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„Breaking Waves“ – die Elbphilharmonie leuchtet

Schon im Januar feierte die Elbphilharmonie ihren fünften Geburtstag, jetzt kommt mit der Lichtinstallation „Breaking Waves“ des Studio Drift das große Finale

Text: Felix Willeke

Vom 28. April bis 1. Mai 2022 erleuchtet das Künstlerduo Studio Drift an jedem Abend mit „Breaking Waves“ die Elbphilharmonie. Seit Januar sind die extra für den fünften Geburtstag des Konzerthauses angefertigten Installationen schon im Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen. Jetzt bringt das Duo sie direkt zur Elbphilharmonie. An vier Abenden im April und Mai tanzen Hunderte Drohnen um das Konzerthaus und erzeugen ein Wellenspiel aus Licht. Begleitet wird der Tanz vom Zweiten Satz des Klavierkonzertes von Thomas Adès, das bereits zum Geburtstag am 11. Januar zu hören war. 

Ein Wellenspiel an der Elbphilharmonie als Geschenk

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Vertrag verlängert: Christoph Lieben-Seutter, bleibt Intendant der Elbphilharmonie (Foto: Thomas Leidig)

„Breaking Waves“ heißt die Installation und kann an jedem der Abende aus den an die Westspitze der Elphi angrenzenden Hafengebieten bestaunt werden. Während der Vorführung ist die Außenplaza für Besucher:innen gesperrt. Gerade deswegen lohnt ein Blick aus der Ferne. Die Musik zur Show kann parallel unter elphilharmonie.de abgerufen werden. „Wir möchten die Wunder darstellen, die uns in der Natur umgeben“, sagt Leonneke Gordijn. Sie bildet zusammen mit Ralph Nauta das Duo Studio Drift. „Breaking Waves ist unser Geburtstagsgeschenk an die Hamburger:innen“, ergänzt Intendant Christoph Lieben-Seutter, der außerdem gerade seinen Vertrag vorzeitig bis 2029 verlängert hat. 

Seit 2007 leitet Lieben-Seutter die Elbphilharmonie. In Wien geboren, war er zuvor Chef des dortigen Konzerthauses. „Die ersten fünf Jahre der Elbphilharmonie waren eine unglaubliche Reise“, bilanziert er und freut sich dank der Verlängerung „das Profil von Elbphilharmonie und Leaiszahle noch weiter zu schärfen.“ „Dank seiner klugen Programmplanung wird Hamburg weltweit als musikalische Top-Adresse wahrgenommen und ist regelmäßig Ziel für die besten Künstlerinnen und Künstler und Orchester der Welt“, sagt Kultursenator Carsten Brosda und zeigt sich ebenfalls erfreut über die Verlängerung des Vertrages.

„Breaking Waves“ an der Elbphilharmonie 
28. April 2022 um 23 Uhr & 29. April bis 1. Mai 2022 um 22:30 Uhr


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Kunstverein Hamburg: Lümmelnd lauschen

Die Videos des Thailänders Korakrit Arunanondchai führen in eine laute, bunte, mystische Welt des Werdens und Vergehens

Text: Karin Schulze

 

Leben oder Tod? Korakrit Arunanondchai stellt einen vor die Wahl. Zuerst gerät man in ein halbdunkles Zwischenreich: In der Ausstellungshalle wabern Nebel um Erdhügel, Grabsteine und brennende Kerzen. Rings umher leuchten meeresartig blaugrüne Gemälde, eine Wand ist von Schlick und Muscheln bedeckt. Wer genau hinsieht, entdeckt einen toten Vogel, skelettierte Hände oder einen Plüschhasen.

Dann muss man sich entscheiden. In welche Videoinstallation zuerst: Songs for dying oder Songs for living? Wendet man sich dem Sterben zu, dann sieht man Bilder, mit denen der Künstler den Tod seines Großvaters betrauert: wie er mit dem geliebten, schon gebrechlichen Ahn am Strand entlanggeht, wie er dem sterbenden Alten die Hand hält. Dazu mischt Arunanondchai zu prasselnden Elektrobeats Aufnahmen von Trauerritualen, die an den Kreislauf alles Irdischen denken lassen, aber auch Dokubilder von den prodemokratischen Protesten in Thailand.

Haben die Songs für dying einen eher lichten, befreienden Gestus, sind die Songs for living, denen man auf weichen Kissen lümmelnd lauschen kann, überraschenderweise düster angelegt: Während New York aus dem pandemischen Koma erwacht, gleiten mit schwarzen Schwingen geflügelte Mythenwesen durch die Straßen, umtanzen barbrüstige Menschen ekstatisch ein Feuer und geisterhaften Gestalten quillt eine schwarzrot glänzende Masse aus dem Mund.

Der in New York lebende Thailänder, der bereits bei der Venedig Biennale oder im MoMa ausstellte, erweitert persönliche Erfahrungen um historische Bezüge, östliche Mythologien und Momente westlicher Philosophie. Im Kunstverein verknüpft Arunanondchai die Motive von Leben und Tod: Die Dying-Arbeit ist lebensbejahend und das Living-Video abgründig angelegt. Transformation steht zentral – in Gestalt von Auflösungs- und Zersetzungsprozessen, die eben erloschenes Leben zum Stoff für neues werden lassen. Während die Filme mit ihrer mal sanften, mal peitschend schnellen Abfolge von Texten, Bildern und Klängen berühren, ohne sentimental zu werden, wirkt die friedhofsartige Zwischeninstallation etwas gefühlig und manchmal etwas ungewollt komisch.

Korakrit Arunanondchai: Songs for dying / Songs for living, bis 20.2., Kunstverein


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2022. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Deichtorhallen: Nie mehr ganz runterkommen!

Hochfliegend und doch „down to earth“: das Weltraum-Basislager des Tom Sachs in der Halle für aktuelle Kunst in den Deichtorhallen

Text: Karin Schulze

 

Der Einstieg in die fantastische Welt des Tom Sachs könnte gut zu Hause beginnen. Mit dem Gucken von „Ten Bullets“ – etwa auf Youtube. Wer den Film über die so lebensklugen wie abgedrehten Regeln für das Arbeiten im Studio des Künstlers mag, dem wird auch dessen detailreiche, vielschichtige und amüsante Ausstellung in den Deichtorhallen gefallen. Dort glaubt man sich in einen überdachten Weltraumbahnhof versetzt. Sachs’ Apparaturen formieren ein skurriles Narrativ: Eine Expedition bricht auf zum Asteroiden Vesta, um dort seltene Erden für die Handy-Produktion zu gewinnen, stößt dort aber auf einen Haufen Handyschrott. Davon künden ein sieben Meter hohes Landemodul, ein Kontrollzentrum mit zahllosen Bildschirmen und eine Tribüne mit „NASA“-Klappstühlen, die für Sachs’ Allzeit-Traum-Team reserviert sind: In der ersten Reihe würde die Bildhauerin Eva Hesse (1936–1970) sitzen – neben dem altägyptischen König Ramses.

 

Eine Welt aus Sperrholz, Heißkleber und mehr

 

Aber auch wer im „Indoktrinationszentrum“ Schrauben sortiert, kann Teil der Weltraummission werden und sich in einer MRT-artigen Apparatur den Geist vom Körper befreien lassen. Daneben eine dunkle Kammer. Hier kann man dem Golden Idol Reverenz erweisen, das der „Star Wars“-Figur Yoda ähnelt. Es soll aus dem Edelmetall bestehen, das aus den im Vesta-Boden entdeckten Handys extrahiert wurde.

Tom Sachs: Space Program Mars – Park Avenue Armory, New York, 2012 (Foto: Genevieve Hanson © Tom Sachs)

Tom Sachs: Space Program Mars – Park Avenue Armory, New York, 2012 (Foto: Genevieve Hanson © Tom Sachs)

Die wundersamen Apparaturen wurden von Sachs’ vielköpfigem Team in Downtown Manhattan zusammengeschraubt. Mit Sperrholz, Heißkleber, viel weißer und wenig bunter Farbe und einer Bricolage-Ästhetik, die das Gemachte offenlegt und dem Umschlag von Low und High als Ironie-Signal nützt: Eine Rakete ist zusammengesetzt aus Klopapier-Rollen. Ein aufklappbarer Werkstatt-Arbeitsplatz gleicht einem Flügelaltar. Und ein blühender japanischer Kirschbaum besteht aus Wattestäbchen, Tampons und Zahnbürsten. Dabei verschmilzt ein blasses Farbspektrum die Sachs’sche NASA-Variante mit dem weit gespannten, himmelartigen, Dach der Deichtorhallen-Architektur und lässt die Weltraum-Ambitionen versponnen aussehen, vielleicht schon ein wenig gestrig – vergeblich, aber schön.

Die ganze Installation ist durchwoben von Sachs’ fiktiver Privatmythologie. In ihr mischen sich abstruse und satirische Fiktionen mit berührender Lebensklugheit und wahnsinnig komischer Selbstironie, während allerhand Gegenwartstopoi gründlich durchgehäckselt werden: Technik- und Wissenschaftsbegeisterung, Medienskepsis, ökologische Fürsorge für den Heimatplaneten Erde, Expanisionskritik, die katholische Transsubstantiationslehre und DIY-Bastelei als Ermächtigungsstrategie.

 

Vieldeutigkeit und Ambivalenzen

 

Tom Sachs fasziniert mit seiner Installation „Tom Sachs: Space Program – Rare Earths “ in den Deichtorhallen (Foto: Julia Steinigeweg)

Tom Sachs fasziniert mit seiner Installation „Tom Sachs: Space Program – Rare Earths “ in den Deichtorhallen (Foto: Julia Steinigeweg)

Man kann aber auch fragen: Eine Hommage an die NASA-Weltraumeroberungspläne und dazu die Sorge um das Überleben des Planeten Erde – widerspricht sich das nicht grundlegend? Und mündet nicht zugleich die ganze Bastelarie – wie jedes großangelegte US-Entertainment-Business – in ein kommerzielles Merchandising, das auf der KünstlerWebsite Krawatten-Clips, die Lunar Excursion Module Lamp oder die (ausverkauften) NIKECraft Overshoes vertickt? Auf jeden Fall ist Sachs ein Bildhauer, der Vieldeutigkeit und Ambivalenzen skulptural zu inszenieren weiß. Das verrät schon der Titel der Ausstellung: Space Program: Rare Earths. Der „space“ ist sowohl der Weltraum wie der Raum den der Bildhauer gestaltet. Und in den „rare earths“ stecken sowohl die „seltenen Erden“ als auch der Verweis auf die planetarische Unwahrscheinlichkeit, Seltenheit und Schutzbedürftigkeit des Lebensraums Erde. Wer schauen und entdecken, aber auch abwägen und in kritische Distanz gehen will, wird viel Freude haben. Also: Einchecken, hochfliegen und vielleicht nie mehr ganz runterkommen!

Tom Sachs: Space Program – Rare Earths (Seltene Erden), Deichtorhallen, bis 10. April 2022


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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ART OFF Hamburg: Rundgang OST

Der ART OFF Kultursommer beginnt mit Kunst-Spaziergängen im Hamburger Osten. Kunstwege verbinden zahlreiche Veranstaltungen, die im Umfeld der teilnehmenden Kunsträume und im Freien stattfinden. Sie führen durch Wandsbek, St. Georg, Rothenburgsort und Hammerbrook

Text: Isabel Rauhut
Fotos: Andreas Hornoff

 

Kunstaktionen in Eilbek, St. Georg, Münzviertel, Hammerbrook und Rothenburgsort bilden den Inhalt eines Kunstweges, den man sich selbst zusammenstellen kann. Der Kunstweg OST, der vom 30. Juli bis 1. August abzuspazieren ist, führt zum Schimmelmann-Mausoleum und zu mehr als 40 Ausstellungen, Aktionen und Schaufensterperformances. Von künstlerischen Spurensicherungen wird zu Art & Crime-Führungen flankiert.

In der Akademie der Künste wird der Einstellungsraum aus Wandsbek sein 20-jähriges Jubiläum feiern, in der Fabrik der Künste ist der Berufsverband Bildender Künstler mit seinen „Positionen“ zu Gast. Und wer sich beim Gehen begleiten lassen möchte, kann dies mit dem gleichnamigen Podcast der noroomgallery tun.

 

Hier ein paar Impressionen des Walks:

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Im Licht Afrikas: Filme und Installationen von Karimah Ashadu

Die Filme und Installationen der britisch-nigerianischen Künstlerin führen in die Welt hinaus – und in die Billstraße in Rothenburgsort. Wir haben sie in ihrem Hamburger Atelier getroffen

Text & Interview: Karin Schulze

 

Weil sie keinen Topf zur Hand hat, erhitzt Karimah Ashadu beim Interview in ihrem Ham­burger Atelier die Kaffeemilch kurzerhand in einer kleinen Pfanne. Kein Wunder eigentlich. Schließlich geht es auch in den Arbei­ten der Künstlerin um Möglichkeiten, um Selbstorganisation und um kreative Ansät­ze, die Widrigkeiten des Lebens zu meistern.

Im Zentrum ihrer äußerst reflektiert installierten Filme stehen die Bedingun­gen von Arbeit in Nigeria und Westafri­ka. Ihr Film „Brown Goods“, der mit Un­terstützung der Filmförderung Hamburg Schleswig­-Holstein entstand, lässt den Betrachter tief eintauchen in die Beziehungen zwischen einer Hamburger Straße und Nigeria. Neben etlichen Preisen wie dem ars viva 2020, erhielt Ashadu das Reisestipendium von Neue Kunst in Hamburg. Das MoMA hat vier ihrer Werke an­gekauft, und 2021 stellt sie in der Wiener Secession aus.

 

SZENE HAMBURG: Als ich im Kunstverein die ersten Bilder von „Brown Goods“ sah, war ich sofort total gebannt. Wie sind Sie auf die Billstraße und den Protagonisten gestoßen, der von seiner Herkunft und den Bedingungen seines deutsch-nigerianischen Import-Export-Handels erzählt?

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Die Künstlerin Karimah Ashadu, die gerade ein Atelier in der Frise hat (Foto: Medina Dugger)

Karimah Ashadu: Auf einer Zug­fahrt fiel mir kurz vor dem Hauptbahn­hof ein interessant aussehendes Gewerbegebiet auf. So kam ich auf die Bill­straße und die vielen afrikanischen und anderen Migranten, die dort Altwaren­handel betreiben. Ich habe wochenlang mit ihnen geredet und wollte eigent­lich vier Leute ihre Geschichte erzählen lassen. Weil ich mich aber parallel um die Finanzierung kümmern musste, verging viel Zeit. Am Ende wollten drei nicht mehr mitmachen. So blieb nur Emeka.

Letztlich ein glücklicher Zufall, oder?

Es war Glück im Unglück. Emekas Geschichte ist so stark, dass sie unbedingt allein stehen kann. Manchmal mische ich dokumentarische und fiktionale Anteile. Nicht so bei „Brown Goods“. Um den Film aber nicht zu direkt, zu didaktisch werden zu lassen, habe ich versucht, seine Worte nicht zu bebildern, sondern eine symbolische Ebene ins Spiel zu bringen.

Wie hat Emeka auf die Arbeit reagiert?

Ich habe ihn zur Ausstellungser­öffnung eingeladen, aber er ist nicht gekommen. Doch wie so viele afrika­nische Immigranten ist er ein gebildeter Mann und als ich ihn einmal fragte, warum er so offen zu mir sei, war seine Antwort: Er vertraue mir und außer­dem sei es wichtig, dass ich als Künstlerin – ähnlich einer Journalistin – sei­ne Geschichte erzähle, damit sie in der Welt ist.

Sie zeigen zum Film Skulpturen aus Bestandteilen alter Autos, die wie flirrende Schmetterlinge auf der weißen Wand sitzen.

Für mich sind diese Objekte eine Erweiterung des Films: eine Geste, die von seinen Bildern inspiriert ist. Eine Windschutzscheibe etwa sieht im Kunstkontext nicht mehr wie das Fen­ster eines Autos aus – zumindest wenn die Installation die Leichtigkeit des Glases betont und Verdoppelung sowie Symmetrie ins Spiel bringt.

Die Skulpturen wirken schlicht und elegant, aber sie nehmen sich nicht zu ernst. Denn die Wertsteigerung durch den Kunst­ kontext spiegelt die andere Aufwertung, die der „Schrott“ erfährt, den Emeka nach Nigeria exportiert.

Die Skulpturen erweitern aber auch den Raum des Films in den des Betrachters.

Genau. Meine Arbeiten besetzen öf­ter den Raum zwischen dem Betrachter und dem Objekt, den viele gar nicht wahrnehmen. Aber vor allem nutze ich den Raum vor der Kamera. Ich habe zusätzlich zum Bachelor in bildender Kunst am Chelsea College of Art and Design den Master in räumlicher Gestaltung gemacht. Damals habe ich mit Filmen begonnen, in denen die Räumlichkeit eine besondere Rolle spielt.

Ihr Film „Makoko Sawmill“ zeigt Menschen, die in einer Pfahlbauten-Siedlung in der Lagune von Lagos von Holzverarbeitung leben und arbeiten. In den gefilmten Raum schieben sich dabei rätselhafte blaue Balken. Warum?

Schon vor den Aufnahmen wusste ich: Ich brauche Stäbe, die ein ganz bestimmtes Blau haben müssen.

Ein Blau, das dort vor Ort nicht vorkommt?

Vielleicht. Manchmal sind solche Ideen rein intuitiv. Ich habe ein Stativ gebaut, auf dem sich diese Stäbe von links nach rechts bewegen können. Und die Kamera sitzt zwischen ihnen. So laufen die Balken durch das Bild, als versuchten sie zu verstehen, was sich in Makoko abspielt.

 

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Karimah Ashadu: „Destiny“, Filmstill, 2020

 

In „Destiny“ ist die Hauptfigur ein selbstständiger Sägeblattschleifer. Es geht bei Ihren Arbeiten oft um Autonomie und Selbstorganisation. Sie untersuchen die soziopolitischen Bedingungen von Arbeit also eher unter dem Aspekt der Möglichkeit als dem der Kritik.

Unbedingt. Es geht um Menschen oder Gemeinschaften, die ohne staatliche Unterstützung selbständig arbeiten und ihren Weg finden. Es geht um den Spirit, den wir brauchen, um zu über­leben und ein Gewerbe zu betreiben, das an die Kinder weitergegeben wer­den kann.

Es geht um diese Art von Arbeit speziell in einem sich schnell ent­wickelnden Land wie Nigeria. Immer wenn ich dort bin, sehe ich neue Wege, auf denen sich die Menschen zu emanzipieren suchen – und das auch vor dem Hintergrund der Kolonialgeschichte.

Letztere berührt auch das Projekt, das Sie mithilfe des Reisestipendiums von Neue Kunst in Hamburg unternehmen?

Genau. Auf meiner nächsten Reise nach Nigeria besuche ich das Jos Pla­teau, wo früher in großem Maßstab Zinn abgebaut wurde. Als sich die Re­gierung und die Briten zurückzogen, konnten die Menschen die Maschinen nicht erhalten. Aber weil sie Geld ver­ dienen mussten, haben sie einfach wei­ ter gemacht. Dabei haben sie das Ökosystem zerstört. Und es gab Tote. Ich möchte sehen, was dort heute passiert.

 

„Für mich steckt das Schöne im All­täglichsten“

 

Sie planen aber auch einen Spielfilm?

Die Idee dafür habe ich schon seit vier Jahren. Ich möchte im Senegal dre­hen. Es geht um einen jungen Mann, der dort an der Küste arbeitet. Es soll ein experimenteller Film werden, bei dem sich Dokumentation und Fikti­on mischen.

Das Drehbuch werde ich voraussichtlich ab September in Paris schreiben – im Rahmen eines Stipen­diums des Columbia Institute for Ideas & Imagination. Danach geht es an die Finanzierung. Das heißt: Leute finden, die verstehen, was ich bisher gemacht habe und was ich machen könnte, wenn ich die Mittel hätte.

Ihre Bildwelten sind auffällig schön. Welche Rolle spielt Schönheit?

Für mich steckt das Schöne im All­täglichsten: Dieses unglaublich inten­sive Sonnenlicht etwa, das sich in Län­dern wie Nigeria über alles legt. Es kann aber auch die Hand eines Mannes sein, der viel arbeitet – wie in „Power Man“. Ich denke zuerst an das Material, mit dem ich arbeiten will, ich respektiere dann seine Form, daraus ergibt sich manchmal Schönheit.

Ihre Protagonisten sind meistens Männer. Warum?

In „Red Gold“ kommen auch Frauen vor. Aber es stimmt schon. Viel­leicht liegt es daran, dass ich das Bild der nigerianischen Gesellschaft wieder­ geben möchte, und die ist stark patriar­chalisch.

Gibt es eine Institution in Nigeria, in der Sie Ihre Arbeiten schon gezeigt haben oder zeigen möchten?

Bisher nicht. Für mich ist der Kon­text der Kunstgeschichte wichtig, damit meine Arbeiten so gesehen werden, wie ich es richtig finde. Die Kunstszene in Nigeria ist noch sehr jung. Für Malerei und Zeichnung gibt es eine lange Vor­geschichte, nicht aber für neue Medien und Bewegtbilder.

Eigentlich sollten Karimah Ashadus Arbeiten Brown Goods, Destiny und Power Man noch bis zum 17.5. in der Ausstellung ars viva 20 im Kunst- verein zu sehen sein. Aufgrund der Covid-19-Pandemie ist das Ausstel- lungshaus jedoch für unbestimmte Zeit geschlossen


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2020. Das Magazin ist seit dem 28. März 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Kurzfilm Festival Hamburg 2019: Weniger ist mehr

Das Kurzfilm Festival Hamburg hat eine neue Künstlerische Leiterin. Was bleibt: aufregende Filmkunst im extremen Destillat. Doch was ist neu?

Text: Maike Schade

Radikaler. Kontroverser. Streitbarer, ausschweifender und bunter. So soll das Kurzfilmfestival in diesem Jahr werden. Es weht frischer Wind durch die Filmrollen, denn Ex-„Berlinale Shorts“-Chefin Maike Mia Höhne hat in diesem Jahr das Zepter übernommen. Die Scheinwerfer aufgeblendet, das Konzept unter die Lupe genommen – und Bewährtes behalten, einiges entstaubt und manches auch umgestaltet. Das Motto: Weniger ist mehr. Das „International“ im Namen wurde gestrichen. Und es wird nur noch drei statt bisher fünf Wettbewerbe geben.

„Was wir brauchen, sind nicht mehr Preise, sondern mehr Diskurs“, erklärt die neue Künstlerische Leiterin. Und den gibt es nun, vor allem im neuen Format „Labor der Gegenwart“. Dahinter verbergen sich fünf Sonderprogramme; bei dreien wird im Anschluss an das Screening mit Gästen in einem Forum diskutiert.

 

„Wir müssen viel mehr feiern“

 

Der Hamburger Wettbewerb ging im Deutschen auf – was auch den Filmemachern zugutekommt, da ihre Arbeiten mehr Relevanz erhalten und zugleich auch in Relation zu den Produktionen des ganzen Landes betrachtet werden. Der Wettbewerb „Deframed“ wurde abgeschafft. Und so bleiben: Der Internationale sowie der Deutsche Wettbewerb und der Flotte Dreier, in dem Dreiminüter gegeneinander antreten. Das Thema in diesem Jahr: „Lost in Translation“.

Entscheidend für die Auswahl der gezeigten Filme ist für Maike Mia Höhne dabei nicht der Premierenstatus, sondern die Relevanz der Filme sowie die Haltung der Künstler. Erstmals wird es sogar einige Langfilme zu sehen geben, „denn da gibt es ja durchaus auch sehenswerte, die aber trotzdem bislang keinen Platz auf Festivals oder in den Kinos gefunden haben“, wie die Festivalchefin schmunzelnd sagt.

 

 

Insgesamt werden in acht Kinos mehr als 300 Kurzfilme aus 40 Ländern zu sehen sein. Das Herz schlägt dabei im Festivalzentrum in der Post Kaltenkircher Platz, das wie schon im vergangenen Jahr einen Infocounter, ein Extrakino, das Open Air und eine Videokunst-Installation des brasilianischen Künstlerpaares Bárbara Wagner und Benjamin de Burca beheimaten wird. Und den Festivalklub, in dem nachts Partys steigen. Denn auch hier will Höhne noch eine Schippe drauflegen: „Wir müssen viel mehr feiern.“

Kurzfilm Festival Hamburg 2019: 4.6.-10.6., versch. Orte


Szene-Hamburg-juni-2019 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2019. Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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