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30M Records: Strahlkraft persischer Klangästhetik

Der Hamburger Matthias Koch hat ein Label gegründet, das als Plattform für eine aufstrebende Musikergeneration aus dem Iran dient. Ein Gespräch über die Strahlkraft persischer Klangästhetik

Interview: Erik Brandt-Höge

 

Matthias-Koch-Credit-Lena-Dann

Setzt auf den Zauber iranischer Musik: Matthias Koch (Foto: Lena Dann)

SZENE HAMBURG: Matthias, kleiner Zeitsprung zurück ins Jahr 2015. Damals bist du zum ersten Mal in den Iran gereist. Steckte mehr dahinter als ein Urlaub?

Matthias Koch: Damals, kurz nach dem Atom-Deal, fing das deutsche Feuilleton gerade an, über die iranische Kunst- und Kulturszene zu schreiben. Es gab erste Reiseberichte, Backpackergeschichten, den ersten „Lonely Planet“-Reiseführer vom Iran. Das Land wurde immer interessanter.

Und da ich schon ein paar Rucksackreisen in den Nahen Osten gemacht hatte, dachte ich irgendwann: Hin da! Hattest du bestimmte Erwartungen? Nein, nur eine große Neugier auf ein Reiseziel, das ganz anders war als alle, die ich zuvor hatte. Eine Reise an einen Ort, der nicht wirklich westlich ist, und wo ich nichts verstehen und lesen können würde. Es fühlte sich abenteuerlich an. Im Flugzeug dann dachte ich auch kurz, ob das wirklich so eine gute Idee war …

… aber die Zweifel verflogen sofort bei der Ankunft?

Nicht sofort. Am Flughafen musste ich erst mal an den Uniformierten vorbei, den Revolutionsgarden. Diese wickeln dort, wie bei uns der Bundesgrenzschutz, den Betrieb ab. An den Wänden in der Empfangshalle hingen riesige Bilder von den Revolutionsführern. Aber erste Widersprüche tauchten auf: Neben ihnen direkt großflächige Werbung für das aktuelle Top-Handy von Samsung! Und draußen war es vor allem erst mal sehr warm.

Der Flughafen von Teheran liegt fast in der Wüste, es gab eine ganz eigene Luft, ganz eigene Gerüche. Alle Frauen trotz Hitze mit Kopftuch! Vor der Tür warteten klapprige Taxis mit freundlichen alten Männern, die mir „Mister, welcome to Iran! Mister, come here!“ zuriefen. Ich nahm dann so ein Taxi – und bekam vom Fahrer erst mal Datteln und Tee gereicht.

Gab es auch Musik im Taxi?

Ja. Aus dem Autoradio kamen scheinbar religiöse Gesänge, untermalt von Saiteninstrumenten, die mir bis dahin noch nicht geläufig waren.

Ein Überbleibsel aus der Zeit nach der Revolution 1979, als im Iran nur religiöse Musik erlaubt war?

Genau. Populär- und Weltmusik ganz allgemein wurden damals verboten – und das nach einer sehr erfolgreichen Ära des iranischen Pop in den 60er und 70er Jahren. Googoosh etwa hört man ja auch hier noch bis heute auf Partys. Viele Künstler sind nach der Revolution ins Ausland gegangen, andere wollten oder konnten nicht auswandern und haben dann eben damit weitergemacht, was nicht verboten war, nämlich mit religiöser, meist sehr melancholischer Musik. So haben sie ihr Schaffen gerettet.

 

 

Im Laufe der Jahre hat sich die Lage für iranische Musiker wieder relativ entspannt – vor allem, seit es das Internet gibt. Iran war ja nie komplett abgeschottet, und die Leute dort waren und sind bestens informiert, was Kunst und Kultur aus dem Ausland angeht. Dazu zählt natürlich auch die Musik.

Westliche Klangästhetik ist heute überhaupt kein Problem mehr im Iran, im Gegenteil, sie wird sogar hoch angesehen. Einzig HipHop und eventuell Metal ist nach wie vor nicht etabliert. Zu klischeehaft westlich für die Ordnungshüter. Ich habe HipHop-Künstler kennengelernt, die wegen ihrer Musik auch schon temporär hinter Gittern saßen.

 

„Frauengesang solo ist verboten“

 

Sind Auftrittsgenehmigungen erforderlich?

Ja, die braucht jeder Künstler. Sämtliche Musik, die öffentlich aufgeführt werden soll, geht erst mal zu einer Kontrollbehörde: Ministry of Culture and Islamic Guidance. Die prüfen alles, vom Cover der CDs bis zu den Texten. Auch, ob Frauen mit dabei sind und, wenn ja, welche Rolle sie haben.

Frauengesang solo ist zum Beispiel verboten. Es besteht auch keine wirkliche Infrastruktur für Musik, wie es sie zum Beispiel in Deutschland gibt. Und Förderung für Popmusik gibt es schon mal gar nicht. Da ist eine Handvoll Label, aber kein Export von iranischer Musik. Auch ein Copyright ist im Grunde nicht vorhanden, was nicht gerade zur Wirtschaftlichkeit des inländischen Musikbusiness beiträgt.

Du bist nach deiner ersten Iran-Rucksackreise immer wieder ins Land gekommen, hast aufgrund deiner jahrelangen Arbeit in der Musikbranche auch irgendwann Musiker nach Teheran gebracht und ihnen Auftritte organisiert …

… zum Beispiel für Martin Kohlstedt. Meine Kontakte habe ich der deutschen Botschaft vermittelt, auch dem Goethe Institut. Ich wusste ja, dass es im Iran ein Publikum für sie gibt. Schon auf meiner Rucksackreise habe ich das gemerkt. Ich war in der Wüste unterwegs, in Orten, in denen es gerade mal Elektrizität gab, und bin trotzdem auf Leute gestoßen, die die aktuelle Platte von zum Beispiel Nils Frahm auf ihrem Handy hatten oder streamten. Radiohead sind Superstars im Iran!

Dieses große Interesse dort an dieser nicht unbedingt fröhlichen Musik erkläre ich mir mit der musikalischen Geschichte des Landes und dem Hang der Iraner zur Poesie, das passt gut. Das Konzert von Martin Kohlstedt war dann auch gut besucht. Die Leute standen Schlange, auch später, um noch ein Autogramm zu bekommen. Genauso war es mit Ólafur Arnalds und Frederico Albanese, mit denen ich später wiederkam. Es besuchten wirklich Tausende ihre Konzerte.

Und dann wolltest du mehr.

Richtig. Ich habe natürlich von Reise zu Reise mehr Musiker mit wahnsinnig spannenden Projekten kennengelernt, auch Konzertveranstalter, Plattenläden. Ich habe recherchiert, mich mit vielen Leuten hier unterhalten und festgestellt, dass es in der westlichen Welt kein Label gibt, das sich darauf spezialisiert hat, Musik aus dem Iran zu veröffentlichen. Und das wollte ich von meinem Lebensmittelpunkt Hamburg aus ändern.

 

„Es geht nur ganz oder gar nicht“

 

War die Label-Gründung leicht für dich, weil du wusstest, wie es funktioniert?

Ich kannte die einzelnen Elemente, aber wie lange es vom ersten Gespräch mit den Künstlern bis zur fertigen Platte dauert, wenn man alles selber macht, hat mich dann doch ein bisschen überrascht.

Und der Label-Name, heißt es, sei angelehnt an eine persische Erzählung.

Stimmt, an eine persische Fabel aus dem 12. Jahrhundert. Es geht darum, dass die Vögel der Welt etwas desorientiert sind und deshalb den großen Weisenvogel aufsuchen, um ihn zu fragen, wo sie ihren König finden können. Der Weisenvogel beschreibt ihnen den Weg, durch Unwetter und alle möglichen Prüfungen, und verspricht ihnen, am Ende der langen Reise den König zu finden. Letztlich kommen nur 30 Vögel an, finden zwar keinen König, merken aber, dass sie durch ihre Erfahrungen, durch ihre eigenen Werte, selbst zu Königen geworden sind. Das gefiel mir und passt gut! Der Label-Name setzt sich aus der Zahl, dem Fabel-Namen des Königs und dem persischen Wort für Vögel zusammen.

Und wie kamen die ersten Label-Signings zustande?

Die waren gar nicht so kompliziert. Am Ende meiner zuletzt unternommenen Iran-Reise, das war im Dezember 2019, habe ich den ersten Vertrag gemacht. Die Veröffentlichung („RAAZ“; Anm. d. Red.) ist für November 2020 geplant. Wie gut dieses erste Projekt funktioniert hat, hat dann auch den Ausschlag dafür gegeben, dass ich gesagt habe: Ich mache nicht nur ein kleines Digital-Label, sondern ein richtiges, mit digitalem und physischem Vertrieb.

Ich presse schick aussehendes Vinyl und versuche, alles in möglichst vielen Ländern zu promoten und Einnahmen für die Künstler zu generieren. Als Nächstes ist eine Compilation geplant, die die Teheraner Musikszene präsentieren soll, mit rund zehn vertretenen Künstlern. Mir ist längst klar: Es geht nur ganz oder gar nicht.

Du hast im Zuge der Label-Gründung einmal gesagt, du würdest damit auch mit Missverständnissen aufräumen wollen. Was ist denn deiner meiner nach das größte Missverständnis bezüglich des Iran?

Das liegt auf kultureller Ebene. In der westlichen Welt wird oft gedacht, dass die Iraner im Wesentlichen mit Flaggen verbrennen oder Geiseln nehmen beschäftigt sind. Religiöse Fanatiker eben. Mit diesem hier gern genutzten Klischee geht auch eine abschätzende Wertung gegenüber Kulturellem, das von dort kommt, einher.

Wenn man sich aber mit den Menschen beschäftigt, mit der Kultur und Musik dort, stellt man fest, dass es unglaublich viel Modernes, Spannendes und Hintergründiges zu entdecken gibt.

30m-records.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Bestes Restaurant in der Kategorie International: Salt & Silver

Lateinamerikanisches Soulfood: Das Salt & Silver Restaurant ist Testsieger in der Kategorie International

 

Text: Hannah Stollmeyer

Während wir an unseren spritzigen Cozy Nights aus Crémant, Apfelsaft, Zimt und Hibiskus (7 Euro) nippen, erklärt uns die freundliche Bedienung, dass das Salt & Silver eine neue Karte habe. Spoiler-Alarm: Das Restaurant direkt über dem Hafen hat immer noch eine der besten lateinamerikanischen Küchen Hamburgs. Mit feinsten regionalen und saisonalen Produkten bereitet das junge, hippe Team eine köstliche Ceviche aus rohem Adlersch (16 Euro) mit reifer Avocado und fruchtiger Mandarine für uns zu.

Mindestens genauso gut schmeckt die geräucherte Lachsforelle mit Forellenkaviar, Avocado und Chili-Öl auf hausgemachter Maistortilla (15,50 Euro). Doch dann geht es erst richtig los. Für unsere Tacos de Pescado (ab 2 Personen 42,50 Euro) sammeln sich mehr und mehr Schälchen mit Soßen und frischen Zutaten um einen knusprig gebratenen Loup de Mer, der Catch of the day.

Dazu bekommen wir einen Korb mit warmen Tortillas, kleinen Teigfladen aus Maismehl, die wir nach Belieben mit Fisch, Korianderreis, milder Salsa Roja, Zwiebeln und Limettensaft befüllen und so unsere Tacos selbst kreieren. Am meisten überrascht und begeistert uns die Salsa Matcha auf Rapsöl-Basis mit geröstetem Sesam, Pinienkernen, Hasel- und Walnüssen und getrockneten Chilis – geschmacklich ist sie leicht rauchig und scharf, nussig und fruchtig.

Wir haben viel Spaß dabei zu sehen, wer es schafft mehr Zutaten gleichzeitig unterzubekommen und die aufmerksame Bedienung versorgt uns stetig mit frischen Tortillas, um neue Taco-Variationen auszuprobieren. Schweren Herzens und vollen Magens müssen wir leider irgendwann aufgeben. Am Ende überzeugt uns die neue Karte absolut. Wie gesagt, Spoiler-Alarm: Hier schmeckt es super!

Salt & Silver 
St. Pauli Hafenstraße 136-138 (St. Pauli),
Di–Sa 18–1 Uhr (Küche bis 22 Uhr) 

 


Der Gastro-Guide SZENE HAMBURG ESSEN+TRINKEN ist seit April 2020 für 10,80 Euro im Handel und im Online-Shop erhältlich!


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„Schwesterherz“: Internationaler Frauentag im Goldbekhaus

Am 8. März wird der Internatio­nale Frauentag gefeiert – auch in Hamburg. Im Goldbekhaus findet das interkulturelle Frauenfest „Schwesterherz“ statt.

Text: Erik Brandt-Höge

 

Den Internationalen Frauentag gibt es nicht erst seit gestern. Schon 1911 wurde ein Tag ausgewählt, damals noch der 19. März, der symbolisch stehen sollte für Eman­zipation und Gleichberechtigung. Und klar, es hat sich vieles verändert in den vergangenen Jahrzehnten, vieles auch verbessert.

Die Welt ist heute eine andere. Von Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen zu sprechen, wäre allerdings fatal. Deshalb bleibt der Internationale Frauentag bedeutungsvoll, eben­ so wie die vielen Veranstaltungen, die anlässlich dazu stattfinden. Ein Hamburger Highlight: „Schwester­herz“, das interkulturelle Frauenfest im Goldbekhaus. Willkommen sind Frauen jeden Alters, egal, woher sie kommen, egal, ob sie eine Behinderung haben, egal, ob sie hetero, lesbisch, trans, nicht­-binär oder inter sind.

 

Volles Programm

 

Eine Anmeldung ist nicht er­ forderlich, und der Eintritt ist frei. Zentrum des Geschehens ist die Bühne zum Hof. Hier beginnt um 14 Uhr ein Frauengottesdienst, und hier wird später auch gegessen, ge­trunken, geschnackt und getanzt. Später, das ist nach den Workshops, die ab 15.30 Uhr stattfinden. Illustration, Schreibwerkstatt, Kochkurs, Hula, Nia, Improtheater, Ukulele für Anfängerinnen, Upcycling, Erzähl­kunst und mehr: Das „Schwester­herz“­-Programm ist pickepackevoll. Übrigens: Wer mag, darf das Buffet bereichern mit einer selbstgemach­ten internationalen Spezialität.

Goldbekhaus: Moorfurtweg 1 (Winterhude)


Szene-Cover-März-2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Februar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Lessingtage: Festival am Thalia Theater

Unter dem Motto „Wem gehört die Welt?“ finden zum 11. Mal die internationalen Lessingtage statt. Was damit gemeint ist und welche Fragen die Produktionen stellen, erzählen die Leiterin Nora Hertlein und die Dramaturgin Emilia Heinrich im Gespräch

Interview: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Nora Hertlein und Emilia Heinrich, wem gehört denn die Welt?

Emilia Heinrich: Jeder mit gesundem Menschenverstand würde natürlich sagen, dass die Welt entweder allen oder niemandem gehört. Der Titel ist bewusst polemisch formuliert, um auf Phänomene wie Kolonialisierung und Aus­beutung der Umwelt zu verweisen. Alle Produktionen beschäftigen sich mit diesen beiden Formen ungerechter Machtverteilung und den daraus re­sultierenden Folgen – aber fast immer mit einem positiven, selbstbestimmten Gestus.

Dystopien stehen aber auch auf dem Programm …

Nora Hertlein: Das stimmt, aber selbst die Dystopien sind keine Schwarz­malerei. Sie haben auf ihre Weise einen positiven Gestus, weil sie einen war­ nenden Charakter haben und eine Idee davon vermitteln, wie die Welt nicht werden sollte.

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Emilia Heinrich (l.) ist feste Dramaturgie- assistentin, Nora Hertlein Kuratorin des internationalen Programms (Foto: Andreas Brüggmann)

Wie genau bringen sich die Produktionen in die aktuellen Debatten ein?

NH: Ein Beispiel: Das Stück „Arctic“, eine Dystopie der belgischen Regisseurin Anne-­Cécile Vandalem, vereint beide Themen. Es geht um die Ausbeutung von Grönland und die Eisschmelze, die diese Ausbeutung er­möglicht. Grönland ist eine Lokalität, die die Zuschauer nicht so sehr auf der kognitiven Landkarte haben, wenn sie an Kolonialisierung denken. Vielen ist nicht bewusst, dass Grönland immer noch nicht vollständig unabhängig von der ehemaligen Kolonialmacht Däne­mark ist. Somit erweitert das Stück die Perspektive auf das Thema.

EH: Das Stück ist auch ästhetisch sehr besonders, weil es kein didaktisches Erklärtheater ist, sondern eine fiktive Geschichte entwirft: Im Plot ist ein Schiff mit einer Bohrinsel kollidiert, die illegal dort vor Grönland aufgebaut wurde, wobei Menschen ums Leben gekommen sind. In einer Mischung aus Live­Theater und Film auf Leinwand dreht sich die Geschichte dann um die Aufklärung des Kriminalfalls – wie ein Thriller.

Sie betonen die internationale Ausrichtung der Lessingtage. Was erwartet die Zuschauer außerhalb von Europa? 

EH: Das Stück „Orest in Mossul“ von Milo Rau, nach der Orestie von Aischylos, hat eine interessante politische Fragestellung. Rau wendet die Folie der Orestie – die nach Selbstbestimmung in der Durchbrechung einer Spirale von Gewalt und Rachemorden fragt – auf die politische Situation im Irak an.

2014 hat dort der selbsternannte „Islamische Staat“ das Kalifat ausgerufen. 2017 wurde die Stadt Mossul im Norden des Landes zurückerobert. Rau ist unter anderem mit der Fragestellung dorthin gereist, wie man mit gefangenen IS-­Terroristen umgeht. Er spricht gerne vom „globalen Realismus“ als Kunstform – weil er zum einen vor Ort recherchiert, Videos macht und mit irakischen Schauspielern arbeitet und somit die Realität des Ortes mit auf die Bühne holt. Zum anderen weil er seine Fragestellungen vor dem Hintergrund globaler Zusammenhänge stellt.

Wie kam es zu dem Mexiko-Schwerpunkt?

NH: Das war keine programmatische Idee im Vorhinein. Ich habe „Andares“ von Héctor Flores Komatsu auf einem Festival gesehen und war begeistert. Vier junge indigene Performer aus dem ländlichen Mexiko stehen auf der Bühne und erzählen von ihrer ethnischen Zugehörigkeit und ihrer modernen Lebensrealität. Es gibt ja viele indigene Gruppen in Mexiko, die sich als eigene Nation mit eigenen Sprachen definieren.

„Amarillo“ von Jorge A. Var­gas ergänzt das Thema. Das Stück ist schon einige Jahre alt, ist aber politisch relevanter denn je in Zeiten, in denen Trump einen Zaun zwischen Mexiko und den USA hochziehen will. Die zwei Stücke bilden ein Panorama mit zwei verschiedenen Lebenswelten in einem Land: Einmal geht es um diejenigen, die wegwollen und für die Mexiko ein Transitland ist. Und es geht um die Indigenen, die nicht wegwollen, aber unter dem Druck des Kapitalismus, der Ausbeutung der Natur, und der Mehr­ heitsgesellschaft leben.

Dazu zeigen wir eine Foto-­Ausstellung der spanischen Künstlerin Griselda San Martin. Sie zeigt auf erschütternde Weise, was für einen Riss es für Familien bedeutet, wenn die einen es auf die andere Seite schaffen, während die anderen zurück­ bleiben.

 

„Es ist wichtig, diese Diskussion anzustoßen“

 

Afrika findet sich in „Hereroland“ und „Reverse Colonialism“ wieder. In Ersterem geht es, wie der Titel schon vermuten lässt, um den deutschen Genozid an den Herero und Nama. Worum geht es in Letzterem?

NH: Um Einwanderer aus Kamerun und Nigeria, die in Belgien leben. Das Stück dreht sich um ihren Konflikt damit, keinen Platz in Europa zu finden, weil sie immer zwischen den Stühlen sitzen. Sie sind europäische Afrikaner oder afrikanische Europäer. Letztendlich führen sie diesen Zustand ad absurdum, indem sie ein eigenes Land für europäische Afrikaner entwerfen wollen.

EH: Das alles natürlich mit einem großen Augenzwinkern. Das Publikum kann abstimmen, wie dieser neue Staat aussehen soll. Das Stück führt den Zuschauern vor Augen, wie absurd Kolonialismus ist. Aber das Stück haben selbstbewusste Afrikaner in der Hand, die auf ihr Recht auf ein gutes Leben in Europa bestehen. Gerade weil das Hamburger Publikum mehrheitlich euro­päischstämmig und weiß ist, kann diese Perspektive interessant sein.

Gibt es auch Stücke, bei denen Sie mit einer Kontroverse oder gespaltener Meinung im Publikum rechnen? Dass Rassismus und Kolonialismus falsch sind, darüber dürften sich ja alle einig sein.

NH: Ich hoffe natürlich darauf, dass sich nicht alle im Publikum einig sein werden. Deswegen gibt es zu jeder Produktion eine Publikumsdiskussion. Bei „Orest in Mossul“ kann man zum Beispiel kritisch nachfragen, wo die Machtverhältnisse in der Produktion liegen, wenn ein europäisches Stadttheater in den Irak fährt und dort ein Stück vorbe­ reitet. Wir wollten das Stück trotzdem unbedingt zeigen. Es ist wichtig, diese Diskussion anzustoßen.

Lessingtage: Thalia Theater und Thalia Gauß, 18.1.-9.2.2020


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2019. Das Magazin ist seit dem 20. Dezember 2019 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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