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Wert der Wahrheit

Mit „Parallele Mütter“ verknüpft Meisterregisseur Pedro Almodóvar raffiniert die Geschichte zweier Mütter mit der Spaniens. Ein hochunterhaltsamer und lehrreicher Film mit einer grandios aufspielenden Penélope Cruz, die für ihre Performance für den Oscar nominiert ist

Text: Marco Arellano Gomes

Drei Jahre nach seinem autobiografischen, selbstreflektierenden Film „Leid und Herrlichkeit“ kehrt Pedro Almodóvar mit „Parallele Mütter“ wieder zu seinem Lieblingsmetier zurück: den Frauen und ihrem turbulenten Leben im modernen Spanien. Wieder an Bord: Lieblingsdarstellerin und Oscar-Preisträgerin Penélope Cruz („Offenes Geheimnis“) in einer ihrer forderndsten Rollen. Almodóvar gelingt das Kunststück, die Geschichte zweier Frauen auf verblüffende Weise mit der Geschichte Spaniens zu verquicken.

Annäherung und dramatische Wahrheiten

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Für einen Oscar nominiert: Penélope Cruz in „Parallele Mütter“ (Foto: El Deseo/Studiocanal)

Die 40-jährige Fotografin Janis (umwerfend: Penélope Cruz) und die 15-jährige Ana (Milena Smit) lernen sich – beide ungewollt schwanger – auf einer Geburtsstation kennen. Die zeitgleiche Geburt ihrer Kinder ist eine verbindende Erfahrung. Doch während Janis sich über ihr spätes Glück freut, verängstigt Ana ihre frühe Mutterschaft. Arturo (Israel Elejalde), forensischer Archäologe und vermeintlicher Vater von Janis’ Kind, zweifelt wiederum an der Vaterschaft. Ana weiß nicht einmal genau, wer der Vater sein könnte. Hilfe von ihrer auf sich selbst bezogenen Mutter Teresa (Aitana Sánchez Gijón) ist nicht zu erwarten, da sie einer Karriere als Schauspielerin nachgeht. Nach einem zufälligen Wiedersehen in einem Café arbeitet Ana als Babysitterin bei Janis. Schon bald kommen sich die beiden Mütter näher. Dabei kommen auch einige dramatische Wahrheiten ans Licht …

Ein Meisterwerk

„Dies ist die schwierigste Figur, die Penélope Cruz bisher gespielt hat – und wahrscheinlich auch die schmerzhaf­teste“, sagt Regisseur Almodóvar. Tatsächlich ist sie für diese Leistung auch für den Oscar nominiert. Der Regisseur, einst Mitinitiator der „Movida Madrileña“ – einer kulturellen Gegenbewegung, die nach dem Tod des Diktators Franco (1975) nach Freiheit strebte –, widmet sich auf geschickte Weise der Geschichte seines Landes und räumt der Wahrheit dabei ihren Platz ein. „Parallele Mütter“ reiht sich nahtlos in die Galerie der Almodóvar-Filme ein und ist doch ruhiger, langsamer, bedachter als gewohnt. Seine filmische Handschrift ist jedoch unverwechselbar und besticht einmal mehr durch ein profundes Gespür für Bilder (Kameramann: José Luis Alcaine), Farben, Settings, Musik (Komponist: Alberto Iglesias) und dem Vertrauen in die darstellerischen Leistungen. Kurz: ein Meisterwerk.

„Parallele Mütter“ von Pedro Almodóvar mit Penélope Cruz, Milena Smit und Israel Elejalde. 123 Min. Ab dem 10. März 2022 im Kino.

Hier gibt´s den Trailer zum Film:


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„Spanien war schon immer ein geteiltes Land“

Im Rahmen seines neuen Films „Parallele Mütter“ spricht Starregisseur Pedro Almodóvar über die Geschichte Spaniens, seine Faszination über Frauen und Mütter und die Zusammenarbeit mit Penélope Cruz

Interview: Patrick Heidmann

SZENE HAMBURG: Pedro Almodóvar, nach Ihrem bislang persönlichsten Film „Leid und Herrlichkeit“ legen Sie nun mit „Parallele Mütter“ Ihren politischsten vor. Besteht da ein Zusammenhang?

Pedro Almodóvar: Nicht wirklich. Höchstens in dem Sinne, dass mir diese autobiografische Auseinandersetzung unwiederbringlich gezeigt hat, dass ich alt werde. Weswegen ich mir wohl mehr Gedanken denn je über die Vergangenheit und das Vergehen von Zeit mache. Aber „Parallele Mütter“ ist keineswegs eine Reaktion auf den Film davor. Im Gegenteil: Ich hatte die Geschichte für den Neuen schon lange mit mir herumgetragen und bereits vor zehn Jahren eine erste Drehbuchfassung geschrieben.

Haben Sie in früheren Filmen politische Themen bewusst gemieden?

Nein, aber mich trieben andere Sachen um. Ich begann meine Karriere als Filmemacher in einer sehr besonderen Zeit, als Spanien sich gerade neu erfand und zur Demokratie wurde. Da war es uns jungen Menschen wichtiger, im Hier und Jetzt zu leben und auf die Gegenwart zu schauen als in die Vergangenheit zu blicken. Und unsere neue Freiheit zu genießen. Wobei das ja gar nicht heißt, dass wir damals unpolitisch waren. Mir ging es, auch in meiner Arbeit, um Drogen und Sex, aber auch um Gleichberechtigung und die Rechte von Homo- und Transsexuellen.

Die Rolle der eigenen Mutter

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Penélope Cruz (r.) ist für ihre Rolle in „Parallele Mütter“ für einen Oscar nominiert (Foto: El Deseo / Studiocanal)

In „Parallele Mütter“ geht es nun – in einem von zwei Handlungssträngen – um die Aufarbeitung von Verbrechen aus der Franco-Zeit und das Öffnen anonymer Massengräber. Ist das heutzutage in Spanien noch ein kontroverses Thema?

Auf jeden Fall eines, das uns seit einiger Zeit endlich mehr umtreibt denn je. Spanien war schon immer ein sehr geteiltes Land, nicht zuletzt deswegen gab es ja damals den Bürgerkrieg. Inzwischen gibt es, zumindest in den jüngeren Generationen, eine große Mehrheit, die dringend dafür ist, dass wir uns mit unserer Geschichte des 20. Jahrhunderts auseinandersetzen und dass vor allem die Opfer des Bürgerkrieges und der Franco-Zeit Wiedergutmachung erfahren. Gleichzeitig gibt es auch starken Widerstand von Rechts, wo man lieber auf Geschichtsrevisionismus und Fake News setzt. Deswegen war es mir ein Anliegen, diesem Thema – und der Wahrheit – mit meinem Film breites Gehör zu verschaffen.

Sie setzten sich aber – der Titel deutet es an – auch wieder mit Mutterschaft auseinander. Was interessiert Sie daran so sehr?

Herunterbrechen kann man es sicherlich darauf, dass meine eigene Mutter eine so wichtige Rolle in meinem Leben gespielt hat. Sie und die anderen ländlichen Mütter ihrer Generation haben mich sehr geprägt, denn die meisten von ihnen habe ich als liebevolle, vorurteilsfreie Frauen erlebt, denen ich stets ein Denkmal setzen wollte. In praktisch allen meinen Filmen waren die Mutterfiguren letztlich eine Version meiner Mutter, kombiniert mit Elementen moderner Frauen. „Parallele Mütter“ ist nun der erste, der ohne den Schatten meiner Mutter auskommt und wo ich ganz bewusst andere, jüngere Frauen als Vorbilder im Kopf hatte.

Penélope Cruz war noch nie so gut“

Wir müssen noch über Penélope Cruz sprechen, die so etwas wie Ihre Muse ist. Kann sie Sie nach all den gemeinsamen Filmen noch überraschen?

Als Schauspielerin immer wieder. In „Parallele Mütter“ hat sie mich sprachlos gemacht. So gut war sie noch nie. Gleichzeitig ist es natürlich wichtig, dass wir uns so gut kennen, befreundet sind, und sie sich in all den Jahren eigentlich nicht verändert hat. Penélope ist so leidenschaftlich und geduldig wie früher – und nicht zuletzt großzügig mit ihrer Zeit. Ich verlange als Regisseur meinen Schauspielern viel Engagement und Zeit ab. Gerade in Fällen wie diesem, wo Penélope jemanden spielt, der das Gegenteil von ihr selbst ist. So eine Rolle stemmt man nicht über Nacht. Obwohl sie mittlerweile ein viel beschäftigter Weltstar, Mutter und Ehefrau ist, stand sie mir kein bisschen weniger zur Verfügung als bei unserem allerersten gemeinsamen Film.

„Parallele Mütter“ von Pedro Almodóvar mit Penélope Cruz, Milena Smit und Israel Elejalde. 123 Min. Ab dem 10. März 2022 im Kino.

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„Es gibt in Belfast keine größere Sünde, als sich selbst zu ernst zu nehmen“

Regisseur Kenneth Branagh erzählt, wie viel der eigenen Biografie in „Belfast“ steckt und wie schwierig die Suche nach dem richtigen neunjährigen Hauptdarsteller war

Interview: Patrick Heidmann

SZENE HAMBURG: Kenneth Branagh, man kennt Sie normalerweise als Shakespeare-Experten und Blockbuster-Regisseur. Warum nehmen Sie sich mit „Belfast“ nun erstmals Ihres eigenen Lebens an?

Kenneth Branagh: Man redet sich als Regisseur ja immer ein, dass jeder Film irgendwie ein ganz persönlicher ist. Aber natürlich ist ein Film über meine Heimatstadt noch einmal etwas ganz anderes. Dass ich mich der einmal widmen will, reifte als Idee in mir schon seit Längerem. Ich wusste nur lange nicht genau, welche Geschichte ich eigentlich erzählen will. Klarheit verschaffte mir dann ausgerechnet der erste Corona-Lockdown 2020. Der ließ mich an den ersten Lockdown in meinem Leben denken, damals, als unsere Straße in Belfast während der Unruhen abgeschottet wurde. Plötzlich war alles von damals wieder ganz klar und greifbar, die Geräusche und die Gerüche. Mit einem Mal erschien es mir, dass ich damals als Neunjähriger eigentlich das letzte Mal wusste, wer ich wirklich bin. Und prompt schrieb sich das Drehbuch fast von selbst.

Gab es beim Schreiben oder Drehen je Momente, wo Ihnen die Sache zu persönlich wurde?

Nicht für mich, aber andere Leute hatten die Sorge. Ein paar Menschen in meinem engeren Umfeld lasen das Drehbuch und fanden, dass ich zu weit gehe und an einigen Stellen Erinnerungen teile, die zu privat sind. Allerdings wusste ich natürlich, dass das Publikum am Ende gar nicht genau weiß, was Fakt und was Fiktion ist. Und was heißt schon Fakt, wenn man mit 50 Jahren Abstand versucht, sich in einen Neunjährigen hineinzuversetzen?! Abgesehen davon waren bei der Umsetzung der Geschichte dann ja andere Menschen beteiligt, was automatisch einen gewissen Abstand zu meiner Biografie mit sich brachte. Ich war immer offen für Ideen und Änderungswünsche, sei es vom Kameramann oder meinem Ensemble, um die Geschichte über meine persönlichen Erinnerungen hinaus weiterzuentwickeln.

Der richtige Junge

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„Belfast“ von Kenneth Branagh, ab dem 24. Februar 2022 im Kino (Foto: Universal Pictures)

Besagter Neunjähriger steht uneingeschränkt im Zentrum von „Belfast“. Wie schwierig gestaltet sich da die Suche nach dem geeigneten Darsteller?

Sehr schwierig, denn natürlich stand und fiel damit alles. Ohne den richtigen Jungen hätte sich diese Geschichte nun einmal nicht erzählen lassen. Entsprechend nervös war ich selbst, nachdem wir uns für Jude Hill entschieden hatten. Die ersten beiden Drehtage guckte er immer wieder in die Kamera – und ich fürchtete, wir hätten einen großen Fehler gemacht. Doch zum Glück legte sich das – vor allem, je mehr andere Personen in den Szenen mit ihm auftraten. Noch ein paar Tage später wusste ich, dass ich es kaum besser hätte treffen können.

Sie haben dann später nie wieder in Belfast gelebt. Steckt heute noch etwas von Ihrer Geburtsstadt in Ihnen?

Klar, man kriegt den Jungen zwar aus Belfast heraus, aber nicht Belfast aus dem Jungen. Ich glaube, mein Sinn für Humor und mein Blick aufs Leben sind bis heute typisch für die Stadt. Es gibt in Belfast keine größere Sünde, als sich selbst zu ernst zu nehmen, das habe ich sehr verinnerlicht. Auch die Angewohnheit, nicht einmal in den dunkelsten Momenten meinen Humor zu verlieren, verdanke ich sicher meiner Heimat. Das lernte man in Belfast nämlich schnell.

„Belfast“ von Regisseur Kenneth Branagh, ab dem 24. Februar 2022 im Kino.

Hier gibt´s den Trailer zum Film:


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 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist seit dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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„Adam“: eintauchen in das marokkanische Kino

„Adam“ ist ein sanfter Film über die Härten des Lebens, der einen in die selbstbewusste Welt des weiblichen marokkanischen Kinos eintauchen lässt

Text: Marco Arellano Gomes

 

Wundervolles Kino: „Adam“ (Foto: Grandfilm)

Wundervolles Kino: „Adam“ (Foto: Grandfilm)

Unverheiratet, schwanger, arbeitslos – das sind die drei Zutaten, die auch in Marokko ein schweres Los versprechen. Die junge Samia (Nisrin Erradi) trägt ihren kugeligen Babybauch durch die Straßen der Großstadt Casablanca, auf der Suche nach Arbeit, auf der Flucht vor den Urteilen der eigenen Familie und Freunden. Sie klopft sich von Tür zu Tür, bietet sich als Haushaltshilfe, Pflegekraft, Babysitterin an, erhält aber die immer gleiche Antwort: „Nein, kein Bedarf.“ Auch die alleinerziehende Mutter Abla (Lubna Azabal), die seit dem Tod ihres Mannes eine kleine Bäckerei betreibt und allein ihre quirlige, achtjährige Tochter Warda (Douae Belkhaouda) erzieht, weist die junge zunächst Frau ab. Als sie aus dem Fenster blickend sieht, wie Samia erschöpft auf einer Treppenstufe Platz nahm, bittet sie sie doch hinein. Die kleine Warda schließt die Fremde sofort ins Herz – und schafft es, auch ihre Mutter zu erweichen, ihr eine Chance zu geben. Samia entpuppt sich als talentierte Bäckerin und bringt das Geschäft mit ihren Rziza (eine Art marokkanischer Crêpes) rasch voran. Das Eis zwischen den beiden Frauen schmilzt dahin, die anfängliche Distanz weicht anerkennender Freundschaft. Doch je näher die Geburt des Kindes heranrückt, desto drängender stellt sich die Frage, wie eine Zukunft aussehen kann.

 

Ein Film zum Sich-Verzaubern-Lassen

 

„Adam“ ist ein sanfter Film, der viel Menschlichkeit zeigt und mit der Geschichte zweier Frauen und ihren Alltagssorgen in einer patriarchal geprägten Gesellschaft tief berührt. Regisseurin Maryam Touzani wird als neue weibliche Stimme des marokkanischen Kinos bezeichnet. Es ist eine selbstbewusste, smarte, einfühlsame Stimme, voller Bewusstsein für die Stärke von der Subtilität und Sinnlichkeit alltäglicher Handlungen – und einer Neugier für die Gefühlswelt der Charaktere, die sie mit der Kamera gekonnt einfängt. Das ist auch in Cannes aufgefallen, wo ihr Regiedebüt in der Rubrik „Un Certain Regard“ lief. Mehrfach auf Filmfesten ausgezeichnet, ging „Adam“ sogar als marokkanischer Beitrag ins Oscar-Rennen 2020 ein. Ein Film zum Eintauchen und Sich-Verzaubern-Lassen.

„Adam“, Regie: Maryam Touzani. Mit Lubna Azabal, Nisrin Erradi, Douae Belkhaouda. 98 Min. Seit dem 9. Dezember in den Kinos

 

Appetit? Hier gibt’s den Trailer zu „Adam“:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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„The Father“: Interview mit Sir Anthony Hopkins

Oscar-Preisträger Sir Anthony Hopkins über seine Rolle in „The Father“, seine Erfahrung mit dem Thema Demenz und wieso er mit zunehmendem Alter durch das Schauspielen mehr über sein eigenes Leben nachdenkt

Text & Interview: Patrick Heidmann

 

SZENE HAMBURG: Mr. Hopkins, Sie spielen in „The Father“ einen älteren Herren, der mit dem Verlust seines Gedächtnisses ringt. Wie groß ist Ihr persönlicher Bezug zu diesem Thema?

Olivia Colman und Sir Anthony Hopkins beim Foto-Shoot; Foto: Tobis Embankment Films

Olivia Colman und Sir Anthony Hopkins beim Foto-Shoot; Foto: Tobis Embankment Films

Sir Anthony Hopkins: Nun, einen alten Mann zu spielen, ist natürlich für mich keine große Herausforderung, schließlich bin ich ein alter Mann. Aber Berührungspunkte mit dem Thema Demenz hatte ich zum Glück noch keine. Meine Eltern blieben beide davon verschont: Mein Vater litt im letzten Jahr seines Lebens an einer schrecklichen Depression, während meine Mutter unerschütterlich und rüstig bis zu ihrem Tod mit 89 Jahren blieb. Demenz und Alzheimer kenne ich deswegen nur aus der Ferne, etwa von einem alten Herren in meiner Nachbarschaft in Kalifornien. Der glaubte immer, er sei in New York und wunderte sich mit Blick auf den Pazifik, warum der Hudson River so breit sei. Seine Tochter und der Schwiegersohn blieben immer ganz geduldig mit ihm und sorgten dafür, dass er keine Angst hatte, sondern friedlich bis zu seinem Tod leben konnte. Aber wie schwer und traurig eine solche Situation für die Angehörigen ist, war nicht zu übersehen.

Lassen Sie nach 60 Jahren als Schau- spieler eine solch aufwühlende Rolle noch nah an sich heran? Oder hält man die besser auf Distanz?

Je älter ich wurde, desto mehr haben mich Filme oder Theaterstücke dazu gebracht, über mein eigenes Leben nachzudenken. In diesem Fall habe ich mich viel mit meiner Vergangenheit und vor allem meinen Eltern auseinandergesetzt. Gerade das Ende des Films hat mich ins Mark getroffen. Ich musste daran denken, wie mein Vater davon träumte, nach Amerika zu reisen und ich ihm versprach, dass wir das gemeinsam tun würden.

„The Father“, unter anderem mit Sir Anthony Hopkins

„The Father“, unter anderem mit Sir Anthony Hopkins

Mit dem Flugzeug nach New York und dann mit dem Auto bis nach Los Angeles. Wozu es dann nicht mehr kam, weil er starb. Oder wie er im Krankenhaus ganz zerbrechlich vor mir saß, in seinem feuchten Schlafanzug, weil er sich eingenässt hatte. Und natürlich auch, wie meine Mutter und ich dann hinfuhren, um nach seinem Tod seine Sachen abzuholen und er da kalt und leblos vor mir lag. Plötzlich waren diese Erinnerungen enorm präsent.

Ist „The Father“ also rückblickend für Sie einer Ihrer schwierigsten Filme gewesen?

Nein, im Gegenteil. Mir macht der Tod keine Angst. Ich genieße es, dass ich noch immer überlebt habe und nehme die Sache mit Humor. Außerdem war die Arbeit selbst ein Kinderspiel. Das Drehbuch war exzellent, was immer schon die halbe Miete ist. Mit Olivia Colman zu spielen war die reinste Freude, genau wie mit den anderen Kollegen. Und unser Regisseur Florian Zeller war ganz bemerkenswert, nicht zuletzt dafür, dass dies sein erster Film war. Manche Filmemacher können ja sehr dogmatisch oder gar diktatorisch sein, wenn es um ihre Visionen geht. Doch er war ganz bescheiden und ungezwungen.

„The Father“ mit Sir Anthony Hopkins, Olivia Colman, Imogen Poots, unter der Regie von Florian Zeller läuft ab dem 26.8. in den deutschen Kinos.

Hier der Trailer zu „The Father“:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Juli 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Chloé Zhao: „Ich arbeite gern mit Laien“

Regisseurin Chloé Zhao gewann für den Film „Nomadland“ als zweite Frau überhaupt einen Oscar in der Kategorie „Beste Regie“. Im Gespräch gibt Zhao Einblick in die Entstehung des Films und erklärt, warum sie es vorzog, mit echten Nomaden zu drehen

Text & Interview: Patrick Heidmann

 

SZENE HAMBURG: Chloé Zhao, „Nomadland“ war zunächst nicht Ihre Idee, sondern die Ihrer Hauptdarstellerin und Produzentin Frances McDormand, nicht wahr?

Chloé Zhao: Das stimmt. Sie hatte sich die Rechte an dem Sachbuch „Nomadland: Surviving America in the 21st Century“ gesichert. Nachdem sie beim Festival in Toronto meinen Film „The Rider“ gesehen hatte, schrieb sie mir eine E­-Mail. Ich sah nur ihren Namen und den Titel des Buches und dachte mir – ohne Näheres darüber zu wissen – dass, wenn sich mit jemanden ein solches Projekt umsetzen lässt, dann mit ihr.

Es geht im Buch und im Film um modernde Nomaden, Menschen ohne festen Wohnsitz, die mit ihren Wohnwagen oder Kleinlastern durch die USA ziehen. Waren Sie mit dieser Welt vertraut?

Interessanterweise war ich gerade dabei, mir so einen kleinen Laster auszubauen, als „Nomadland“ meinen Weg kreuzte. Natürlich wusste ich, dass es Menschen gibt, die in ihren Fahrzeugen leben. Aber die Ausmaße waren mir nicht klar, und ich wusste nicht, dass es die Gemeinschaft und Zusammenkünfte solcher Nomaden gibt. Von dieser faszinierenden Welt erfuhr ich erst durch das Buch.

 

Die jeweilige Welt

 

Jeder Ihrer Filme spielte bislang in sehr speziellen Milieus. Wonach suchen Sie ihre Geschichten aus?

Tatsächlich ist für mich die jeweilige Welt das wichtigste Kriterium. Ich gehe danach, von welchem Setting ich glaube, dass es mich die nächsten zwei Jahre interessieren wird. Erst an zweiter Stelle kommen für mich die Figuren, in die ich mich auf die eine oder andere Weise verlieben muss. Und danach erst geht es mir um die Geschichte. Entsprechend ist für mich die Kameraarbeit bei meinen Filmen fast noch wichtiger als die Besetzung der Rollen.

Sie haben oft gesagt, dass Sie Ihre Filme nicht als politische Statements verstehen. Kann ein Film überhaupt apolitisch sein, wenn er – wie  „Nomadland“ – von weißen, nicht mehr ganz jungen und vor allem eher mittellosen Menschen in jenem Teil der USA erzählt, der in den vergangenen Jahren oft „Trump Country“ genannt wurde?

Es hängt vermutlich von der Perspektive ab, ob und wie man das Gezeigte politisch einordnet. Es liegt am Ende beim Zuschauer, was wie wahrgenommen wird. Was ich aber nach gut acht Jahren, die ich in „Trump Country“ verbracht habe, sagen kann: Politik steht bei den Menschen dort selten weit oben auf der Tagesordnung.

Ach ja?

Die größte Sorge dort ist, wann der nächste Tornado droht oder wie man sich vor einem Buschbrand schützt. Der Versuch zu überleben, stiftet mehr Gemeinschaftssinn in diesen Gegenden als die Frage, für wen der Nachbar bei der Präsidentschaftswahl gestimmt hat.

Tatsächlich geht es mir bei meinen Filmen auch darum: zu zeigen, dass uns als Menschen letztlich viel mehr verbindet als trennt.

 

 

Genähert haben Sie sich dieser Welt der Nomaden auch dieses Mal nicht bloß von außen, sondern eher immersiv …

Stimmt, wir sind über Wochen mit ihnen mitgezogen, haben selbst in unseren Wagen gewohnt und das Leben mit ihnen geteilt. Auch Frances wollte unbedingt so arbeiten, dass sie sich komplett in diese Welt einfügte. Das bedeutete auch, dass sie für eine Weile als Aushilfe auf einem Campingplatz anheuerte.

War von Anfang an klar, dass Sie größtenteils mit realen Menschen statt mit professionellen Schauspielern arbeiten werden?

Ich arbeite gern mit Laien. Als ich zur Vorbereitung all die Menschen traf, von denen die Autorin Jessica Bruder in ihrem Buch erzählte, wusste ich, dass ich mir gar keine besseren Figuren würde ausdenken können.

Mit „The Eternals“ kommt Ende 2021 Ihr nächster Film in die Kinos, eine Marvel-Comic-Verfilmung. Haben Sie damit Ihre Komfortzone verlassen?

Erstaunlicherweise nicht wirklich. Meine Arbeitsweise hat sich eigentlich nicht verändert, selbst wenn das ein Film von einer ganz anderen Größen­ ordnung ist. Klar, der Druck ist etwas größer, weil mehr Erwartungen dran hängen. Aber als Geschichtenerzählerin und Regisseurin waren meine Auf­gaben die gleichen wie immer. Ich habe mich mit einer Welt und Figuren umgeben, die mich fasziniert haben und mir Mitstreiter vor und hinter der Kamera gesucht, mit denen die Arbeit tagein, tagaus eine Freude war.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Juni 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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„Systemsprenger“ als bester Film ausgezeichnet

„Systemsprenger“ werden im Amtsjargon Kinder genannt, die in keiner Familie, keinem Heim klarkommen. Regisseurin Nora Fingscheidt hat ein berührendes Drama über solch ein Mädchen geschaffen, das beim deutschen Filmpreis 2020 als bester Film des Jahres ausgezeichnet wurde.

Text und Interview: Sabine Danek
Foto: Yunus Roy Imer – Port au Prince Pictures

 

Gleich mit ihrem ersten Spielfilm hat die Hamburger Regisseurin Nora Fingscheidt es in den Wettbewerb der Berlinale geschafft – und den Silbernen Bären gewonnen. Mit einem Drama wie eine Urgewalt, das von einem Mädchen erzählt, wie man es zuvor nicht kannte.

Von der neunjährigen Benni, die von ihrer überforderten Mutter der Fürsorge übergeben wurde, die Bobby-Cars durch die Gegend schmeißt, die tobt, schreit und abhaut. 27 Heime und Wohngruppen hat sie hinter sich, denn sie will einzig an einen Ort zurück: zu ihrer eigenen Mutter. Bennis Kampf um Liebe ist eine Tour de Force, die weit über die Geschichte hinausreicht, die einen zutiefst berührt, bestürzt und atemlos zurücklässt.

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Mehrfach ausgezeichnet: Nora Fingscheidt (Foto: Philip Leutert)

SZENE HAMBURG: Nora Fingscheidt, Sys­temsprenger ist ein so kalter und ungewöhnlicher Begriff. Wie wurde er Titel?

Nora Fingscheidt: Als ich das Wort das erste Mal gehört habe, ging es mir genauso. Das war während der Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm für die Caritas. Wir haben in einem Heim für wohnungslose Frauen gedreht, einem nicht sehr hoffnungsvollen Ort, wo eines Tages ein 14-jähriges Mädchen einzog.

Ich war schockiert darüber! Aber die Sozialarbeiterin erklärte uns gelassen, sie sei eben ein Systemsprenger. Das Wort ist so hart wie eindrücklich, es klingt nach Explosion und beschreibt gleichzeitig etwas sehr Tragisches. Von da an hat der Begriff mich begleitet.

Du hast auch das Drehbuch geschrie­ben. War es bei dieser Geschichte besonders wichtig, sie von Anfang an zu entwickeln?

Es gibt Stoffe, denen muss man sich einfach selber annähern. Ich hätte das Drehbuch gerne mit jemandem zusammen geschrieben, aber es gab Zeitprobleme. Es alleine zu schreiben war schon recht anstrengend.

War das Mädchen aus dem Haus für wohnungslose Frauen Vorbild?

Auf eine Weise schon, denn sie war der Ausgangspunkt für eine vierjährige Recherche. Die habe ich aber nicht nonstop betrieben, sondern zwischendurch immer wieder geschrieben. Ich war für zwei Wochen in einer Wohngruppe und habe anschließend an dem Drehbuch gearbeitet, dann eine Woche in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, wieder geschrieben, zehn Tage in einer Schule für Erziehungshilfe und so weiter.

Am Ende war ich noch einmal zehn Tage in einer Inobhutnahmestelle. Das war hart. Dorthin kommen die Kinder direkt aus den Familien, wenn es Zuhause eskaliert.

 

„Mein Weltbild hat sich ziemlich verdüstert“

 

Wie nahe geht einem so ein Projekt?

Sehr nahe. Mir ist es schwer gefallen, die vielen tragischen Fälle zu verarbeiten, die furchtbaren Familiengeschichten der Kinder, ihre Traumata und ihre Hilflosigkeit. Mein Weltbild hat sich ziemlich verdüstert und irgendwann konnte ich nicht einmal mehr U-Bahn fahren, ohne mögliche Fälle von Kindesmissbrauch zu sehen.

Ich habe dann ein Jahr pausiert und einen Dokumentarfilm über Mennoniten in Argentinien gedreht. Das Eintauchen in eine so andere Welt ohne Strom, ohne Internet und weltpolitische Überlegungen, in der nur das demütige Leben Gott gegenüber zählt, war gut. Auch wenn es dort andere Konflikte und Kindheitsprobleme gab, hat es die Dinge wieder etwas ins Verhältnis gerückt.

Die damals zehnjährige Helena Zengel, die im Film Benni spielt, war eine der ersten, die für diese Rolle vorgesprochen hat. Dennoch hast du noch viele andere gecastet.

Als ich das Drehbuch geschrieben habe, dachte ich, dass ich nie ein Kind finden werde, das diese Rolle spielen kann. Geschweige denn, dass ich Eltern finde, die das erlauben. Als wir schließlich das erste Casting hatten, war Helena tatsächlich das siebte Kind, das vorgesprochen hat. Ich war beeindruckt, aber habe mich nicht getraut, schon aufzuhören. Michael Haneke hat für „Das weiße Band“ 6.500 Kinder gecastet. Ich konnte mir wirklich nicht vorstellen, dass es so einfach sein kann.

Doch sie ist es dann geworden.

Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich alle anderen Mädchen mit Helena vergleiche. Die Aggression immer auch mit einer solchen Not zu spielen, mit etwas Verletzlichem und gleichzeitig Gefährlichem, das habe ich bei keiner anderen gefunden.

Wie geht man mit einem Kind um, das solche Extreme spielen muss?

Man lässt sich viel Zeit. Sechs Monate vor Beginn der Dreharbeiten haben Helena und ich angefangen, Bennis Charakter zu erforschen, wir haben zusammen Bennis Klamotten ausgesucht. Bennis kleiner Drache war Helenas Idee. Wir haben aufgelistet, wie Benni in verschiedenen Situationen reagiert und wie Helena, damit sie das nicht vermischt.

Gleichzeitig hatten wir so viele Drehtage, dass wir nur ein, zwei Filmminuten am Tag drehen mussten. Komprimiert in zwei Stunden Film sieht es schon so aus, als würde Benni ständig ausrasten, aber wir hatten auch ruhige und lustige Drehtage.

 

 

Wenn Benni ausrastet, wird die Leinwand pink und zu einem Kaleidoskop aus Bildsplittern. Wie kam es dazu?

Ansätze gab es schon im Drehbuch, in das ich Träume, beziehungsweise Albträume hineingeschrieben habe. Aber irgendwie steckten sie voller Klischees. Weil Helena als Kind nur fünf Stunden am Tag arbeiten darf, haben der Kameramann Yunus Roy Imer und ich damit begonnen, nach ihrem Drehschluss mit bunten Glühbirnen und Makroobjektiven zu experimentieren. Der Schnittmeister hat das weitergesponnen und so ist Schritt für Schritt diese Filmsprache entstanden.

Der Film baut eine unglaubliche Span­nung auf, alles scheint möglich. Wie schwer war es, da einen Schluss zu finden?

Das war wahnsinnig schwer. Es gab viele verschiedene Versionen, manche waren ganz ruhig. Aber schließlich wollten wir es knallen lassen. Wir haben versucht, Bennis Energie in alle Ebenen des Films zu übertragen, in die Farben, den Schnitt, die Tongestaltung und in die Dramaturgie. Auch das Ende entspricht ihrer Intensität. Es wird sehr ambivalent aufgenommen, aber ich möchte nicht zu viel verraten.

Für wen ist der Film?

Für Menschen, die sich für Kinder interessieren, ab 20 Jahren aufwärts bis in die hohen 70er. Auf den Festivals habe ich beobachten können, wie die unterschiedlichsten Leute von dem Film berührt sind.

Er handelt auch von der Liebe selbst, davon, was sie kann und wie viele Facetten sie hat.

Ja, von dem Bedürfnis des Menschen nach bedingungsloser Liebe und was passiert, wenn einem diese entzogen oder verweigert wird. Bis heute hat der Film 19 Preise gewonnen und das auf der ganzen Welt, in Taiwan, Portugal, der Ukraine oder auf dem Balkan. Auch wenn er im deutschen Sozialsystem angesiedelt ist, scheint er etwas ganz Universelles zu berühren.

Auf der Berlinale hat der Film den Silbernen Bären gewonnen. Wie war es, auf Anhieb im Wettbewerb zu sein? Und ab wann denkt man, dass man vielleicht gewinnen könnte?

Es war natürlich total großartig, aber gleichzeitig ist das alles auch ziemlich an mir vorbei gerauscht. Ich bin aus der völligen Überarbeitung in die Berlinale geschlittert. Der Film wurde nur drei Tage vorher fertig, erst am Tag vor der Premiere konnte ich mir ein Kleid besorgen.

Bevor ich mich besinnen konnte, war die Berlinale vorbei und plötzlich stand ein Bär in unserer Küche. Im Nachhinein kann ich das sehr genießen, aber währenddessen habe ich mich eher wie in einem Tornado gefühlt. Und damit gerechnet, wirklich einen Preis zu gewinnen, haben wir sowieso nie.

Systemsprenger: Ab 19.9.2019 im Kino


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Watu Wote: And the Oscar goes to … Hamburg?

Die Hamburg Media School-Absolventin Katja Benrath wurde mit ihrem Kurzfilm Watu Wote für den Oscar nominiert. Wir haben mit ihr und ihrem Team gesprochen: über Authentizität, die Dreharbeiten in Kenia und die Kleiderfrage zur Oscar-Verleihung.

Es sind nur rund 20 Minuten. Die aber so intensiv und berührend sind, dass man unbedingt ein Taschentuch bereithalten sollte. Basierend auf einer wahren Begebenheit erzählt HMS-Absolventin Katja Benrath eine Geschichte über Hass und Angst, Mut und Menschlichkeit in Nordkenia: Hier herrschen kriegsähnliche Zustände, zwischen Muslimen und Christen brodeln Hass und Misstrauen. Doch als Terroristen der Al-Shabaab- Miliz einen Reisebus überfallen, um alle Ungläubigen zu erschießen, stellen sich die Muslime unter Einsatz ihres Lebens vor ihre christlichen Mitreisenden. Zwei von ihnen werden angeschossen; einer von ihnen, ein Lehrer und Vater von fünf Kindern, stirbt später an seinen Verletzungen. Mehr als 30 Auszeichnungen räumte der Kurzfilm bereits ab, darunter den Studenten-Oscar. Wenn in der Nacht vom 4. auf den 5. März in L.A. die richtigen Oscars verliehen werden, könnte auch die wichtigste Auszeichnung der Branche noch dazukommen: „Watu Wote“ wurde in der Sektion Kurzfilm nominiert. Wir haben die sympathische 38-jährige Regisseurin getroffen – zusammen mit Drehbuchautorin und Cutterin Julia Drache sowie Kameramann Felix Striegel. Das war Katja Benrath wichtig: Denn diese beiden und Produzent Tobias Rosen, so sagt sie, hätten zum Gelingen des Filmes genauso viel beigetragen wie sie selber.

SZENE HAMBURG: Am Abend der Oscar- Nominierung hattet ihr Premiere in Kenia. Wie kam der Film dort an?
Katja Benrath: Die fanden ihn gut. Viele der Zuschauer gehörten natürlich zur Crew und zur Besetzung, ganz normal, dass manche dann gelacht haben, wenn sie sich erkannt haben. Das war bei dieser Thematik trotzdem ein sehr interessantes Erlebnis.

Wie realistisch ist denn eure Verfilmung?
Julia Drache: Wir haben mit sehr vielen Leuten gesprochen, die wirklich in dem Bus saßen, und haben sehr viele unterschiedliche Geschichten gehört. Unsere Version ist ein Mix aus dem, was uns am realistischsten erschien. Die muslimischen Frauen haben definitiv Kopftücher verteilt, und sicher ist auch, dass niemand die Christen verraten hat. Und es gab den Lehrer Salah Farah, der später an seinen Verletzungen gestorben ist, der die Terroristen offen konfrontiert hat.

Und die Hauptfigur?
Katja Benrath: Sie ist angelehnt an eine Person, die es wirklich gibt. Natürlich hätte sich der Lehrer als Hauptfigur angeboten. Aber dann hätten wir eventuell die Geschichte dieses Menschen, der auch noch gestorben ist, verändern müssen, dramaturgisch anpassen, unwahre Dinge hinzuerfinden. Das erschien mir anmaßend. Wir haben also eine fiktive Figur mit christlichem Background in den Bus gesetzt. In eine andere Kultur zu gehen und dort als jemand von außerhalb eine Geschichte zu erzählen, finde ich ohnehin sehr schwierig und manchmal fragwürdig. Eine Hauptfigur mit einem anders gefärbten Background ist eine zusätzliche Herausforderung und wir fanden die Christin auch als Identifikationsfigur eine gute Entscheidung.

Julia Drache: Die Christin, mit der wir gesprochen haben, war noch schwer traumatisiert und hatte Schwierigkeiten zu akzeptieren, dass sie tatsächlich von Muslimen gerettet wurde. Unsere Hauptfigur im Film benimmt sich, genau wie die reale Frau, zunächst sehr feindselig gegenüber den muslimischen Mitpassagieren, obwohl sie ihr nichts getan haben. Sie positioniert sich so offen gegen sie, dass man eigentlich denkt, niemand würde ihr im Ernstfall helfen. Das macht den Schluss natürlich viel stärker, denn trotz all der Anfeindungen stellen sich die muslimischen Mitreisenden schützend vor sie und die anderen Christen.

Der Film wirkt extrem authentisch. Wie habt ihr das als Europäer hinbekommen?
Katja Benrath: Intensive Beschäftigung und Empathie spielen eine Rolle. Die gemeinsame Entwicklung der Geschichte. Dann die großartige Kamera- arbeit. Sehr unmittelbar, ganz dicht dran und mitten im Geschehen. Und dann waren wir vier, fünf Monate vor Ort und haben da sehr eng mit den kenianischen Filmemachern zusammengearbeitet.

Felix Striegel: Wir sind ja nicht nach Nairobi geflogen, haben Urlaub gemacht und dann anderthalb Wochen gedreht, sondern uns ganz intensiv mit dem Land und den Leuten auseinandergesetzt. Wir haben in einer ganz normalen Wohnung in Nairobi gewohnt und monatelang den Alltag miterlebt. Da bekommt man schon einen anderen Bezug und einen anderen Blick auf das Land.

Wie wurdet ihr und euer Plan denn aufgenommen?
Felix Striegel: Erstaunlicherweise besser als zuerst erwartet.

Katja Benrath: Ja, der Dialog war sehr schnell da.

War es schwierig, Schauspieler zu finden? Gerade bei diesem Thema?
Katja Benrath: Wir hatten tatsächlich viele Bewerber, es gibt in Nairobi eine ziemlich große Theaterszene und dann ja auch Tom Tykwers Produktionsfirma „One Fine Day“, die seit acht Jahren in Kenia Filme dreht. Das Schwierigste war, somalische Schauspieler zu finden. Am Ende haben wir dann sogar zwei aus Minnesota eingeflogen, die schon mit Tom Hanks in „Captain Phillips“ gespielt haben. Aber die meisten sind tatsächlich Laiendarsteller.

Dream-Team (v. l.): Tobias Rosen, Katja Benrath, Julia Drache und Felix Striegel. Foto: Hamburg Media School

Dream-Team (v. l.): Tobias Rosen, Katja Benrath, Julia Drache und Felix Striegel. Foto: Hamburg Media School

Kann man denn im Film erkennen, ob jemand wirklich Somali ist?
Felix Striegel: Ja, klar! Das ist ein riesiger Kontinent mit unglaublich vielen Ethnien und Stämmen, die sich vom Teint, von der Physiognomie her unterscheiden. Alleine in Kenia gibt es 42 verschiedene Stämme! Die Somali haben ganz andere Gesichtszüge und einen ganz anderen Teint. Man hätte nicht einfach irgendjemanden nehmen und ihm ein Kopftuch aufsetzen können. So etwas wollten wir nicht, das wäre auch rassistisch und menschenverachtend. Wir wollten nicht einfach Klischees bedienen.

Katja Benrath: Das war übrigens auch die größte Sorge der kenianischen Filmemacher, sie haben bei internationalen Filmproduktionen sehr schlechte Erfahrungen gemacht.

Ist es nicht merkwürdig, in einer Sprache zu drehen, die man nicht versteht?
Katja Benrath: Die paar Sätze, die im Film vorkommen, kann ich inzwischen. Julia hat das Drehbuch auf Englisch geschrieben, und wir haben es übersetzen lassen. Ich habe dann sehr eng mit der Casterin zusammen- gearbeitet, die beurteilen konnte, ob das authentisch klingt. Ich fand es eigentlich nicht so problematisch. Die Kommunikation im Team war immer auf Englisch.

Das klingt jetzt alles so unkompliziert. So einfach war es aber nicht, oder? Felix, wurde dir nicht zum Beispiel die Kamera geklaut?
Felix Striegel: Ja, genau. Das war natürlich ein Schock. Glücklicher- weise war das noch kurz vor dem Dreh, sodass wir noch Ersatz besorgen konnten. Wäre das später passiert, hätte es wohl das Aus für den Film bedeutet. Wir hatten ja 50 Komparsen und noch mal fast 50 Leute Team, wir hätten das nicht mehr verschieben oder die Drehorte ändern können. Es gibt eigentlich nichts, das bei diesem Dreh nicht passiert wäre. Der Hauptdarsteller war während des Drehs ja auch im Gefängnis.

Warum?
Julia Drache: Weil er ein Somali ist. Es war eine ganz ähnliche Razzia wie die, mit der wir in den Film einsteigen, bei der Somalis manchmal grundlos verhaftet werden, wenn sie keinen Ausweis dabeihaben.

Katja Benrath: Gerade weil die Somalis so verfolgt werden, war es für sie wirklich eine Frage des Muts, bei dem Film mitzumachen. Bei den Castings waren einige, die dabei sein wollten, aber ohne ihr Gesicht zu zeigen. Weil sie tatsächlich eine Gefahr witterten, wenn sie sich im Film so klar gegen Al-Shabaab positionieren.

Bislang gab es aber keine Repressalien?
Katja Benrath: Nein.

Dann reden wir von etwas Schönem. Ihr wart gerade beim Oscar-Lunch der Nominierten in L. A?
Katja Benrath: Unser Produzent Tobias Rosen und ich waren da.

Und du hast mit Meryl Streep gesprochen …
Katja Benrath: Ja, ich habe kurz mit ihr die Kleiderfrage geklärt.

Ha! Gibt es wieder einen #MeToo- Dresscode?
Katja Benrath: Nein. Meryl Streep hat mir sinngemäß gesagt: Trag, was immer du tragen möchtest und mach den Mund auf, wenn es notwendig ist. Das fand ich sehr schön.

Was haltet ihr denn davon, wie diese Debatte verläuft? Ist das nicht langsam ein bisschen hysterisch?
Julia Drache: Allein die Tatsache, dass viele Frauen es offenbar über Jahrzehnte nicht gewagt haben, über sexuelle Belästigung bis hin zu Missbrauch zu sprechen, zeigt doch, dass diese Debatte längst überfällig war. Hysterisch finde ich daran gar nichts. Man muss natürlich darauf achten, dass alle Vorwürfe geprüft werden. Aber ich denke, dass es allein aufgrund der Debatte seltener bis zum Schlimmsten kommen wird. Und wenn doch, werden die Frauen viel wahrscheinlicher gleich aufstehen und den Mund aufmachen. Natürlich gibt es jetzt die armen Männer, die sagen, sie trauen sich gar nicht mehr, einer Frau ein Kompliment zu machen oder zu flirten. Aber denen sei gesagt: Wenn ihr irgendwelche Zweifel habt, dass euer Verhalten unangebracht ist, dann lasst es einfach gleich bleiben. (Die anderen beiden nicken)

Dann kommen wir zur wichtigsten Frage überhaupt: Was zieht ihr an?
Felix Striegel: Ich werde von Thorsten Lewin aus dem Portugiesenviertel gesponsert. Von ihm bekomme ich einen sehr coolen Smoking.

Julia Drache: Ich war gerade in Ottensen bei Estomo, die schneidern mir ein Kleid.

Katja Benrath: Im Rahmen der Solidarisierung habe ich mich für ein schwarzes Outfit entschieden und werde von Kaviar Gauche Berlin ausgestattet.

Und was macht ihr mit dem Teil, wenn ihr es wirklich gewinnt? Wie viele davon bekommt ihr eigentlich? Einen?
Katja Benrath: Leider kann man neben der Regie nur einen weiteren anmelden. Finde ich falsch, denn alle haben ihren Teil geleistet. Wir haben uns für den Produzenten entschieden. Wenn wir gewinnen sollten, geben wir vielleicht einen nach Kenia, und den anderen reichen wir wie einen Wanderpokal hier in Hamburg rum. Oder teilen ihn in vier Stücke …

Und wie geht’s jetzt weiter? Bleibt ihr vier zusammen?
Katja Benrath: Wir haben gerade alle diverse eigene Projekte, planen aber, zusammen ein dänisches Jugendbuch zu verfilmen. Das wurde gerade in dieser Konstellation gefördert und Julia ist dabei, das Drehbuch zu schreiben.

Julia Drache: Ja, ich adap-tiere gerade den Roman „Pferd, Pferd, Tiger, Tiger“ von Mette Eike Neerlin. Es geht um ein Mädchen, das mit einem drogendealenden Vater, einer nicht so ganz zuverlässigen Mutter und einer geistig behinderten Schwester aufwächst. Sie ist die „Erwachsenste“ aus der Familie, kümmert sich liebevoll um jeden und vergisst dabei sich selbst. Als sie zufällig in einem Hospiz landet, freundet sie sich mit einem im Sterben liegenden Mann an und lernt durch ihn, mehr an sich zu denken und auch mal „Nein“ zu sagen. Klingt nach hartem Tobak, ist aber sehr, sehr rührend und vor allem auch lustig.

Text & Interview: Maike Schade

Live-Übertragung der Oscar-Verleihung im Savoy Filmtheater, 4.3., 23.30 Uhr; „Watu Wote“ im TV: 8.3., BR, 0.30 Uhr

Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!