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Bäume für Panama: Von Hamburg in den Regenwald

Tania Eke und Niklas Veltmann forsten Teile des Regenwaldes in Panama auf. Dafür haben sie in Hamburg eine Genossenschaft gegründet

Interview: Karin Jirsak

 

SZENE Hamburg: Tania und Niklas, könnt ihr das Konzept vom Generationenwald ein bisschen erläutern?

Niklas: Bei The Generation Forest steht die Idee im Vordergrund, den natürlichen Regenwald zu imitieren, der sozusagen mehrere Stockwerke von Bäumen besitzt. In der ersten Generation pflanzt man spezielle Baumarten, die ein schützendes Dach bilden. Darunter wird dann die zweite Generation gepflanzt – und so geht es immer weiter.

In Panama gibt es circa 1.600 Baumarten. Die können wir nicht alle pflanzen, aber wir haben inzwischen ein Portfolio mit 25 verschiedenen Baumarten. Das sollen natürlich noch mehr werden, aber das braucht Zeit.

Tania: Auf der einen Seite pflanzen wir neue Wälder. Aber wir versuchen auch, so viel Naturwald zu erhalten wie möglich, auch wenn es „nur“ Gebüsch ist. Dort, wo noch Bäume und Vegetation vorhanden sind, unterstützen wir auch die natürliche Rege­neration.

Welcher Gedanke stand da­hinter, das Projekt als Ham­burger Genossenschaft aufzuziehen?

Niklas: Viele unserer Gründungsmitglieder kommen aus Hamburg. Da lag es nahe, dass wir auch hier gründen. Wir als Projekt haben damals im Hamburger Social Impact Lab, einem Gründungsinkubator für Sozial­unternehmen, ein Stipen­dium gewonnen. Außerdem ist Hamburg als weltoffene Stadt sehr sympathisch und der Bezug zum Hafen verbindet uns mit unseren Projekten in Panama.

 

„Der Wald gehört allen“

 

Tania: Als Fundament für den Generationenwald brauchten wir ein Konzept, das die zentralen Werte, die dahinterstehen, dauerhaft absichert: Schutz und Lang­fristigkeit. Mitglieder der Genossenschaft können zwar ein­ und aussteigen, aber die Idee muss bestehen bleiben. Der Wald gehört allen, nicht nur einem Unternehmen oder einer Person, die einfach entscheiden kann, dass dort ein Golfplatz hingebaut wird. Das Projekt soll für so viele Menschen, wie möglich zugänglich sein und sie ge­gen einen geringen finanziellen Beitrag dazu einladen, ein Teil dieser globalen Idee zu werden.

Niklas: Bei der Wahl der Rechtsform war es uns wichtig, ein Gleichgewicht zu schaffen zwischen ökolo­gischen, ökonomischen und sozialen Ansprüchen. Das auszubalancieren ist die primäre Aufgabe des Generationenwaldkonzepts, und das funktioniert nur, weil wir nicht nach Gewinnmaximierung streben.

Deshalb geht es uns vor allem darum, Menschen zu überzeugen, die Lust haben, Wälder zu pflanzen und für die finanzielle Ge­winne nicht im Mittelpunkt stehen.

Seit wann besteht die Genos­senschaft und wie viele Mit­glieder hat sie?

Niklas: Die Genossen­schaft gibt es seit Anfang 2017. Seitdem haben sich uns über 550 Mitglieder angeschlossen.

Starker Zuwachs …

Niklas: Ja, das zuneh­mende Bewusstsein für den Klimawandel ist natürlich eine große Motivation. Viele Menschen denken sich: Ich kann mich vegetarisch er­nähren oder versuchen, das Fliegen zu vermeiden – aber das fühlt sich manchmal eben klein an. Unser Generationen­wald ist ein Angebot für die Menschen, die ganz konkret etwas tun wollen – über den Verzicht hinaus.

Wie seid Ihr zu The Genera­tion Forest gekommen?

Tania: Es ist einfach pas­siert (lacht). Ich bin die Tochter von Andreas Eke und Iliana Armien, den Gründern von Futuro Forestal, der panamaische Forstbetrieb, der auch das Forstkonzept des Generationenwaldes entwi­ckelt hat.

Ich bin in Panama aufgewachsen und vor fünf Jahren nach Hamburg gekom­men. Seit einem Jahr arbeite ich für The Generation Forest und koordiniere zwischen den Mitarbeitern in Panama und Deutschland und schlage eine organisatorische und kulturelle Brücke. Außer­dem bin ich bundesweit viel auf Messen und Konferenzen unterwegs und halte Präsen­tationen über den Genera­tionenwald.

Niklas: Ich habe Umwelt­wissenschaften an der Leu­phana Universität in Lüne­burg studiert und als Werk­student bei der Genossen­schaft angefangen. Durch Ta­nia und die Besuche bei ihrer Familie habe ich Panama ken­nengelernt.

Als ich das erste Mal mit Tanias Mutter durch den Wald gegangen bin, habe ich alles, was sie mir darüber erzählt hat, wie ein Schwamm aufgesogen und war total begeistert davon, was Futuro Forestal da schafft.

Seid Ihr auch selbst vor Ort und pflanzt Bäume?

Tania: Nein, das wäre nicht ökologisch sinnvoll, im­mer hin-­ und herzufliegen. Unsere Partner vor Ort, Futuro Forestal, pflanzen seit 25 Jahren nachhaltige Wäl­der und realisieren auch unsere Aufforstungsprojekte in Panama. Wir arbeiten haupt­sächlich hier in Deutschland und versuchen, unsere Vision bekannter zu machen, Men­schen davon zu überzeugen, und sie dazu zu bewegen, Mitglieder zu werden.

 

„Bewusstsein für die negativen Ursachen der Entwaldung entwickeln“

 

Wer arbeitet für Futuro Forestal und pflanzt die Bäume?

Niklas: Das sind vor allem Menschen aus ländlichen Gebieten, aus bildungsfernen Schichten, oft ohne Schul­abschluss und Ausbildung. 60 Prozent stammen aus verschiedenen indigenen Gemeinschaften. Man muss dazu wissen, dass gerade die Land­arbeiter in Panama normaler­weise sozial sehr schlecht gestellt sind.

Tania: Faire Arbeit ist ein zentraler Baustein des Projekts. Wir versuchen, so viel Stabilität wie möglich zu schaffen. Einiges konnten wir schon erreichen: Wir bieten sozialversicherte Jobs, Aus-­ und Weiterbildungsförde­rung und bessere Löhne als viele andere in der Landwirtschafts­- und Forstbranche in Panama. Es gibt aber noch viel zu tun. Bildungsförderung ist für uns ein wichtiges The­ma. Viele Mitarbeiter haben die Schule nur bis zur dritten Klasse besucht.

Inwieweit wirkt sich euer Projekt auch positiv auf die Artenvielfalt aus?

Tania: Die Habitate bestimmter Tierarten werden wiederhergestellt und durch Vernetzung der einzelnen Aufforstungsgebiete erweitert. Vor ungefähr vier Wo­chen haben wir zum Beispiel Pfotenabdrücke von einem Jaguar gefunden, für den durch die Aufforstung wieder ein sicheres Habitat geschaffen wurde. Das war auf jeden Fall ein ganz großer Erfolg.

Plant ihr, ähnliche Projekte auch in anderen Ländern zu starten?

Niklas: Unser gesetztes Ziel ist, in den nächsten drei Jahren 1.000 Hektar in Pana­ma zu bepflanzen, und dann in andere Länder zu gehen. Gleichzeitig wollen wir an­dere inspirieren, ihre eigenen Generationenwaldprojekte umzusetzen. Wir hatten zum Beispiel schon Anfragen aus Kenia und dem Sudan, wo Menschen ihre eigenen Gene­rationenwaldprojekte umset­zen wollten.

Stoßt ihr mit eurer Arbeit auch auf Widerstände?

Niklas: Die letzten Regie­rungen in Panama haben Aufforstungsprojekte zum Glück unterstützt und diese teils auch gefördert. Panama hat auch ein ökonomisches Interesse an Aufforstungs­projekten, denn die Wälder stabilisieren den Wasserhaus­halt für den Panama­-Kanal.

Tania: In manchen Regio­nen merken die Menschen mittlerweile auch, dass es in der Trockenzeit kein Wasser mehr gibt. Das Bewusstsein für die negativen Ursachen der Entwaldung entwickelt sich mehr und mehr, daher stoßen wir allgemein auf we­nig Widerstand.

Niklas: Vielleicht würde ich eine Frage stellen, die auch Viktor Orbán mal im EU­ Parlament gestellt wurde: Wie möchten Sie in Erinnerung bleiben?

thegenerationforest.com


Szene-Oktober-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Oktober 2019. Titelthema: Neu in Hamburg. Das Magazin ist seit dem 28. September 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Der Hundertjährige Wilhelm Simonsohn

Es war ein aufregender Sommer für Wilhelm Simonsohn. Er bekam für seinen Einsatz als Zeitzeuge an Schulen das Bundesverdienstkreuz, nahm an einer Fridays-for-Future-Demo teil und wurde am 9. September 100 Jahre alt. Ein Gespräch über die Geschwister Scholl, die Sahara und einen Brief an Angela Merkel

Interview: Matthias Greulich
Foto: Jakob Börner

 

SZENE HAMBURG: Herr Simonsohn, vor einigen Wochen waren Sie auf Ihrer ersten Fridays-for-Future-Demonstration. Wie war’s?

Ganz wunderbar. Ich war mit meinen Töchtern, einem Enkel und zwei Urenkeln demonstrieren. Es war ein seltenes Bild, wie wir mit vier Generationen auf dem Hamburger Rathausmarkt saßen.

Mussten Sie lange überredet werden?

Absolut nicht. Fridays for Future ist ein Tritt in den Hintern unserer etablierten Parteien. Wir nehmen unsere Ressourcen stärker in Anspruch als es unsere Welt verkraften kann. Dabei gibt es Möglichkeiten, ohne fossile Brennstoffe auszukommen.

Mein Steckenpferd ist die Technologie Thermischer Solarkraftanlagen, um den steigenden Energiebedarf decken zu können. 1982 war ich mit meiner 2005 verstorbenen Ehefrau Liesel zum ersten Mal mit unserem Reisemobil zwischen Tunis und Agadir unterwegs. Als Saharafahrer habe ich erfahren, wie stark die Kraft der Sonne dort ist. Technisch ist das heute längst möglich und ich wünsche mir sehr, dass meine Enkel es bald erleben.

In Ihrem Buch „Ein Leben zwischen Krieg und Frieden“ ist ein Brief abgedruckt, den Sie an Frau Merkel geschrieben haben.

Zehn Jahre ist das jetzt her. Ich bat die Bundeskanzlerin darin, sich politisch für den Bau von Solarkraftwerken in der Sahara einzusetzen. Zur Beantwortung des Briefes ist Frau Merkel bisher leider noch nicht gekommen.

Sie sind durch eine Augenkrankheit fast erblindet und können keine Bücher und Zeitungen mehr lesen. Wie informieren Sie sich?

Mein Leib-und-Magen-Sender ist Phoenix. Ich verfolge fast jede Debatte aus dem Parlament, auch wenn der Bundestag nicht mehr das Niveau und den Esprit wie zu Zeiten eines Herbert Wehner hat.

Außerdem bringt mir ein ehrenamtlicher Bücherbote, er ist pensionierter Richter, regelmäßig Hörbücher aus der Bücherhalle vorbei. Das alles ist meine geistige Nahrung.

 

„Ich wurde als „Judenlümmel“ beschimpft“

 

Mit 100 Jahren besuchen Sie immer noch Schulen, um als Zeitzeuge aus Ihrem Leben zu berichten. Was sagen Sie den Schülern?

Wenn ich beispielsweise die Geschwister-Scholl-Stadtteilschule am Osdorfer Born besuche lautet mein Einleitungssatz: „Ich hatte nicht das Format der Geschwister Scholl, deshalb sitze ich hier vor Ihnen.“ Hans Scholl ist mein Jahrgang, Sophie Scholl war drei Jahre jünger. Vier Tage nachdem sie beim Auslegen von Flugblättern vom Hausmeister der Münchner Universität entdeckt worden waren, wurden sie verurteilt und getötet.

Ich rede in den Schulen von Europa. Dass ich in Sorge bin, dass unser Europa wieder Schlagseite kriegt. Dank dieses Europas leben wir seit 74 Jahren in Frieden. Es scheint für die jungen Menschen nicht alltäglich zu sein, dass ein Hundertjähriger vor ihnen steht. Aber ich langweile Sie doch nicht?

Absolut nicht. Als Sie so alt waren wie die Schüler, die Sie heute besuchen, sind Sie aus der Marine-Hitlerjugend ausgetreten.

Noch heute versetzt es mich in Erstaunen, dass ich als 15-Jähriger so handelte. Mein Vater war zur See gefahren und hatte die Begeisterung für alles Maritime in mir gefördert. Er dachte deutschnational, war Teilnehmer des Ersten Weltkriegs und ein überassimilierter Jude. Bei der Marine-Hitlerjugend wurde ich als „Judenlümmel“ beschimpft und wusste nicht, was los war.

Erst dann erfuhr ich, dass ich adoptiert und mein Vater Jude war. Er sagte immer: „Man weiß doch wie ich denke. Man wird mich nicht holen.“ Dann haben sie ihn im November 1938 abgeholt. Als er aus dem KZ Sachsenhausen zurückkam, war er ein gebrochener Mann. Er starb im November 1939 an den Folgen der Haft.

Zu diesem Zeitpunkt waren Sie bereits Wehrmachtssoldat und kämpften im Zweiten Weltkrieg.

Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen am 29. September 1939 in einem Motorrad mit Beiwagen ins zerstörte Warschau zu fahren. Der penetrante Geruch der menschlichen Leichen und der Kadavergeruch der Pferde haben mir das Elend eines Krieges erst so richtig ins Bewusstsein gebracht. Ich fühlte mich auf einen Schlag zehn Jahre älter und habe mir geschworen, niemals Bomben auf menschliche Siedlungen zu werfen.

 

„Durch meine Erlebnisse bei der Luftwaffe wurde ich zum Pazifisten“

 

Das konnte ich einhalten, weil wir nach der Pilotenausbildung als wertvolles menschliches Humankapital ein wenig mitbestimmen konnten, wo wir eingesetzt werden sollten. Ich wurde Nachtjäger, mit der etwas naiven Vorstellung, die Bombenangriffe auf deutsche Städte verhindern zu können.

Ich wurde zweimal abgeschossen. Drei weitere Male hielt der liebe Gott bei Bruchlandungen seinen Daumen zwischen Leben und Tod. Durch meine Erlebnisse bei der Luftwaffe wurde ich zum Pazifisten. Je stärker der zeitliche Abstand und der Abstand zu mir selbst wird, desto stärker wird diese Einstellung.

Für Ihren unermüdlichen Einsatz für die Demokratie haben Sie im August das Bundesverdienstkreuz bekommen.

Es war eine sehr schöne Veranstaltung im Turmzimmer des Rathauses. Schulsenator Ties Rabe hat eine mitfühlende Rede gehalten. Er vergaß auch nicht, von einer Begegnung nach einem Schulbesuch zu berichten.

Was war passiert?

Ich bin mittlerweile geschrumpfte 1,80 Meter groß. Eine mit 15 Jahren ähnlich große Schülerin kam zu mir und sagte: „So einem Menschen wie Ihnen bin ich noch nie begegnet.“ Es sind diese kleinen Glücksgefühle, die mein Leben noch lebenswert machen.


Szene-Oktober-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Oktober 2019. Titelthema: Neu in Hamburg. Das Magazin ist seit dem 28. September 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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