse Konzentration des iranischen Regimes auf Filmemacher. Man zielt bewusst auf Filmemacher. Jafar ist bereits verurteilt. Mostafa ebenfalls. Jetzt warten wir auf ein Urteil gegen Mohammad. Wir befürchten das Schlimmste. Drei tolle Filmemacher, die de facto ohne Grund im Gefängnis sitzen. Es ist ohne Worte … Umso mehr freue ich mich, dass wir „No Bears,“ den neuesten Film von Jafar Panahi zeigen können.

Große Sorgen machen wir uns auch um unsere Freundin und Produzentin Çiğdem Mater, die eineinhalb Jahre in Hamburg lebte. Sie hatte sich entschieden, wieder in die Türkei zu gehen und wurde, kaum dass sie dort war, zu 18 Jahren Haft verurteilt. Sie sitzt jetzt seit vier bis fünf Wochen. Wegen eines Films, den sie nicht mal gemacht hat! Sie plante, einen Film über die Gezipark-Proteste zu machen. Das muss man sich mal vorstellen! Das sind schlimmste stalinistische Zeiten, die gerade wiederkommen.

Zeugen gerade diese Schicksale davon, dass es in der heutigen Zeit auch die filmische Auseinandersetzung mit politisch und gesellschaftlich brisanten Themen braucht?

Absolut. Auf jeden Fall.


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Filmfest Hamburg: Filme vom Feinsten

30 Jahre Filmfest in der Hansestadt! Das will gefeiert werden – und zwar mit großartigen Filmen wie „Rheingold“ von Fatih Akin, „Triangle of Sadness“ von Ruben Östlund und dem Eröffnungsfilm „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ von Hans-Christian Schmid

Text: Marco Arellano Gomes 

 

Das Filmfest Hamburg feiert in diesem Jahr sein 30. Jubiläum. Vom 29. September bis 8. Oktober 2022 werden 110 Produktionen aus aller Welt als Europa-, Deutschland- oder Hamburg-Premieren gezeigt, darunter viele hochkarätige Filme. Unter anderem feiert der neue Fatih Akin-Film „Rheingold“ in Hamburg seine Weltpremiere. Der Hamburger Regisseur und Douglas-Sirk-Preisträger Fatih Akin zeigt darin den dramatischen und abenteuerlichen Weg von Rapper Xatar (gespielt von Shooting Star Emilio Sakraya) – vom Knast bis zum erfolgreichen Musiker und Unternehmer.

Film-Highlights

Filmfest Hamburg_30.Jubilaeum_Logo_gelber-kleinEröffnet wird das Filmfest mit „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ von Hans-Christian Schmid („Was bleibt“), der die Entführung von Jan Philipp Reemtsma aus der Perspektive dessen Sohnes thematisiert. „Endlich wieder ein Kinofilm von Hans-Christian Schmid! Und dazu einer über einen bundesweit bekannten Hamburger Kriminalfall, der in Hamburg gedreht wurde und bei uns seine Weltpremiere feiern wird“, so Festivalleiter Albert Wiederspiel.

Sehnsüchtig erwartet wird auch der Goldene-Palme-Gewinner „Triangle of Sadness“ von Ruben Östlund („The Square“) – eine sozialkritische Satire, die mit einigen provokanten und unvergesslichen Szenen aufwartet. Der Film „Meinen Hass bekommt ihr nicht!“ von Kilian Riedhof („Gladbeck“) greift die Geschehnisse und Folgen rund um das Attentat im Pariser Club Bataclan vom 13. November 2015 auf. Der Dokumentarfilm „Lars Eidinger – Sein oder nicht sein“ nähert sich, wie der Titel bereits ausdrückt, dem Ausnahmekünstler und gibt einen intimen Einblick darin, wie Eidinger sich seine Rollen erarbeitet. Das Filmfest Hamburg hatte schon immer ein Herz für ungewöhnliche Filme und zeigt auch den in Cannes mit dem Jurypreis ausgezeichneten Film „EO“ des mehrfach preisgekrönten polnischen Regisseurs Jerzy Skolimowski. Darin wird die Welt aus der Perspektive eines Esels gezeigt. Das kann bei so viel Eselei in der Welt nicht von Nachteil sein.

MICHEL Kinder und Jugend Filmfest

Auch das zum Filmfest Hamburg gehörende MICHEL Kinder und Jugend Filmfest (30. September bis 5. Oktober im Abaton) bietet ein buntes Portfolio an Filmen, die sich an Kinofans zwischen vier und 16 Jahren richtet. Themen sind Freundschaft, Mut und Identität. Eröffnungsfilm ist die bittersüße Familienkomödie „Lucy ist jetzt Gangster“ (Regie: Till Endemann). Der Film erzählt die Geschichte von Lucy, deren Eltern eine Eisdiele führen. Nachdem die Eismaschine kaputtgeht, heckt sie einen teuflischen Plan aus, um ihre Familie vor dem finanziellen Ruin zu bewahren.

Neben den Kinofilmen versprechen auch die „Reihe für Minis“ und zwei neue Detektivgeschichten der „Pfefferkörner“ beste Unterhaltung. „Die Themen sind vielschichtig und bieten generationsübergreifend die Möglichkeit, sich auszutauschen und in verschiedene Perspektiven einzufühlen“, sagt Steffi Falk, Leiterin des MICHEL Kinder und Jugend Filmfest.

Festival im Festival

Eine Besonderheit in diesem Jahr ist die Einbindung des Molodist Kyiv International Film Festivals im Rahmen des Filmfest Hamburg – quasi als Festival im Festival (30. September bis 5. Oktober im Alabama Kino). Ukrainische Regisseure zeigen in der Hansestadt – sofern es die aktuelle und sich ständig ändernde politische Lage in der Ukraine zulässt – ihre Kurz- und Langfilme. „Es geht um gelebte Solidarität und um das Sichtbarmachen der ukrainischen Filmkultur“, so Filmfest-Hamburg-Leiter Albert Wiederspiel. „Wir freuen uns auf neue ukrainische Filme und auf einen lebhaften Austausch.“

Arbeits- und Dialograum

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Der Film „Rheingold“ von Fatih Akin feiert beim Filmfest Hamburg Weltpremiere (Foto: bombero international/Warner-Bros Entertainment / Gordon Timpen)

Erstmals bietet das Filmfest Hamburg in Kooperation mit der Semaine de la Critique in Cannes, dem Verbund der deutschen Filmhochschulstudierenden und dem Institut français mit dem #ATELIER22 einen kreativen Arbeits- und Dialograum für Filmstudierende aus Deutschland und internationale Debütfilmer an. Die Idee ist, Theorie und Praxis besser zu vernetzten, das gegenseitige Verständnis zu erweitern und Kontakte zu knüpfen. Die auserwählten Debütfilme sind: „Summer Scars“ von Simon Rieth (Frankreich 2022), „Love according to Dalva“ vom Emmanuelle Nicot (Belgien, Frankreich 2022) und „The Woodcutter Story“ von Mikko Myllylahti (Finnland, Dänemark, Niederlande, Deutschland 2022).

Festivalkinos sind das Abaton, Cinemaxx Dammtor, Metropolis, Passage und das StudioKino.

Hier gibt’s den Trailer zu „Rheingold“:

 


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„Man muss das Gras wachsen hören“

Kathrin Kohlstedde ist seit mehr als 20 Jahren für das Programm beim Filmfest Hamburg verantwortlich. Im Interview erzählt sie, wie magische Momente entstehen und warum Kinos nach der Pandemie eine Renaissance erleben werden

Interview: Andreas Daebeler

 

SZENE HAMBURG: Frau Kohlstedde, seit 1999 sind Sie Programmleiterin beim Filmfest Hamburg. Ein Traumjob?

Kathrin Kohlstedde: Als ich während meines Studiums in einem Kino jobbte, hatte ich das große Glück, zum ersten Mal auf ein Filmfestival reisen zu dürfen. Das war das Max Ophüls Festival in Saarbrücken. Dort habe ich den Zauber und die Kraft kennengelernt, die von Filmfestivals ausgeht und die mich seit jeher motiviert und begeistert.

Was macht das Filmfest Hamburg zu einem besonderen Festival?

Das Publikum sieht Filme, die es sonst selten im Kino sieht und trifft auch noch auf die Filmschaffenden. Filme werfen Fragen auf und Themen provozieren. Wir suchen im Gespräch danach im Foyer oder in der Bar nach Antworten. Das macht das Filmerlebnis so nahbar, fordert und formt die eigene Offenheit für Neues und macht das Leben eines jeden ein Stück reicher. Diese Magic Moments versuchen wir beim Filmfest Hamburg zu schaffen, und gemeinsam mit unseren internationalen Gästen und einem großartigen, neugierigen Publikum gelingt uns das glaube ich auch seit einigen Jahren sehr gut.

 

Nachhaltigkeit gegen Schnelllebigkeit

 

Seit mehr als 20 Jahren für das Programm beim Filmfest Hamburg Verantwortlich: Kathrin Kohlstedde (Foto: Kathrin Kohlstedde)

Seit mehr als 20 Jahren für das Programm beim Filmfest Hamburg Verantwortlich: Kathrin Kohlstedde (Foto: Kathrin Kohlstedde)

Die Branche ist schnelllebig. Es geht oft darum, auf den letzten Drücker produzierte Streifen noch ins Programm zu bekommen. Was ist Ihr Geheimnis, tatsächlich die neuesten Filme in Hamburg an den Start zu bekommen?

Der Schnelllebigkeit setzten wir nachhaltige Beziehungen entgegen. Über das Jahr hinweg pflegen wir ein Netzwerk zu Filmschaffenden und Lizenzgebern, denen wir Respekt schenken und sie wertschätzen. Sie wissen, dass das ehrlich gemeint ist und so geben sie auch gern die Filme nach Hamburg. Als Programmer:in muss man aufmerksam sein, das Gras wachsen hören und furchtlos sein. So kommen die aufregenden neuen Film ins Programm. Der Charme von Hamburg tut sein Übriges, dass alle gerne mit ihren Filmen kommen.

Corona hat die Kinobranche stark getroffen. Glauben Sie, dass klassische Filmtheater nach der Pandemie eine Renaissance erleben werden?

Absolut. Ich glaube, diese immer noch andauernde Ausnahmezeit hat den Wunsch nach Fokussierung verstärkt, nach nachhaltigen Erlebnissen in guter Gemeinschaft. Das bietet das Kino, wenn es gut geführt ist, aufs Beste.

In Hamburg wird der Douglas Sirk Preis vergeben. Das beschert unserer Stadt prominente Besucher wie Tilda Swinton, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert, François Ozon, Kim Ki-Duk oder Julian Schnabel. Welche dieser Begegnungen hat bei Ihnen den tiefsten Eindruck hinterlassen?

Es ist für uns und unser Publikum immer eine große Ehre, wenn die Preisträger:innen nach Hamburg kommen. Alle Verleihungen waren besonders, viele unvergesslich. Ich persönlich finde die Begegnung mit Regisseur:innen spannend. Da hab ich das Gefühl, dass sie uns mit den Filmen viel mehr Einblick in ihre Seele geben, schließlich dürfen wir die Welt für einen Moment durch ihre Augen sehen.

 

„Der Film ist eine Wucht“

 

Hamburg in allen Ehren, aber es gibt auch andere Festivals, die das Kino feiern. Welches schätzen Sie besonders?

Cannes, das ist wie Weihnachten und Ostern und Geburtstag zusammen. Es ist das unumstritten wichtigste Festival, das im Mai die Filme zeigt, die die Maßstäbe für das Kinojahr setzen. Dort ist die gesamte Filmbranche versammelt und Frankreich schätzt und feiert das Kino wie kaum ein anderes Land. Das ist für uns der Moment, die besten Filme nach Hamburg zu bringen und zu wissen, was das Filmjahr noch so bringen wird.

Was war der letzte richtig gute Film, den Sie gesehen haben?

Gerade vor zwei Tagen war das: „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ von Dominik Graf. Der Film ist eine Wucht. In drei Stunden zeigt er uns all das, was Kino kann und warum Film so einzigartig ist. Ganz große Empfehlung.


 Die SZENE HAMBURG Lichtspiele 2021/2022 ist seit dem 11. Dezember 2021 im Handel und im Online Shop erhältlich!

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Filmfest Hamburg: Das gibt’s noch zu sehen

Es sind die zwei Wochen im Jahr, in denen es in den Hamburger Kinos hoch her geht. Beim Filmfest Hamburg gibt es große Premieren und viele kleine Highlights. Hier kommt eine Übersicht, was bis es bis zum 9. Oktober 2021 noch zu sehen gibt

Texte: Marco Arellano Gomes, Mark Stöhr, Cornelis Hähnel, Helen Peetzen, Anselm Scherer, Claire Bösenberg

 

Das Filmfest Hamburg ist in vollem Gange. In der letzten Woche gab es die Highlights des Filmfestes, hier kommt eine Übersicht, was es bis zum 9. Oktober 2021 noch zu sehen gibt.

 

Sektion Große Freiheit

 

Filme aus Deutschland: Die ausgewählten Kinofilme nutzen die Freiheiten, die sich ihnen bieten – mit viel Lust an neuen Themen und Narrationen.

 

Alles in bester Ordnung

 

Wie viel muss der Mensch wirklich besitzen? Eine feinsinnige Komödie über das Zuviel und das Zuwenig mit Corinna Harfouch in der Hauptrolle.

Alles in bester Ordnung (Foto: Niklas Lindschau)

Alles in bester Ordnung (Foto: Niklas Lindschau)

D 2021, 96 Min., Regie Natja Brunckhorst Drehbuch Natja Brunckhorst, Martin Rehbock Besetzung Corinna Harfouch, Daniel Strässer, Joachim Król; Blankenese Kino, Di. 5.10. 19:45 Uhr

 

Niemand ist bei den Kälbern

 

Mit unbestechlichem Blick und dokumentarischem Duktus räumt das Drama mit dem Mythos vom romantischen Landleben auf.

Niemand ist bei den Kälbern (Foto: Weydemann Bros / Max Preiss)

Niemand ist bei den Kälbern (Foto: Weydemann Bros / Max Preiss)

D 2021, 116 Min., Regie Sabrina Sarabi Drehbuch Sabrina Sarabi, basierend auf einem Roman von Alina Herbing Besetzung Saskia Rosendahl, Rick Okon, Godehard Giese, Enno Trebs, Peter Moltzen; Cinemaxx 1, Di. 5.10. 20:45 Uhr

 

Sektion Veto!

 

Politisches Kino: Filme mit Ausrufezeichen, meinungs- und ausdrucksstarke Interventionen und Irritationen: Das Spiel- und Dokumentarfilmprogramm unterstreicht die politische Kraft des Kinos.

 

Futura

 

Eine neue Generation italienischer Regisseur·innen erforscht in einem Kollektivfilm die Zukunft ihres Landes.

Futura (Foto: The Match Factory GmbH)

Futura (Foto: The Match Factory GmbH)

I 2021, 110 Min., Regie und Drehbuch Pietro Marcello, Francesco Munzi, Alice Rohrwache; Metropolis, Mi. 6.10. 19:00 Uhr

 

La Civil

 

Ziviler Mut in einer Gesellschaft ohne Gewaltmonopol: In diesem fesselnden Entführungsthriller aus Mexiko nimmt eine Mutter die Suche nach ihrer Tochter selbst in die Hand.

La civil (Foto: Urban Distribution International)

La Civil (Foto: Urban Distribution International)

B, MEX, RO 2021, 145 Min., Regie Teodora Ana Mihai Drehbuch Teodora Ana Mihai, Habacuc Antonio De Rosario Besetzung Arcelia Ramirez, Alvaro Guerrero, Ayélen Muzo, Jorge A. Jimenez; Studio Kino, Mi. 6.10. 21:30 Uhr

 

 

Sektion Transatlantik

 

Kino aus Nordamerika: Diese Sektion strotzt vor Lebendigkeit und Kreativität und hat den Mut zu außergewöhnlichen Geschichten und Ästhetiken, egal ob in Studio- oder Independent-Produktionen.

 

Starlet

 

Eine ziellose 21-Jährige, eine weit über 85-Jährige, ein bisschen Pornoindustrie und eine Thermoskanne voller Geld – Sean Baker macht in seinem vierten Film ein Universum voller Unterschiede und Überraschungen auf.

Starlet (Foto: Rapid Eye Movies HE GmbH)

Starlet (Foto: Rapid Eye Movies HE GmbH)

USA 2012, 103 Min., Regie Sean Baker Drehbuch Sean Baker, Chris Bergoch Besetzung Dree Hemingway, Besedka Johnson; Studio Kino, Do. 7.10. 21:30 Uhr

 

Land of Dreams

 

Die USA in naher Zukunft – ein abgeschottetes Land, in dem nicht einmal mehr das Träumen frei ist. Bildgewaltig entwerfen Shirin Neshat und Shoja Azari eine Dystopie, die vielleicht näher an der Wirklichkeit ist, als uns lieb ist.

Land Of Dreams (Foto: Bon Voyage Films, Palodeon Pictures / Ghasem Ebrahimian)

Land of Dreams (Foto: Bon Voyage Films, Palodeon Pictures / Ghasem Ebrahimian)

USA, D, QAT 2021, 113 Min., Regie Shirin Neshat, Shoja Azari Drehbuch Jean-Claude Carrière Besetzung Sheila Vand, Matt Dillon, William Moseley, Isabella Rossellini, Anna Gunn, Christopher McDonald; Studio Kino, Fr. 8.10. 16:00 Uhr

 

Poser

 

Das Psychodrama um eine junge Frau auf Identitätssuche ist ein beeindruckendes Stück US-Indiekino und taucht tief in die vibrierende Subkultur von Columbus in Ohio ein.

Poser (Foto: UTA)

Poser (Foto: UTA)

USA 2021, 87 Min., Regie Ori Segev, Noah Dixon Drehbuch Noah Dixon Besetzung Sylvie Mix, Bobbi Kitten; Abaton, Fr. 8.10. 21:30 Uhr

 

Sektion Asia Express

 

Filmkulturen aus Fernost: Die Sektion spiegelt das aktuelle Filmschaffen unabhängiger asiatischer Filmemacher•innen. Sie steht für ein Kino der Grenzüberschreitungen und cineastischen Sinnsuchen.

 

Anatomy of Time

 

Eine in Fragmenten erzählte Untersuchung über Entscheidungen, Vergänglichkeit und die Wirkungsweisen der Zeit.

Anatomy of Time (Foto: Diversion, Damned Films, Sluizer Film Productions, M'GO Films, Mit Out Sound Films)

Anatomy of Time (Foto: Diversion, Damned Films, Sluizer Film Productions, M’GO Films, Mit Out Sound Films)

THA, F, NL, SIN 2021, 118 Min., Regie und Drehbuch Jakrawal Nilthamrong Besetzung Thaveeratana Leelanuja, Prapamonton Eiamchan, Sorabodee Changsiri, Wanlop Rungkumjad; Metropolis, Fr. 8.10. 16:30 Uhr und Cinemaxx 2, Sa 9.10., 16:00 Uhr

 

On the Job: The Missing 8

 

Korrupte Politiker, verschwundene Journalisten und Gefängnisse voller Auftragsmörder: Mit frenetischer Kamera und mitreißender Musik inszeniert Erik Matti einen epischen Politthriller, der sich auf wahre Begebenheiten stützt.

On the Job: The Missing 8 (Foto: Reality Entertainment)

On the Job: The Missing 8 (Foto: Reality Entertainment)

PHI 2021, 208 Min., Regie Erik Matti Drehbuch Michiko Yamamoto Besetzung John Arcilla, Dennis Trillo, Dante Rivero; Cinemaxx 2, Sa. 9.10. 20:30 Uhr

 

All about my Sisters

 

Eine Langzeitstudie über familiäre Verflechtungen, die psychologischen Auswirkungen der Ein-Kind-Politik und die Rolle der Frau in der chinesischen Gesellschaft.

All about my sisters (Foto: Asian Shadows)

All about my Sisters (Foto: Asian Shadows)

USA 2021, 174 Min., Regie Wang Qiong Protagonist∙innen Zhou Jin, Wang Li, Yan Xiaoqing, Wang Jianhua, Wang Sifan; Cinemaxx 2, Do. 7.10. 17:30 Uhr

 

Whether the Weather is fine

 

Die Odyssee dreier Menschen in den Nachwirren einer Sturmflut wird zur visuell beeindruckenden Vision einer Welt nach der Katastrophe.

Whether the Weather is Fine (Foto: Rediance Films)

Whether the Weather is Fine (Foto: Rediance Films)

F, D, PHI, SIN, IDN, QAT 2021, 104 Min., Regie Carlo Francisco Manatad Drehbuch Giancarlo Abrahan V, Carlo Francisco Manatad, Jeremie Dubois Besetzung Charo Santos-Concio, Daniel Padilla, Rans Rifol; Cinemaxx 2, Mi. 6.10. 21:15 Uhr

 

Sektion Voilà!

 

Französischsprachige Filme: Unsere frankophone Sélection beweist Jahr für Jahr, welch exzellenter Output möglich ist, wenn Talent, Vision und Unabhängigkeit zusammenkommen.

 

France

 

Mit absurdem Witz erzählt der neue Film von Bruno Dumont anhand einer französischen Starjournalistin, wie schnell man in einen Abgrund fallen kann – und stärker wieder aus ihm auftaucht.

France (Foto: R. Arpajou / 3B PRODUCTIONS 2020; SBS)

France (Foto: R. Arpajou / 3B PRODUCTIONS 2020)

F, D, B, I 2021, 133 Min., Regie und Drehbuch Bruno Dumont Besetzung Léa Seydoux, Juliane Köhler, Benjamin Biolay, Blanche Gardin; Passage, Do. 7.10. 18:45 Uhr

 

Die Gute Mutter

 

Mit einem liebevollen Blick zeichnet Hafsia Herzi das filmische Porträt einer Mutter, einer Familie und eines Viertels im Norden Marseilles.

Die Gute Mutter (Foto: SBS Productions / Guy Ferrandis)

Die Gute Mutter (Foto: SBS Productions / Guy Ferrandis)

F 2021, 99 Min., Regie und Drehbuch Hafsia Herzi Besetzung Halima Benhamed, Sabrina Benhamed, Jawed Hannachi Herzi; Passage, Fr. 8.10. 19:00 Uhr und Sa. 9.10. 17:00 Uhr

 

Vortex

 

Gaspar Noé erzählt eine berührende Geschichte über ein alterndes Paar. Die stilistische Besonderheit: Das Bild ist geteilt in zwei Fenster – auf der einen Seite beobachtet die Kamera den Mann, auf der anderen die Frau.

Vortex (Foto: Wild Bunch)

Vortex (Foto: Wild Bunch)

F, B, MON 2021, 142 Min., Regie und Drehbuch Gaspar Noé Besetzung Françoise Lebrun, Dario Argento, Alex Lutz; Cinemaxx 3, Fr. 8.10. und Sa. 9.10. 21:00 Uhr

 

Sektion Vitrina

 

Spanisch- und portugiesischsprachiges Kino: Das Programm mit aktuellen Filmproduktionen ist ein Schaufenster voll unterschiedlicher Stile, Narrationen und Genres.

 

El Gran Movimiento

 

Flirrend zwischen Realität und Fantasie, taucht das bolivianische Drama tief in die unsichtbaren Welten von La Paz ein. Bolivien in der Gegenwart.

El Gran Movimiento (Foto: Altamar Films / Socavón Cine)

El Gran Movimiento (Foto: Altamar Films / Socavón Cine)

BOL, F, CH, QAT 2021, 85 Min., Regie und Drehbuch Kiro Russo Besetzung Julio Cézar Ticona, Max Bautista Uchasara, Francisca Arce de Aro, Israel Hurtado, Gustavo Milán Ticona; Cinemaxx 2, Sa. 9.10. 14:00 Uhr

 

Jesús López

 

Das Dorf und der tote Rennfahrer: In eindringlichen Bildern erzählt das argentinische Drama eine verstörende Geschichte über Trauer und jugendliche Identität.

Jesús López (Foto: Murillo Cine)

Jesús López (Foto: Murillo Cine)

ARG, F 2021, 90 Min., Regie Maximiliano Schonfeld Drehbuch Maximiliano Schonfeld, Selva Almada Besetzung Lucas Schell, Joaquín Spahn, Sofía Palomino, Ia Arteta, Alfredo Zenobi; Metropolis, Di. 5.10. 21:30 Uhr und Cinemaxx 2 Sa. 9.10. 18:30 Uhr

 

Splinters

 

Als junges Mädchen filmte die Regisseurin, wie die Waffenfabrik in ihrer Heimatstadt in die Luft flog. 20 ahre später macht sie eine ungeheuerliche Entdeckung.

Splinters (Foto: Punto de Fuga Cine)

Splinters (Foto: Punto de Fuga Cine)

ARG 2020, 70 Min., Regie und Drehbuch Natalia Garayalde Protagonist∙innen Nicolás Garayalde, Carolina Garayalde, Esteban Garayalde, Gabriela Garayalde, Esther Rostagno; Passage, Do. 7.10. 17:00 Uhr

 

 

Sektion Kaleidoskop

 

Filme aus aller Welt: Unsere kinematografische Reise durch die Kontinente bietet ein plurales Nebeneinander unterschiedlicher filmischer Identitäten, Sprachen und Erzählungen.

 

Annette (Douglas Sirk Preis)

 

Nach neun Jahren stellt Leos Carax einen neuen Film vor. Das Musical und Melodram über eine Liebe, das Showbiz und einen Kinderstar ist ein Kinoereignis, exzessiv und ergreifend.

Annette (Foto: Detailfilm GmbH)

Annette (Foto: Detailfilm GmbH)

F, D, B 2021, 140 Min., Regie Leos Carax Drehbuch Leos Carax, Ron Mael, Russell Mael Besetzung Marion Cotillard, Adam Driver, Simon Helberg; Abaton, Mi. 6.10. 21:15 Uhr

 

Belfast

 

Working Class Hero: Mit viel Herz und einem großartigen Cast erzählt Kenneth Branagh von seiner Kindheit im turbulenten Nordirland der späten 1960er-Jahre.

Belfast (Foto: Universal Pictures International Germany GmbH)

Belfast (Foto: Universal Pictures International Germany GmbH)

GB 2021, 98 Min., Regie und Drehbuch Kenneth Branagh Besetzung Caitríona Balfe, Judi Dench, Jamie Dornan, Ciarán Hinds, Colin Morgan, Jude Hill; Passage, Mi. 6.10. 18:30 Uhr und Sa. 9.10. 19:15 Uhr

 

Die Hand Gottes

 

Von Gott berührt: In seinem autobiografischen Coming-of-Age-Drama balanciert Paolo Sorrentino zwischen fellinesker Absurdität und tragischem Ernst.

Die Hand Gottes (Foto: Netflix)

Die Hand Gottes (Foto: Netflix)

I 2021, 129 Min., Regie und Drehbuch Paolo Sorrentino Besetzung Filippo Scotti, Toni Servillo, Teresa Saponangelo, Marlon Joubert, Luisa Ranieri; Cinemaxx 1, Di. 5.10. 17:45 Uhr und Passage Fr. 8.10. 21:30 Uhr

 

Noch mehr Kino

Neben den vorgestellten Filmen gibt es in jeder Sektion auch noch mehr zu sehen. Darüber hinaus zeigen die Sektionen Television und Michal auf der einen Seite TV-Produktionen im Kino und beim Kinder- und Jugend Filmfest Michel gibt es auf der anderen Seite auch Kino für die Kleinen. Das Filmfest Hamburg läuft noch bis zum 9. Oktober 2021. Alle weiteren Informationen und das Programm gibt es auf der Homepage des Filmfests.

Das Filmfest Hamburg: 30.9. bis 9.10. in diversen Hamburger Kinos


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Filmfest Hamburg: „Dieser Film geht unter die Haut“

Franz Rogowski gilt als einer der talentiertesten deutschen Schauspieler. Im Eröffnungsfilm „Große Freiheit“ spielt er einen Homosexuellen, der aufgrund seiner Neigung immer wieder ins Gefängnis muss. Mit SZENE HAMBURG spricht er über den Reiz der Rolle, die scheinbare Progressivität der Gesellschaft und seine Zeit beim Thalia Theater

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Franz Rogowski, ich muss mit einem Geständnis beginnen: Ich empfinde Interviews mit Schauspielern als ziemlich schwierig, denn letztlich wiederholen sich ja doch immer wieder die Fragen in Bezug auf das Schauspiel, oder man spricht gleich über die Themen des Films.

Franz Rogowski: Kann ich gut verstehen. Schauspielen ist kein inhaltlich klar zu greifendes Tätigkeitsfeld. Man fragt man sich schon: „Was hat ein Schauspieler eigentlich Interessantes zu berichten?“ Es sind ja dann doch oft die gleichen, scheinbar spannenden Anekdoten. Ich lese selbst keine Interviews mit Schauspielern.

Lassen Sie uns trotzdem über den Film Hans (Franz Rogowski) in Einzelhaft im Film „Große Freiheit“ sprechen, mit dem das Filmfest Hamburg in diesem Jahr eröffnet.

Sehr gerne.

 

Der Paragraf 175, im Film zu selten thematisiert

 

Im Film spielen Sie Hans Hoffmann, einen Homosexuellen in der Nachkriegszeit, der aufgrund seiner sexuellen Neigung immer wieder ins Gefängnis muss. Was hat Sie an der Rolle gereizt?

Ich fand vor allem das Drehbuch stark und in sich stimmig. Außerdem fand ich die Figur reizvoll. Im zweiten Schritt habe ich dann festgestellt, dass es wenig Filme über den Paragrafen 175 gibt.

Wie bereiten Sie sich auf eine solche Rolle vor?

Hans ist ein Mensch, der frei leben will, sich entschieden hat, sich nicht zu verstecken und bereit ist, den Preis zu zahlen, den die Gesellschaft dafür fordert. Auch wenn er zum Teil recht wortkarg ist und vielleicht nicht genau formulieren kann, was ihn gerade umtreibt, hört Hans seine innere Stimme gut. Dieser innere Kompass, der sich einem selbst entzieht, aber doch das Leben lenkt, der hat mich interessiert.

Im Film wird der berüchtigte Paragraf 175 des Strafgesetzbuches genannt, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte. Woran liegt es, dass es bislang so wenige Filme drüber gibt?

Ich würde sagen, es gibt heute eine größere Auseinandersetzung mit queerer Liebe in unserer Gesellschaft. Das ist gut. Dass sich große Corporations jetzt den Regenbogen-Anstrich geben, ist für mich nicht unbedingt beruhigend. Der Paragraf 175 stand bis in die 90er-Jahre im deutschen Gesetz.

 

„Schwul“ in den 90er-Jahren

 

Können Sie sich an diese Zeit noch erinnern?

Ich erinnere mich, dass ich mal mit meiner Mutter beim Juwelier war und einen Ohrring bekommen sollte. Ich habe dann das rechte Ohr hingehalten. Die Frau, die dort arbeitete, war ganz beschämt und meinte „Das andere Ohr“. Meine Mutter und ich haben das nicht verstanden. „Das ist das schwule Ohr“, meinte die Frau im verschwörerischen Tonfall, und wir haben dann das Ohrloch korrekt heterosexuell ins andere Ohr gestochen. Ich hatte das damals gar nicht verstanden. Ich bin aus einer Generation, die im Prinzip mehr oder weniger direkt vermittelt bekommen hat, dass Schwulsein etwas Kriminelles sei. Ich glaube, solange wir unsere Ohren in Klassen einteilen, haben wir echt ein Problem.

Aber tut sich da nicht gerade viel?

Ich würde den derzeitigen Hype nicht überbewerten. Ein Umdenken erfordert ja permanente Arbeit, nicht einfach seine Meinung von A nach B zu verschieben. Jetzt sind in meinem Bekanntenkreis alle queer und alle inklusiv. Das glaube ich keine Sekunde. Es gibt gar nicht genug Worte und Labels, wie es Lebensformen gibt. Es ist schön, dass da immer mehr entsteht, aber der Prozess wirklich inklusiv zu werden, hat, glaube ich, weniger mit Meinung zu tun als mit der Offenheit, denjenigen zuzuhören, die wirklich etwas zu sagen haben.

Im Film wird Hans immer wieder mal nackt in eine dunkle Einzelzelle gesteckt. Sein Zellengenosse Viktor schmuggelt ihm dann Zigaretten und Streichhölzer hinein. Wenn er diese anzündet, wird er kurz vom Feuer erleuchtet. Was drückt diese Szene für Sie aus?

Die Lebensdauer von so einem brennenden Streichholz ist beschränkt im Gegensatz zur Kerkerwand, die für eine Ewigkeit gebaut ist.

 

„Große Freiheit“ beim Filmfest Hamburg

 

Filmfest-Leiter Albert Wiederspiel sagte: „Gerade heute, wo die Intoleranz zunimmt, müssen wir aus der Geschichte lernen.“ Welche Lehren kann man aus dem Film ziehen?

Ich finde es schwierig, wenn der Eindruck entsteht, dass Filme eine politische Botschaft haben müssen. Müssen sie nicht, weil sie sie sowieso haben. Es geht in „Große Freiheit“ einfach um einen Menschen, der unterdrückt wird. Dass man das dann auch politisch deuten und interpretieren kann, ist klar, ich selbst tue das auch. Aber ich fände es schade, wenn das beim Filmemachen ein wichtiges Kriterium wäre. Ich wünsche mir, dass die Menschen ins Kino gehen, um einfach nur zu schauen und zu staunen. Dieser Film geht unter die Haut – das ist nicht schwer zu verstehen.

Wenn man sich Ihre bisherige Karriere anschaut, fällt auf, dass Sie oft Außenseiter spielen. Was reizt Sie daran?

Ich nehme die Rollen, die ich spielen darf, als sehr unterschiedlich wahr. Ich denke mal, dass ich ein paar äußere körperliche Merkmale habe, die mich wohl zum typischen Außenseiter-Schauspieler machen. Das sind letztlich auch Klischees, die immer wieder aktiviert werden. Auch durch solche Fragen.

 

Geht auch Mainstream?

 

Käme denn eine Mainstream-Rolle für Sie infrage?

Was ich in letzter Zeit tatsächlich nicht so oft gespielt habe, sind normale Lebenssituationen. Das kann ich mir aber auch gut vorstellen.

Sie haben vor dem Schauspielen eine Ausbildung im Ausdruckstanz in Stuttgart gemacht und eine ClownSchule im Tessin besucht. Hat Ihnen das für Ihr Schauspiel etwas gebracht, was in einer Schauspielschule so vielleicht nicht gelehrt wird?

Ich habe diese Schulen immer nur für ein Jahr besucht und bin dann gegangen – oder gegangen worden. Ich habe in den beiden Schulen keine Fähigkeiten gewonnen, die für das Schauspiel von Bedeutung wären.

 

Vorbilder

 

Haben Sie Vorbilder, von denen Sie sich beim Schauspielen inspiriert fühlen?

Wenn ich eine Rolle habe, fange ich immer bei null an und bin heilfroh, wenn ich irgendwas finde, dass überhaupt funktioniert – für die Figur, für mich und für den Regisseur. Das ist vielmehr eine Suche nach dem Rettungsring. Ich bin total ausgelastet damit, überhaupt irgendwas auf die Reihe zu kriegen. So souverän zu sein, dass ich quasi von dem Schauspieler das und von diesem jenes nehme und in mein Schauspiel einbaue – davon bin ich weit entfernt.

Klingt erstaunlich: Ihre Karriere befindet sich auf einen Höhenflug – 2018 wurden Sie mit dem Deutschen Schauspielpreis ausgezeichnet. Sie arbeiteten mit Regielegende Terrence Malick („Ein verborgenes Leben“) zusammen. Die „New York Times“ befand, Sie seien ein Schauspieler, dem der internationale Durchbruch gelingen könnte …

Ich darf zurzeit sehr viele Erfahrungen sammeln und lerne dabei viele verschiedene Künstler kennen – sowohl vor als auch hinter der Kamera. Das ist schon sehr spannend für mich. Sicher fühle ich mich dadurch aber überhaupt nicht. Das ist aber auch nicht mein primäres Ziel. Ich suche nach Entwicklung und Verwicklung. Die Komfortzone eignet sich nicht dafür und hat mich deshalb nie sonderlich interessiert.

Wie empfinden Sie den deutschen Filmstandort?

In den letzten zwei bis drei Jahren habe ich in Deutschland gar nicht mehr gedreht. Aber das betrachte ich eher als Zufall. Deutschland hat eigentlich alle Voraussetzungen, um sehr schöne und tolle Filme zu machen. Manchmal fragt man sich zwar, wo die bleiben, aber dann kommen die ja auch immer wieder.

 

Damals in Hamburg

 

Sie spielen nebenbei auch viel Theater und waren früher im Hamburger Thalia Theater aktiv. Sind das schöne oder eher unschöne Erinnerungen?

Das war eine sehr einsame Zeit, weil ich als einzelner Tänzer in einer Theaterproduktion aufgetreten bin – und sowohl auf der Bühne als auch in den einzelnen Entwicklungsprozessen eigentlich eine Zeit erlebte, in der ich auf mich allein gestellt war. Meine Entscheidung, Schauspieler zu werden, fiel vielleicht gar nicht so sehr aus Liebe zum Schauspiel als vielmehr in Folge der Ablehnung von dieser Situation, die ich da als Tänzer hatte. Ich wollte auch mal da vorne an der Rampe stehen.

Wo in Hamburg haben Sie damals gewohnt?

Ich hatte einen guten Freund gefunden, der Theatermacher ist. Bei dem habe ich gewohnt. Er hatte eine sehr schöne Wohnung, sehr gemütlich, direkt am Hansaplatz, bei den Nutten.

Das Filmfest Hamburg eröffnet mit dem Film „Große Freiheit“ von Regisseur Sebastian Meise. Hauptrolle Franz Rogowski, Kinostart 18. November 2021 in den Kinos

Hier ist der Trailer zum Film:


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Must-See: Highlights beim Filmfest Hamburg

Viel Kino, das geht wieder und besonders gut beim Filmfest Hamburg. Vom 30. September bis zum 9. Oktober 2021 gibt es reichlich hochkarätige Filme zu sehen. Hier kommen acht Highlights, die man auf keinen Fall verpassen sollte

Texte: Marco Arellano Gomes, Mark Stöhr, Cornelis Hähnel, Helen Peetzen, Anselm Scherer, Claire Bösenberg

 

Große Freiheit

 

Eine Liebe im Zeichen des Paragrafen 175: Im Nachkriegsdeutschland landet ein Mann wegen seiner Homosexualität immer wieder im Knast und begegnet dort einem lebenslänglich Verurteilten.

Der Eröffnungsfilm Große Freiheit (Foto: Freibeuterfilm, Rohfilm)

Der Eröffnungsfilm Große Freiheit (Foto: Freibeuterfilm, Rohfilm)

Der Eröffnungsfilm ist ein intensiver Film über Sehnsucht und Freiheit. Hans (Franz Rogowski) liebt Männer. Das ist in Westdeutschland auch nach 1945 ein Verbrechen. Der berüchtigte §175 ist weiter in Kraft und macht alle Hoffnungen von Hans auf ein Leben in Freiheit zunichte. Im Gefängnis trifft er, der Wiederholungstäter, auf Viktor (Georg Friedrich), einen verurteilten Mörder. Aus anfänglicher Abneigung entwickelt sich im Laufe der Jahre eine intensive Verbindung voller Respekt und Empathie. Vielleicht sogar so etwas wie Liebe?

Auf drei Zeitebenen erzählt über eine Periode von 24 Jahren, beschäftigt sich das deutsch-österreichische Drama mit einem dunklen Kapitel der bundesdeutschen Justizgeschichte. Auch wenn das Totalverbot 1969 aufgehoben werden musste, blieb §175 bis 1994 bestehen. Große Freiheit feierte seine Weltpremiere in Cannes in der Sektion Un Certain Regard, wo er den Großen Preis der Jury erhielt. Zudem wurde er beim Filmfestival in Sarajevo als bester Film und mit dem CICAE Award ausgezeichnet. Der Darstellerpreis ging an Georg Friedrich.

A, D 2021, 100 Min., Regie Sebastian Meise Drehbuch Sebastian Meise, Thomas Reider Besetzung Franz Rogowski, Georg Friedrich, Anton von Lucke, Thomas Prenn; Cinemaxx 1, Do 30.09. 19:30 Uhr und Passage, Fr 01.10. 18:15 Uhr

 

Blutsauger

 

Bis zum Ende des Kapitals: Der neue Film von Julian Radlmaier verbindet Marxismus mit Vampirismus und ist eine wunderbar ironische, absurde Komödie.

Blutsauger, wunderbar ironisch und absurd (Foto: Grandfilm)

Blutsauger, wunderbar ironisch und absurd (Foto: Grandfilm)

1928: Der sowjetische Arbeiter Ljowuschka (Alexandre Koberidze) wird als Trotzki-Darsteller für einen Film von Eisenstein gecastet. Seine Träume vom Künstlerleben platzen, als Trotzki bei Stalin in Ungnade fällt und er aus dem Film herausgeschnitten wird. Jetzt will er sein Glück in Hollywood versuchen. Noch steckt er allerdings an einem mondänendeutschen Badeort fest, wo er bei einem Strandspaziergang die exzentrische Fabrikbesitzerin Octavia Flambow-Jansen (Lilith Stangenberg) kennenlernt. Eine sommerliche Romanze bahnt sich an.

D 2021, 128 Min., Regie und Drehbuch Julian Radlmaier Besetzung Alexandre Koberidze, Lilith Stangenberg, Alexander Herbst, Corinna Harfouch, Andreas Döhler; Metropolis, Sa 02.10. 18:00 Uhr

 

Für nichts und wieder nichts

 

Sie gerieten in jungen Jahren in die Mühlen der DDR-Justiz: Gisela Tuchtenhagen und Margot Neubert-Maric porträtieren drei Ex-Häftlinge, bei denen die Gefängniserfahrung lebenslange Spuren hinterlassen hat.

Für nichts und wieder nichts, über die Mühlen der DDR-Justiz (Foto: Utbüxen Filmproduktion GbR) Rintelen

Für nichts und wieder nichts, über die Mühlen der DDR-Justiz (Foto: Utbüxen Filmproduktion GbR) Rintelen

Das Zuchthaus Bützow war berüchtigt. Es galt als überfüllt und heruntergekommen. Hier saßen Siegfried, Brunound Klaus mehrere Jahre, eingepfercht in Einmannzellen. Zermürbt von endlosen Verhören und Gewalt hatten sie alles gestanden, was ihnen vorgeworfen wurde: Spionagetätigkeit, staatsgefährdende Hetze, Gefährdung der Verteidigungsbereitschaft der DDR.

D 2021, 80 Min., Regie Margot Neubert-Maric, Gisela Tuchtenhagen Protagonist∙innen Bruno Niedzwetzki, Klaus Rintelen, Siegfried Jahnke; Metropolis, Sa 02.10. 12:00 Uhr

 

Happening

 

Das eindringliche Porträt einer Frau im schmerzvollen Kampf um Körperpolitik und Selbstbestimmung basiert auf einer Geschichte von Annie Ernaux.

Happening nach einem Roman von Annie Ernaux (Foto: Wild Bunch International)

Happening nach einem Roman von Annie Ernaux (Foto: Wild Bunch International)

Frankreich 1963. Anne ist eine begabte und beflissene Studentin, die den sozialen Aufstieg vor sich sieht und damit einen Ausweg aus den Zwängen ihrer Herkunft. Wegen einer ungewollten Schwangerschaft droht sich diese Tür für Anne zu verschließen – über andere Wege herrscht im Frankreich dieser Zeit Stillschweigen. Anne absolviert vergebliche Arztbesuche, sucht verzweifelt Hilfe und erfährt keine Solidarität. In ihrem intensiven Spiel lässt Hauptdarstellerin Anamaria Vartolomei den souveränen Geist einer Unbeugsamen spürbar werden.

F 2021, 100 Min., Regie Audrey Diwan Drehbuch Audrey Diwan, Marcia Romano, basierend auf dem Roman »L‘Événement« von Annie Ernaux Besetzung Anamaria Vartolomei, Kacey Mottet-Klein, Luàna Bajrami, Louise Orry-Diquero, Louise Chevillotte; Metropolis, Fr 1.10. 29:30 Uhr und Cinemaxx 2, Mo 04.10. 21:15 Uhr

 

The French Dispatch

 

Mit einem Starensemble – darunter Benicio del Toro, Tilda Swinton und Frances McDormand – erweckt Wes Anderson vier Geschichten zum Leben, die in der letzten Ausgabe eines amerikanischen Magazins veröffentlicht werden.

In The French Dispatch erweckt ein Starensemble vier Geschichten zum Leben (Foto: The Walt Disney Company Germany GmbH / Searchlight Pictures)

In The French Dispatch erweckt ein Starensemble vier Geschichten zum Leben (Foto: The Walt Disney Company Germany GmbH / Searchlight Pictures)

Anlässlich des Todes ihres Verlegers Arthur Howitzer Jr. versammeln sich die Mitarbeiter·innen von The French Dispatch, eines amerikanischen Magazins mit Sitz in der französischen Stadt Ennui-sur-Blasé, um einen Nachruf zu verfassen. So entstehen vier von den Erinnerungen an Howitzer geprägte Geschichten: ein Reisebericht aus den verrufensten Ecken der Stadt selbst, eine Story über einen geistesgestörten, kriminellen Maler, eine Chronik von Liebe und Tod auf dem Höhepunkt der Studierendenrevolte – und eine Geschichte über Drogen, Kidnapping und gehobene Küche.

GB, F, D 2020, 108 Min., Regie und Drehbuch Wes Anderson Besetzung Benicio del Toro, Adrien Brody, Tilda Swinton, Léa Seydoux, Frances McDormand, Elisabeth Moss, Bill Murray, Christoph Waltz, Timothée Chalamet, Saoirse Ronan, Willem Dafoe; Cinemaxx 1, Fr 8.10. 20:00 Uhr

 

Die Rache ist mein, alle anderen zahlen bar

 

Mit Ironie und quer durch die Genres erzählt der indonesische Regisseur Edwin die Liebes- und Leidensgeschichte eines Getriebenen.

Die Rache ist mein, alle anderen zahlen bar erzählt die Liebesgeschichte eines Getriebenen (Foto: The Match Factory GmbH)

Die Rache ist mein, alle anderen zahlen bar erzählt die Liebesgeschichte eines Getriebenen (Foto: The Match Factory GmbH)

Ajo Kawir ist ein berüchtigter Unruhestifter, der seine Impotenz durch Gewalt kompensiert und sich als Handlanger in der lokalen Unterwelt verdingt. Bei der Begegnung mit dem weiblichen Bodyguard Iteung stößt er nicht nur auf eine ebenbürtige Gegnerin, es bahnt sich auch eine wechselvolle Beziehung an, in deren Verlauf sich Ajo Kawir seiner Vergangenheit stellen muss. Dem Film gelingt es, den Machismo seiner Figuren aufs Korn und sie in ihren Verletzungen zugleich ernst zu nehmen. Dabei prallen Martial Arts, Romantik und Roadmovie aufeinander.

IDN, D 2021, 114 Min., Regie Edwin Drehbuch Edwin, Eka Kurniawan Besetzung Marthino Lio, Ladya Cheryl, Reza Rahadian, Ratu Felisha, Sal Priadi; Cinemaxx 1, Fr 8.10. 22:30 Uhr und Metropolis, Sa 09.10. 18:45 Uhr

 

Wo in Paris die Sonne aufgeht

 

In wildpoetischen Schwarz-Weiß-Bildern erzählt Jacques Audiard einen modernen Liebesreigen in Zeiten von Dating-Apps und Sex im Internet.

Wo in Paris die Sonne aufgeht ist eine wildpoetische Liebesgeschichten in Schwarz-Weiß (Foto: Neue Visionen Filmverleih)

Wo in Paris die Sonne aufgeht ist eine wildpoetische Liebesgeschichten in Schwarz-Weiß (Foto: Neue Visionen Filmverleih)

Der Film basiert auf zwei Graphic Novels des New Yorker Cartoonisten Adrian Tomine. Paris, die ewige Stadt der Liebe. Hier leben sie dicht gedrängt, zwischen Sehnsüchten, Abenteuern, Dramen: Émilie schlägt sich nach ihrem Elite-Studium mit billigen Gelegenheitsjobs herum, hat schnellen Sex und träumt von einer Beziehung. Camille hat als junger Lehrer beruflich noch Illusionen, dafür keine in der Liebe, außer unkomplizierten Sex. Nora ist in die Stadt gekommen, um ihrer Vergangenheit zu entfliehen und mit Anfang 30 ihr Jurastudium wieder aufzunehmen – und Louise bietet als »Amber Sweet« im Internet erotische Dienste gegen Bezahlung an.

Émilie, Nora, Louise und Camille – drei Frauen, ein Mann. Ihre Lebenswege kreuzen sich im 13. Arrondissement in Paris. Camille zieht bei Émilie als Mitbewohner ein, wird ohne Umschweife ihr Liebhaber und zieht ebenso schnell wieder aus. Liebe ist angeblich nicht sein Stil – bis er die kühle Nora trifft. Noras Hoffnungen auf einen akademischen Neuanfang in Paris haben sich unterdessen zerschlagen: Nach einer wilden Disconacht wollen Kommiliton·innen in ihr den Pornostar »Amber Sweet« wiedererkennen. Noras Zukunftsträume wanken. Sie muss die süße Amber nun unbedingt persönlich kennenlernen.

F 2021, 105 Min., Regie Jacques Audiard Drehbuch Jacques Audiard, Léa Mysius, Céline Sciamma Besetzung Lucie Zhang, Makita Samba, Noémie Merlant, Jehnny Beth, Camille Léon-Fucien, Océane Cairaty; Cinemaxx 1, Sa, 09.10. 20:00 Uhr

 

Memoria

 

Tilda Swinton leidet in diesem mysteriösen Drama von Apichatpong Weerasethakul an Gehör-Halluzinationen.

Memorial zeigt Tilda Swinton in einem mysteriösem Drama (Foto: Sandro Kopp / Kick the Machine Films, Burning, Anna Sanders Films, Match Factory Productions, ZDF/Arte and Piano, 2021)

Memorial zeigt Tilda Swinton in einem mysteriösem Drama (Foto: Sandro Kopp / Kick the Machine Films, Burning, Anna Sanders Films, Match Factory Productions, ZDF/Arte and Piano, 2021)

Eines Nachts wird die in Kolumbien lebende Engländerin Jessica von einem lauten Knall aus dem Schlaf gerissen. Fortan ist ihr Leben nicht mehr, wie es war. Denn als sie ihre Schwester Karen im Krankenhaus besucht, realisiert sie, dass das seltsame Geräusch sie begleitet – und scheinbar niemand anderes es hören kann. Jessica freundet sich mit der Archäologin Agnes (Jeanne Balibar) an, die menschliche Überreste, die beim Bau eines Tunnels entdeckt wurden, untersucht. Schon bald beschleicht Jessica das ungute Gefühl, dass die Geräusche eine seltsame Vorahnung sein könnten.

COL, THA, GB, MEX, F, D, QAT 2021,136 Min., Regie und Drehbuch Apichatpong Weerasethakul Besetzung Tilda Swinton, Elkin Díaz, Jeanne Balibar, Juan Pablo Urrego, Daniel Giménez Cacho; Cinemaxx 1, Mo 4.10. 17:45 Uhr und Do 7.10. 21:45 Uhr


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Roter Teppich wird wieder ausgerollt: Filmfest Hamburg startet

Vom 30. September bis zum 9. Oktober 2021 wird in Hamburg wieder der rote Teppich ausgerollt. Das diesjährige Filmfest verspricht hochkarätige Filme. Eröffnet wird mit „Große Freiheit“, der in Cannes Premiere feierte

Text: Marco Arellano Gomes

 

Schau! Wow! heißt es im of­fiziellen Trailer des Filmfest Hamburg 2021. Der Trailer vom finnischen Regisseur Ma­tias Autio ist inspiriert „von einer Autowerkstatt im Osten Helsinkis“, in der einst Zigaretten und Alkohol an minder­ jährige Teenager vertickt wurden. Den Nervenkitzel samt schweißnassen Händen wollte der Regisseur im Trailer transportieren. Das ist ihm gelungen. Die Vorfreude steigt. Das Publikum besucht wieder fleißig die Kinos – fehlt nur noch das alljährliche Highlight: das Filmfest Hamburg.

Vom 30. September bis zum 9. Oktober 2021 ist es so weit: Der rote Teppich wird wieder ausgerollt, Stars und Sternchen sind zu Besuch und das Publikum bekommt eine erlesene Filmauswahl zu sehen, darunter einige Premie­ren. 100 Produktionen stellten Filmfest-­Leiter Albert Wieder­spiel und sein Team zusam­men. Eröffnet wird das Fest mit „Große Freiheit“ von Sebastian Meise, Gewinner in Cannes in der Sektion „Un Certain Regard“. Der Film handelt von der Kriminalisierung Homo­sexueller im Nachkriegsdeutsch­land – einem bislang wenig be­achteten Thema im deutschen Film. Hauptdarsteller ist Franz Rogowski. Im Film spielt er Hans, der im Gefängnis auf den Zellengenossen Viktor (Georg Friedrich) trifft, einen verurteilten Serienmörder. „Ge­rade heute, wo die Intoleranz zunimmt, müssen wir aus der Geschichte lernen“, sagt Fes­tivalleiter Albert Wiederspiel.

 

Viele weitere Highlights

 

Auch die weiteren Filme versprechen einen filmreifen Start in den Kinoherbst: „Die Geschichte meiner Frau“ von Berlinale-Preisträgerin Ildikó Enyedi („Körper und Seele“) wurde in Teilen in der Ham­burger Speicherstadt gedreht. Hauptdarstellerin Léa Seydoux spielt auch im Film „France“, der ebenfalls in Cannes aufge­führt wurde. Darin wird die Ge­schichte der Starjournalistin France de Meurs erzählt, deren Leben außer Kontrolle gerät. Produziert wurde Bruno Du­monts Film unter anderem auch von der Hamburger Produk­tionsfirma Red Balloon Film.

Weitere Highlights: Andrei Kon­chalovskys Film „Dear Com­rades!“, „Töchter“ von Nana Neul, „Vengeance Is Mine, All Others Pay Cash“, produziert von Fatih Akins Bombero Interna­tional und The Match Factory. Viel­ versprechend sind zudem „Hinterland“ von Oscarpreisträ­ger Stefan Ruzowitz­ky („Die Fälscher“) sowie „Niemand ist bei den Kälbern“ mit der für ihre Leistung ausgezeichneten Darstellerin Saskia Rosendahl („Fabian – oder Der Gang vor die Hunde“).

„Wir freuen uns, dass so viele ausgezeichnete Filme ihre Deutschlandpremieren in Hamburg feiern“, so Wieder­spiel. Festivalkinos sind Aba­ton, Cinemaxx Dammtor, Me­tropolis, Passage und Studio­ Kino. Programm und Tickets gibt es auf filmfesthamburg.de.

Filmfest Hamburg: 30.9. bis 9.10. in diversen Hamburger Kinos


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Interview: Moritz Bleibtreu über sein Regiedebüt „Cortex“

Moritz Bleibtreu feierte mit „Cortex“ auf dem Filmfest Hamburg Premiere. Der Schauspielstar schrieb das Drehbuch, führte Regie, produzierte den Film und spielte die Hauptrolle. Mit SZENE HAMBURG traf er sich vorab zum Gespräch und sprach über seine Erfahrung als Regisseur, seine Vorbilder und den Reiz komplexer Erzählungen

Interview: Marco Arellano Gomes

 

Mit einem dunklen Mercedes scheint Moritz Bleibtreu zum Interviewtermin. Er steigt aus, geht ein paar Schritte Richtung Lokal, fragt seine Agentin, ob sie ihm eine Flasche Wasser, einen Cappuccino mit Zucker und einen Aschenbecher organisieren könne und schwingt sich auf eine hohe Holzbank. Treffpunkt ist das vor Kurzem wiedereröffnete Restaurant „Farina Meets Mehl“ in Ottensen. Auf dem diesjährigen Hamburger Filmfest feiert Bleibtreus Film „Cortex“ Premiere. Er wirkt entspannt, ist bei bester Laune. Als er die aktuelle SZENE HAMBURG auf dem Tisch liegen sieht, erzählt er, dass seine Mutter (Theaterschauspielerin Monica Bleibtreu, Anm. d. Red.) in den 1980er Jahren das Blatt regelmäßig gelesen habe.

 

SZENE HAMBURG: Moritz, dein neuer Film „Cortex“ feiert dieses Jahr auf dem Filmfest Hamburg Premiere. Wie würdest du dich als Regisseur beschreiben?

Moritz Bleibtreu: Meine Erfahrung ist, dass ich als Regisseur vor allem Motivator bin. Wenn du im Team Leute hast, die gut sind, dann tragen alle von sich aus viel zu dem Film bei und bringen sich ein. Das ist ja das Tolle!
Es gibt im Grunde zwei Arten von Regisseuren: Die, die gerne abgeben und die, die das nicht tun. Ich gehöre definitiv zu denen, die gerne abgeben.

Gab es Regisseure, mit denen du gearbeitet hast, von denen du sehr inspiriert warst? Von denen du sagen würdest: „Von ihm habe ich viel über das Filmemachen gelernt?“

Letztendlich habe ich von jedem Regisseur, mit dem ich gearbeitet habe, auch etwas gelernt. Aber besonders hängen geblieben ist mir die Arbeit mit Steven Spielberg am Film „München“.

Was war an der Arbeit mit Spielberg so besonders?

Er ist die absolute Champions League und die Art Regisseur, in deren Tradition ich mich gerne sehen würde, ohne mich mit ihm vergleichen zu wollen. Damals habe ich Spielberg gefragt: „Kannst du mir jungem Schauspieler etwas mit auf den Weg geben? Und was machst du anders? Was macht dich so erfolgreich?“ Und dann sagte er: „Moritz, I don’t do anything. All I do is, I hire the best people in the world and I tell them how great they are“ („Moritz, ich tue nichts. Ich engagiere nur die besten Leute der Welt und sage ihnen, wie toll sie sind“). Er lässt die Leute am Set einfach ihren Job machen und vertraut ihnen. Spielberg ist eigentlich ein unterschätzter Regisseur, künstlerisch betrachtet.

Hat dich nicht auch Fatih Akin stark geprägt? Immerhin habt ihr vier Filme miteinander gedreht.

Klar, auf jeden Fall. Wir haben uns gegenseitig geprägt. Er würde wahrscheinlich das Gleiche sagen. Es gibt, ehrlich gesagt, kaum einen Regisseur, von dem ich nichts gelernt habe. Jeder hatte seine Stärken. Fatih hat zum Beispiel diesen absoluten Willen zur Wahrhaftigkeit – und wenn er sich dafür prügeln muss. Helmut Dietl hingegen will es genau so, wie er es sagt. Und wenn da ein Bindestrich steht, dann muss man den auch wirklich mitnehmen. Tom Tykwer wiederum ist ein wandelndes Filmlexikon. Der weiß alles über Film.

Als du das Drehbuch zu „Cortex“ geschrieben hast, hattest du da schon die Darsteller vor Augen?

Leider nicht. Das ist auch einer der Gründe, weshalb ich mich selbst besetzen musste. Ich habe keinen mehr gefunden, der Zeit hatte und den ich wirklich gewollt hätte. Ich habe den großen Fehler gemacht, das Drehbuch nicht auf Schauspieler hin zu schreiben. Ich hatte mir gedacht: Ich schreibe diese Geschichte und dann schauen wir mal. Das würde ich so nicht noch mal machen.

Drehbuch, Regie, Hauptrolle, Produzent: Hattest du irgendwann die Befürchtung, dass du dir etwas zu viel zugemutet hast?

Ja, hatte ich. Ich habe sie auf eine Art noch immer – zumindest, was die Außenwirkung betrifft. Es war nicht so, dass ich gesagt hätte: „So, jetzt mache ich das alles hier für mich. Und alle anderen: Bitte zur Seite!“ So wirkt das nun wahrscheinlich, aber das Gegenteil war der Fall. Ich wollte mich nicht besetzen. Es war bloß niemand zur Verfügung, der mich wirklich begeisterte. Also dachte ich mir, bevor ich jemanden besetze, bei dem ich mir nicht sicher bin oder der sich in der Situation nicht wohlfühlt, nehme ich es lieber auf meine eigenen Schultern.

Bist du mit dem Ergebnis zufrieden?

Der Regisseur ist jedenfalls der Meinung, dass der Bleibtreu das ganz gut gemacht hat (lacht).

Konntest du als Regisseur die eigenen Szenen überhaupt aus der Außenperspektive betrachten?

Ich habe in solchen Momenten komplett an Thomas Kiennast, den Kameramann, abgegeben und gesagt: „Wenn ich spiele, dann führst du Regie.“ Ich habe dann auch voll auf ihn gehört und nichts hinterfragt.

 

„„Cortex“ hat keinen größeren Anspruch, als ein kleiner, verrückter Debütfilm zu sein“

 

Du bist ein sehr erfahrener Schauspieler. Hast du das Gefühl, als Regisseur deshalb ein besseres Händchen für die Darsteller zu haben?

Ich glaube schon, dass es für einen Regisseur von Vorteil ist, wenn er selber das Schauspiel kennt, weil er dann besser weiß, wo sich ein Schauspieler gerade befindet, wie sich eine bestimmte Nervosität äußert und wie der Schauspieler sich in bestimmten Momenten fühlt.

Bist du dann strenger oder gnädiger?

Auf jeden Fall gnädiger.

Die Erwartungshaltung ist hoch, wenn Filmstars bei einem Film das Drehbuch und die Regie übernehmen. Wie hast du dich darauf vorbereitet?

Ich denke, ich habe genügend Filme gemacht, um zumindest eine Vorstellung davon zu haben, was für eine Art Regisseur ich sein möchte. Der Rest ist Lernen. Ich mache das immerhin auch zum ersten Mal. „Cortex“ hat keinen größeren Anspruch, als ein kleiner, verrückter Debütfilm zu sein. Ich habe versucht, mich völlig frei zu machen von übertriebenen Erwartungen. Ich habe einfach das gemacht, was ich schon lange machen wollte – und zwar möglichst kompromisslos. Ich denke, das ist mir auch ganz gut gelungen.

Du machst in der Tat einen zufriedenen Eindruck. Viele Regisseure hadern ja mit ihren Filmen bis zur letzten Minute, da die Filme oftmals nicht so sind, wie ursprünglich gedacht.

Mittlerweile habe ich meinen Frieden damit gemacht.

Mittlerweile?

Es ist ein Prozess, zu verstehen, dass das, was man sich in seinem stillen Kämmerchen ausdenkt, nie das sein wird, was am Ende auf der Leinwand zu sehen ist. Filmemachen ist Teamarbeit. Du hast da mindestens 30 bis 40 Leute, die wichtig sind für alles, was passiert. Die große Kunst ist es, auch mal loszulassen und im richtigen Moment zu sagen: „Ich lass das jetzt und guck mir was Neues an.“ Nichts läuft durchgehend so, wie geplant.

 

Das Schreiben ist das Wichtigste

 

Beunruhigt es dich nicht, wenn nichts wie geplant läuft?

Ich kann mir schwer vorstellen, einen Film zu machen, von dem ich sage: „Ey, was für ein Brett.“ Dafür bin ich viel zu zweifelnd und zu selbstkritisch. Ich sehe immer erst mal Fehler, und erst langsam schleichen sich Gedanken ein, dass ich es vielleicht so schlecht gar nicht gemacht habe.

Was war denn deine wichtigste Erkenntnis bei der Produktion von „Cortex“?

Was ich mitgenommen habe, ist, dass das Schreiben das eigentlich Wichtige ist. Das ist etwas, das mein Leben garantiert verändert und was ich auch weitermachen will.

Wie kamst du überhaupt auf das Thema?

Schwer zu sagen. Ich weiß es ehrlich gesagt gar nicht. Ich habe irgendwann mal im Witz gesagt: „Weißt du, was man mal machen müsste? Einen ernsten Body-Switch-Film. Einen, der nicht lustig ist, auch nicht halblustig, wie bei ,Im Körper des Feindes‘ (,Face/Off ‘), sondern wirklich ernst. Das hat sich irgendwann in meinem Kopf festgesetzt.“ Ich habe immer aus Spaß gesagt: „Ich habe das erste Body- Switch-Drama der Welt gemacht.“
Na ja, möglicherweise ist mir ein Koreaner zuvorgekommen, aber im Westen bin ich, soweit ich weiß, der Erste.

Also hat dich vor allem die Filmgeschichte inspiriert?

Filmemachen ist nun mal ein sehr großer Teil meines Lebens. Künstlerisch betrachtet, spiegelt die Schauspielerei das Leben von jedem wider. Ich werde dafür bezahlt, viel Zeit meines Lebens nicht ich selbst zu sein, sondern anderen etwas vorzuspielen und gleichzeitig mich in dieser Figur zu suchen und zu finden. Das ist eine Parabel für das Leben an sich: Jeder sucht sich selbst. Im besten Fall findet man sich ganz, eventuell ein bisschen oder eben gar nicht. Dabei muss man ab und zu auch loslassen können. Du kannst nichts Neues machen, ohne etwas loszulassen. Du kannst nichts finden, ohne etwas wegzuwerfen.

Hattest du je das Gefühl, in eine Rolle so einzutauchen, dass du dich selbst darin verloren hast und nicht mehr wusstest, wo die Rolle anfängt und der Darsteller Moritz Bleibtreu aufhört?

Nein, weil dieses Suchen, dieses mich in einer Figur finden, nie Formen angenommen hat, die mich selbst kirre gemacht hätten. Es gibt aber Regisseure, die sehr fordernd sind. Und ich habe Filme gemacht, bei denen ich physisch an einen Punkt gekommen bin, wo es nicht mehr ging. Davon ausgehend kann auch persönlicher Kram in Mitleidenschaft gezogen werden. Aber ich gehöre nicht zu den Leuten, die
sich in einer Figur verlieren. Ich habe auch schon erlebt, dass ich von einem Filmset ging und sagen musste: „Ich habe den Charakter wirklich nicht gefunden.“

Bei welcher Figur war das der Fall?

Das sagt man der Presse natürlich nicht. (lacht)

Du hast als Schauspieler oft komplexe, fordernde Rollen gewählt, statt dich dem Mainstream zu verschreiben. Ist das dein Prinzip?

Mir macht kompliziertes Zeug im Allgemeinen einfach Spaß, ohne dass ich den Mainstream verurteile. Es gibt viele Mainstream-Filme, die ich sehr gelungen finde. Ich habe irgendwann einfach großes Interesse an komplexen Thematiken, Geschichten sowie komplexer Literatur und Musik entwickelt. Ich mag Sachen, die nicht auf den ersten Blick gefallen, sondern bei denen man etwas tun muss, um sich diese zu erschließen. Du siehst, liest oder hörst es nochmal und noch mal und noch mal – und beim fünften oder zehnten Mal merkst du: „Ach, das wollte der Typ! Jetzt habe ich das verstanden. Wie geil ist das denn?!“

Zurück zu deinem Film „Cortex“: Der spielt ja in großen Teilen in Hamburg. Hast du besonders gern hier in deiner Heimatstadt gedreht?

Ja, klar. Das war toll. Nicht nur wegen der schönen Kulissen, die diese Stadt bietet, sondern auch, weil ich mich darüber freute, schnell zu Hause zu sein (lacht). Der letzte Film, den ich in Hamburg gedreht habe, war „Soul Kitchen“! In Hamburg wird leider viel zu wenig Kino gemacht.

 

Seht hier den Trailer zu „Cortex“:

 

Es gibt Pläne, mehr High-End-Serien in Hamburg zu produzieren. Es gab eine lebhafte Debatte um eine alte, nicht mehr genutzte Posthalle, in der unter anderem eine Serie von Fatih Akin gedreht werden könnte. Braucht Hamburg ein solches Studio?

Alles, was den Filmstandort Hamburg attraktiver macht, ist definitiv zu begrüßen. Ohne staatliche Subventionen würden wir hier in Deutschland nicht einen einzigen Film machen. Deswegen können wir der Subvention und der Öffentlich-Rechtlichen nicht genug danken. Mich ärgert bloß, dass dieses System so stark ländergebunden ist. Das ist nicht immer hilfreich, vor allem, wenn mehrere Länder subventionieren und man gezwungen ist, in jedem der beteiligten Länder zu drehen. Die Franzosen haben ihre Förderung zentralisiert. Das würde auch hier viel Geld einsparen und dieses ständige Hin- und Herfahren verringern.

Heutzutage können es sich wenige erlauben, komplexe Filme zu machen. Oft scheitert es an der Finanzierung. „Cortex“ ist so gesehen ein mutiges Projekt. Wie würdest du den Film in aller Kürze zusammenfassen?

Ein Mann träumt von einem anderen Mann, bis er zu ihm wird. Der eine versucht, sein Leben zurückzubekommen, der andere versucht, das neue Leben zu behalten. Es ist eigentlich ganz einfach.

Wie, glaubst du, wird das Publikum den Film aufnehmen?

Natürlich hoffe ich, dass ihn viele Leute sehen – aber ich weiß auch, in was für einer Krise das Kino momentan steckt. Viele meiner persönlichen Lieblingsfilme waren im Kino nicht allzu erfolgreich, teilweise sind diese aber im Nachhinein zu Kultfilmen avanciert. Es wäre toll, wenn „Cortex“ dazu führt, dass die Leute sagen: „Lass mal gucken, was der Bleibtreu noch so macht.“


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Filmfest Hamburg. Interview mit Festivalchef Albert Wiederspiel

Seit Donnerstag, 5. Oktober läuft das 25. Filmfest Hamburg. Zehn Tage Bilderrausch: Festivalchef Albert Wiederspiel verrät im Gespräch, was zu sehen sein wird. Und was nicht.

SZENE HAMBURG: Sie sind seit 15 Jahren Filmfest-Chef. Worauf sind Sie stolz?
Albert Wiederspiel: Ich denke, mir ist es gelungen, es größer zu machen. Ich wollte ein breiteres Publikum erreichen und habe deshalb gehobenen Mainstream als Lokomotive für die anderen Filme mit hineingenommen. Ich finde, das gehört genauso dazu wie der sehr fragile Kunstfilm, den wir auch im Programm haben. Zum Beispiel hat der Kurator unserer spanischund portugiesischsprachigen Sektion „Vitrina“ einen sehr künstlerischen Geschmack, und so sind die Filme auch.

Trotzdem kritisieren manche, dass es an Glamour und großen Namen mangelt. Und dass Hamburg nur noch ein Nachspielfestival von Cannes und Venedig ist.Das mit dem Nachspielfestival stimmt. Nur die A-Festivals haben die ganz großen Filme. Wir anderen spielen alle nach, was in Berlin, Cannes oder Venedig läuft. Nicht nur, aber viel davon. Wir haben im vergangenen Jahr mit Ewan McGregor eröffnet, das Jahr davor mit Catherine Deneuve, ich finde, das ist mit Hinblick auf Glamour und Namen schon nicht schlecht.

 

“Wenn wir mehr Leinwände anbieten würden, dann würden auch mehr Leute ins Kino gehen, da bin ich mir sicher.”

 

Stimmt. Aber ein paar mehr Stars wären doch schön?
Es ist ja nicht so, dass wir keine Stars haben. In diesem Jahr kommen unter anderem François Ozon, Ruben Östlund, Claes Bang, Vanessa Paradis, Volker Schlöndorff und Wim Wenders. Und viele mehr! Grundsätzlich ist das jedoch eine finanzielle Frage. Stars sind teuer. Die fliegen nicht mit Ryan Air für 29,90 Euro ohne Gepäck. Und unser Budget ist sehr eng, wir haben eine Zuwendung von 750.000 Euro. Davon kriegst du keine Stars, die Business Class fliegen wollen, nach Hamburg. Um das mal salopp zu sagen.

Hätten Sie gerne ein A-Festival?
Nein! Ein A-Festival in Deutschland reicht. Und dann ist auch das wieder eine Geldfrage. Ich glaube, die Berlinale hat eine Zuwendung von acht
Millionen Euro, das Jahresbudget liegt bei 24 Millionen. Das ganze Filmfest Hamburg kostet 1,1 Millionen. Wir reden da über völlig verschiedenen Ligen.

Trotzdem wäre es schön, wenn das Hamburger Filmfest mehr Aufmerksamkeit bekäme. Wie wollen Sie das erreichen?
Ich finde, in der Stadt haben wir mittlerweile einen gewissen Bekanntheitsgrad. Wir haben de facto überhaupt kein Marketing-Budget. Das Geld reicht aus, um ein anspruchsvolles Programm zusammenzustellen und die Gäste einzuladen – denn auch wenn das vielleicht nicht die ganz großen Stars sind, kostet das. Aber ohne Gäste kein Festival!

Wird Film von der Stadt zu wenig geschätzt?
Eine schwierige Frage. Ich würde behaupten, Hamburg hat einen eher konservativen Kulturgeschmack, man ist mehr auf die traditionellen
hohen Künste fixiert. Museum, Theater, Oper. Und vor allem legt die Stadt derzeit eine deutliche Priorität auf die Musik. Wir haben ja gerade die Elphi bekommen, die muss bekannt und gefüllt werden, das verstehe ich auch.

 

“Wir zeigen 130 Filme aus 59 Ländern. Letztes Jahr waren es noch 160, dieses Jahr mussten wir – mal wieder aus Geldgründen – reduzieren.”

 

Und bei den Bürgern?
Auch da gibt es meiner Meinung nach eine Präferenz für die klassischen Künste. Allerdings ist es aber auch eine Sache von Angebot und Nachfrage. Uns fehlen Kinos. Wir haben engagierte Stadtteilkinos, aber nur wenige echte Programmkinos. Zu wenige für eine Stadt mit knapp zwei Millionen Einwohnern. Ich wohne ja teilweise auch in Berlin, und wenn ich sehe, welche Filme da zu sehen sind, die hier nie herauskommen, dann blutet mir das Herz. Mich wundert, dass hier niemand ein zweites Abaton eröffnet.

Aber wäre das nicht Wahnsinn heutzutage, wo alle zu Hause sitzen und Serien gucken?
In Berlin machen immer wieder neue Kinos auf, und Berliner gucken ja auch Serien. Hier in Hamburg gab es in den vergangenen 20 Jahren dagegen ein massives Kinosterben. Warum? Wenn wir mehr Leinwände anbieten würden, dann würden auch mehr Leute ins Kino gehen, da bin ich mir sicher.

Haben wir trotzdem engagierte Filmemacher?
Ich finde, wir haben eine kleine, feine Filmszene. Es entstehen genügend spannende Sachen. Wir haben gute Leute, und denen versuchen wir mit dem Filmfest ein Forum zu bieten. Auch die Filmförderung pflegt sie, damit sie hierbleiben.

Dabei hat Maria Köpf, die Chefin der Filmförderung, doch erklärt, vermehrt große,internationale Produktionen fördern und nach Hamburg holen zu wollen. Der richtige Weg?
Ja, es ist gut, große Produktionen hierher zu holen. Schon allein wegen der Gewerke, die davon profitieren, denn große Produktionen
nutzen die Fazilitäten hier vor Ort. Von kleinen Independent-Produktionen könnendie Filmeditoren oder Kameramänner und -frauen oft nicht leben. Aber wir müssen selbstverständlich auch für die hiesige Branche sorgen. Das tut Maria Köpf auch.

Das heißt, Sie hatten eine tolle bunte Auswahl an lokal produzierten Filmen?
(Lacht) Wir hatten eine Auswahl. Aber was wir nicht haben, ist „Aus dem Nichts“ von Fatih Akin. Warner wollte den Film nicht bei uns zeigen.
Ich finde das sehr schade, wir haben bislang alle Filme von Fatih gezeigt, und er ist ja der Hamburger Filmemacher mit der größten   internationalen Strahlkraft. Aber damit muss ich leben. Davon abgesehen haben wir zwei große Hamburger Filme, „Es war einmal
Indianerland“ und „Simpel“, die in der Sektion „Kaleidoskop“ laufen. Und dann haben wir noch den Film von der HfbK-Absolventin Helena
Wittmann, „Drift“, sehr arty, sehr edgy Autorenkino, der war in Venedig in einer Nebensektion.

Was bekommen wir denn sonst so dieses Jahr zu sehen?
Wir zeigen 130 Filme aus 59 Ländern. Letztes Jahr waren es noch 160, dieses Jahr mussten wir – mal wieder aus Geldgründen – reduzieren.
Deshalb gibt es zwei Leinwände weniger. Von den 130 Filmen haben nur 34 bisher einen Verleiher, die anderen 96 werden wahrscheinlich nicht
in die deutschen Kinos kommen. 32 Filme sind Debüts und 18 Zweitlingsfilme. Diese Initialzündung für junge Filmemacher, die dadurch bekannter werden und vielleicht auch einen Verleih bekommen, ist für mich eine Hauptaufgabe eines Festivals.

Eröffnet wird das Filmfest mit „Lucky“. Machen Sie uns den doch mal schmackhaft.
Der Regisseur heißt John Carroll Lynch, ist aber weder verwandt noch verschwägert mit David Lynch. Nichtsdestotrotz ist es irgendwie eine Hommage an David Lynch, der auch selber in einer größeren Nebenrolle mitspielt, und „Lucky“ steckt voller Zitate an seine Filme. Mich hat der Film auch deshalb sehr berührt, weil er ein sehr liebevoller, teilweise auch sehr lustiger Film über das Sterben ist. Der Hauptdarsteller Harry
Dean Stanton war 91 Jahre alt, in Wirklichkeit und im Film, und er verabschiedet sich so langsam vom Leben. Am 15. September ist er gestorben,sodass „Lucky“ jetzt zu seinem Vermächtnis wurde, das bewegt mich sehr. Es schließt sich so auch ein Kreis: Stanton
war 1984 Hauptdarsteller in „Paris, Texas“ von Wim Wenders, und dieser bekommt nun den Douglas Sirk Preis. So etwas finde ich schön.

Deshalb haben Sie ihn aber nicht als Preisträger ausgewählt, oder?
Nein (lacht). Mit „Submergence“ bringt er nach seinen Dokumentarfilmen wieder einen tollen, neuen Spielfilm ins Kino. Und er hat es einfach verdient.

/ Interview: Maike Schade / FOTO: NFP MARKETING & DISTRIBUTION/FILMFEST HAMBURG / WOLFGANG SCHILDT / ALAMODE FILM

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