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„Der Defekt“: Leona Stahlmanns Debütroman über Identitäten

Am 11. Februar erscheint Leona Stahlmanns Debütroman „Der Defekt“. Darin schildert die Hamburger Autorin das Aufwachsen mit einer normabweichenden sexuellen Identität und setzt sich mit den großen Themen Heimat und Entwurzelung auseinander

Text: Ulrich Thiele

 

Mina liebt anders. Wenn sie ihre Freunde beim Flirten beobachtet, sieht sie „ein tumbes Gewirr von abgelaufenen Verhaltensregeln, versuchter Zwanglosigkeit und einem Geschlamper der Geschlechter“. Sie ist 16, als sie in den Sommerferien ein heimliches Verhältnis mit ihrem Mitschüler Vetko eingeht. Ein Einzelgänger und Sonderling mit gelben Zähnen, der Minas normabweichende Sexualität teilt. Sie unterwirft sich seinen Regeln, anfangs im Wald, später in einer leer stehenden katholischen Kapelle. Die Streifen auf ihren Oberschenkeln versteckt sie vor ihren Mitschülern und Eltern. Für Vetko sind sie nicht mit Scham verbunden: „Körper sind dafür gemacht, dass wir sie abnutzen. Bearbeiten. Leben darin aufbewahren. Wir können Gefühltes haltbar machen nur mit unseren Körpern.“

Leona Stahlmanns Debütroman „Der Defekt“ behandelt eine Form der Sexualität, die in der öffentlichen Wahrnehmung von Irrtümern überschüttet ist. „Ein noch immer verbreiteter Irrglaube ist, dass BDSM (Anm. d. Redaktion: „Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism“) eine behandlungsbedürftige psychische Störung ist“, sagt die Autorin über die Sexualität ihrer Protagonistin, die auch ihre eigene Sexualität ist. So wurde früher Homosexualität in Medizinbüchern beschrieben. BDSM wird es noch immer. Die Sexualität wird zum Ausgleich für etwas, was im Leben schiefgelaufen ist, degradiert. Woran schlechte Bestseller-Romane und Hollywoodfilme einen nicht unerheblichen Anteil haben. Ansonsten wird BDSM zum billigen Lack-und-Leder-Porno stereotypisiert und verzerrt. Oder zum Freizeitvergnügen für gelangweilte Ehepaare.

 

Vertrauen und radikale Hingabe

 

Der romantische oder philosophische Zugang, den Stahlmann zeigt, ist in der Populärkultur so gut wie nie zu sehen. „In meinen Augen ist konsensueller BDSM-Sex eine Art zu lieben, die eher mit intellektuellen Konstrukten spielt als mit Körperlichkeiten“, sagt Stahlmann. Körperliche Attraktivität spielt eine untergeordnete Rolle, im Zentrum stehen Vertrauen, radikale Hingabe von beiden Seiten, Unterwerfung, spielerische Bestrafung, Lustschmerz, Auflösung des Egos. „Was jemand in meinem Kopf auslöst, ist wichtiger, als wie er oder ich dabei aussehen.“

Eine in Fiktion gehüllte Autobiografie ist „Der Defekt“ trotz der Parallelen nicht. Stahlmanns Debüt lebt mehr von den poetischen Naturbeschreibungen als vom Plot. Was schlüssig ist: Wörter sind es, die Mina helfen, ihre Sexualität zu verstehen. Die Sexszenen sind ein nahtloser Teil des lyrischen Flusses. Allein deswegen wäre die Bezeichnung BDSM-Roman unzutreffend. Stahlmann hebt die Sexualität nicht explizit hervor. Sie ist ein natürlicher Teil des Ganzen und wird nicht – anders als in unserer Gesellschaft, wo BDSM ein Schattendasein in Hinterzimmern fristet – in getrennte Bereiche verlagert.

 

Das Motiv der Begrenzung

 

Die ästhetische Grundlage des Romans bildet Minas Heimatdorf im Schwarzwald. Eine Landschaft, die nicht die Heimat der Autorin ist, die sie aber zugleich abstoße und fasziniere. Mit Dorfgemeinschaften, als wären die Uhren stehen geblieben, und Bäumen, so dicht, dass es wirkt, als dringe die Zeit nicht durch. Ein Gegenentwurf zur technisierten Welt.

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Die Brennnessel ist ein Hauptmotiv in „Der Defekt“

Das Motiv der Begrenzung reicht über das Feld der BDSM-Sexualität hinaus in ein gesellschaftliches Phänomen. Stahlmann stellt die großen Fragen in all ihrer Ambivalenz: Heimat, Entwurzelung, Identität. In der Figur des Vetko verdichtet sich die Widersprüchlichkeit am prägnantesten. „Heimat bedeutet: nicht reisen müssen“, ist er überzeugt, und tatsächlich ist er der einzige, der nach dem Schulabschluss nicht in die Stadt zieht. Durch seine Entscheidung grenzt er sich von den anderen ab, die orientierungslos in alle Richtungen ausstreuen.

So wie Mina, die nach ihrem Bruch mit Vetko in eine größere Stadt zieht und auf der Suche „nach langbeiniger Freiheit“ im „Wirbel des Möglichen“ steckt und fühlt, „wie ihre Waden dicker und kürzer“ werden. Demgegenüber hatte ihre Beziehung zu Vetko einen Vorteil, sie basierte auf dem Grundprinzip: Die Freiheit ist die Beschränkung. „Ehrlich gesagt: Ich glaube das auch“, sagt Stahlmann.

 

„Heimat ist von Beginn an der eigene Körper und die Sprache, die er spricht“

 

Doch Vetko verbohrt sich in seine Ansichten. Anders als Mina, sieht er seine Sexualität nicht als Defekt, sondern als einzige Wahrheit. Mitunter driften seine Ansichten ins Identitäre ab. Anfangs sieht Mina noch die Vorteile von Vetkos Ansichten, die ihr Halt und ein beruhigendes Erklärungsmuster geben. Doch sie durchschaut, dass er vieles ausblendet und keine endgültige Wahrheit für sich gepachtet hat – stabile Identitäten gibt es eben nicht. Vetko und Mina sind zwei Menschen mit derselben Disposition, mit der sie jedoch völlig unterschiedlich umgehen. „Heimat, das ist kein Ort auf einer Landkarte. Das ist zuerst und von Beginn an: der eigene Körper und die Sprache, die der Körper spricht, wie er geliebt und berührt und genährt werden will“, schlussfolgert Mina am Ende des Romans.

Stahlmann spricht an Minas Beispiel auch ein Lebensgefühl an, das viele junge Erwachsene kennen – den Umzug vom Land in die Stadt. Stahlmann selbst ist in einer Kleinstadt in Hessen aufgewachsen, viele aus ihrem Umfeld seien auch ländlich aufgewachsen und früher oder später in größere Städte gezogen. „Wir brauchten das, um uns vom Ufer abzustoßen“, sagt sie. Doch sie seien leichtfertig und ohne Übergang fortgezogen. „Man verliert eine Haut, dann muss die nächste nachwachsen. Aber es dauert, bis in der neuen Stadt eine Haut nachwächst zwischen all diesen Reizen, an denen wir uns aufreiben. Das macht mehr mit uns, als wir uns eingestehen.“ Auf St. Pauli wurde es ihr durch die Touristen irgendwann zu hektisch und zu künstlich, heute lebt sie in Barmbek-Süd.

 

„Anything goes ist vorbei“

 

Der Umgebungs-Bruch bleibt nicht folgenlos. „Wir sehnen uns nach Verbindlichkeit, sind aber trotzdem überfordert von dem Übermaß an Optionen“, glaubt Stahlmann. Viele ersetzen die verloren gegangene Verbindlichkeit, indem sie sich in vermeintliche Verbindlichkeiten stürzen.

Die Ü30-Generation hat das Heiraten für sich entdeckt, die Geburtenrate steigt, Freundschaften werden aufgewertet, andere wenden sich der Esoterik und der Astrologie zu. „Wir stellen fest, dass eben nicht alles geht, dass die Welt immer prekärer und fragmentarischer wird. Durch den Druck von außen bewegen wir uns immer weiter nach innen in unsere kleinen Stammeskulturen. Anything goes ist vorbei.“

Das drückt sich in den Nebenfiguren aus, die sozusagen Archetypen für von Stahlmann beobachteten Phänomene sind. Niklas zum Beispiel, der beliebte Anwaltssohn mit Standard-Zukunftsplänen: von Papa finanzierte Weltreise nach dem Abi, danach vielleicht BWL- oder Jura-Studium, mal gucken. Sein überraschender Tod ist mutmaßlich ein Suizid. War es der Druck, sich für etwas entscheiden zu müssen und nicht zu wissen, wofür, weil alles da ist? Hat dieses große Alles, das von außen auf ihn gefallen ist, ihn erdrückt und immer kleiner gemacht, bis er sich wünschte, keine Option mehr zu haben?

Oder Minas Freundin Malene, die sich mit gebrochenem Herzen nach Indien absetzt. Deren Kernproblem nicht Herzschmerz, sondern ihre Gefallsucht ist. Die in Schönheit vergeht, in dem Bild gefangen ist, dass ihre Umgebung von ihr hat. „Es braucht sehr viel Sprengkraft oder innere Verzweiflung, um ein Muster wirklich radikal abzustreifen“, sagt Stahlmann. Selbst heute, wenn wir angeblich unsere Identitäten zertrümmern, täten wir das oft aus einem bestimmten Kalkül, um in ein anderes Muster zu fallen. „Wir glauben alle, wir würden uns so verletzlich machen und nackt herumlaufen, aber de facto haben wir woanders noch Schneckenhäuser liegen, in die wir kriechen.“

 

„BDSM ist für mich etwas Spirituelles“

 

An dieser Stelle schließt sich die Klammer zur BDSM-Sexualität. Sie zwinge sie, aus ihrem Schneckenhaus zu kommen, sich auszuliefern, zumindest kurz nackt zu sein und sich roh zu fühlen. „Diese Erfahrung kann man in dieser Welt kaum noch machen“, sagt sie. „BDSM ist für mich etwas Spirituelles.“

Mit „Der Defekt“ ist für Stahlmann das Thema publizistisch abgeschlossen. Nach 16 Jahren intensiver Auseinander- setzung und fünf Jahren Arbeit am Ro- man reicht es. Am liebsten wäre es ihr, wenn BDSM als norma- ler Teil von Sexualität be- trachtet wird und nicht weiter darüber geredet werden muss. „Dieses Buch ist wie der Schlussstein eines Gebäudes, das ich über Jahre aufgebaut habe.“ Vielleicht ja eine leer stehende katholische Kapelle.

Leona Stahlmann: „Der Defekt“, Kein & Aber, 272 Seiten, 22 Euro. Buchpremiere mit der Autorin am 26.2. im Literaturhaus, 19.30 Uhr


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Peaches: Scham mit Charme – Ausstellung im Kunstverein

Heiter und gar nicht obszön: Electroclash-Queen Peaches befreit die Doppel-Masturbatoren aus der Knechtschaft und führt sie in ein Glamourland der polymorphen Lüste

Text: Karin Schulze
Foto (o.): Fred Dott

 

Das passiert bei Ausstellungen nicht allzu oft: Am Eröffnungsabend der Peaches-Ausstellung „Whose Jizz Is This?“ (dt. etwa: Wessen Wichse ist das denn?) wird vor dem Betreten vor „Gleitmitteln auf dem Boden“ gewarnt. Seit über 20 Jahren steht die kanadische Wahlberlinerin auf der Bühne, jetzt bestreitet sie erstmals eine umfassende Ausstellung in einer Kunstinstitution.

Wer von der queeren Subkultur-Ikone nun eine obszöne Sauerei erwartet, wird enttäuscht. Verschämt betrachtet man vielleicht noch das Youtube-artige Video gleich am Eingang. Darin knetet ein hemdsärmeliger Kerl hantelförmige Sextoys durch und befingert die Doppel-Masturbatoren grob, um die Qualität ihrer Vagina- bzw. Schlund-Ersatzfunktion zu erproben.

Schon wenige Meter weiter aber fühlt man sich wie Alice im Sextoyland und bewegt sich staunend durch den abgedunkelten Raum, in dem es atmet, tröpfelt, schmatzt und pocht, während sich nach und nach die wundersame Emanzipation der Silikonorgane ereignet. Sie nennen sich jetzt „Fleshies“, haben die ihnen zugewiesene passive Liebedienerei satt und brechen auf, um ihr eigenes Begehren zu finden.

 

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Peaches: Whose Joizz Is This?, 2019

 

Im Kunstsprech würde man das eine „multimedial-immersive Installation“ nennen. Peaches sagt: „ein dekonstruiertes Musical in 14 Szenen“. Man könnte auch sagen: ein Stationendrama mit Bildungsroman-Touch, bei dem sich die Fleshies über Selbstbefreiungsmonologe (sehr, sehr lustiges Video), Federica Dauris grandiose, von Gleitmitteln geschmierte Körperöffnungsperformance (nur am Eröffnungsabend) oder ein Verwandlungsoratorium (altarartige Bühneninstallation) zu immer größerer Befreiung aufschwingen, bis sie sich in einem Springbrunnen gegenseitig ekstatisch Flüssigkeiten auf die sensibelsten Stellen spritzen.

Wie Kunstverein-Direktorin Bettina Steinbrügge in ihrer Eröffnungsrede andeutete, könnte man das Peaches-Musical als Ausblick auf eine Welt verstehen, in der sich nicht länger Frauen und Männer, Schwule oder Lesben vergnügen, sondern – gemäß dem Theoretiker Paul B. Preciado – „gleichwertige Körper einen Zeitvertrag schließen“. Kann es eine geschlechterunabhängige Sexualität geben? Keine Ahnung. Sicher aber ist: Die Ausstellung ist lustig, intelligent, wunderbar.

Madonna sagte: „Papa don’t preach“. Wir sagen: „Peaches please preach!“

Peaches: Whose Jizz Is This?: bis 20.10., Kunstverein in Hamburg


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Schwimm-Meister Frank Dobirr

Seit 40 Jahren sorgt Frank Dobirr in Hamburgs Schwimmbädern für Sicherheit. Sein Wunsch: Lasst uns mehr Rücksicht aufeinander nehmen – unser Hamburger des Monats Juli

Text und Interview: Ulrich Thiele
Foto (o.): Jakob Börner

SZENE HAMBURG: Herr Dobirr, sind Sie Schwimmmeister oder Bademeister?

Ich bin Schwimm­meister – und zusätzlich noch Saunameister.

Was ist der Unterschied?

Bademeister ist ein medizinischer Beruf. Das geht in Richtung Masseure und hat viel mit Wannen­ und Wasser­anwendung zu tun. Ein Schwimm­meister kümmert sich um die Wasser­aufbereitung, die Sicherheit, Verfah­renstechniken, die angewendet werden, um die Wasserqualität sicherzustellen, Schwimmunterricht, Kindergeburts­tage und Animation, Sauna, Kasse, Per­sonal. Im Alltagsgebrauch wird aber auch der Schwimmmeister als Bade­meister bezeichnet.

Warum wollten Sie Bade-, pardon: Schwimmmeister werden?

Ursprünglich wollte ich Masseur werden. Aber auf die 40 Ausbildungs­stellen kamen über 1.000 Bewerber, da habe ich mir nicht so viele Chan­cen ausgerechnet. Da ich aus dem Schwimmsport kam, haben mir Bekannte meiner Eltern die Hamburger Wasserwerke empfohlen, die damals für die Schwimmbäder zuständig waren. Also habe ich mich da beworben – zum Glück.

Von den 40 Jahren als Schwimm­meister haben mir 39,5 Jahre richtig Spaß gemacht. Ich liebe meinen Beruf, die Herausforderung, die Abwechslung. Das Arbeiten mit den Kunden und Kollegen ist sehr vielschichtig, was ich damals gar nicht so erwartet hatte. Letztendlich besteht der Beruf aus 15 verschiedenen Berufsfeldern.

 

„Wir müssen den menschlichen Körper kennen“

 

Und zwar?

Wir Schwimmmeister müssen uns mit Reinigungstechniken auskennen, mit dem Kassenwesen, mit Verwaltungs­aufgaben, dem Wassergehalt, der Auf­sicht, der Sauna. Wir können auch handwerkliche Aufgaben übernehmen.

Wir müssen die Physiologie des menschlichen Körpers kennen, wie die Lage der Organe oder die Funktion der Leberwerte und welche Symptome ein Herzinfarkt hat, damit wir entsprechend reagieren können. Meine Frau ist Krankenschwester, als ich meinen Meister gemacht habe, hat sie nur gestaunt, was ich alles lernen musste.

Wie sieht ein typischer Tagesablauf aus bei so vielen Aufgaben?

Das kommt darauf an, ob ich Früh-­ oder Spätschicht habe …

Sagen wir Frühschicht …

Meine Frühschicht fängt in der Wo­che um halb sechs an. Zuerst teile ich das Personal ein. Dann geht es mit den Reinigungsarbeiten los: Ich messe die Wasserparameter, überprüfe, ob die Temperaturen überall stimmen und ob die Betriebssicherheit gegeben ist. Dann reinige ich das Schwimmbad und gegen halb sieben kommen die ersten Gäste – ab dann machen wir zu zweit Aufsicht. Zwischendurch kommt die Ablösung und ich springe derweil in anderen Bereichen ein: Kassenablösung, Sauna­aufgüsse. Nachmittags um halb drei kommt die Spätschicht zur Übergabe.

 

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Die Freibadsaison ist eröffnet! (Foto: Joe Pizzio)

 

Was sind die häufigsten Zwischenfälle?

Es gibt immer mal wieder Unfälle, wenn Gäste barfuß am Beckenrand zu schnell laufen und ausrutschen. Oder wenn ein Gast rückwärts schwimmt und mit einem anderen zusammenstößt – dann gibt es mal eine Beule. Manch­mal gibt es auch Meinungsverschieden­heiten zwischen Badegästen.

Hören die Gäste auf Sie?

Wenn ich dem Gast in einer sach­lichen Sprache erkläre, warum das, was er macht, jetzt gerade nicht angesagt ist, dann hört er in der Regel auf mich. In den seltensten Fällen muss ich mir mal Unterstützung bei den Kolle­gen in Uniform holen. Ich bin jetzt fast 40 Jahre dabei. Wenn unsere Badegäste in die Halle kommen, erkenne ich schon, wen ich im Auge behalten muss.

Woran erkennen Sie das?

Das ist einfach ein Bauchgefühl, erfahrungsbedingt. Mit der Zeit habe ich gelernt, Menschen anhand ihrer Körpersprache zu beurteilen.

Was ist die auffälligste Veränderung in den 40 Jahren?

Handys. Die Smartphone-­Zombies laufen nicht nur auf der Straße herum. Eltern kommen mit ihren Kindern zu uns, scrollen dabei permanent auf ih­ren Smartphones. Manchmal sehe ich, wie Kleinkinder mit Windeln unbeauf­sichtigt am Beckenrand herumlaufen oder sich über das Wasser beugen – da müssen sie nur das Gleichgewicht ver­lieren, um kopfüber ins Wasser zu fallen. Dieser sorglose Umgang mit dem Leben der Kinder ist schon auffällig.

Wie reagieren Sie in so einem Fall?

Wenn wir feststellen, dass ein vier­jähriges Kind allein herumläuft, spre­chen wir es an und fragen, wo seine Eltern sind. Die stellen wir dann zur Rede: „Sie haben Ihre Aufsicht vernach­lässigt. Wenn was passiert, werden Sie Ihres Lebens nicht mehr froh.“ Meist kommen die Eltern ganz schön ins Schwitzen, wenn man ihnen die Kon­sequenzen klar aufzeigt.

Es ist nicht so, dass wir keine Lust haben, auf die Kinder aufzupassen – aber das ist die Verantwortung der Eltern.

Sind die Eltern überhaupt einsichtig?

Viele reagieren empfindlich, des­wegen muss ich mit viel Fingerspitzen­gefühl das Gespräch versachlichen. Dann zeigen sich die meisten Eltern auch einsichtig. Es gibt aber auch sol­che, die das nicht einsehen, nach dem Motto: „Wir haben Sie ja schließlich be­zahlt.“ Wir sind aber keine Kita. Und im Schwimmbad müssen kleine Kin­der einfach besonders gut beaufsichtigt werden, vor allem wenn sie noch nicht schwimmen können.

 

„Es dauert nicht lange, bis ein Kind ertrunken ist“

 

Mussten Sie schon rettend eingreifen?

Einmal ist ein zwölfjähriges Mäd­chen auf der Beckenkante abgerutscht und ins Wasser gefallen. Zum Glück konnte ich schnell eingreifen. Das Mäd­chen hatte einen Stimmritzenkrampf, deswegen ist kein Wasser in die Lunge gekommen. Aber ihr Gesicht war schon taubengrau. Das ist ein schrecklicher Anblick.

Es dauert nicht lange, bis ein Kind ertrunken ist, und genau deswe­gen ist die Aufsichtspflicht der Eltern so wichtig. In diesem Fall haben die Eltern allerdings ihre Aufsichtspflicht nicht verletzt, da das Mädchen schon zwölf und allein im Schwimmbad war.

Was ging in dem Moment in Ihnen vor?

In solch einem Moment kippt ein Schalter um – klack – und dann gilt nur noch: Reagieren. Machen. In dem Mo­ment war ich ganz klar und der Erste­-Hilfe­-Film lief wie automatisiert vor meinen Augen ab. Alle Sinne liefen auf Hochtouren. Entspannen konnte ich mich erst wieder, als die Entwarnung aus dem Krankenhaus kam. Leider be­kommen wir nicht immer eine Info, wie es den Gästen nach einer Rettung geht. Das ist dann sehr heftig für meine Kol­legen und mich, weil wir ja keine Ent­warnung erhalten.

Wie haben die Eltern reagiert?

Ich meine mich zu erinnern, dass die Eltern sich bei mir gemeldet und bedankt haben. Aber früher kam öfter, auch mal nach kleineren Unfällen, ein Dankeschön. Heute wird das immer seltener.

Woran liegt das?

In dem Hollywood­-Film „Avatar“ gibt es einen Schlüsselsatz, der die Ent­wicklung ganz gut verdeutlicht. Die Figuren in dem Film sagen dort: „Ich sehe dich als Wesen.“ Das verschwindet in unserer Gesellschaft. Es wird nicht mehr die Person gesehen, sondern nur noch der Nutzen, der Vorteil, der aus ihr gezogen werden kann. Und was man an die Person abgeben, damit man sich selbst aus der Verantwortung ziehen kann.

Die Zwischenmenschlichkeit, die Wärme, das Miteinander­nett­umge­hen – das wird leider immer weniger. Und seien es nur kleine Gesten im All­tag, wie auch einem Fremden die Tür aufzuhalten.

 

„Ich hole sie aus ihrem Alltag heraus“

 

Was tun Sie dagegen?

Wenn ich an der Kasse sitze, mache ich mir oft einen Spaß mit den Leuten. Wenn eine Familie kommt und 13,70 Euro bezahlen muss, sage ich 1370 Cent. Sie gucken dann erst mal erschrocken, weil die Summe so riesig ist, ehe es ih­nen klar wird. Ich hole sie erst mal aus ihrem Alltag heraus. Die Menschen sind oft im Kopf noch ganz woanders, sodass sie völlig hektisch hier herein­ kommen und sofort in die Sauna stür­men wollen. Ich sage ihnen dann: „Kommen Sie erst einmal an, die Sauna ist ein Bereich der Ruhe.“

Das Leben ist so schnell, was auch wieder mit den Smartphones und der permanenten Errreichbarkeit zu tun hat, dass die Leute sich überhaupt nicht mehr erholen.

Was geben Sie den Hamburgern mit auf den Weg ins Bad?

Nehmt Rücksicht auf die anderen. Alle sollen Spaß haben. Aber es gibt Spielregeln. Wer von der Kante ins Was­ser springt, sollte vorher nachsehen, ob da auch niemand im Wasser ist. Er­wachsene sollten ein positives Vorbild für die Kinder sein. Und hört bitte auf die Anweisungen des Personals. Wir wollen nur sichergehen, dass jeder wie­der heil nach Hause kommt.

Bäderland.de


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
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