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Hamburger Kunsthalle: Vom Lauf der Zeit

Zum 25-jährigen Bestehen von Bogomir Eckers „Tropfsteinmaschine“ beleuchtet die Ausstellung „Futura“ in der Hamburger Kunsthalle das Phänomen Zeit. Wir sprachen mit der Kuratorin Dr. Brigitte Kölle über erkaltete Lava und das Abheben ins All, das Denken in Bildern – und über ihre Zusammenarbeit mit dem Künstler Bogomir Ecker

Interview: Sabine Danek

 

SZENE HAMBURG: Brigitte Kölle, Ausgangspunkt von „Futura“ war nicht nur das 25-jährige Bestehen der Galerie der Gegenwart in der Hamburger Kunsthalle, sondern vor allem das der „Tropfsteinmaschine“ von Bogomir Ecker, die das gesamte Haus von Anfang an durchzieht. Wie kam die Ausstellung zustande, die Sie gemeinsam mit dem Künstler konzipiert haben?

Brigitte Kölle: Es gibt den Verein Tropfsteine e. V. dessen 26 Mitglieder sich darum kümmern, dass die Tropfsteinmaschine läuft. Dazu gehören die Restauratorin, der Technische Leiter der Galerie der Gegenwart, ich als Sammlungsleiterin, der ehemalige Kunsthallen-Direktor Uwe M. Schneede und Interessierte, die die Tropfsteinmaschine seit Langem begleiten. Wir haben uns mehrmals getroffen und langsam rückte das Thema Zeit, und wie unterschiedlich man mit ihr umgehen kann, immer mehr in den Mittelpunkt. Wir haben ein buntes, interdisziplinäres Programm geplant. Bogomir Ecker hatte sich ein Stück des Komponisten Daniel Ott und Interventionen des Schriftstellers Oswald Egger gewünscht, Workshops mit Aktivist:innen von Fridays for Future kamen hinzu und eine Science-Fiction-Reihe im Metropolis Kino. Irgendwann dachten wir es sei schade, nicht auch bildende Künstlerinnen und Künstler einzuladen, die sich mit dem Thema Zeit beschäftigen und damit, wie man diese überhaupt fassen und vermessen kann.

Und so entstand eine Ausstellung mit gleich 30 Künstlerinnen und Künstlern …

Und dazu eine, wie man sie sonst nicht kennt! Hier hängen keine abgeschlossenen Arbeiten nebeneinander, schön im Rahmen und unter Glas. Die Ausstellung ist vielmehr wie eine Assoziationskette oder wie der Besuch in einem Künstleratelier. Wichtig sind die Bezüge der Arbeiten miteinander, dass eine zarte Zeichnung von John Cage auf Tektite trifft, dass Naturalien neben Kunstwerken zu sehen sind, Werke von Gustave Courbet und Caspar David Friedrich neben vielen neuen Arbeiten, die speziell für die Ausstellung entstanden sind.

 

Die Transformation von Materialien und Materie

 

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Bogomir Ecker: Tropfsteinmaschine (Detail) (Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2022; Fotoarchiv Bogomir Ecker)

Wie war es, mit einem Künstler als Kurator zu arbeiten?

Ich fand es prima. Bogomir Ecker denkt in Bildern und das mit ihm teilen zu können war unglaublich spannend. Er hat ein riesiges Archiv mit über 15.000 Vintage- und Pressefotografien, die von historischen Gletscher-Aufnahmen bis hin zu Bildern von AtommüllEndlagern reichen und arbeitet ganz assoziativ. Wir argumentieren mit und durch die Kunst und das sieht man der Ausstellung an. Es ist anregend, sich auf eine Entdeckungsreise zu begeben und eigene Ideen zu entwickeln.

Und das in einer Ausstellung, die sich quasi schon verändert während man sie besucht.

Ja, es ist eine Ausstellung, in der viel passiert. Die Transformation von Materialien und Materie spielt eine wichtige Rolle im Umgang mit Zeit. Die Künstlerin Nina Canell beispielsweise hat einen großen Bottich mit Wasser aufgestellt. Darin tönt ein Ultrasound, den das menschliche Gehör nicht wahrnehmen kann. Aber man kann ihn sehen, denn er erzeugt Vibrationen, die als Nebel aufsteigen und den Zement, der daneben liegt, nach und nach hart werden lässt.

Jens Risch hingegen hat neben seine „Knoten-Stücke“, die wie kleine Korallen wirken und unglaublich schön anzuschauen sind, ein „Stunden-Stück“ gelegt. Es ist ein kurzer Faden, an dem der Künstler von 10.55 Uhr bis 11.15 Uhr geknotet hat. Gleichzeitig hat die Ausstellung auch Werkstattcharakter, denn es finden viele Veranstaltungen direkt in ihr statt, Konzerte, Gespräche und Führungen, die auch hinter die Kulissen der Tropfsteinmaschine führen. Da gibt es ein riesiges Wasserreservoir von 1500 Litern, falls es mal nicht genug regnen sollte. Was in Hamburg natürlich relativ unwahrscheinlich ist. (lacht)

 

Hamburger Künstler:innen im internationalen Kontext

 

Auch sind Arbeiten von Hamburgern wie Axel Loytved oder Elena Greta Falcini zu sehen. Achten Sie besonders darauf, auch vor Ort die Augen aufzuhalten?

Ich finde es schön, dass Ihnen das auffällt. Gleichzeitig kommt es mir selbst aber immer etwas unfair vor, das in den Vordergrund zu stellen. Denn es geht nicht darum, ob die Künstler:innen aus Hamburg kommen, sondern darum, dass sie gut sind und im internationalen Kontext bestehen können. Elena Greta Falcini mixt aus alten Autoreifen und anderen Stoffen ihre eigenen Materialien und hat damit eine Art schwarzes Loch im Raum verspannt. Es wirkt wie Lava, die gerade erst erkaltet ist und man spürt förmlich die Energie. Falcini hat gerade erst ihr Studium an der HFBK abgeschlossen und ist eine eigenständige, interessante Künstlerin.

Und von Axel Loytved sind die tollen Schneematsch-Plastiken zu sehen.

Sie sehen wie abstrakte Bronzen aus und erinnern an Meteoriten. Dann aber liest man, dass es Abgüsse der Klumpen sind, die sich bei Schneefall an den Radkappen bilden. Loytved erhöht die Banalität des Alltags in die Kunst und holt die Kunst gleichzeitig auf eine ganz reale Ebene zurück. In Nachbarschaft zu den Bronzegebilden von Loytved hängen historische Fotos von Gletschern, die es heute nicht mehr gibt und um die Ecke stehen Kühltruhen, die Bogomir Ecker mit Gegenständen gefüllt hat, die langsam einfrieren. Stillstehende Zeit.

 

„Wir Menschen sind doch eher marginal“

 

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Edith Dekyndt: Videostill aus Breiđarmerkurfjara Beach, 2012 (Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2022; Galerie Karin Guenther Hamburg / Galerie Greta Meert Brüssel)

„Futura“ hebt gleich mit mehreren Arbeiten ins Weltall ab. Gehört das zum Thema Zukunft dazu?

Bei der Beschäftigung mit der Zukunft kommen automatisch das große Ganze ins Spiel und der Versuch, dieses unvorstellbare Universum zu greifen. Daniel Janik hat dazu einen „Prototyp zur Rückführung von Himmelskörpern“ gebaut. Es ist eine Arbeit, die so ernst wie augenzwinkernd ist, denn käme ein Meteroit angeflogen, würde sie vermutlich sofort zerbrechen. Aber es geht um die Vorstellung, dass wir etwas auffangen können aus dem All und es auch wieder zurückschicken. Wie bei dem Bild des Pärchens, das 1972 mit der Raumsonde Pioneer X ins All geschickt wurde, um anderen Lebewesen, falls es sie gibt, etwas über uns mitzuteilen. Absurderweise gab es damals Diskussionen, ob man die Geschlechtsteile so deutlich zeigen darf. (lacht)

Dachte man früher an die Zukunft, ging es um Fortschritt, heute muss man die Zerstörung der Welt immer mitdenken.

Das ist auch ein Aspekt, der in der Ausstellung ziemlich klar wird. Gleichzeitig war es uns wichtig, über Atommülllagern und Dystopien hinaus abstrakter zu denken. Es geht um Kunst, um Fantasie und einen spielerischen und zugleich ernsthaften Ansatz. Und es geht um Transformation und Veränderung, um chemische und physikalische Prozesse, zu denen letztendlich auch die Tropfsteine gehören. Die ganze Diskussion um das Anthropozän ist immer so auf den Menschen fixiert. Doch im Vergleich zum Universum mit seinen Milliarden Jahren, sind wir Menschen doch eher marginal. Deswegen tauchen wir in der Ausstellung stärker in die Natur ein und in die unaufhörlichen Prozesse von Verdampfen, Gefrieren, Verdichten oder Sich-Auflösen.

Futura. Vermessung der Zeit, Hamburger Kunsthalle, bis zum 10. April 2022, Buchvorstellung „Internationale Zukunftsprojekte“ am 3. Februar 2022 (2G-Plus-Veranstaltung) 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist seit dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Handys, Hipster und Hochkultur

Alte Meister neben Handybildern des Schauspielers Lars Eidinger und Leinwandsprüchen des skatenden Künstlers Stefan Marx. Kann das gut gehen? Die Ausstellung „Klasse Gesellschaft“ wagt es

Text: Karin Schulze

 

Es wirkt, als könne man sich auch über Jahrhunderte und Kontinente hinweg nahekommen: Ein Mädchen, das irgendwo auf einer dunklen Straße mit geneigtem Kopf in ihr Mobilgerät tippt. Vor ihr ein junger Mann, der ebenfalls mit gesenktem Blick auf ein hochformatiges Ding in seiner erhobenen Hand schaut. Die junge Frau ist in einem Schnappschuss zu sehen, den Lars Eidinger 2016 im chinesischen Tianjin aufgenommen hat. Ihr Gegenüber, festgehalten beim Überbringen eines Briefes, wurde 1670 von Pieter de Hooch gemalt. Das (un-) gleiche Paar, das sich in Haltung und Attitüde verblüffend ähnelt, ist ein kühner Zusammenschnitt im Katalog der Kunsthallen-Ausstellung, die Bilder Alter Meister mit Arbeiten von Eidinger (* 1976) und Stefan Marx (* 1979) konfrontiert.

 

Moralisierende Untertöne

 

Lars Eidinger (links) und Stefan Marx in der Ausstellung Klasse Gesellschaft in der Hamburger Kunsthalle (Foto: Nils Müller)

In den Niederlanden des 17. Jahrhunderts boomten Schifffahrt und Handel. Der Wohlstand von Bürgern und Kaufleuten wuchs. Kunst stand hoch im Kurs, zum ersten Mal bildete sich so etwas wie ein Kunstmarkt. Während der Calvinismus den Katholizismus zurückdrängte, waren die künstlerischen Motive nicht mehr mythologischer oder biblischer Herkunft, sondern stammten erstmals vor allem aus dem Alltag von Bürgern und Bauern. Diese Genrebilder zeigen Straßenszenen, Feste, Hausarbeit und bäuerliches Leben oder Interieurs. Zu den Meistern der eleganten Innenräume und inniger Versunkenheit gehörten neben Vermeer, der derzeit in Dresden gefeiert wird, de Hooch und Gerard ter Borch. Raumfluchten, aufwendige Fliesenböden, Porzellan und Orientteppiche belegten den Wohlstand der Bürger und Kaufleute. Viele Bilder aber waren auch imprägniert von moralisierenden Untertönen. Vor allem bäuerliche Szenen warnten vor Alkohol, Tabakrausch, Müßiggang: Laster drohten, wo Tüchtigkeit, Fleiß und Besinnlichkeit schwächelten.

 

Eidinger bringt die Gegenwart auf den Punkt

 

Ohne Titel, Paris 2018 (Foto: Lars Eidinger)

Ohne Titel, Paris 2018 (Foto: Lars Eidinger)

Ausstattungsstücke heutigen Alltags nimmt der Schauspieler, Selbstdarsteller und Instagrammer Lars Eidinger meist mit dem Handy aufs Korn: weltweit unterwegs und rastlos in großen Städten umherschweifend. Mitunter sieht es aus, als habe er sein Auge an den aberwitzigen Skulpturen Erwin Wurms geschult, für den er bereits posiert und mit dem er auch ausgestellt hat. Oft jedenfalls bringt Eidinger Gegenwart gewitzt auf den Punkt: die Kühlerhaube, die aus einem halb geöffneten Garagentor herauszuquellen scheint. Oder das Gefäß eines Bettlers, der einen Starbucks-Becher mit einem Madonnenbildchen spirituell aufgerüstet hat.

Während Eidingers Alltagsbelichtungen die gesellschaftlichen Bezüge und die mitunter auch skurrilen Aspekte der Niederländer hervorheben, fügt der Hamburger Künstler, Skater und Designer Stefan Marx ihrer Handlungsebene eine Art stillen Soundtrack hinzu. Mit seinen gemalten Text- und Songfragmenten aktualisiert er etwa die bei den Niederländern so häufigen Briefmotive. Beispielsweise wenn er „Don’t Text Me Back Haha It’s Ok“ in seinen typischen, gleich Lichtreflexen auf Wasser tanzenden Lettern auf Leinwand bannt. Man kann Kulturverfall beklagen, wenn so populär agierende Kreative im Museum landen.

 

Von Instagram ins Museum

 

Man könnte aber auch fragen, inwiefern Handyfotografie, Social Media und Street-Art heute die Kunst erweitern, wie es im 17. Jahrhundert die Genremalerei tat. Auf jeden Fall könnten die beiden leidenschaftlichen Instagrammer, die gemeinsam mehr als 230.000 Follower haben, auch ein paar bisher wenig museumsaffine Besucher anlocken. Selbst bei Bildungsbürgern gelten die meisten Genremotive des 17. Jahrhunderts schließlich als wenig sexy. Ihre noch immer direkte Lesbarkeit gilt es ebenso zu entdecken wie ihre spezifischen historischen Kontexte.

„Klasse Gesellschaft. Alltag im Blick niederländischer Meister“ mit Lars Eidinger und Stefan Marx. Kunsthalle, bis zum 27. März 2022


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Toyen in der Kunsthalle: Früher Freiheitskampf

Sie lehnte sich gegen Geschlechterklischees auf, stritt für Gleichberechtigung und eine andere Erotik: In Hamburg ist die erste deutsche Einzelausstellung der Malerin Toyen zu sehen

Text: Sabine Danek

 

Identität ist eines der großen aktuellen Themen. Dass die Künstlerin Toyen (1902–1980) sich bereits Anfang des 20. Jahrhunderts mit ihr beschäftigte, mit Unterdrückung und dem männlichen Blick, ist jetzt in einer Retrospektive zu sehen, die durch ihr gesamtes Werk führt. Durch sein gesamtes Werk müsste man eigentlich sagen. Denn Toyen selbst sprach von sich ausschließlich in der männlichen Person und legte sich mit 21 Jahren ein Pseudonym zu. Weil im Tschechischen auch der Nachname gemäß des Geschlechts gebeugt wird, nannte Marie Čermínová sich schlicht Toyen, ein Wort, das von dem französischen Wort Citoyen (Bürger:in) abgeleitet ist.

 

Wurzeln in der Tschechoslowakei

 

Und auch sonst ging sie ihren eigenen Weg. In Böhmen geboren, studierte sie an der Akademie für Kunst, Architektur und Design in Prag, brach ihr Studium und den Kontakt zu ihrer Familie ab und schloss sich 1923 der linken Künstlergruppe Devětsil an. Da malte sie noch im kubistischen Stil, verband später gemeinsam mit ihrem Partner, dem Dichter Jindrich Štyrský, Malerei und Poesie und galt bald als eine wichtige Stimme der tschechoslowakischen Avantgarde.

 

Immer wieder Paris

 

Porträt der Künstlerin TOYEN (Marie Čermínová / 1902–1980), um 1919; Foto: Fotograf:in unbekannt / Repro-Foto: Christoph Irrgang

Porträt der Künstlerin TOYEN (Marie Čermínová / 1902–1980), um 1919; Foto: Fotograf:in unbekannt / Repro-Foto: Christoph Irrgang

Mitte der 1920er gingen die beiden für ein paar Jahre nach Paris, 1935 kehrte Toyen an die Seine zurück und knüpfte enge Bande zu den Pariser Surrealisten. Ganz wie Dalí auch, gleitet sie in ihrer Malerei in verborgene Welten ab, lässt in Collagen wie „Nicht Schwan nicht Mond“, ein Korsett auf dem Wasser wegtreiben oder verbannt es blau schimmernd in eine „Verlassene Höhle“, beschwört Stimmen und Botschafter des Waldes in seltsamem Gefieder und gesichtslose rosa und gelbe Gespenster in opulenten Roben.

 

Toyens Einfluss

 

Spätestens seit der Frankfurter Schau „Fantastische Frauen“ im letzten Jahr, weiß man, was für einen wichtigen Einfluss Künstlerinnen auf den Surrealismus hatten – und das, obwohl Kunstmachos wie Max Ernst, Man Ray oder André Breton sie vor allem als Musen oder als schmückendes Beiwerk sahen. Toyen aber wurde von Breton „meine Freundin unter den Frauen“ genannt.

 

Als entartet gebrandmarkt

 

Zurück in der Tschechoslowakei, waren alle Kontakte zu den Pariser Surrealisten gekappt. Toyens Kunst galt als entartet, sie lebte jahrelang zurückgezogen und in Angst, aber machte weiter. Gemeinsam mit dem jungen jüdischen Dichter Jindřich Heisler, den sie im Badezimmer ihrer Wohnung in Prag versteckte, produzierte sie verschiedene Arbeiten.

Neben 120 Gemälden, Zeichnungen, Illustrationen, Collagen und Büchern, sind in der Ausstellung, die mit Museen in Paris und Prag entstand, eine Auswahl persönlicher Dokumente und Fotografien Toyens zu sehen, die neben ihrer Kunst auch durch ihr außergewöhnliches und mutiges Leben führen.

Toyen, Hamburger Kunsthalle, 24.9.–13.2.2022; hamburger-kunsthalle.de/ausstellungen/toyen


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2021. Das Magazin ist seit dem 28. August 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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„Trauern“: Neue Ausstellung in der Kunsthalle

Mit Arbeiten von mehr als 30 internationalen Künstlern beleuchtet die Ausstellung „Trauern“ Verlust und Veränderung. Wir sprachen mit der Kuratorin Brigitte Kölle über die unterschiedlichen Arten des Trauerns, über die politische Dimension des Gefühls und darüber, warum es großartig ist

Interview: Isabel Rauhut

 

SZENE HAMBURG: Brigitte Kölle, auf die er­ folgreichen Ausstellungen „Scheitern“ und „Warten“ folgt jetzt „Trauern“. Wie haben sich die Themen herauskristallisiert?

Brigitte Kölle: Eigentlich haben sie sich ganz organisch ergeben. Jedenfalls war das Ganze anfangs nicht als Reihe angelegt, macht als solche aber rückblickend sehr wohl Sinn. Die Themen Scheitern, Warten und Trauern verbindet ja, dass sie Brüche und „blinde Flecken“ markieren, in einem auf Reibungslosigkeit und Funktionieren hin getrimmten Tages- und Lebensablauf. Genau dies interessiert auch viele Künstlerinnen und Künstler: Gerade in diesen Leerstellen sind Innehalten, Reflexion – und auch Kreativität möglich. Trauer ist sehr individuell.

Brigitte_Kölle

Kuratorin Brigitte Kölle, Galerie der Gegenwart

Wie haben Sie sich dem Begriff angenähert, wie haben Sie ihn eingegrenzt oder auch erweitert? 

Es stimmt, DIE Trauer gibt es nicht. Jeder Mensch trauert anders. Und auch die Trauer eines Einzelnen wandelt sich und kann unterschiedliche Formen annehmen. Insofern hat die Ausstellung auch einen Titel in Verbform: trauern. Damit ist ein Moment der Prozesshaftigkeit, des Wandels angesprochen.

Ausgangspunkt der Ausstellung war meine Beobachtung, dass zeitgenössische Künstler sich verstärkt und in vielfältiger Form mit Verlusterfahrungen auseinandersetzen. Da berühren sich also die Kunst und das Leben – das finde ich persönlich sehr spannend. Was kann uns die Kunst erzählen? Welche Bilder finden Künstler für ganz elementare und zuweilen in höchstem Maße verstörende und erschütternde Verlusterfahrungen?

Auffällig angesichts der Arbeiten ist, wie politisch Trauer sein kann. Ob es Morde an Schwarzen oder Bilder aus dem Syrienkrieg sind.

Wenn man sich intensiv mit einem Thema beschäftigt, lernt man dazu. Für mich als Kuratorin war hierbei die Erkenntnis zentral, dass der gesellschaftliche und öffentliche Umgang mit Trauer ungeheuer viel auszusagen vermag über die Gegenwart, in der wir leben. Um wen trauern wir und um wen nicht? Es gibt gleichsam eine Hierarchie der Trauer. Darin liegt eine Wertschätzung und eine klare Wertung.

Im Booklet zitieren Sie Judith Butlers Frage „Welches Leben ist betrauernswert?“

Die amerikanische Philosophin Judith Butler hat sich nach 9/11 intensiv mit diesen Fragen beschäftigt und war für mich in dieser Hinsicht ein regelrechter „eye-opener“. In der Ausstellung spiegelt sich die Frage nach der unterschiedlichen Wertschätzung, die in unterschiedlichen Intensitäten von gesellschaftlicher Trauer zum Ausdruck kommt, in zahlreichen Positionen wider: Der US-amerikanische Künstler Dread Scott thematisiert die Polizeigewalt gegenüber Schwarzen (und das gesellschaftliche Desinteresse). Felix Gonzalez-Torres rückt die Verluste in der AIDS-Krise und Khaled Barakeh die Opfer des Syrienkrieges ins Blickfeld. Und der junge tschetschenische Künstler Aslan Ġoisum führt uns auf stille, aber eindrückliche Weise die Folgen der Zwangsdeportation unter Stalin vor Augen und was es heißt, seine Heimat zu verlieren.

 

„Trauer und Protest liegen nah beieinander“

 

Sind in diesem Zusammenhang auch die Bilder von Willem de Rooij zu sehen, die erst in den Titeln aufdecken, ob es sich um Trauernde oder Demonstranten handelt?

Trauer und Protest liegen nah beieinander. Wenn die ungleiche Verteilung von öffentlicher Trauer es vermag, gesellschaftliche Missstände aufzuzeigen, dann kann sie auch dazu führen, diese nicht einfach stillschweigend hinzunehmen.

Willem de Rooij hat zwei Jahre lang Fotos aus Zeitungen, die Trauernde, Demonstrierende und Protestierende zeigen, gesammelt und diese ohne Quellenangaben auf großen Bildpanels zusammengefügt. So entsteht ein Bilderatlas einer medialen Repräsentation von Trauer und Protest.

 

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Abb.: Paul Fusco: RFK Funeral Train, 1968/2019

 

Sehr bewegend sind Paul Fuscos Fotos der Trauernden, die dem ermordeten Robert Kennedy an den Bahngleisen Respekt zollten, als sein Leichnahm 1968 nach Washington, D.C. gebracht wurde. Eine Million Menschen sollen es gewesen sein. Wie kam die Dokumentarfotografie in die Ausstellung?

Die farbintensiven fotojournalistischen Arbeiten von Paul Fusco sind beeindruckend und haben andere Künstler zu eigenen Arbeiten inspiriert. Darunter Rein Jelle Terpstra aus Amsterdam, der den Blick von Fusco auf die vielen Trauernden aus dem Zug mit Kennedys Leichnam zurückwirft. Er zeigt die Fotos und Filme, die die Trauernden selbst gemacht haben. Schuss – Gegenschuss!

Und der französische Künstler Philippe Parreno hat auf der Grundlage von Fusco-Fotos einen Film gedreht, der wie eine Art surreales Reenactment der Szenerie daherkommt und damit die Frage stellt, was von dem Ereignis des Jahres 1968, das ja zugleich ein Abgesang auf die gesellschaftlichen Visionen eines Amerikas ohne Rassendiskriminierung war, in heutiger Zeit noch aktuell ist.

Betritt man die Ausstellung, hört man keltisch­heidnische Klagegesänge der Künstlerin Susan Philipsz. Wollen Sie den Besuch gleich zu Beginn mit Emotion aufladen?

Die Sound-Skulpturen von Susan Philipsz sind emotional und konzeptuell zugleich. Sie überwältigen nicht, obwohl sie berühren. Susan hat sich ein altes irisches Klagelied vorgenommen und es bis auf die Grundtöne reduziert. Sie singt einzelne Töne selbst, die über vier Lautsprecher auf unterschiedlichen Höhen des großen Lichthofs der Galerie der Gegenwart regelrechte Tonkaskaden bilden. Die menschliche Stimme ist zugleich körperlos als auch ungeheuer präsent – ein besonderes Erlebnis!

 

„Trauer ist der Beweis für unsere Liebesfähigkeit“

 

Wie wirkt es sich persönlich aus, sich so lange mit dem Thema Trauer zu beschäftigen?

Auf gewisse Weise musste ich mir im Laufe der Vorbereitung einen distanzierteren, fast analytischen Blick antrainieren: Wie ist das gemacht? Welche Aspekte thematisiert das Kunstwerk? Inwiefern bereichert und erweitert es die Bandbreite der gezeigten Werke? Es handelt sich hier schließlich nicht um die Vorbereitung einer Therapiesitzung, sondern um eine Kunstausstellung … Und dennoch geht das irgendwie ineinander über.

Denn dass die Künstler sich mit dem Thema beschäftigen, ist ihnen ein echtes, auch persönliches Bedürfnis. Und sie bieten damit gewissermaßen eine offene Flanke. Das ist für mich als Kuratorin, aber auch für die Besucher ein Geschenk.

Was sagt unser heutiger Umgang mit Trauer für Sie über unsere Gesellschaft aus?

Der gesellschaftliche Umgang mit Trauer impliziert eine Wertung, ein Ein- und Ausgrenzen. Und die Trauer sagt viel darüber aus, ob wir uns als verletzliche Wesen selbst akzeptieren und gegenseitig aushalten. Leider spricht die zunehmende Pathologisierung der Trauer eindeutig dagegen.

Letztlich ist die Trauer – so absurd das zunächst klingen mag – eine großartige Sache, denn sie ist der Beweis für unsere Beziehungs- und Liebesfähigkeit. Wenn uns alles und jeder egal ist, dann können wir keinen Verlust und damit keine Trauer empfinden. Und das wäre eine schreckliche Vorstellung!

Hamburger Kunsthalle/Galerie der Gegenwart: Trauern. Von Verlust und Veränderung, Eröffnung: 6.2., 19 Uhr, bis 14.6.


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Ausstellung: Blicke auf 150 Jahre Hamburger Kunsthalle

Ihr 150. Jubiläum feiert die Hamburger Kunsthalle mit einer Schau, die mehr als ein Rückblick ist

Text: Sabine Danek
Foto (o.): Christoph Irrgang – Hamburger Kunsthalle

 

Einst flanierte man einen Hügel zur Kunsthalle hinauf, Kutschen fuhren vorbei, die Kleider waren lang und drum herum war alles grün. Nach vielen Provisorien bekam die Kunsthalle 1869 den heutigen, zentralen Bau und ihren ersten Direktor. Doch ausgerechnet ihm gefiel der Prachtbau nicht wirklich. Der starre Historismus stand Alfred Lichtwarks Auffassung, dass ein Museum sich aus seiner Nutzung heraus ergeben solle, im Weg. Mit ihm begann nicht nur eine Ausstellungs- sondern auch eine Architekturgeschichte, die immer wieder von Auseinandersetzungen begleitet war.

 

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Gründungsbau der Hamburger Kunsthalle, vor 1889 / Foto: Hermann Priester – Hamburger Kunsthalle

 

Als 1906 ein Anbau geplant war, nutzte Lichtwark die Gelegenheit, andere europäische Ausstellungshäuser zu studieren und setzte nach vielen Querelen schlichtere Räume und hohes Seitenlicht durch. Die nächste erbitterte Diskussion folgte fast 80 Jahre später mit dem Wettbewerb für die Galerie der Gegenwart, der 1985 ausgeschrieben wurde und bei dem sich nicht einer der visionären Entwürfe, sondern der Klotz des Kölner Architekten Oswald Mathias Ungers durchsetzte, der wie eine Bastion auf den ehemaligen Wallanlagen steht und auch genauso schwer einzunehmen ist. Zu seinem abweisenden Äußeren gesellen sich steile Treppen und ein beklemmendes Untergeschoss, in dem noch am besten die klaustrophobische Retrospektive Gregor Schneiders zur Geltung kam.

 

Glanzstück der Gegenwart

 

Dass die Galerie der Gegenwart dennoch zu einem Glanzstück wurde, liegt an den Kuratorinnen, die dort seit Jahren spannende Schauen von Künstlerinnen wie Eva Hesse, Gego, Roni Horn, Geta Brătescu oder Anita Reé zeigen – und das „Warten“ in einer ikonischen Ausstellung mit überraschenden Facetten versahen.

Mit dem neuen Direktor Alexander Klar, seit August frisch im Amt, feiert die Kunsthalle jetzt ihr Jubiläum – und mit der Schau „Beständig. Kontrovers. Neu – Blicke auf 150 Jahre“. Zusammengestellt von der Leiterin der Provenienzforschung, Uta Haug, und von den jungen Kuratorinnen Shannon Ort, Andrea Völker und Lisa Schmid, will sie Schlaglichter auf die Arbeit des Museums selbst setzen – und dabei durchaus auch kritisch sein. Sie fragt nach den Aufgaben eines Museums, danach was gezeigt und eben nicht gezeigt wird, untersucht dessen Förderung und, ob es Verbindungen zum Kolonialismus gab.

Darüber hinaus sind Postkarten, Fotos und andere Erinnerungen, die Hamburger eingereicht haben, zu sehen und man kann nicht nur über einen NDR-Bericht des Kunstraubs von 1978 staunen, bei dem weder Alarmanlage noch Wächter reagierten, sondern auch über einen Film, in dem im Dämmerlicht die Gemälde der Romantiker erkundet wurden. Auf vielfältige Weise legt der Blick auf die Museumsgeschichte dabei immer auch Fährten in die Zukunft der Kunsthalle aus.

Hamburger Kunsthalle: „Beständig. Kontrovers. Neu – Blicke auf 150 Jahre“, bis 10.11.


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich!


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