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Kogge: Das Rock ’n’ Roll-Hotel musste Abschied feiern

Die Kogge, Kneipe und Hotel, hat schon Bands wie The Mars Volta beherbergt und war in St. Pauli fest verankert – nun musste sie schließen. SZENE HAMBURG sprach mit Betreiberin Riikka Beust über die aktuelle Situation

Interview: Ole Masch
Foto (0.): Ole Masch

Mit einem großen Fest wurde Anfang Juni das beliebte Rock ’n’ Roll-Hotel Kogge verabschiedet. Über 16 Jahre war die Unterkunft samt angeschlossener Bar fester Bestandteil der Nachbarschaft St. Paulis und international bekannter Übernachtungsort für unzählige Bands. Ob die Stadt nach der Kündigung durch den Vermieter doch noch eingreift oder ein weiterer Meilenstein verfehlter Standortpolitik erreicht wird, bleibt abzuwarten.

Riikka, warum habt ihr kürzlich euren Abschied gefeiert?

Riikka Beust: Nachdem wir 2003 die Kogge eröffnet haben, wurde sie 2007 von den Besitzern zum Verkauf angeboten. Für einen Spottpreis. Inklusive der beiden dazugehörigen Mietshäuser im Hinterhof. Wir hatten das Vorkaufsrecht. Und haben es nicht genutzt. Wir waren dumm. Wir wussten zu diesem Zeitpunkt nicht, welche Möglichkeiten zur langfristigen Erhaltung unseres, und anderer Lebensräume damit geboten wurden. Und wie nötig es werden würde, mit allen Mitteln für diese zu kämpfen.

Wir waren naiv. Und wohl nicht visionär. Und auch politisch nicht ausreichend vernetzt. Erst als ein neuer Vermieter erschien, und er begann, uns vor Gericht zu zerren, um uns loszuwerden, begriffen wir, dass wir Teil eines abgekarteten Abfucks geworden waren. Doch unser Mietvertrag war immerhin wasserdicht für die Laufzeit von 16 Jahren. Da ließ sich auch zum Unglück des neuen Vermieters nicht dran rütteln. So sehr er sich auch über die Jahre bemühte – zum Glück sahen die vorstehenden Richter das ähnlich wie wir – unser Vertrag behielt seine Gültigkeit.

 

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Dieser Negativ-Countdown zählte die Tage bis Mietsende / Foto: Sophia Herzog

 

So plötzlich kam der Abschied also nicht?

Wir wussten seitdem, dass unsere Tage gezählt sind. Und wir zählten sie. Auch mithilfe unseres Countdowns an der Wand. Hätten wir damals gewusst uns zu wehren, zu verbinden, Initiativen zu gründen oder eine Struktur zu vernetzen, die über den eigenen Bedürfnishorizont hinausgeht, wie es zum Beispiel von SOS-St.Pauli, St.Pauli Selbermachen, RechtAufStadt, Leerstand zu Wohnraum und vielen anderen mittlerweile getan wird, würde es die Kogge heute wohl noch geben.

Oder wenn die Stadt damals begriffen hätte, wie viel Leid der Verlust dieser kleinen Klitsche, und den damit gewachsenen Strukturen für einen Stadtteil bedeuten kann, – aus kultureller, wirtschaftlicher und sozialer Sicht – es würde die Kogge heute wohl noch geben.

Was passiert jetzt mit dem Gebäude?

Wie vermutet, wurde vom Vermieter ein Bauantrag eingereicht, um die Kogge und seine erst 2012 fertiggestellte Aufstockung abzureißen. Laut Antrag soll ein siebenstöckiges Boarding-House errichtet werden. Was das bedeutet, beziehungsweise warum diese Gesetzeslücke allen potenziellen Investoren in Wohngebieten profitable Kurzzeitvermietung ermöglicht und Wohnraum vernichtet, sollte dringend gesondert öffentlich gemacht werden und liegt in der Verantwortung der Stadt.

Woher wisst ihr das so genau?

Da uns ein Verkaufsangebot zugespielt wurde, in dem die Liegenschaft inklusive der beiden Mietshäuser im Hinterhof zum Verkauf angeboten wurden. So wussten wir, was der eigentliche Plan von Anfang an war: Ein Objekt – zum Abriss frei, ohne laufende Verträge mit Gewerbemietern, inklusive einer lukrativen Baugenehmigung – zum Verkauf zu stellen. Denn unsere Bemühungen um eine Verlängerung des Mietverhältnisses mit einer Anpassung des Mietzinses wurden noch im Winter 2018/19 vom Vermieter kategorisch abgelehnt.

Wie habt ihr darauf reagiert?

Wir haben unsere Kooperationen gekündigt, unsere Mitarbeiter entlassen, das Booking eingestellt und alle Verträge beendet. Zwei Wochen vor Ablauf des Vertrages und Übergabe des Objektes wurde uns vermieterseits eine sechsmonatige Verlängerung des Mietverhältnisses angeboten. Mit knapp 1.000 Euro Mieterhöhung. Unabhängig davon, wie indiskutabel ein solches Angebot aus Sicht der wirtschaftlichen Planungssicherheit ist, wird hier mit den Bedürfnissen und Emotionen eines ganzen Viertels gespielt, das mit dem Verlust der Kogge auf vielen Ebenen noch lange zu kämpfen haben wird.

 

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Kogge: Leider kein Tresen für die Ewigkeit / Foto: Sophia Herzog

 

Was passiert nun mit den Menschen, die direkt mit der Kogge involviert sind?

Die wahrscheinlich wichtigste Säule war immer die Crew. Während in anderen gastronomischen Betrieben meist eine hohe Fluktuation an Mitarbeitern herrscht, ist die Kogge-Crew in 16 Jahren immer über lange Zeiträume konstant gewesen. Selbst wenn Menschen neue Lebenswege einschlugen, Eltern wurden, promovierten oder auch ihren eigenen Laden eröffneten, sind die meisten ein Teil der Kogge geblieben. Und das hat die Kogge ausgemacht. Die liebevolle Offenheit mit einem authentischen Selbstbewusstsein, für das die Kogge so geschätzt wurde, ließ schon immer auf den hohen Grad der Identifikation der Mitarbeiter mit der Kogge schließen.

Und auch für ihre Fähigkeiten wurde die Crew der Kogge geschätzt. Nicht selten wurde die Kogge „Kaderschmiede“ genannt. So war es zum Glück auch nicht schwer die Mitarbeiter, die der Gastronomie erhalten bleiben wollten, in neuen Arbeitsverhältnissen unterzubringen. Im Gegenteil. Es wurde sich nahezu um sie gerissen. Trotzdem stand die Crew loyal und felsenfest bis zur letzten Stunde gemeinsam an Bord.

Und was macht ihr als Betreiber?

Gernot Krainer, mein Geschäftspartner, muss sich auch erst mal sammeln und die Trümmer seiner Existenz verräumen, bevor er weiß, was als Nächstes kommt. Ich werde den Juli über nur für Off The Radar da sein. Ab August werde ich mit Fabi, einem langjährigem Mitarbeiter, im Karoviertel ein Stadtteil-Cafe eröffnen. Unser Wunsch ist es, einen offenen Raum zu bieten, in dem sich Menschen vernetzen und zum politischen Austausch treffen. Wo Initiativen sich vorstellen und engagierte Interessierte Informationen bekommen. Vom Viertel fürs Viertel.

Dazu mit Kicker und Kultur. Aber es wird nicht die Kogge sein. Ich muss nach vorne gucken. Sonst würden die Wehmut und die Wut über den Verlust zu groß. Aber ich könnte mir denken, dass manche Nachbarn und Hinterbliebene der Kogge weniger gemäßigt mit ihrer Wut umgehen … Nicht nur deshalb kann ich mir einen glücklichen Investor, oder einen Betreiber eines nicht mit dem Stadtteil kompatiblen Gewerbes an dieser Stelle schwerlich vorstellen.

 

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Riikka Beust: Kogge auf Öl und für ewig / Foto: Kogge

 

Und wie geht es mit dem Projekt Kogge weiter. Ihr wolltet doch auf das ehemalige Esso-Gelände ziehen?

Die Kogge wird es so nicht mehr geben. Sollte sich aber zum Beispiel die Stadt entscheiden, dem Vermieter ein Angebot zu machen, um die Liegenschaft vor Spekulanten zu schützen und die Strukturen der Nachbarschaft zu erhalten, solle man mir gerne Bescheid sagen. Für einen langfristigen Mietvertrag in der Bernhard-Nocht-Straße würde ich auch mit Überzeugung in eine notwendige Sanierung investieren.

Natürlich besteht auch immer noch die Möglichkeit, dass für die Kogge, dem Molotow und der Baugemeinschaft im Paloma-Viertel mit der Investorengruppe der Bayerisch Hausbau und der Stadt eine wirtschaftlich tragbare Lösung für einen Einzug auf dem Esso-Areal gefunden wird. Allerdings muss die Stadt sich dafür den Investoren gegenüber endlich gerade machen und auf die Einhaltung der Absprachen bestehen. Ansonsten wird das, was von den großen Plänen der Bürgerbeteiligung übrigbleibt, keine Erwähnung mehr wert sein.


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2019 im Handel und zeitlos im
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Das Ensemble Reflektor entstaubt die Klassik-Szene

Ensemble Reflektor – Das 40-köpfige Orchester hat einen Plan: Klassikkonzerte ohne steifes Korsett, dafür mit Witz und Bier.

Interview: Lilli Gavrić
Foto: Heide Benser

SZENE HAMBURG: Conny und Selma, ihr seid zwei von vierzig jungen Klassikmusikern, die das Ensemble Reflektor gegründet haben. Warum?

Conny: Wir sind ausgebildete Klassikmusiker. Das Studium ist darauf ausgelegt, in einem Orchester zu spielen, was zwar großen Spaß macht, aber in festen Strukturen verläuft. Häufig stellt sich bereits während des Studiums eine Arbeitsroutine ein, die musikalisch dröge macht, ernüchternd ist. Bei einigen Kollegen war das aber nicht so. Die wollten auf der Stuhlkante ganz vorne sitzen. Hatten Lust die Musik, wie wir sie empfinden auch so zu spielen. Das war der Grundimpuls.

Selma: In staatlichen Orchestern hat man den Job nach der Probezeit sein Leben lang. Die Stücke werden festgelegt, der Dirigent, die Proben, dein Dienst. Wir waren Studenten, die darüber hinausgehen wollten. Lust hatten, vieles selbst und anders zu machen.

Auf das Publikum zuzugehen. Spielt man in der Oper, betritt man das Haus durch eine andere Tür als der Gast, sitzt unten im Graben, trinkt anschließend mit den Kollegen in der Kantine ein Bier und geht nach Hause. Das Publikum sieht man nicht. Es gibt diese Barriere, alles hat eine gewisse Starrheit. Das wollten wir aufbrechen.

Ihr fragt euch immer wieder: „Wie kann man als klassisch ausgebildeter Musiker Leidenschaft vermitteln?“ Ist das in sich ein Widerspruch?

Conny: Nicht unbedingt. Wir lernen im Studium vor allem das Handwerk. Natürlich auch leidenschaftliches Spielen. Aber in wieweit das Publikum berührt oder gar abholt wird, darum geht es nie. Was braucht es also, um dieBegeisterung rüberzubringen? Distanz abzubauen. Die Musiker sehen, ihnen in die Noten schauen, die Kommunikation untereinander spüren.

 

Ihr habt kein Geld? Dann bezahlt mir eben die Heizung

 

Wie seid ihr in eurem „Wohnzimmer“, dem Proberaum im Oberhafenquartier, gelandet?

Selma: Das war etwas chaotisch. Anfangs haben wir nur ein Konzert gespielt, ein halbes Jahr später waren es schon vier. Allerdings haben wir erst kurz zuvor überlegt, wo überhaupt. Allen Bescheid gesagt, aber null Euro für das Projekt gehabt und keine Location (lacht). Bei 40 Leuten gibt es zum Glück immer irgendeinen, der irgendwen kennt.

Einer arbeitete mit der Stadt Hamburg zusammen, hat alle Hebel in Bewegung gesetzt und die Halle gefunden. Der Besitzer hat uns mit offenen Armen empfangen: „Ihr habt kein Geld? Dann bezahlt mir eben die Heizung.“ Das war 2015, die Heizung gab es da noch nicht. Wir saßen mit dicken Wintermänteln in der Probe.

Conny: Es gab zu dem Zeitpunkt auch nur eine Toilette für 40 Leute.

Was zeichnen eure Konzerte neben der Musik noch aus?

Conny: Jeder kann so, wie er ist, auch direkt nach der Arbeit, zum Konzert kommen, sich ein Bier aufmachen und einfach entspannen. Niemand muss sich verbiegen.

Eure Konzerte im Gruenspan sind auch anders. Moderiert von Jannes Vahl, werden auch viele Witze gerissen. Nimmt das der Klassik den Staub?

Selma: Seine Art nimmt den Staub. Seit eine Kollegin ihn auf der Tagebuchlesung der Clubkinder kennengelernt hat, ist er dabei. Es ist etwas Neues und Eigenes zwischen ihm und uns.

Eure Arbeit folgt einem Beethoven-Zyklus, zuletzt habt ihr Beethovens Achte „Liebeslied“ im Gruenspan gespielt. „Eine Schaffensphase, in der Beethoven stark verliebt war.“ In der Fünften, eurer Debüt-CD „Gewaltakt“, war er demnach mies drauf?

Selma: Als er die Fünfte schrieb, äußert er im „Heiligenstädter Testament“, ein Brief an seine Brüder, depressive Gedanken. Der Moment, in dem er merkt, er wird taub. Die Fünfte ist aber keine aggressive Musik. Am Ende eher strahlend und triumphal. Wir hatten den Wunsch, seine innerlich düsteren Aspekte herauszuarbeiten. Man kann den Schluss als Überwindung des Schmerzes sehen, oder gezwungenes Glück hören. Das überlassen wir dem Publikum.

Ensemble Reflektor


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2019. Das Magazin ist seit dem 28. März 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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