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Hamburgerin des Monats: Mariya Kostadinova von Sperrgebiet

Bei Sperrgebiet, einer Beratungsstelle des Dia­konischen Werks in Hamburg, kämpft Mariya Kostadinova für die Rechte von Sexarbeiterinnen und ihre gesellschaftliche Anerkennung

Interview: Anna Meinke

 

SZENE HAMBURG: Mariya, wann und warum hast du dich für die Arbeit bei Sperrgebiet entschieden?

Mariya Kostadinova: Ich bin seit Dezember 2016 bei Sperrgebiet St. Georg. Ich bin ausgebildete Sozialarbeiterin und habe mein Diplom aus Bulgarien hier in Deutschland anerkennen lassen. Nachdem ich in einem Hilfsprojekt für zugewanderte Frauen aus Bulgarien und Rumänien, die hier in Hamburg als Sexarbeiterinnen arbeiten, tätig war, bin ich zu Sperrgebiet gekommen.

Mein Wunsch war und ist es, Menschen in Not bei der Hilfesuche zu unterstützen. Außerdem fand ich die Arbeit bei Sperrgebiet so spannend, weil das Thema Sexarbeit in meinem Heimatland Bulgarien tabu ist. Dort ist Sexarbeit offiziell verboten – natürlich passiert es auf illegalem Weg trotzdem. Das Verbot führt dazu, dass das Milieu total unkontrolliert bleibt.

Die Menschen, die dort der Sexarbeit nachgehen, sind nicht geschützt, weil sie außerhalb des Gesetzesrahmens tätig sind. Oft sind sie Opfer von Gewalt, manchmal sogar von Menschenhandel. Ich finde es toll, dass es hier in Deutschland Beratungs- und Hilfssysteme wie das von Sperrgebiet gibt.

Welche Angebote bietet Sperrgebiet den Sexarbeiterinnen?

Unsere Angebote wirken auf einem niedrigschwelligen Niveau. Das heißt, dass hier in der Beratungsstelle St. Georg zuallererst die Grundbedürfnisse der Frauen abgedeckt werden: Sie bekommen warmes Essen und Hygieneartikel, sie können duschen, sich aufwärmen oder ihre Wäsche waschen. Außerdem können sie mit all ihren Fragen zu uns kommen.

Auch bei gesundheitlichen Problemen sind wir für die Frauen da. Zweimal die Woche kommt eine tolle Ärztin, die die Frauen untersucht, ihre Fragen beantwortet oder sie an Fachärzte vermittelt. Wenn es dann zum Arzt, zur Bank oder zum Arbeitsamt geht, begleiten wir die Frauen. Die aufsuchende Arbeit auf der Straße ist normalerweise auch ein zentraler Teil von Sperrgebiet.

Und wie reagieren die Frauen auf eure Angebote – vor allem, wenn ihr sie auf der Straße ansprecht?

Oft reagieren die Frauen sehr ungläubig. Sie denken dann, dass wir ihnen etwas verkaufen wollen und können es nicht fassen, dass unsere Hilfe kostenlos ist. Das liegt vor allem daran, dass sie solche Hilfeleistungen nicht kennen – speziell, wenn sie aus dem Ausland kommen. In vielen Ländern gibt es gar keine Hilfssysteme für Sexarbeiterinnen.

Welche Erwartungen hattest du von der Beratung und Unterstützung von Sexarbeiterinnen?

Die größte Erwartung an meine eigene Arbeit war, den Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen. Zumindest die Grundversorgung möchte ich sicherstellen, etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf bieten. Frauen schätzen sich selbst sehr gering, weil sie der Sexarbeit nachgehen. Ich möchte ihnen jedoch erklären, dass sie sich nicht schämen oder als zweitklassig fühlen müssen. Denn Sexarbeit ist ein richtiger Beruf ! Und wir als Fachberatungsstelle wünschen uns, dass Sexarbeit als richtiger, anerkannter Job wahrgenommen und behandelt wird.

War und ist die Arbeit auch in etwa so, wie du sie dir vorgestellt hast?

Ja, teilweise. Was ich jedoch nicht wusste, ist, dass viele Frauen zum Beispiel gar nicht alphabetisiert sind. Solche Probleme kommen dann noch obendrauf – besonders bei der Jobsuche. Auch die große Skepsis vieler Frauen, die wir zum ersten Mal ansprechen, hat mich überrascht.

 

„Für Sexarbeiterinnen ist die Pandemie verhängnisvoll“

 

Hast du bei Sperrgebiet eine Art Arbeitsalltag, also gewisse Routinen? Oder ist jeder Tag anders?

Vor Corona, oder nach Corona (lacht)? Es gibt natürlich Dinge, die wir jeden Tag erledigen. Papierkram, Beratungsgespräche, Behördengänge, Essensausgabe. Die individuellen Probleme der Frauen führen dazu, dass die Arbeit nie langweilig wird. Jeden Tag erlebe ich etwas Neues und lerne andere Frauen kennen. Das stellt mich Tag für Tag vor neue Herausforderungen. Durch Corona hat sich jedoch einiges verändert.

Was bedeutet die Pandemie denn für deine Arbeit – und natürlich für die Sexarbeiterinnen?

Für die Sexarbeiterinnen ist die Pandemie verhängnisvoll. Das Berufsverbot führt sie gezwungenermaßen in die Illegalität: Suchen sich die Frauen keine neuen Wege, um ihrer Arbeit nachzugehen, verlieren sie ihre Einkommensquelle. Ihnen wird durch das Verbot die Arbeitsgrundlage genommen.

Für die Arbeit von Sperrgebiet bedeutet die Pandemie, dass wir sie auf ein Minimum begrenzen müssen. Wir haben uns dazu entschlossen, geöffnet zu bleiben, so weit es eben geht. Wir beschränken die Arbeit auf dringend notwendige Bereiche, wie etwa die medizinische Versorgung durch unsere Ärztin, die Vergabe von Lebensmitteln und Hygieneartikeln sowie die Hilfe bei Existenzfragen. Außerdem begleiten wir die Frauen bei kurzfristigen Terminen. Die sonst sehr wichtige Arbeit auf der Straße können wir leider gerade nicht anbieten. So werden unsere Angebote schwerer zugänglich.

Was ist für dich die größte Herausforderung bei der Arbeit?

Das Vertrauen der Frauen zu gewinnen. Viele von ihnen haben regelrecht Angst vor Beratungsstellen, weil sie damit nicht vertraut sind. Sie trauen sich nicht, Angebote in Anspruch zu nehmen, haben Angst, die Sprache nicht zu verstehen. Für uns ist es also wichtig, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, sodass die Frauen sich wohlfühlen und unsere Angebote in Anspruch nehmen. Nur so können wir ihnen helfen.

Und was waren deine bisher größten Arbeitserfolge?

Wir schaffen es trotz aller Schwierigkeiten immer wieder, die Frauen auf dem Weg in eine offizielle Anmeldung ihrer Tätigkeit zu begleiten, einen neuen Job für einige zu finden oder ihnen zumindest eine Grundversorgung zu bieten.

Wenn wir uns hier in unserer Küche in St. Georg versammeln – also in Nicht-Corona-Zeiten – und zusammen kochen und uns austauschen, merke ich, dass sich die Frauen zumindest für einen kurzen Moment geborgen fühlen. Das ist für mich der größte Erfolg.

Wie gehst du damit um, auch schwere Schicksale kennenzulernen? Nimmst du die Arbeit oft mit nach Hause?

Vielen Frauen, mit denen wir hier in St. Georg arbeiten, geht es sehr schlecht. Sie leiden unter psychischen und körperlichen Beschwerden, sind sehr belastet. Sie leben zusätzlich unter äußerst prekären Umständen, haben manchmal kein Dach über dem Kopf. Das trifft mich natürlich. Ich versuche, professionell zu sein, die Grenzen zwischen Privatleben und Arbeit zu wahren. Ich sage mir dann, dass ich selbst psychisch, mental und körperlich fit sein muss, um die Frauen unterstützen zu können. Doch wenn ich morgens aufwache und sehe, dass es regnet, denke ich direkt an Klientinnen, die auf der Straße schlafen. Abschalten kann ich da nicht.

Würdest du dir mehr Unterstützung aus der Politik wünschen? Vielleicht auch gewisse Gesetzesänderungen?

Ich wünsche mir, dass Sexarbeit besser geschützt wird und die Rechte der Sexarbeiterinnen geachtet werden. Außerdem muss ein gutes Netzwerk von Beratungsstellen vorhanden sein, um den Frauen genügend Hilfe bieten zu können.

sperrgebiet-hamburg.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2021. Das Magazin ist seit dem 29. April 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Peaches: Scham mit Charme – Ausstellung im Kunstverein

Heiter und gar nicht obszön: Electroclash-Queen Peaches befreit die Doppel-Masturbatoren aus der Knechtschaft und führt sie in ein Glamourland der polymorphen Lüste

Text: Karin Schulze
Foto (o.): Fred Dott

 

Das passiert bei Ausstellungen nicht allzu oft: Am Eröffnungsabend der Peaches-Ausstellung „Whose Jizz Is This?“ (dt. etwa: Wessen Wichse ist das denn?) wird vor dem Betreten vor „Gleitmitteln auf dem Boden“ gewarnt. Seit über 20 Jahren steht die kanadische Wahlberlinerin auf der Bühne, jetzt bestreitet sie erstmals eine umfassende Ausstellung in einer Kunstinstitution.

Wer von der queeren Subkultur-Ikone nun eine obszöne Sauerei erwartet, wird enttäuscht. Verschämt betrachtet man vielleicht noch das Youtube-artige Video gleich am Eingang. Darin knetet ein hemdsärmeliger Kerl hantelförmige Sextoys durch und befingert die Doppel-Masturbatoren grob, um die Qualität ihrer Vagina- bzw. Schlund-Ersatzfunktion zu erproben.

Schon wenige Meter weiter aber fühlt man sich wie Alice im Sextoyland und bewegt sich staunend durch den abgedunkelten Raum, in dem es atmet, tröpfelt, schmatzt und pocht, während sich nach und nach die wundersame Emanzipation der Silikonorgane ereignet. Sie nennen sich jetzt „Fleshies“, haben die ihnen zugewiesene passive Liebedienerei satt und brechen auf, um ihr eigenes Begehren zu finden.

 

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Peaches: Whose Joizz Is This?, 2019

 

Im Kunstsprech würde man das eine „multimedial-immersive Installation“ nennen. Peaches sagt: „ein dekonstruiertes Musical in 14 Szenen“. Man könnte auch sagen: ein Stationendrama mit Bildungsroman-Touch, bei dem sich die Fleshies über Selbstbefreiungsmonologe (sehr, sehr lustiges Video), Federica Dauris grandiose, von Gleitmitteln geschmierte Körperöffnungsperformance (nur am Eröffnungsabend) oder ein Verwandlungsoratorium (altarartige Bühneninstallation) zu immer größerer Befreiung aufschwingen, bis sie sich in einem Springbrunnen gegenseitig ekstatisch Flüssigkeiten auf die sensibelsten Stellen spritzen.

Wie Kunstverein-Direktorin Bettina Steinbrügge in ihrer Eröffnungsrede andeutete, könnte man das Peaches-Musical als Ausblick auf eine Welt verstehen, in der sich nicht länger Frauen und Männer, Schwule oder Lesben vergnügen, sondern – gemäß dem Theoretiker Paul B. Preciado – „gleichwertige Körper einen Zeitvertrag schließen“. Kann es eine geschlechterunabhängige Sexualität geben? Keine Ahnung. Sicher aber ist: Die Ausstellung ist lustig, intelligent, wunderbar.

Madonna sagte: „Papa don’t preach“. Wir sagen: „Peaches please preach!“

Peaches: Whose Jizz Is This?: bis 20.10., Kunstverein in Hamburg


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Pinkstinks: Aktivisten gegen Sexismus in der Werbung

Die Aktivisten von Pinkstinks sind im Einsatz gegen sexistische Werbung – denn an Sex sells glauben noch viele: Wer, warum, und was sich verändert hat, erzählt Pinkstinks-Redakteur Marcel Wicker

Interview: Markus Gölzer
Foto (o.): Mauricio Bustamante – Pinkstinks

SZENE HAMBURG: Marcel, das fängt ja gut an: Zwei Männer unterhalten sich über eine feministische Protest- und Bildungsorganisation. Wie bist du zu Pinkstinks gekommen und was macht ihr?

Marcel: Ich kenne Pinkstinks schon sehr lange und war auch vorher feministisch aktiv. Als ich gehört habe, dass Pinkstinks einen Redakteur sucht, habe ich mich einfach beworben. Ich bin ausgebildeter Journalist, habe vorher PR gemacht und empfinde es als irres Privileg, mit Aktivismus Geld verdienen zu können. Bei Pinkstinks geht es hauptsächlich darum, feministische Diskurse, die im linken Spektrum geführt werden, aufzugreifen und zu übersetzen. Sie sozusagen in den Mainstream zu holen. Damit es nicht eine elitäre Diskussion zwischen wenigen Leuten bleibt, sondern dass daraus ein gesamtgesellschaftlicher Protest werden kann.

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So könnte Bikini-Werbung
auch aussehen / Foto: Markus Abele – Pinkstinks

Was war für die Gründung von Pinkstinks ausschlaggebend?

Stevie Schmiedel ist 2011 aktiv geworden. Die Stadt Hamburg hatte dem Außenwerber Ströer 2.500 Werbeleuchtflächen zur Verfügung gestellt. Dadurch wurde Werbung im öffentlichen Raum in Hamburg viel sichtbarer – und eben auch der Sexismus. Stevie hat eine Petition gestartet, sexistische Werbung bundesweit verbieten zu lassen, Demos organisiert, ist mit der Politik in Kontakt getreten. So ist Pinkstinks entstanden. 2016 hat sich die SPD dafür ausgesprochen, sexistische Werbung kontrollieren zu wollen, was dann erst mal in einem Monitoring mündete, das wir seit zwei Jahren durchführen.

Auf der Plattform „Werbemelder*in“ sammeln wir sexistische Werbung, um das Sexismusproblem in Deutschland mit konkreten Daten belegen zu können. Jeder kann über Werbemelder* in Werbung bei uns einreichen und wir prüfen sie nach unseren Kriterien.

Wo hört Nacktheit auf und fängt Sexismus an?

Wenn wir über Sexismus in der Werbung sprechen, was unser Hauptaugenmerk ist, dann hat Sexismus nicht zwangsläufig mit Nacktheit zu tun. Es gibt Produkte, die man mit viel Haut präsentieren muss, wie einen Bikini. Der wird natürlich auf der nackten Haut präsentiert. Das ist Sexualität, die eine Gesellschaft aushalten muss.

Sexismus sehen wir dann, wenn eine Diskriminierung aufgrund von Geschlecht vorliegt. Wir haben zusammen mit der Juristin Dr. Berit Völzmann konkrete Kriterien entwickelt, mit denen wir unterscheiden, wann etwas sexistisch ist und wann nicht. Wenn eine Frau zum Beispiel nur als sexualisierter Blickfang eingesetzt wird, wenn sexuelle Verfügbarkeit suggeriert wird oder bestimmte Eigenschaften oder Fähigkeiten ausschließlich einem Geschlecht zugeordnet werden, dann sprechen wir von Sexismus.

Gibt es Branchen, die sexistischer sind als andere?

Im Moment zeigt sich schon sehr deutlich, dass Sexismus oft im Mittelständischen vorkommt, weniger bei großen Unternehmen. Ganz viel im Handwerk, auf Lkw und Pkw.

Gibt es es auch Unterschiede, ob Stadt oder dem ländlichen Bereich?

Ja, es kommt eher im Ländlichen vor. Es sind oft die Rohrverleger, die mit Wurfsendungen, an Baugerüsten und auf Fahrzeugen werben. Die ihre Werbung aus Kostengründen selber machen und dafür Ursel von nebenan bitten, sich mal für ein Foto über die Autoreifen zu legen. Wir können sagen, dass die großen Werbeagenturen nicht mehr das Hauptproblem sind, auch wenn sie häufig noch sehr stereotyp werben, was wiederum Sexismus befeuern kann. Das ist aber nichts, wogegen man rechtlich vorgehen könnte. Die Frage für uns ist: Wo ist die konkrete Diskriminierung?

Also funktioniert es nicht mehr so, dass Aufmerksamkeit immer gut ist, egal ob positiv oder negativ.

Es gibt immer noch Unternehmen, die das so sehen und die es drauf ankommen lassen. Aber sexistische Ausrutscher der wirklich großen Player können wir an einer Hand abzählen. Trotzdem leiden auch die unter dem schlechten Image, das sexistische Werbung schafft. Deshalb haben wir im letzten Jahr vermehrt mit Agenturen zusammengearbeitet.

 

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Pinkstinks-Preis: Für faire Werbung gibt’s den „Pinken Pudel“

 

Inwiefern?

Wir haben den „Pinken Pudel“ gegründet, einen Positivpreis, mit dem wir Werbung auszeichnen, die mit Stereotypen bricht. Damit wollen wir stärken, was wir gut finden. Außerdem haben wir mit fünf der größten Werbeagenturen eine Kampagne gestartet, die „Herz fürs Handwerk“ heißt. Wir haben uns mit Kreativen zusammengesetzt und ihnen ein „Worst of Werbemelder*n“ gezeigt, also eine Auswahl der schlimmsten Werbemotive, die wir eingesendet bekommen haben. Und wir haben sie gebeten, für die Produkte eine neue, diskriminierungsfreie Werbeidee zu entwickeln. Das Ziel war, den Handwerksbetrieben zu zeigen: Man kann auch aus langweiligen Produkten wie einer Heizdecke coole Werbung machen, ohne zu diskriminieren. Auch mit geringen Mitteln.

Was war das schlimmste Motiv?

Was ich gern als Beispiel bringe ist ein Schlagbohrer mit einer halbnackten, breitbeinigen Frau daneben und dem Slogan: „Wie rammst du ihn rein?“. Das grenzt schon an sexualisierte Gewalt. Solche Motive sind zwar nicht die Regel, aber auch nicht so selten, wie man meinen mag.

Eigentlich müsste euren Job doch der Werberat machen.

Der Werberat ist selbstregulativ und besteht aus Leuten aus der Werbeindustrie. Er spricht Rügen aus und arbeitet ausschließlich reaktiv. Mit Pinkstinks wollen wir proaktiv, durch Sensibilisierung und Kampagnen, gegen Sexismus vorgehen.

Wie viel Einsendungen bekommt ihr? Wie viel der Werberat?

Wir haben über Werbemelder*in 2018 doppelt so viel Einsendungen bekommen wie der Werberat. Und das nur zum Thema Sexismus. Der Werberat sammelt ja Beschwerden zu allen möglichen Themen. Generell kann man sagen, dass durch die #MeToo-Debatte ein Umdenken eingesetzt hat. Leute sind sensibler für das Thema und es gibt sehr viel schneller den Shitstorm aus der Gesellschaft, ohne dass wir ihn mit unserer großen Online-Präsenz anführen müssen. Interessant ist auch, dass wir seit #MeToo wahnsinnig viel Unterstützung auch von Männern bekommen.

Pink-Stinks-Werbemelder

Auf der Plattform „Werbemelder*in“ lässt sich sexistische Außenwerbung markieren

Gibt es auch Sexismus gegen Männer?

Ob es Sexismus gegen Männer gibt, ist im Feminismus eine heikle Diskussion. Sicher ist, dass eine sexistische Gesellschaft immer auch Auswirkungen auf Männer hat. Wenn Männern erzählt wird, dass sie keine Gefühle haben dürfen, außer vielleicht Wut, dann führt das dazu, dass sich Männer eher das Leben nehmen, dass sie eher an einer Sucht erkranken, dass sie eher Straftaten begehen.

Ob man das „Sexismus“ nennt oder nicht, ist eine Definitionsfrage. Ihn abzuschaffen ist aber ein Gewinn für alle.

Neben Werbung kümmert ihr euch auch um Bildung …

Für uns ist Sensibilisierung auf möglichst vielen Ebenen wichtig. Wir machen Theaterarbeit an Schulen mit dem Stück „David und sein rosa Pony“. Im Stück wird ein Junge wegen seines rosa Kuscheltiers in der Schule gemobbt und am Ende von seinem coolen Fußballkumpel davon überzeugt, dass Rosa für alle da ist und auch Jungs zart sein dürfen. Damit versuchen wir, das Rosa-Blau-Gefälle in der Grundschule infrage zu stellen. Wir haben auch eine sehr umfangreiche Broschüre für Kitas und Eltern herausgebracht, in der es um gendersensible Erziehung geht. Für jugendliche Mädchen haben wir den YouTube-Kanal „Lu Likes“, in dem unsere Moderatorin Lara Themen wie Essstörungen oder „Germanys Next Topmodel“ aufgreift und bespricht. Und natürlich sind wir sehr stark in sozialen Medien aktiv.

Seid ihr Anfeindungen ausgesetzt?

Täglich. Wir bekommen ständig E-Mails, Kommentare und Nachrichten über Facebook oder Instagram, in denen wir angefeindet werden. Wenn wir eine neue Kampagne launchen oder ein neues Video online geht, kann man den Hatern dabei zusehen, wie sie sich zusammenrotten und organisiert trollen. Das kennen alle Organisationen und Personen, die sich im Netz für Vielfalt und Diversität einsetzen. Mich persönlich können die gerne beschimpfen und kacke finden, damit können wir als Team gut umgehen. Aber sie sollen unsere Community in Ruhe lassen. Da fühlen wir eine große Verantwortung. Pinkstinks-Kanäle sollen Orte für alle sein.

Pinkstinks.de


Szene-Hamburg-juni-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juni 2019. Titelthema: Was ist los, Altona?
Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel und zeitlos im 
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Momentaufnahme – der Transsexuellenstrich in der Schmuckstraße

Die Schmuckstraße auf St. Pauli ist Hamburgs Zentrum für transsexuelle Prostituierte. Außenstehende wissen meist nur wenig vom Treiben in der Szene. Beobachtungen eines Vorbeischlendernden.

Text: Ulrich Thiele
Fotos: Sophia Herzog

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Dieser Artikel stammt aus der SZENE HAMBURG 9/18. Hier können Sie die gesamte Ausgabe lesen.

Sie ruft mir vom Fenster aus etwas auf Spanisch zu. Vermutlich etwas Schnippisches oder Anrüchiges, ihr Ton ist jedenfalls selbstbewusst, aggressiv, herausfordernd. Dabei rudert sie so heftig mit den Armen, als versuchte sie, mich durch die Kraft der Telekinese nach oben zu ziehen. Wüsste ich es nicht besser, könnte ich sie, die ja eigentlich ein „Er“ ist, tatsächlich einfach nur für eine „Sie“ halten – mit den langen, blond gefärbten Haaren, dem weichem Gesicht, dem bauchfreien Top und der übertriebenen Schminke im Gesicht. Ich lächle verlegen und winke ab, ehe ich weitergehe. „Aaaaaaah“, seufzt sie wütend und enttäuscht von meiner Tatenlosigkeit, schmeißt noch ein spanisches Schimpfwort hinterher und drückt mit ihrer rechten Hand ihre Hüfte nach vorne, während sie mit der linken weiter wie eine exzentrische Hollywood-Diva aus den 50er-Jahren raucht.

Wer öfter an der „Taverne Bar Donatella“ in der Schmuckstraße vorbeigeht, kennt solche Szenen zur Genüge. Sie gilt als das Zentrum für die Prostitution durch Transsexuelle in Nordeuropa, die meisten der Prostituierten stammen aus Südamerika, einige sollen einen illegalen Aufenthaltsstatus haben. Noch immer gilt die Szene in der Schmuckstraße als isolierte Community, in die Außenstehende keinen tiefer gehenden Einblick haben. Die Taverne Bar und die Wohnungen darüber – eine Wohngemeinschaft, in der ausschließlich transsexuelle Prostituierte wohnen – sind der erste Anlaufpunkt in Hamburg für jene, die Sex mit Transsexuellen suchen. Die Schmuckstraße zweigt wie eine geheime Seitengasse von der Großen Freiheit auf Höhe der St. Joseph Kirche ab. Während der Name klingt, als gehöre sie zu einem Schickimicki-Stadtteil, entpuppen sich Teile der Umgebung allerdings als ziemlich schmucklos.

Die Schmuckstraße in St. Pauli Foto: Sophia Herzog

Die Schmuckstraße in St. Pauli Foto: Sophia Herzog

Der Gehweg ist schmuddelig, von der ohnehin schon brüchigen Gründerzeit-Fassade der Taverne bröckelt der Putz ab und direkt gegenüber lärmt die Simon-von-Utrecht-Straße. Dazwischen liegt nur die kleine Hundewiese, auf der drei potenzielle Kunden umgeben von leeren Schnapsflaschen, benutzten Kondomen und jeder Menge Hundekot herumlungern und die Prostituierte, die sich an ihrem Fenster zur Schau stellt, begutachten.

Die Männer, die hier so vereinzelt und mit einigen Metern Abstand voneinander stehen und erwartungsvoll Richtung Fenster blicken, sind keine Transsexuellen. Der Anblick verblüfft mich und widerspricht meinem Vorurteil über die Kunden von transsexuellen Prostituierten. Einer von ihnen trägt einen gut sitzenden Anzug mit Krawatte und hat sorgfältig gescheiteltes Haar, wie ein Banker. Der zweite sieht aus wie ein braver Referendar mit seinem Babyface, der braunen Cordhose, dem gestreiften Polohemd und der Brille. Und der dritte könnte ein ganz normaler Familienvater mittleren Alters sein.

“Der Anblick widerspricht meinem Vorurteil über die Kunden von transsexuellen Prostituierten.”

Allerdings scheint keiner von ihnen hineingehen zu wollen. Vielleicht warten sie darauf, dass sich auch die anderen Transsexuellen an ihre Fenster stellen. Doch das Geschäft scheint zur Mittagszeit zu dösen. Abends, wenn die Dämmerung eintritt, ist das anders. Ganz anders: An jedem Fenster über der Taverne steht dann eine Prostituierte und posiert, jedes Zimmer leuchtet farbig. Manchmal hebt eine von ihnen in Captain-Morgan-Pose ihren Fuß auf das Fensterbrett und präsentiert einen ihrer lachsfarbenen High Heels. Andere präsentieren stolz ihre für Transsexuelle typisch langen Beine und die mit Silikon aufgepumpten Hinterteile, die aussehen, als hätten sie zwei Kissen in ihre Hotpants gestopft. Und natürlich heben sie ihre riesigen Silikonbrüste für die Männer auf der Hundewiese hervor, die sich mittlerweile in Scharen aufgestellt haben.

Darunter wieder biedere Bürger und Anzugkerle, aber nun auch stämmige Rockerkerle in Lederjacken und sichtbar kaputte Gestalten in zerrissenen Jeanswesten. Und es kommt auch mal vor, dass ein roter Ferrari vor der Tür steht. Aber nicht jeder Freier muss die Prostituierten zuerst begutachten. Manchmal erkennt man Stammkunden schon aus 50 Metern Entfernung, wenn sie mit strammem und bestimmtem Gang, die Hände an den Rucksackschnallen, schnurstracks auf die Taverne zugehen.

Zur Mittagszeit sieht man aber auch die Anwohner, die nichts mit der Transsexuellen-Szene zu tun haben. Was durch die Fokussierung auf die Taverne leicht vergessen wird: Die Schmuckstraße liegt ansonsten in einem ganz normalen Kiez. Wenige Meter weiter grenzt die Talstraße an, mit einem Budni, einem Getränkemarkt und diversen Handyshops. Und direkt neben der Taverne steht ein Neubau mit Wohnungen, in denen auch Familien leben.

“Die blond gefärbte Transsexuelle raucht wie eine exzentrische Hollywood-Diva.”

Als ich am Nachmittag auf dem Rückweg wieder an der Taverne vorbeigehe, stehen keine Freier mehr auf der Hundewiese. Die blond gefärbte Transsexuelle aber steht noch immer oben am Fenster, noch immer raucht sie wie eine exzentrische Hollywood-Diva. Wieder ein Zuruf, wieder auf Spanisch, wieder mit diesem herausfordernden Grinsen. Ich winke wieder ab und presse ein „Gracias“ heraus, das mehr Deutsch als Spanisch klingt. Darüber muss auch sie herzlich lachen, sie wirft mir einen Kussmund zu und winkt zum Abschied.

 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 



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