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Amelie Deuflhard bleibt auf Kampnagel

Die Intendantin der Internationalen Kulturfabrik verlängert ihren Vertrag bis 2027. Kampnagel steht nicht nur wegen der Corona-Pandemie vor großen Herausforderungen

Text: Felix Willeke

 

Seit der Spielzeit 2007/2008 ist die gebürtige Stuttgarterin Amelie Deuflhard Intendantin von Kampnagel. Jetzt hat sie ihren Vertrag um weitere fünf Jahre bis 2027 verlängert. Das wohl größte Projekt der kommenden Jahre ist die Generalsanierung der Kulturfabrik: „Ich sehe hier die einzigartige Chance, auch in der Architektur sichtbar zu machen, was wir inhaltlich anstreben. Hier soll das innovativste Kunstgelände des 21. Jahrhunderts entstehen, das neue Dimensionen des internationalen und transdisziplinären Arbeitens eröffnet und weltweit beispielhaft ist“, sagt Deuflhard. Programmatisch will sich Kampnagel weiter den großen globalen Themen wie Klimawandel, Migration, Postkolonialismus, Diversität und sozialer Ungleichheit widmen, so Deuflhard. Darüber soll sich die Kulturfabrik noch weiter für unterschiedliche Akteur:innen der Gesellschaft öffnen.

Auch Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien in Hamburg, begrüßt die Verlängerung des Vertrags: „Amelie Deuflhard leistet gerade mit ihrem engagierten Einsatz für die freien Künste einen wichtigen Beitrag für die kulturelle Vielfalt in Hamburg.“

Neben Deuflhard verlängerte auch Dr. Kerstin Evert, Leiterin des K3 – Zentrum für Choreografie | Tanzplan Hamburg, ihren Vertrag bis 2028.

Aktuell läuft noch bis zum 22. August 2021 auf Kampnagel das Internationale Sommerfestival.


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„tanz.nord“: Tanzszene in Hamburg und Schleswig-Holstein

„tanz.nord“ heißt das Pilotprojekt, das die freie Tanzszene in Hamburg und Schleswig-Holstein nachhaltig vernetzen will. Rund 30 von einer Fachjury ausgewählte Tanzprojekte präsentieren in diesem Rahmen ihre Arbeit. Ein Gespräch mit Jurorin Mable Preach und Projektkoordinatorin Marie Kassmann

Interview: Dagmar Ellen Fischer

 

SZENE HAMBURG: Warum startet die Initiative „tanz.nord“ jetzt?

Mable Preach: Der Austausch zwischen Schleswig-Holstein und Hamburg ist in vielerlei Hinsicht groß, auch kulturell. Nur die Nische des Tanzes hat bislang wenig von der geografischen Nähe profitiert. Das war den Akteurinnen und Akteuren in beiden Bundesländern bewusst.

Die Sonderausschreibung „Tanzpakt Reconnect“ als Teil von „Neustart Kultur“ – einem Konjunkturprogramm der Bundesregierung angesichts der pandemiebedingt schweren Lage für die Kultur –, war das Zündfeuer, um dieses Defizit auszugleichen.

Wer steht verantwortlich dahinter?

Marie Kassmann: Vier Partner aus Hamburg und Schleswig-Holstein: der Dachverband freie darstellende Künste, das K3 – Zentrum für Choreographie | Tanzplan Hamburg, das Kultur- und Bildungszentrum Bad Oldesloe und das Tanz und Performance Netzwerk Schleswig-Holstein.

Was wollt ihr mit dem Pilotprojekt im Idealfall erreichen?

Mable Preach: Das Projekt zielt darauf, durch den Austausch zwischen beiden Bundesländern ein nachhaltiges regionales Touring-Netzwerk zu schaffen und die freie Tanzszene im Norden durch neue Strukturen zu stärken. Ein anderes Ziel betrifft die Publikumsentwicklung: „tanz.nord“ will neue Spielorte erschließen und richtet sich explizit an Menschen, die bis dahin wenig Kontakt zu Tanz hatten.

Wer konnte sich für eine Teilnahme bewerben?

Mable Preach: Die Ausschreibungen richteten sich ausdrücklich an professionelle Tanzschaffende, die Interesse an regionaler Vernetzung haben. Also deutsche oder internationale Künstler, die ihre Arbeit teilweise oder vollständig in einem der beiden Bundesländer verorten.

 

„Diversität ist für mich essenziell“

Mable Preach

 

Gingen viele Bewerbungen ein?

Mable Preach: Ja, es wurden fast 30 Projekte eingereicht, das entspricht einer Beteiligung von ungefähr 80 Künstlern. Die Jury wählte drei bereits fertige Produktionen als Gastspiele aus, zudem drei neue Produktionen und zwei partizipative Formate für Tanzinteressierte.

Wie kam die Jury-Besetzung zustande?

Marie Kassmann: Die vier Projektpartner schlugen Namen vor, um die am besten legitimierte Jury für „tanz.nord“ zu finden. Es war sehr wichtig, dass alle drei Mitglieder eine vielfältige Erfahrung und Expertise im Bereich Tanz haben: Mable Preach („Formation Now!“) aus Hamburg, Dörte Wolter (Perform[d]ance e. V.) aus Mecklenburg- Vorpommern sowie Emil Wedervang Bruland vom Schleswig- Holsteinischen Landestheater.

Welche Kriterien legte die Jury an, um die Teilnehmer zu ermitteln?

Mable Preach: Neben anderen Kriterien haben wir auf die Zugänglichkeit beziehungsweise Transparenz des Prozesses und den Aspekt der Innovation geachtet, aber eben auch die Nachhaltigkeit der Projekte bewertet.

Mable, was ist dir persönlich wichtig als Jurymitglied?

Mable Preach: Mir persönlich war wichtig, neben der Professionalität und den künstlerischen Aspekten, Projekte mit unterschiedlichen Perspektiven auszuwählen. Repräsentation der Diversität ist für mich essenziell in der Kulturlandschaft Norddeutschlands und darüber hinaus.

An welchen neuen Orten wird Tanz zu sehen sein?

Marie Kassmann: In der aktuellen Situation ist es schwierig, Tanz zu zeigen. Verlässlich kann ich momentan nur das Kultur- und Bildungszentrum Bad Oldesloe als Aufführungsort nennen.

Gibt es einen Plan B, falls weiterhin Beschränkungen gelten?

Marie Kassmann: Ja, die Teilnehmer erkunden digitale Alternativen. Wir hoffen sehr, im Sommer entweder im Freien oder mit limitiertem Publikum aufführen zu können. Wenn Aufführungen nicht stattfinden können, werden wir zur üblichen Alternative greifen: filmen. Egal, wie und wo: „tanz.nord” richtet sich an alle, jung oder alt, tanzbegeistert oder tanzfremd. Und alle Veranstaltungen sind kostenlos!

tanznord.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Mai 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburger Nachwuchs: Balletttänzer Matias Oberlin

Matias Oberlin („Der Nussknacker“, „Die Kameliendame“), 24, ist ein aufstrebender Balletttänzer und Solist des Hamburg Ballett. Mit SZENE HAMBURG sprach er über seine Herkunft, die Arbeit mit John Neumeier und die Bedeutung des Balletts in Zeiten der Pandemie

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Matias, wie kamst du zum Ballett?

Matias Oberlin: Ich wollte schon immer tanzen. Ich komme aus einer Kleinstadt namens San Jerónimo Norte in Argentinien. Im Alter von acht Jahren wurde mir eine CD mit Ballett-Musik geschenkt. Ich nahm den Player, suchte mir eine Ecke, wo mich keiner sehen konnte, und bewegte mich instinktiv zur Musik. Da wurde mir klar, dass ich Ballett mochte, auch wenn ich noch nicht wusste, was es war. 2008 starb mein Vater, da war ich elf. Kurz danach sagte ich meiner Mutter, dass ich mit dem Ballett anfangen möchte.

Wie hat sie reagiert?

Na ja, das Leben in einer Kleinstadt in Argentinien war sehr hart. Ballett war das Letzte, woran man da dachte. Meine Mutter wollte aber, dass ich etwas mache, was ich wirklich wollte.

Was folgte dann?

Ich fuhr dreimal die Woche nach Santa Fe, um unterrichtet zu werden. Nach drei Jahren bewarb ich mich für ein Stipendium bei der Pierino Abrosoli Foundation in der Schweiz. So konnte ich eine professionelle Ballettschule besuchen – und zwar in Hamburg.

Fiel es dir schwer, die Familie zurückzulassen?

Es war nicht schwer, weil ich unbedingt Ballett tanzen wollte und das die einzige Chance war. Meine Familie stand voll hinter mir. Es ist wichtig, seine Träume zu verfolgen. Ich lebe nun seit neun Jahren in Hamburg und bin sehr glücklich.

Als du nach Hamburg kamst, war dir da klar, wer John Neumeier ist?

Nein. Ich kannte mich damals in der Ballettszene noch nicht so gut aus. Ich lernte ihn erst kennen, als
ich 2011 hierher zog. Aber ich war sofort von seiner Arbeit begeistert. Nach den ersten Minuten Beobachtung, wusste ich: „Das ist es, was ich machen will.“

Wie ist es, mit ihm zu arbeiten?

Es ist eine einzigartige Erfahrung. Alle haben einen ungeheuren Respekt vor ihm. Er hat sein ganzes Leben
dem Ballett gewidmet. Wir haben die großartige Chance, von ihm zu lernen. Das ist unbezahlbar, inspirierend und bewegend.

Ballett ist eine sehr physische Aktivität, die viel Präzision und Perfektion, aber auch viel Emotion und Darstellungskraft verlangt. Wie hart ist das Training?

Natürlich braucht es viel Arbeit, Schweiß und Verzicht – insbesondere in jungen Jahren. Aber sobald du zu einem Ensemble stößt, ändert sich das. Die Technik ist immer noch wichtig, aber es geht mehr als zuvor darum, an den eigenen Emotionen zu arbeiten und zu transportieren, worum es im Stück geht.

In einem Interview sagte Artem Ovcharenko vom Bolschoi-Ballett, dass Tänzer durch Stufen der Entwicklung gehen, indem sie immer wieder ihre eigenen Grenzen überschreiten.

Dem Ballett wird oft ein harter Wettbewerb nachgesagt. Den größten Wettstreit hat man aber letztlich mit sich selbst. Es ist wichtig, dem Ballett viel Zeit zu widmen, aber man muss sich auch erlauben, das, was man erreicht hat, zu genießen.

Du bist seit 2018 Solist und wurdest 2019 mit dem Dr. Wilhelm Oberdörffer-Preis ausgezeichnet. Was bedeutet dir das?

Das ist sehr schön, aber für mich macht das keinen großen Unterschied. Ich freue mich einfach, zu tanzen.

Wie wichtig ist es, Publikum zu haben?

Während des Tanzens vergisst man das Publikum. In dem Moment tut man einfach, was man liebt und öffnet sein Herz der Kunst gegenüber. Aber natürlich freut man sich, zu erfahren, dass man die Menschen damit berührt.

Wie seid ihr mit dem Lockdown umgegangen?

Während des Lockdowns mussten wir zu Hause bleiben. Erst danach haben wir wieder angefangen zu proben. John hat während des Lockdowns ein Stück kreiert, es heißt „Ghost Light“. Darin berühren sich die Tänzer so gut wie gar nicht. Am Ende wird das Licht einer Laterne angelassen. Das ist eine alte Theatertradition. Das Licht bleibt an, damit die Geister weiter proben können, während das Theater in der Nacht ruht. Ein passendes Bild: Wir brauchen Emotionen, wir brauchen das Licht und wir brauchen das Ballett – insbesondere wenn es draußen dunkel wird.

hamburgballett.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2020. Das Magazin ist seit dem 29. Oktober 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Special Edition: Internationales Sommerfestival auf Kampnagel startet

Das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel findet dieses Jahr unter Corona-gemäßen Umständen statt. Warum das Programm dadurch barrierefreier, partizipativer und näher am Puls der Zeit ist denn je, erzählt Co-Kuratorin Lena Kollender

Interview: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Lena Kollender, was ist denn dieses Jahr unter anderem „special“?

Vielen Künstlerinnen und Künstlern weltweit sind wegen der Pandemie die Premieren- und Probeorte weggefallen. Das Internationale Sommerfestival bietet seit März so ziemlich die erste Möglichkeit, wieder live zu spielen.

Das Programm in unseren Hallen besteht dadurch jetzt aus total exklusiven Arbeiten. Wir haben viele Uraufführungen, weil wir eine Art Insel geworden sind. Zum Beispiel die Arbeit der portugiesischen Choreografin Marlene Monteiro Freitas, „MAL“: Das Stück sollte im Juni an den Münchner Kammerspielen rauskommen und dann auf vielen europäischen Festivals gezeigt werden. Die wurden dann aber fast alle abgesagt und die Gruppe hatte plötzlich gar keine Perspektive mehr. Wir konnten jetzt einen Proberaum für sechs Wochen anbieten und deshalb entsteht das Stück jetzt bei uns. Weltpremiere ist am 26. August.

Ihr habt ein an die Auflagen angepasstes Konzept entwickelt, das auf drei Säulen fußt. Welche sind das?

Das Programm in den Hallen, das wir immer haben, müssen wir dieses Jahr reduzieren. Einerseits, weil wir nur circa ein Viertel der Plätze im Publikum besetzen dürfen. Andererseits haben wir die Anzahl der Bühnen-Projekte reduziert. Dafür haben wir das Programm in unserem Festival Avant-Garten extrem ausgeweitet. Da bieten wir dieses Jahr über 50 Programmpunkte auf insgesamt drei Bühnen.

Zur dritten Säule zählen wir alles, was außerhalb stattfindet. Zum Beispiel in der HafenCity, wo wir mit der HafenCity-Kuratorin Ellen Blumenstein das Augmented-Reality-Game „Bot-Boot“ machen. Aber dazu gehört auch alles, was im Internet stattfindet. Dafür haben wir interessante, extra für dieses Medium kreierte Arbeiten eingeladen und auch extra in Auftrag gegeben.

 

Eine eigene Ästhetik

 

Welche Produktionen habt ihr in Auftrag gegeben?

Zum Beispiel „Body of Knowledge“ der australischen Künstlerin Samara Hersch. Darin werden die Zuschauerinnen und Zuschauer per Telefon mit Teenagern aus Australien verbunden, die ihnen dann Fragen stellen, die sie Erwachsenen schon immer stellen wollten. Also geht es in diesen Gesprächen unter anderem um Sex und Körperlichkeit, politische Fragen, den Klimawandel, queere Identitäten. Das Telefon ist eine Möglichkeit, auch über die Entfernung eine große Intimität herzustellen.

Unser Online-Programm zeigt, dass es möglich ist, Arbeiten herzustellen, die explizit für diesen Raum geschaffen sind und eine eigene Ästhetik entfalten. Das macht zum Beispiel auch die Wiener Gruppe mit Nesterval sehr eindrucksvoll ihrer Uraufführung „Der Willy Brandt- Test“ auf der Videoplattform Zoom. Das Schöne daran ist: Unser Programm ist dadurch partizipativer und barriere-freier – man kann auch von zu Hause am Sommerfestival teilnehmen.

Inwiefern spiegelt sich die Corona-Pandemie konkret im Programm wider?

Dadurch, dass wir das Programm so kurzfristig entwickelt haben, sind wir so nah am Puls der Zeit wie noch nie. Fast alle Arbeiten reagieren auf diese Situation. Sehr konkret sieht man das bei Yan Duyvendaks geradezu prophetischer Arbeit „Virus“. Diese hat er über zwei Jahre lang geplant, also lange vor der aktuellen Krise. Eigentlich sollte es darin um die Ebola-Pandemie gehen, nun hat Duyvendak sie aber auf das Corona-Virus angepasst. Es ist das Stück der Stunde und feiert bei uns seine Deutschlandpremiere.

 

 

Welche neuen Perspektiven werden gezeigt, die in den Debatten der letzten Monate nicht vorkamen?

Künstlerische Perspektiven sind in den letzten Monaten sehr viel weniger vorgekommen, weil die Kunstproduktion im Lockdown war. Wenn Künstlerinnen und Künstler sich mit dem Virus auseinandersetzen, ist das perspektivisch etwas anderes, als wenn die Wissenschaft das tut.

Inwiefern genau?

Um bei „Virus“ zu bleiben: Duyvendak greift eine wissenschaftliche Sache auf. Er nimmt ein Simulationsspiel der EU, das entwickelt wurde, um Regierungen und Krankenhäuser vor allem in nord- und westafrikanischen Ländern auf Pandemien vorzubereiten. Das Publikum kommt dazu und soll dieses Spiel spielen, aber es wird künstlerisch transformiert. Es geht nicht mehr nur darum, ob wir die Pandemie eindämmen oder nicht, sondern darum, ob wir hinterher in einer Diktatur landen oder in einer utopischen, neuen Welt.

Die Perspektive eines Künstlers oder einer Künstlerin kann so zum Beispiel die gesellschafts-politischen Dynamiken hinterfragen. Und das Publikum ist in diese Auseinandersetzung einbezogen: Für dieses Stück heißt das: Wenn alle Zuschauerinnen und Zuschauer gemeinsam Entscheidungen treffen müssen, was entwickeln sich daraus für soziale Situationen?

Ein konkreter Bezug steckt in den „Pandemic Talks“. Wie sehen die aus?

Das ist eine Art Konferenzformat, das einmal pro Woche live auf Kampnagel stattfindet und auch im Stream zu sehen sein wird. Im ersten Talk „Vor dem Virus sind (nicht) alle gleich“ geht es um soziale Ungleichheit als Gesundheitsgefährdung. Warum etwa Schwarze Menschen in den USA häufiger vom Corona-Virus betroffen sind als Weiße. Oder Frauen generell, weil sie öfter in Care-Berufen arbeiten.

Im zweiten Talk geht es um technopolitische Fragen. Zum Beispiel darum, wie diese Pandemie neue Grenzregime im Internet zur Folge haben kann. Und im dritten Talk geht es um popkulturelle Strategien im Umgang mit der Krise. Letztes Jahr ging es auch um den Blick in die Vergangenheit, um daraus Schlüsse für die Gegenwart zu ziehen.

 

„Die Utopien sind realistischer geworden“

 

Wie ist das dieses Jahr?

Tatsächlich haben wir gerade eher das Gefühl, so viel Gegenwart und Zukunft wie noch nie im Programm zu haben. Weil die meisten Künstlerinnen und Künstler eben auf die Krise reagieren und nach Chancen zur Veränderung suchen.

Natürlich greifen manche dafür auch auf die Vergangenheit zurück. Oliver Zahns Arbeit „Lob des Vergessens, Teil 2“ ist ein Beispiel dafür. Er arbeitet mit einem Lied eines deutschen Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg, das er im Soundarchiv gefunden hat. Daraus hat er eine Arbeit gemacht, die das kollektive Erinnern, aber auch das kollektive Vergessen reflektiert. Das Internet macht es momentan fast unmöglich zu vergessen, denn alles wird dokumentiert. Zahn stellt die Frage: Wie schaffen wir es, zu vergessen und Geschichte neu zu schreiben in Zeiten des Internets?

Wir stecken momentan noch mitten in der Corona-Krise – ist die Auseinandersetzung mit dem Thema durch die fehlende Distanz anders?

Die Auseinandersetzung ist tatsächlich ganz anders. Letztes Jahr hatten wir viele Arbeiten, die sich mit einer ganz fernen, fantastischen Zukunft beschäftigt haben. Dieses Mal ist der Blick in die Zukunft viel pragmatischer. Teilweise geht es um die nächste Stunde wie bei Gob Squad, um morgen oder um nächstes Jahr, um die Zeit, wenn wir die Pandemie hinter uns haben und um die Frage, was wir dann konkret verändern müssen.

 

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Florentina Holzinger: Tanz (Foto: Nada Zgank)

 

Die Utopien sind sozusagen realistischer geworden. Viele, wie etwa das Peng! Kollektiv, sehen die aktuelle Lage als Zwangspause, die wir nutzen müssen, um zu überlegen, wie die neue Normalität aussehen sollte. Und das Publikum wird vermutlich auch alles anders rezipieren als in den vergangenen Jahren. Das fängt bereits da an, dass es ganz anders sein wird, in einem Theatersaal zu sitzen, der nur zu einem Viertel gefüllt ist und, dass wir uns ganz anders bewegen müssen. Das wird dann auch die Wahrnehmung von Arbeiten wie Florentina Holzingers TANZ beeinflussen, die bereits vor der Pandemie entstanden ist.

Internationales Sommerfestival: Kampnagel (u. a.), 12.–30.8.2020


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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A Summer’s Tale 2019: Ein Open-Air-Traum in der Heide

Das Festival A Summer’s Tale holt Künstler wie Maxïmo Park, Zaz und Suede nach Luhmühlen – neben vielen anderen Highlights 

Text: Erik Brandt-Höge
Foto (o.): Robin Schmiedebach

 

Es geht raus in die Pampa. Für viele A Summer’s Tale-Besucher beginnt das Festival am Lüneburger Bahnhof, von wo aus Shuttlebusse nach Luhmühlen tuckern, einem Ortsteil von Salzhausen. Salzhausen – noch nie gehört?

Komisch, hüstel, schließlich hat das Kaff am nordöstlichen Rand der Lüneburger Heide mit einer Dorfscheune, einem Feuerwehrschlauchturm und nicht zuletzt einem Schützenhaus geradezu Magneten für Touristen installiert.

Jedenfalls: Ortsteil Luhmühlen. Nach einer guten halben Stunde Fahrt ist das AST-Areal erreicht, und wer denkt, hier warte das gängige Festival-Halligalli, mit Horden von grillenden, grölenden und sich stets an der Grenze zur Alkoholvergiftung bewegenden Kids, der liegt, gelinde gesagt: falsch. A Summer’s Tale stellt seit der Premiere 2015 die idyllische Alternative im deutschen  Festivalangebot dar.

 

Gediegener Spaß für Groß und Klein

 

Während Wildheit anderswo nicht weniger bedeutet als Stage-Diving, Drogenflut und Dreier im Dixi-Klo, heißt es in Luhmühlen: gediegener Spaß für Groß und Klein. Sicher, auch beim A Summer’s Tale treten Rockbands auf, in den vergangenen Jahren etwa Tocotronic, Thees Uhlmann, Noel Gallagher’s High Flying Birds, Franz Ferdinand, Mando Diao, Isolation Berlin, Johnossi, Pixies, Die Sterne und, und, und.

Zudem bieten das große Zirkuszelt und das mit feinen Wattebäuschen aufgeschüttete Feld vor der Open-Air-Bühne reichlich Raum zum Hüpfen, Springen, Toben. Aber wer hierherkommt, will nicht toben. Wer hierherkommt, will die Schönheit der Natur erleben, über den zentral positionierten Designmarkt schlendern, Weinschorle auf der Zuschauertribüne am Geländerand schlürfen, mit den Kindern Holzhocker bauen und Traumfänger basteln. Kurz: All-Inclusive-Camping-Urlaub ohne nennenswerte Störgeräusche.

Apropos Camping: Wer keine Lust auf die Luftmatratze im Billig-Wurfzelt hat, kann für einige Extra-Euro am Comfort-Camping teilnehmen. Das beinhaltet u. a. tipptopp Sanitäranlagen, Zugang zu einer eigenen Bar und – Achtung –, einem eigenen Pool. Ein wenig Romantik kommt als Comfort-Kirsche obendrauf, wenn das Lagerfeuer im Resort angeht und der Festivaltag auf der Hollywoodschaukel ausklingt.

 

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Träumchen von einer Kulisse: Auftrittszelt in Luhmühlen / Foto: Erik Brandt-Höge

 

Ob Normalo-Zelten oder Luxus-Variante: Beim morgendlichen Blick aus dem Zelt sind keine Heiopeis zu sehen, die restalkoholisiert nach Helga schreien, höchstens ein paar Jogger oder Bootschlepper. Schließlich hat Luhmühlen seinen Namen von der Luhe, einem Flüsschen, das Kanufahrer durch eine satt-grüne Landschaft aus Wiesen, Weiden und Wäldern führt.

Außerdem aktuell auf dem ASTActivity-Programm: Feetup-, Vinyasa-, Acro-, Hatha- und Yin-Yoga, Meditation, Workshops in Handstand, Thai-Massage, Karate, Northern Soul-, Swing- und Electro Swing- Tanz.

Und wer weder Bock auf Live-Sounds, noch auf Bewegung hat, kann sich vor die Lesebühne hocken, die in diesem Sommer mit Autoren á la Ronja von Rönne, Stefanie Sargnagel, Giulia Becker, John Niven, Jens Eisel und Anja Rützel hochkarätig besetzt ist. Und danach geht’s an eine der Fressbuden, an denen es zum Beispiel Handbrot, Burger, Gnocchi, Crêpes und Eis gibt.

Auch auf dem Weg durch die AST-Kulinarik fällt auf: Kein Drängeln, kein Krakeelen, kein Stress im Paradies. Stattdessen liegen Besucher zufrieden auf den Grashügeln, in Hängematten oder Liegestühlen und saugen die durchweg positive, superentspannte, fast hippiehafte Atmosphäre auf, die nicht zuletzt durch die detailverliebten Deko-Spielereien der Festivalmacher entsteht. Von Palettenkunst über Lampignons, Mobiles und Girlanden bis hin zu aufwendigen Lichtinstallationen ist alles dabei, was ein, nun ja, Nicht-Halligalli-Festival ausmacht.

A Summer’s Tale: 1.-4.8., Luhmühlen (Lüneburger Heide)


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2019 im Handel und zeitlos im
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Clubkultur – Doin’ the Hop

Seit Jahren erfährt Swingmusik ein großes Revival. Hamburg gehört zu den Hochburgen der Szene. Regelmäßig treffen sich Tanz- und Musikbegeisterte, um in den Clubs der Stadt stilecht zu feiern. Ein Ortsbesuch.

Sie trägt ein rotes 40er-Jahre-Wickelkleid mit Kreismuster und einen Cocktail-Hut mit Netz. Wie viele andere an diesem Abend im Nochtspeicher, erscheint Inga in Tanzschuhen mit leichtem Absatz. Sie hat sich schick gemacht. Ihr Freund Holger präsentiert sich passend dazu mit Hemd, Bundfaltenhose und Hosenträgern. Einmal im Monat verwandelt sich der Club in der Bernhard-Nocht-Straße 69 in einen „Ballroom“, ähnlich wie in den 20er, 30er und 40er Jahren des glamourösen New York. Dort entstand der Swingtanz Lindy Hop und die Gäste der Dockside Swing Party im Nochtspeicher sind hier, um zu tanzen. Viele sind wie Inga und Holger dem Zeitgeist entsprechend gekleidet. Inga erzählt: „Für mich ist es eine richtige Kultur. Ich trage schon seit vielen Jahren auch privat immer wieder Kleidung im 40er-Jahre-Stil.“ Seit zwei Jahren tanzen sie und ihr Partner Holger zusammen. „Wir sind oft auf Swingtanzveranstaltungen und genießen es sehr.“ Holger spielt Posaune, daher verbinden sie auch sonst viel mit der Musik.

Wie der 36-Jährigen geht es vielen Menschen in Hamburg.

Sie freuen sich über jede Swingtanzparty, die die Hansestadt zu bieten hat.

Das weiß auch Veranstalterin Nina Kamp. Zusammen mit ihrem Partner Konstantin betreibt sie die Swingwerkstatt. Wenn sie davon erzählt, was hinter der Swingtanzkultur steckt, kommt sie ins Schwärmen, fast so als sei sie bei der Entstehung dabei gewesen: „Lindy Hop ist die populärste Swingtanzart weltweit. Sie hat ihren Ursprung in Harlem, New York. Eine Tanzart, die nicht in Studios entstanden ist, sondern im Volk – genaugenommen durch afroamerikanische Jugendliche.“ Damals gingen die Menschen abends in Ballrooms, wo Bands spielten und sie dazu tanzen konnten. Der rhythmische Paartanz Lindy Hop bietet dabei viel Freiraum für Improvisation der Tänzer.

Doch Lindy Hop ist nicht die einzige Swingtanzart. In den frühen 20er Jahren tanzten die Menschen Twenty Partner Charleston. „Den kennt man aus Filmen“, sagt Nina, „da tragen die Frauen immer die Charleston Kleider.“ Die Tänzer haben twistende Füße und Knie und tanzen in einer sehr engen Position zum Partner. „Das ist ganz anders als beim Lindy Hop.“ Außerdem gibt es hier keine festen Partner, man wird aufgefordert und inspiriert sich gegenseitig. Zudem tanzt man Lindy Hop in einer „Open Positon“, steht also nur mit einer Hand mit dem Partner in Kontakt. „So viel Freiheit war damals völlig neu im Paartanz, auch im Vergleich zu Europa. Zu der Zeit sind auch schon Hebefiguren entstanden, die sich dann später im Rock ’n’ Roll wiederfanden. Damals in New York war Frankie Manning dafür bekannt.“

Swingen im Nochtspeicher: The Bandwagon Swing Orchestra. Foto: Sofia Jansson – Mokkasin

Heute wird Lindy Hop in vielen Tanzschulen angeboten. Bevor Nina zum Swing kam, tanzte sie Salsa und wagte irgendwann in ihrem Tanzstudio einen Schnupperkurs. Für sie war alles neu, die Musik und die Art sich zu bewegen. „Ich war aber schnell so begeistert, dass ich den Anfängerkurs mitmachte.“ So hat sie Konstantin kennengelernt, der schon seit mehr als 15 Jahren Swing tanzt. Heute betreiben beide neben ihren Berufen die Swingwerkstatt, um ihr Hobby auszuleben. Ihnen ist es wichtig, nicht nur in Studios zu tanzen, sondern den Ursprung der Tanzkultur zu leben. Denn die ist für beide fest in die Ausgehkultur verankert. Deshalb feiern sie Abende wie im Nochtspeicher, wo derweil The Bandwagon Swing Orchestra zu spielen beginnt.

Die Band ist extra aus Stockholm angereist: das dritte Jahr in Folge. Die neunköpfige Truppe ist noch sehr jung, einige tanzen selbst Swing und so sind auch sie zur Musik gekommen. Sie spielen Posaune, Trompete, Saxofon, Klarinette, Klavier, Schlagzeug, Banjo und Bass. Nina freut sich: „Es ist immer sehr besonders, wenn sie da sind. Sie machen Party auf der Bühne und für die Menschen auf der Tanzfläche.“ Voller Energie und Herzlichkeit, das finden auch Inga und Holger. Sie sind mitgerissen. Dockside Swing im Nochtspeicher gibt es einmal im Monat. Auch an den anderen Abenden, an denen die Stockholmer Band nicht spielt, geht es schwungvoll zur Sache. Swingbands und Jazzmusiker aus ganz Deutschland stehen bei den Events auf der Bühne.

Doch nicht nur Livemusiker, widmen sich dieser Musikrichtung, sondern auch DJs, mit denen die Swingwerkstatt zusammenarbeitet. Als Nina vor 17 Jahren auf den Tanz aufmerksam wurde lebte Swingin’ Swanee noch in Hamburg. „Sie ist ein bekannter Swing DJ und hat maßgeblich dazu beigetragen, dass in Hamburg die Swingtanzszene entstanden ist. Sie hat die Leute musikalisch nachhaltig geprägt“, so Nina.

Neben der Swingwerkstatt ist der Tanz auch in vielen Musikschulen der Stadt fest verankert. Und es gibt den Verein New Swing Generation, der ebenfalls dazu beigetragen hat, die Hamburger Swingszene aufzubauen und noch heute regelmäßig Veranstaltungen organisiert. Für Inga und Holger indes gibt es keine Swingtanzparty, die so so kultig ist wie heute im Nochtspeicher. Und so sind sie mit Sicherheit wieder dabei, wenn sich für einen Abend die Zeit 90 Jahre zurückdreht.

Text: Melina Seiler

Beitragsbild: Thomas Marek 

Swinging Ballroom Stage Club
25.5.18, 21 Uhr (mit 45-minütigem Crashkurs)

 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Fokus Tanz #4: Darf ich bitten?

Tanzen sollte nicht nur was für Mädchen sein, findet die Tanzdramaturgin Melanie Zimmermann. Die Workshops auf Kampnagel wollen dagegen steuern und zeitgenössischen Tanz für alle erlebbar machen.

SZENE HAMBURG: „Faux Pas“, das diesjährige Motto suggeriert, es komme nicht auf korrekte Schritte an, weil ein falscher Schritt – konkret und im übertragenen Sinn – jemanden mitunter weiterbringt?
Melanie Zimmermann: „Faux Pas“ hat drei Bedeutungen: falscher Schritt, gesellschaftliches Missgeschick und etwas, das man vermeiden sollte. 2018 stellen wir Künstler vor, die nicht das gesellschaftliche System bestätigen, sondern Formen und Choreografien immer wieder infrage stellen und sich trauen, weiter zu denken.

Kampnagel präsentiert ohnehin oft Tanz, warum einen zusätzlichen Fokus setzen?
Die Idee entstand 2014, als die Tanz-Plattform Deutschland auf Kampnagel stattfand. Diese nationale Plattform zeigt, ähnlich wie das Berliner Theatertreffen, die jeweils besten Produktio- nen, die im Laufe der vorigen Spielzeit in Deutschland produziert wurden. Damals wollten wir den Besuchern von außerhalb die Gelegenheit geben, gleichzeitig die Hamburger Tanzszene kennenzulernen. Kampnagel ist ohnehin ein Melting Pot, und wenn wir an einem langen Wochenende so viele Tanzproduktionen bündeln, können Kollaborationen zwischen lokalen und nationalen bzw. internationalen Künstlern entstehen. Das Publikum bekommt die Vielfalt des zeitgenössischen Tanzes zu sehen und die Hamburger Szene wird wahrgenommen.

Eine Sensation ist die Anwesenheit von Mohamad Abbasi aus dem Iran, wo Tanz ja offiziell gar nicht stattfindet.
Zur Eröffnung hält er einen Vortrag über „Tanz im Iran“, dort darf Tanz aufgrund der Sittengesetze nicht aufgeführt werden. Dennoch initiierte Abbasi in Teheran ein Untergrund-Tanzfestival unter schwierigen Bedingungen, das von offizieller Seite argwöhnisch verfolgt wird. Sein Kommentar über die Zustände: Falls er je eine Aufnahme einer seiner Produktionen brauche, müsse er sich nur an die Regierung wenden – die habe alles heimlich aufgezeichnet.

Wer hat über die Einladungen zu „Fokus Tanz #4“ entschieden?
Wir entscheiden das gemeinschaftlich im Dramaturgie-Team mit Amelie Deuflhard, der Intendantin. Tanz kommt manchmal elitär daher und man fragt sich, welche Aussage er hat. Tanz hat mitunter sich selbst als Thema. Wir wollen vermitteln, dass es viele verschiedene Formen und Ästhetiken im Tanz gibt. Wir wollen das Publikum neugierig machen, auch solches, das nicht vom Tanz kommt.

Aber dennoch gibt es Kriterien bei der Auswahl?
Wir haben uns entschlossen, in diesem Jahr nicht thematisch vorzugehen, sondern vier sehr gute Produktionen einzuladen oder zusammen mit Künstlern, die wir sehr schätzen, neue Arbeiten zu produzieren. Erst danach bildete sich ein gemeinsamer Nenner heraus: das Politische im Tanz. Dazu passend habe ich die Workshops geplant, die von der Baby- Disco über das Choreografieren für Kinder bis zur Werwolf-Verwandlung für Erwachsene ebenfalls eine große Bandbreite abdecken und dazu einladen, nicht nur aus Zuschauerperspektive, sondern Tanz aktiv besser verstehen zu lernen.

Es ist also sinnvoll, (zeitgenössischen) Tanz zu erklären?
Jeder hat ein individuelles Verständnis von Körper. Ich beschäftige mich täglich damit, andere Menschen haben einen anderen Blick. Neugierig zu machen auf verschiedene Bewegungsformen, das ist mir wichtig – egal, ob man zum ersten Mal zeitgenössischen Tanz sieht oder vom Fach kommt. Das Hamburger Publikum ist toll, auf Kampnagel kommen interessierte Leute, die auch ins Thalia Theater und ins Schauspielhaus gehen. Wenn sie sich dort nicht genug gefordert fühlen, kommen sie zu uns.

Das heißt, wenn es dem Publikum im Staatstheater nicht innovativ genug ist?
Ja, zum Beispiel. Oft sind die Künstler, die auf Kampnagel auftreten, noch nicht so bekannt; die Stücke auch nicht, weil keine Texte interpretiert, sondern Stücke entwickelt werden. Unsere Aufgabe ist es, Neues zugänglich zu machen. Das Publikum kommt eben nicht, weil es Ensemble-Schauspieler sehen will oder bekannte Stoffe, sondern weil es neugierig ist auf etwas Neues. Wir bieten bei Tanzproduktionen sehr oft Einführungen oder Publikumsgespräche an. Da kommen dann Fragen nach der Aussage. Aber im Tanz funktioniert es anders, über ein Bewusstsein von Körper und von Körpern im Raum. Da braucht es noch recht viel Vermittlungsarbeit.

Woran liegt das?
Das ist völlig normal, denn in der Schule lesen wir Shakespeare oder Goethe, damit sind wir vorbereitet auf den Theaterbesuch. Für den Tanz gibt es kein Äquivalent. Darin sehe ich meine Aufgabe: einen Zugang zu schaffen, zu sensibilisieren, am besten schon bei Kindern.

Die Tendenz, Tanz in Kindergärten und Schulen zu etablieren, ist indes schon zu beobachten …
Oft aber wird Tanz nur den Mädchen zugeordnet, da wird gesellschaftlich wenig gegengesteuert. Deshalb bieten wir im Rahmen der „Tanz für alle“-Workshops eine „Baby-Disco“ sowie „Choreografie für Kinder“ zwischen sechs und acht Jahren an. In der Baby-Gruppe imitieren professionelle Tänzer die Bewegungen der Kleinkinder und überführen sie in kurze Choreografien, begleitet vom DJ Magic Marcel, der auch in Clubs auflegt. Den Workshop für Grundschulkinder leitet ein Künstler, der auch Pädagoge ist. Hier geht es um Bewegungen jenseits der vom Ballett geprägten Schönheitskategorien – also insgesamt ein Angebot gegen die Verniedlichung in Tanz und Musik.

Was wird für alle über acht angeboten?
Die Hamburger Choreografin Ursina Tossi beschäftigt sich gerade mit der Figur der Werwölfin, sie bietet einen Choreografie-Workshop über Transformation an, sie ist als feministische, politische Künstlerin bekannt. Die Tanz-Workshops werden am Wochenende alle zur gleichen Zeit stattfinden, zwischen 16 und 18 Uhr. So können Eltern und Kinder zeitgleich tanzen und danach gemeinsam in eine Vorstellung gehen.

Interview: Dagmar Ellen Fischer

Foto: Janto Djassi

Fokus Tanz #4 auf Kampnagel, 15.-18. Februar


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Februar 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!