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Nora Fingerscheidt über ihren Film „Systemsprenger“

„Systemsprenger“ werden im Amtsjargon Kinder genannt, die in keiner Familie, keinem Heim klarkommen. Die Wahlhamburgerin Nora Fingscheidt hat einen ebenso berührenden wie bestürzenden Film über solch ein Mädchen geschaffen

Text und Interview: Sabine Danek
Foto: Yunus Roy Imer – Port au Prince Pictures

 

Gleich mit ihrem ersten Spielfilm hat die Hamburger Regisseurin Nora Fingscheidt es in den Wettbewerb der Berlinale geschafft – und den Silbernen Bären gewonnen. Mit einem Drama wie eine Urgewalt, das von einem Mädchen erzählt, wie man es zuvor nicht kannte.

Von der neunjährigen Benni, die von ihrer überforderten Mutter der Fürsorge übergeben wurde, die Bobby-Cars durch die Gegend schmeißt, die tobt, schreit und abhaut. 27 Heime und Wohngruppen hat sie hinter sich, denn sie will einzig an einen Ort zurück: zu ihrer eigenen Mutter. Bennis Kampf um Liebe ist eine Tour de Force, die weit über die Geschichte hinausreicht, die einen zutiefst berührt, bestürzt und atemlos zurücklässt.

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Mehrfach ausgezeichnet: Nora Fingscheidt (Foto: Philip Leutert)

SZENE HAMBURG: Nora Fingscheidt, Sys­temsprenger ist ein so kalter und ungewöhnlicher Begriff. Wie wurde er Titel?

Nora Fingscheidt: Als ich das Wort das erste Mal gehört habe, ging es mir genauso. Das war während der Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm für die Caritas. Wir haben in einem Heim für wohnungslose Frauen gedreht, einem nicht sehr hoffnungsvollen Ort, wo eines Tages ein 14-jähriges Mädchen einzog.

Ich war schockiert darüber! Aber die Sozialarbeiterin erklärte uns gelassen, sie sei eben ein Systemsprenger. Das Wort ist so hart wie eindrücklich, es klingt nach Explosion und beschreibt gleichzeitig etwas sehr Tragisches. Von da an hat der Begriff mich begleitet.

Du hast auch das Drehbuch geschrie­ben. War es bei dieser Geschichte besonders wichtig, sie von Anfang an zu entwickeln?

Es gibt Stoffe, denen muss man sich einfach selber annähern. Ich hätte das Drehbuch gerne mit jemandem zusammen geschrieben, aber es gab Zeitprobleme. Es alleine zu schreiben war schon recht anstrengend.

War das Mädchen aus dem Haus für wohnungslose Frauen Vorbild?

Auf eine Weise schon, denn sie war der Ausgangspunkt für eine vierjährige Recherche. Die habe ich aber nicht nonstop betrieben, sondern zwischendurch immer wieder geschrieben. Ich war für zwei Wochen in einer Wohngruppe und habe anschließend an dem Drehbuch gearbeitet, dann eine Woche in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, wieder geschrieben, zehn Tage in einer Schule für Erziehungshilfe und so weiter.

Am Ende war ich noch einmal zehn Tage in einer Inobhutnahmestelle. Das war hart. Dorthin kommen die Kinder direkt aus den Familien, wenn es Zuhause eskaliert.

 

„Mein Weltbild hat sich ziemlich verdüstert“

 

Wie nahe geht einem so ein Projekt?

Sehr nahe. Mir ist es schwer gefallen, die vielen tragischen Fälle zu verarbeiten, die furchtbaren Familiengeschichten der Kinder, ihre Traumata und ihre Hilflosigkeit. Mein Weltbild hat sich ziemlich verdüstert und irgendwann konnte ich nicht einmal mehr U-Bahn fahren, ohne mögliche Fälle von Kindesmissbrauch zu sehen.

Ich habe dann ein Jahr pausiert und einen Dokumentarfilm über Mennoniten in Argentinien gedreht. Das Eintauchen in eine so andere Welt ohne Strom, ohne Internet und weltpolitische Überlegungen, in der nur das demütige Leben Gott gegenüber zählt, war gut. Auch wenn es dort andere Konflikte und Kindheitsprobleme gab, hat es die Dinge wieder etwas ins Verhältnis gerückt.

Die damals zehnjährige Helena Zengel, die im Film Benni spielt, war eine der ersten, die für diese Rolle vorgesprochen hat. Dennoch hast du noch viele andere gecastet.

Als ich das Drehbuch geschrieben habe, dachte ich, dass ich nie ein Kind finden werde, das diese Rolle spielen kann. Geschweige denn, dass ich Eltern finde, die das erlauben. Als wir schließlich das erste Casting hatten, war Helena tatsächlich das siebte Kind, das vorgesprochen hat. Ich war beeindruckt, aber habe mich nicht getraut, schon aufzuhören. Michael Haneke hat für „Das weiße Band“ 6.500 Kinder gecastet. Ich konnte mir wirklich nicht vorstellen, dass es so einfach sein kann.

Doch sie ist es dann geworden.

Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich alle anderen Mädchen mit Helena vergleiche. Die Aggression immer auch mit einer solchen Not zu spielen, mit etwas Verletzlichem und gleichzeitig Gefährlichem, das habe ich bei keiner anderen gefunden.

Wie geht man mit einem Kind um, das solche Extreme spielen muss?

Man lässt sich viel Zeit. Sechs Monate vor Beginn der Dreharbeiten haben Helena und ich angefangen, Bennis Charakter zu erforschen, wir haben zusammen Bennis Klamotten ausgesucht. Bennis kleiner Drache war Helenas Idee. Wir haben aufgelistet, wie Benni in verschiedenen Situationen reagiert und wie Helena, damit sie das nicht vermischt.

Gleichzeitig hatten wir so viele Drehtage, dass wir nur ein, zwei Filmminuten am Tag drehen mussten. Komprimiert in zwei Stunden Film sieht es schon so aus, als würde Benni ständig ausrasten, aber wir hatten auch ruhige und lustige Drehtage.

 

 

Wenn Benni ausrastet, wird die Leinwand pink und zu einem Kaleidoskop aus Bildsplittern. Wie kam es dazu?

Ansätze gab es schon im Drehbuch, in das ich Träume, beziehungsweise Albträume hineingeschrieben habe. Aber irgendwie steckten sie voller Klischees. Weil Helena als Kind nur fünf Stunden am Tag arbeiten darf, haben der Kameramann Yunus Roy Imer und ich damit begonnen, nach ihrem Drehschluss mit bunten Glühbirnen und Makroobjektiven zu experimentieren. Der Schnittmeister hat das weitergesponnen und so ist Schritt für Schritt diese Filmsprache entstanden.

Der Film baut eine unglaubliche Span­nung auf, alles scheint möglich. Wie schwer war es, da einen Schluss zu finden?

Das war wahnsinnig schwer. Es gab viele verschiedene Versionen, manche waren ganz ruhig. Aber schließlich wollten wir es knallen lassen. Wir haben versucht, Bennis Energie in alle Ebenen des Films zu übertragen, in die Farben, den Schnitt, die Tongestaltung und in die Dramaturgie. Auch das Ende entspricht ihrer Intensität. Es wird sehr ambivalent aufgenommen, aber ich möchte nicht zu viel verraten.

Für wen ist der Film?

Für Menschen, die sich für Kinder interessieren, ab 20 Jahren aufwärts bis in die hohen 70er. Auf den Festivals habe ich beobachten können, wie die unterschiedlichsten Leute von dem Film berührt sind.

Er handelt auch von der Liebe selbst, davon, was sie kann und wie viele Facetten sie hat.

Ja, von dem Bedürfnis des Menschen nach bedingungsloser Liebe und was passiert, wenn einem diese entzogen oder verweigert wird. Bis heute hat der Film 19 Preise gewonnen und das auf der ganzen Welt, in Taiwan, Portugal, der Ukraine oder auf dem Balkan. Auch wenn er im deutschen Sozialsystem angesiedelt ist, scheint er etwas ganz Universelles zu berühren.

Auf der Berlinale hat der Film den Silbernen Bären gewonnen. Wie war es, auf Anhieb im Wettbewerb zu sein? Und ab wann denkt man, dass man vielleicht gewinnen könnte?

Es war natürlich total großartig, aber gleichzeitig ist das alles auch ziemlich an mir vorbei gerauscht. Ich bin aus der völligen Überarbeitung in die Berlinale geschlittert. Der Film wurde nur drei Tage vorher fertig, erst am Tag vor der Premiere konnte ich mir ein Kleid besorgen.

Bevor ich mich besinnen konnte, war die Berlinale vorbei und plötzlich stand ein Bär in unserer Küche. Im Nachhinein kann ich das sehr genießen, aber währenddessen habe ich mich eher wie in einem Tornado gefühlt. Und damit gerechnet, wirklich einen Preis zu gewinnen, haben wir sowieso nie.

Systemsprenger: Ab 19.9.2019 im Kino


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Watu Wote: And the Oscar goes to … Hamburg?

Die Hamburg Media School-Absolventin Katja Benrath wurde mit ihrem Kurzfilm Watu Wote für den Oscar nominiert. Wir haben mit ihr und ihrem Team gesprochen: über Authentizität, die Dreharbeiten in Kenia und die Kleiderfrage zur Oscar-Verleihung.

Es sind nur rund 20 Minuten. Die aber so intensiv und berührend sind, dass man unbedingt ein Taschentuch bereithalten sollte. Basierend auf einer wahren Begebenheit erzählt HMS-Absolventin Katja Benrath eine Geschichte über Hass und Angst, Mut und Menschlichkeit in Nordkenia: Hier herrschen kriegsähnliche Zustände, zwischen Muslimen und Christen brodeln Hass und Misstrauen. Doch als Terroristen der Al-Shabaab- Miliz einen Reisebus überfallen, um alle Ungläubigen zu erschießen, stellen sich die Muslime unter Einsatz ihres Lebens vor ihre christlichen Mitreisenden. Zwei von ihnen werden angeschossen; einer von ihnen, ein Lehrer und Vater von fünf Kindern, stirbt später an seinen Verletzungen. Mehr als 30 Auszeichnungen räumte der Kurzfilm bereits ab, darunter den Studenten-Oscar. Wenn in der Nacht vom 4. auf den 5. März in L.A. die richtigen Oscars verliehen werden, könnte auch die wichtigste Auszeichnung der Branche noch dazukommen: „Watu Wote“ wurde in der Sektion Kurzfilm nominiert. Wir haben die sympathische 38-jährige Regisseurin getroffen – zusammen mit Drehbuchautorin und Cutterin Julia Drache sowie Kameramann Felix Striegel. Das war Katja Benrath wichtig: Denn diese beiden und Produzent Tobias Rosen, so sagt sie, hätten zum Gelingen des Filmes genauso viel beigetragen wie sie selber.

SZENE HAMBURG: Am Abend der Oscar- Nominierung hattet ihr Premiere in Kenia. Wie kam der Film dort an?
Katja Benrath: Die fanden ihn gut. Viele der Zuschauer gehörten natürlich zur Crew und zur Besetzung, ganz normal, dass manche dann gelacht haben, wenn sie sich erkannt haben. Das war bei dieser Thematik trotzdem ein sehr interessantes Erlebnis.

Wie realistisch ist denn eure Verfilmung?
Julia Drache: Wir haben mit sehr vielen Leuten gesprochen, die wirklich in dem Bus saßen, und haben sehr viele unterschiedliche Geschichten gehört. Unsere Version ist ein Mix aus dem, was uns am realistischsten erschien. Die muslimischen Frauen haben definitiv Kopftücher verteilt, und sicher ist auch, dass niemand die Christen verraten hat. Und es gab den Lehrer Salah Farah, der später an seinen Verletzungen gestorben ist, der die Terroristen offen konfrontiert hat.

Und die Hauptfigur?
Katja Benrath: Sie ist angelehnt an eine Person, die es wirklich gibt. Natürlich hätte sich der Lehrer als Hauptfigur angeboten. Aber dann hätten wir eventuell die Geschichte dieses Menschen, der auch noch gestorben ist, verändern müssen, dramaturgisch anpassen, unwahre Dinge hinzuerfinden. Das erschien mir anmaßend. Wir haben also eine fiktive Figur mit christlichem Background in den Bus gesetzt. In eine andere Kultur zu gehen und dort als jemand von außerhalb eine Geschichte zu erzählen, finde ich ohnehin sehr schwierig und manchmal fragwürdig. Eine Hauptfigur mit einem anders gefärbten Background ist eine zusätzliche Herausforderung und wir fanden die Christin auch als Identifikationsfigur eine gute Entscheidung.

Julia Drache: Die Christin, mit der wir gesprochen haben, war noch schwer traumatisiert und hatte Schwierigkeiten zu akzeptieren, dass sie tatsächlich von Muslimen gerettet wurde. Unsere Hauptfigur im Film benimmt sich, genau wie die reale Frau, zunächst sehr feindselig gegenüber den muslimischen Mitpassagieren, obwohl sie ihr nichts getan haben. Sie positioniert sich so offen gegen sie, dass man eigentlich denkt, niemand würde ihr im Ernstfall helfen. Das macht den Schluss natürlich viel stärker, denn trotz all der Anfeindungen stellen sich die muslimischen Mitreisenden schützend vor sie und die anderen Christen.

Der Film wirkt extrem authentisch. Wie habt ihr das als Europäer hinbekommen?
Katja Benrath: Intensive Beschäftigung und Empathie spielen eine Rolle. Die gemeinsame Entwicklung der Geschichte. Dann die großartige Kamera- arbeit. Sehr unmittelbar, ganz dicht dran und mitten im Geschehen. Und dann waren wir vier, fünf Monate vor Ort und haben da sehr eng mit den kenianischen Filmemachern zusammengearbeitet.

Felix Striegel: Wir sind ja nicht nach Nairobi geflogen, haben Urlaub gemacht und dann anderthalb Wochen gedreht, sondern uns ganz intensiv mit dem Land und den Leuten auseinandergesetzt. Wir haben in einer ganz normalen Wohnung in Nairobi gewohnt und monatelang den Alltag miterlebt. Da bekommt man schon einen anderen Bezug und einen anderen Blick auf das Land.

Wie wurdet ihr und euer Plan denn aufgenommen?
Felix Striegel: Erstaunlicherweise besser als zuerst erwartet.

Katja Benrath: Ja, der Dialog war sehr schnell da.

War es schwierig, Schauspieler zu finden? Gerade bei diesem Thema?
Katja Benrath: Wir hatten tatsächlich viele Bewerber, es gibt in Nairobi eine ziemlich große Theaterszene und dann ja auch Tom Tykwers Produktionsfirma „One Fine Day“, die seit acht Jahren in Kenia Filme dreht. Das Schwierigste war, somalische Schauspieler zu finden. Am Ende haben wir dann sogar zwei aus Minnesota eingeflogen, die schon mit Tom Hanks in „Captain Phillips“ gespielt haben. Aber die meisten sind tatsächlich Laiendarsteller.

Dream-Team (v. l.): Tobias Rosen, Katja Benrath, Julia Drache und Felix Striegel. Foto: Hamburg Media School

Dream-Team (v. l.): Tobias Rosen, Katja Benrath, Julia Drache und Felix Striegel. Foto: Hamburg Media School

Kann man denn im Film erkennen, ob jemand wirklich Somali ist?
Felix Striegel: Ja, klar! Das ist ein riesiger Kontinent mit unglaublich vielen Ethnien und Stämmen, die sich vom Teint, von der Physiognomie her unterscheiden. Alleine in Kenia gibt es 42 verschiedene Stämme! Die Somali haben ganz andere Gesichtszüge und einen ganz anderen Teint. Man hätte nicht einfach irgendjemanden nehmen und ihm ein Kopftuch aufsetzen können. So etwas wollten wir nicht, das wäre auch rassistisch und menschenverachtend. Wir wollten nicht einfach Klischees bedienen.

Katja Benrath: Das war übrigens auch die größte Sorge der kenianischen Filmemacher, sie haben bei internationalen Filmproduktionen sehr schlechte Erfahrungen gemacht.

Ist es nicht merkwürdig, in einer Sprache zu drehen, die man nicht versteht?
Katja Benrath: Die paar Sätze, die im Film vorkommen, kann ich inzwischen. Julia hat das Drehbuch auf Englisch geschrieben, und wir haben es übersetzen lassen. Ich habe dann sehr eng mit der Casterin zusammen- gearbeitet, die beurteilen konnte, ob das authentisch klingt. Ich fand es eigentlich nicht so problematisch. Die Kommunikation im Team war immer auf Englisch.

Das klingt jetzt alles so unkompliziert. So einfach war es aber nicht, oder? Felix, wurde dir nicht zum Beispiel die Kamera geklaut?
Felix Striegel: Ja, genau. Das war natürlich ein Schock. Glücklicher- weise war das noch kurz vor dem Dreh, sodass wir noch Ersatz besorgen konnten. Wäre das später passiert, hätte es wohl das Aus für den Film bedeutet. Wir hatten ja 50 Komparsen und noch mal fast 50 Leute Team, wir hätten das nicht mehr verschieben oder die Drehorte ändern können. Es gibt eigentlich nichts, das bei diesem Dreh nicht passiert wäre. Der Hauptdarsteller war während des Drehs ja auch im Gefängnis.

Warum?
Julia Drache: Weil er ein Somali ist. Es war eine ganz ähnliche Razzia wie die, mit der wir in den Film einsteigen, bei der Somalis manchmal grundlos verhaftet werden, wenn sie keinen Ausweis dabeihaben.

Katja Benrath: Gerade weil die Somalis so verfolgt werden, war es für sie wirklich eine Frage des Muts, bei dem Film mitzumachen. Bei den Castings waren einige, die dabei sein wollten, aber ohne ihr Gesicht zu zeigen. Weil sie tatsächlich eine Gefahr witterten, wenn sie sich im Film so klar gegen Al-Shabaab positionieren.

Bislang gab es aber keine Repressalien?
Katja Benrath: Nein.

Dann reden wir von etwas Schönem. Ihr wart gerade beim Oscar-Lunch der Nominierten in L. A?
Katja Benrath: Unser Produzent Tobias Rosen und ich waren da.

Und du hast mit Meryl Streep gesprochen …
Katja Benrath: Ja, ich habe kurz mit ihr die Kleiderfrage geklärt.

Ha! Gibt es wieder einen #MeToo- Dresscode?
Katja Benrath: Nein. Meryl Streep hat mir sinngemäß gesagt: Trag, was immer du tragen möchtest und mach den Mund auf, wenn es notwendig ist. Das fand ich sehr schön.

Was haltet ihr denn davon, wie diese Debatte verläuft? Ist das nicht langsam ein bisschen hysterisch?
Julia Drache: Allein die Tatsache, dass viele Frauen es offenbar über Jahrzehnte nicht gewagt haben, über sexuelle Belästigung bis hin zu Missbrauch zu sprechen, zeigt doch, dass diese Debatte längst überfällig war. Hysterisch finde ich daran gar nichts. Man muss natürlich darauf achten, dass alle Vorwürfe geprüft werden. Aber ich denke, dass es allein aufgrund der Debatte seltener bis zum Schlimmsten kommen wird. Und wenn doch, werden die Frauen viel wahrscheinlicher gleich aufstehen und den Mund aufmachen. Natürlich gibt es jetzt die armen Männer, die sagen, sie trauen sich gar nicht mehr, einer Frau ein Kompliment zu machen oder zu flirten. Aber denen sei gesagt: Wenn ihr irgendwelche Zweifel habt, dass euer Verhalten unangebracht ist, dann lasst es einfach gleich bleiben. (Die anderen beiden nicken)

Dann kommen wir zur wichtigsten Frage überhaupt: Was zieht ihr an?
Felix Striegel: Ich werde von Thorsten Lewin aus dem Portugiesenviertel gesponsert. Von ihm bekomme ich einen sehr coolen Smoking.

Julia Drache: Ich war gerade in Ottensen bei Estomo, die schneidern mir ein Kleid.

Katja Benrath: Im Rahmen der Solidarisierung habe ich mich für ein schwarzes Outfit entschieden und werde von Kaviar Gauche Berlin ausgestattet.

Und was macht ihr mit dem Teil, wenn ihr es wirklich gewinnt? Wie viele davon bekommt ihr eigentlich? Einen?
Katja Benrath: Leider kann man neben der Regie nur einen weiteren anmelden. Finde ich falsch, denn alle haben ihren Teil geleistet. Wir haben uns für den Produzenten entschieden. Wenn wir gewinnen sollten, geben wir vielleicht einen nach Kenia, und den anderen reichen wir wie einen Wanderpokal hier in Hamburg rum. Oder teilen ihn in vier Stücke …

Und wie geht’s jetzt weiter? Bleibt ihr vier zusammen?
Katja Benrath: Wir haben gerade alle diverse eigene Projekte, planen aber, zusammen ein dänisches Jugendbuch zu verfilmen. Das wurde gerade in dieser Konstellation gefördert und Julia ist dabei, das Drehbuch zu schreiben.

Julia Drache: Ja, ich adap-tiere gerade den Roman „Pferd, Pferd, Tiger, Tiger“ von Mette Eike Neerlin. Es geht um ein Mädchen, das mit einem drogendealenden Vater, einer nicht so ganz zuverlässigen Mutter und einer geistig behinderten Schwester aufwächst. Sie ist die „Erwachsenste“ aus der Familie, kümmert sich liebevoll um jeden und vergisst dabei sich selbst. Als sie zufällig in einem Hospiz landet, freundet sie sich mit einem im Sterben liegenden Mann an und lernt durch ihn, mehr an sich zu denken und auch mal „Nein“ zu sagen. Klingt nach hartem Tobak, ist aber sehr, sehr rührend und vor allem auch lustig.

Text & Interview: Maike Schade

Live-Übertragung der Oscar-Verleihung im Savoy Filmtheater, 4.3., 23.30 Uhr; „Watu Wote“ im TV: 8.3., BR, 0.30 Uhr

Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!