TOYEN: Die neue Welt der Liebenden; (Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2021/Katrin Backes, Sylvain Tanquerel)

Toyen in der Kunsthalle: Früher Freiheitskampf

Sie lehnte sich gegen Geschlechterklischees auf, stritt für Gleichberechtigung und eine andere Erotik: In Hamburg ist die erste deutsche Einzelausstellung der Malerin Toyen zu sehen

Text: Sabine Danek

 

Identität ist eines der großen aktuellen Themen. Dass die Künstlerin Toyen (1902–1980) sich bereits Anfang des 20. Jahrhunderts mit ihr beschäftigte, mit Unterdrückung und dem männlichen Blick, ist jetzt in einer Retrospektive zu sehen, die durch ihr gesamtes Werk führt. Durch sein gesamtes Werk müsste man eigentlich sagen. Denn Toyen selbst sprach von sich ausschließlich in der männlichen Person und legte sich mit 21 Jahren ein Pseudonym zu. Weil im Tschechischen auch der Nachname gemäß des Geschlechts gebeugt wird, nannte Marie Čermínová sich schlicht Toyen, ein Wort, das von dem französischen Wort Citoyen (Bürger:in) abgeleitet ist.

 

Wurzeln in der Tschechoslowakei

 

Und auch sonst ging sie ihren eigenen Weg. In Böhmen geboren, studierte sie an der Akademie für Kunst, Architektur und Design in Prag, brach ihr Studium und den Kontakt zu ihrer Familie ab und schloss sich 1923 der linken Künstlergruppe Devětsil an. Da malte sie noch im kubistischen Stil, verband später gemeinsam mit ihrem Partner, dem Dichter Jindrich Štyrský, Malerei und Poesie und galt bald als eine wichtige Stimme der tschechoslowakischen Avantgarde.

 

Immer wieder Paris

 

Porträt der Künstlerin TOYEN (Marie Čermínová / 1902–1980), um 1919; Foto: Fotograf:in unbekannt / Repro-Foto: Christoph Irrgang

Porträt der Künstlerin TOYEN (Marie Čermínová / 1902–1980), um 1919; Foto: Fotograf:in unbekannt / Repro-Foto: Christoph Irrgang

Mitte der 1920er gingen die beiden für ein paar Jahre nach Paris, 1935 kehrte Toyen an die Seine zurück und knüpfte enge Bande zu den Pariser Surrealisten. Ganz wie Dalí auch, gleitet sie in ihrer Malerei in verborgene Welten ab, lässt in Collagen wie „Nicht Schwan nicht Mond“, ein Korsett auf dem Wasser wegtreiben oder verbannt es blau schimmernd in eine „Verlassene Höhle“, beschwört Stimmen und Botschafter des Waldes in seltsamem Gefieder und gesichtslose rosa und gelbe Gespenster in opulenten Roben.

 

Toyens Einfluss

 

Spätestens seit der Frankfurter Schau „Fantastische Frauen“ im letzten Jahr, weiß man, was für einen wichtigen Einfluss Künstlerinnen auf den Surrealismus hatten – und das, obwohl Kunstmachos wie Max Ernst, Man Ray oder André Breton sie vor allem als Musen oder als schmückendes Beiwerk sahen. Toyen aber wurde von Breton „meine Freundin unter den Frauen“ genannt.

 

Als entartet gebrandmarkt

 

Zurück in der Tschechoslowakei, waren alle Kontakte zu den Pariser Surrealisten gekappt. Toyens Kunst galt als entartet, sie lebte jahrelang zurückgezogen und in Angst, aber machte weiter. Gemeinsam mit dem jungen jüdischen Dichter Jindřich Heisler, den sie im Badezimmer ihrer Wohnung in Prag versteckte, produzierte sie verschiedene Arbeiten.

Neben 120 Gemälden, Zeichnungen, Illustrationen, Collagen und Büchern, sind in der Ausstellung, die mit Museen in Paris und Prag entstand, eine Auswahl persönlicher Dokumente und Fotografien Toyens zu sehen, die neben ihrer Kunst auch durch ihr außergewöhnliches und mutiges Leben führen.

Toyen, Hamburger Kunsthalle, 24.9.–13.2.2022; hamburger-kunsthalle.de/ausstellungen/toyen


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