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Oriel Quartett: in Kollaboration 3 mit Luz y Sombra

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Am 8. Oktober gibt es Tango Nuevo von Astor Piazzolla, gespielt vom Oriel Quartett. SZENE HAMBURG verlost 2 x 2 Tickets

Gemeinsam mit dem Tango-Trio Luz y Sombra (Violine, Klarinette, Klavier) präsentiert das Oriel Quartett ein Programm, dass sich der Musik des Tango Nuevo Komponisten Astor Piazzolla widmet. Das Konzertprogramm beleuchtet Piazzollas umfangreiches Lebenswerk von Kompositionen seiner Jugendjahre bis hin zum zeitgenössischen Tango Nuevo, der von den großen klassischen Bühnen der Welt nicht mehr wegzudenken ist. Gemeinsam spielen beide Ensembles Bearbeitungen von Piazzollas Werken sowie Musik, auf die sich der Komponist immer wieder bezogen hat und und die hörbar Einfluss auf seine Kompositionsweise hatte. Dazu zählt zum Beispiel die kontrapunktische Musik Johann Sabastian Bachs oder Werke von Bela Bartok und Igor Strawinsky.

Bach und Strawinsky

Nur wenige Jahre vor seinem Tod hörte Piazzolla in New York ein Konzert des Kronos Quartetts, das ihn stark inspirierte. Auf dem Programm stand damals unter anderem das 1. Streichquartett von Kevin Volans. Kurz darauf komponierte Piazzolla das Stück Four for Tango für Streichquartett sowie die Five Tango Sensation für Bandoneon und Streichquartett. Im Wechsel mit Bearbeitungen von Piazzollas Werken für die gemeinsame Besetzung des Oriel Quartetts mit dem Trio Luz y Sombra erklingen in diesem Konzert die drei kurzen Stücke für Streichquartett von Strawinsky, ein Satz aus dem Volans Streichquartett und eine Fuge aus Bachs Die Kunst der Fuge.

„Das Oriel Quartett spielt Tango Nuevo“, am 8. Oktober ab 19.30 Uhr in der Alfred Schnittke Akademie International

SZENE HAMBURG verlost für das Konzert 2 x 2 Karten. Einfach eine E-Mail mit Name und Betreff „Oriel Quartett“ bis 3.10. an verlosung@szene-hamburg.com


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Macht.Mittel.Geld.
Image as Currency? Currency as Image!

Inspiriert vom Motto der Triennale der Photographie präsentiert das Museum für Hamburgische Geschichte mit der Ausstellung die Kolonialmünzen des Museums in einem komplett anderen Licht

Text: Katharina Stertzenbach

Bis zum 15. August läuft die Ausstellung von der mexikanisch-deutschen Kuratorin Yolanda Gutiérrez und dem ruandischen Fotografen Chris Schwagga. Die Münzen und der Körper als Inspirationsquelle und Ausdruckskraft werden in der Ausstellung in den Fokus genommen. Die Tänzerin Eva Lomby, mit der Gutiérrez bereits zusammengearbeitet hat, symbolisiert den Körper.

Münzen und verschiedene Perspektiven

Es entsteht daraus eine Collage aus Fotografien auf denen die Münzen und unter anderem Lomby porträtiert sind. Chris Schwagga beleuchtet mit dieser Arbeit verschiedene Aspekte aus der historischen, (post-)kolonialen, kulturellen, sozialen, ästhetischen sowie technischen Perspektive. Dabei nimmt er gleichzeitig den Blick der ehemals Kolonisierten auf.

Welche Bedeutung und Funktion hatten diese Münzen – für wen? Welche wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Auswirkungen hatte die Einführung der Kolonialwährung in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika?

shmh.de


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Die Unsichtbaren: Mehr als ein Tanz-Abend

Das Bundesjugendballett sucht im Ernst Deutsch Theater nach den Wurzeln des modernen Tanzes

Text: Dagmar Ellen Fischer

Das ist kein Tanz-Abend! Nicht im Sinne, dass sich (nur) Tanzinteressierte von diesem jüngsten Werk John Neumeiers für das Bundesjugendballett locken lassen sollten. Es ist ein Abend über Hamburg, über die „Banalität des Bösen“ (wie Hannah Arendt die unmenschliche Organisation im NS-Staat so klug nannte) und letztlich eine sinnliche Choreografie übers (Über-)Leben: „Die Unsichtbaren“ führt das Publikum zurück in die 1920er- bis 1940er-Jahre und erinnert an Tänzer:innen und Choreograf:innen, die nach dem Ersten Weltkrieg für eine Revolution im Tanz sorgten – und damit für ein völlig neues Verständnis vom Körper. Viele von ihnen wurden nach 1933 ausgeschlossen, zur Flucht getrieben oder ermordet. An diesem Abend werden sie wieder sichtbar.

Dem Vergessen entrissen

„Wir wollen leben!“, schrieb die jüdische, niederländische Tänzerin Lin Jaldati 1944 in Auschwitz. Auszüge aus ihrem Text werden gesprochen – und sind schwer auszuhalten. Da hilft es, dass sich Worte mit getanzten Passagen die Waage halten, sinnliche Eindrücke auf verschiedenen Ebenen das Publikum berühren. „Le sacre du printemps“ von Igor Strawinsky bildet den musikalischen roten Faden, unterbrochen von Kompositionen aus jener Zeit, so den Comedian Harmonists und Erich Wolfgang Korngold. Mary Wigman, Protagonistin des neuen Tanzes und hier eindringlich verkörpert von Isabella Vértes-Schütter, hatte 1919 ihren Durchbruch im Hamburger Curio-Haus. Auch ihre Erinnerungen stehen im Raum sowie eine gespielte, fiktive Verhandlung über ihre Mitschuld – war sie Kollaborateurin oder Opfer? Unterschiedlichste Schicksale werden schlaglichtartig vorgestellt und somit dem Vergessen entrissen, mit Tanz, Text und Musik. Am Ende werden die Namen von Opfern verlesen, die aus religiösen oder politischen Gründen sowie wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt wurden.

Die Unsichtbaren, bis zum 18. Juli (außer am 11. Juli) im Ernst Deutsch Theater


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Tanz mit einem Sexroboter

In Gloria Höckners „Sentimental Bits“ agieren vier Performer:innen und ein humanoider Sexroboter miteinander, um sich einer Aus- und Bewertung durch KI zu entziehen. Das Tanzstück ist eine von drei Produktionen, mit denen die aktuellen K3-Residenz-Choreografinnen sich im Rahmen des Festivals TanzHochDrei vom 24. März bis 3. April 2022 auf Kampnagel vorstellen

Interview: Dagmar Ellen Fischer

SZENE HAMBURG: Gloria Höckner, Tanz kann aus physischen Phänomenen bestehen, die durchaus nicht auf den menschlichen Körper begrenzt sind, und da gäbe es zahlreiche Möglichkeiten – warum ein Sexroboter?

Gloria Höckner: Der Sexroboter verkörpert die Frage nach einer Interaktion zwischen Mensch und Maschine. Er fragte mich beispielsweise, ob ich männlich oder weiblich bin. Als ich antwortete, dass ich nicht-binär sei, war der Roboter überrascht. Warum ist meine Identität überraschend? Warum geht der Roboter von zwei Geschlechtern aus? Diese in Maschinen eingeschriebenen Vorurteile will ich sichtbar machen und problematisieren.

Im Untertitel heißt deine Choreografie „This Magic is in Spite of Me“, ins Deutsche übersetzt, ergibt das indes wenig Sinn …

Der Untertitel stammt aus einem Experiment, bei dem eine Künstliche Intelligenz auf Grundlage bisheriger Songs einen neuen komponierte. Es offenbart sich, dass KI es zwar schafft, Muster eines vorgegebenen Materials zu erkennen und zu verarbeiten, sie ist dabei aber doch fehlerhaft. Diese Reproduktion von Mustern ist besonders problematisch, wenn sie beispielsweise an Grenzübergängen eingesetzt wird, um Menschen zu analysieren – und nicht nur Songtexte.

Sich durch Tanz einer Erkennung entziehen

Bei „Sentimental Bits“ geht es darum, sich computergesteuerten Überwachungssystemen zu verschließen beziehungsweise sie zu stören, wie funktioniert die Übertragung in eine Performance?

Durch körperliche Nähe, Bewegung/Tanz, ein Spiel mit dem körperlichen Ausdruck, die Benutzung von Masken und die gegenseitige Umschlingung von eigenen wie fremden Körperteilen entziehen sich die Performer und Performerinnen der „Erkennung“ durch die Software. Die Körper entwickeln eine eigene Intelligenz oder ein Bewusstsein gegenüber der KI. Die Performerinnen und Performer spielen damit, durch ihren Gesichtsausdruck oder ihre Bewegungen die KI so zu irritieren, dass sie entweder gar nicht mehr erkannt werden oder Störungen im System erzeugen. So „hacken“ sie ihren Ausdruck und lassen „Glitches“ entstehen.

Welche Bilder entstehen, wenn Körper gehackt und geglitcht werden?

Die Emotions-KI erkennt nur eine begrenzte Anzahl an Emotionen und lediglich zwei Gender. Trotz dieser begrenzten Möglichkeiten findet die Technologie zunehmend Eingang in die Gesellschaft, zum Beispiel bei Jobinterviews. In dem Stück wird sichtbar, wie die Software über digitale Masken versucht, Gesichtsausdrücke zu deuten und mittels Kategorisierung zu interpretieren. Die Performerinnen und Performer irritieren die KI, sodass sie kaum noch erkannt werden. Das Bewegungsmaterial entsteht unter anderem durch das Spiel der Performerinnen und Performer mit den Grenzen des Systems. Jedes Mal, wenn die Performer:innen sich außerhalb der von der KI bekannten Kategorien bewegen, entstehen alternative Narrationen, überraschende sowie irritierende Bilder und Dialoge.

Hörbare Emotionen

Braucht es dafür Performerinnen und Performer mit bestimmten Voraussetzungen?

Ich arbeite mit Performerinnen und Performer, die selbst ein Interesse an der Thematik mitbringen. Uns verbinden eigene Erfahrungen mit den politischen Implikationen, eingeschriebenen Vorurteilen und Körpervorstellungen dieser Systeme.

Wie werden die begleitenden „immersiven Klanglandschaften“ erzeugt?

Wir haben ein eigenes Musikinstrument gebaut, indem wir den von der KI erkennbaren Emotionen und Genderkategorien eigene Klänge zugewiesen haben. So werden sie hörbar und das Gesicht zu einem Instrument. Das Gleiche haben wir auf eine Software angewendet, die den Körper der Performerinnen und Performer verfolgt und ihre Bewegungen in eine Klanglandschaft transformiert.

Sentimental Bits – This Magic is in Spite of Me: Kampnagel, 26. und 27. März 2022


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Theater: Wut, Witz und Wiener Walzer

Noch bis zum 6. November 2021 läuft das „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ von Richard Alfieri unter der Regie von Anatol Preissler im Ernst Deutsch Theater

Text: Katharina Manzke 

Wenn man so will, steckt in der Geschichte des Tanzes die emotionale Bandbreite eines ganzen Lebens. Diesen Eindruck hat man zumindest als Zuschauer des Stückes „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ von Richard Alfieri, das Anatol Preissler im Ernst Deutsch Theater inszeniert. Eine vereinsamte alte Dame, Lily Harrison (Gila von Weitershausen), hat private Tanzstunden gebucht. Die Tanzschule schickt ihr mit Michael Minetti (Mark Weigel) einen Lehrer, mit dem sie zunächst überhaupt nicht zu harmonieren scheint. Nachdem sich die Witwe eines Baptisten-Predigers und der um einige Jahre jüngere, schwule Tänzer gegenseitig angegiftet haben, tanzen sie doch miteinander – die erste Stunde steht im Zeichen des lebensfrohen Swing. Beide merken: Sie, zusammen auf der Tanzfläche, das hat Potenzial. Und so geht es Woche für Woche weiter.

 

Tolle Musik und viel Gefühl

 

Mit dem Tango, dem Tanz der zwischen leidenschaftlicher Dynamik und gespannten Pausen wechselt und Gegensätze vereint, dem Wiener Walzer, dem Foxtrott, dem Cha-Cha-Cha und schließlich dem Modernen Tanz. Auf der Bühne wird zu bekannten Melodien von den Comedian Harmonists, über R.E.M. bis hin zu den Blues Brothers also viel getanzt, was vor allem die freuen dürfte, die selbst den Paartanz zelebrieren und lieben. Besonders schön dabei ist, wie die Entwicklung der Beziehung zwischen beiden in diese Tanzstunden eingewoben ist. Auf der Bühne lenkt kein schmückendes Beiwerk oder ein Zuviel an Nebenschauplätzen oder -figuren ab: Von Woche zu Woche, von Szene zu Szene, kommen sie einander näher und gewähren auch den Zuschauern tieferen Einblick in ihre Erinnerungen und Gefühle. Was lustig und spritzig begann, endet tieftraurig und emotional, aber auch mit Hoffnung.

Sechs Tanzstunden in sechs Wochen, Ernst-Deutsch-Theater, 1., 3. bis 6. November 2021


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Amelie Deuflhard bleibt auf Kampnagel

Die Intendantin der Internationalen Kulturfabrik verlängert ihren Vertrag bis 2027. Kampnagel steht nicht nur wegen der Corona-Pandemie vor großen Herausforderungen

Text: Felix Willeke

 

Seit der Spielzeit 2007/2008 ist die gebürtige Stuttgarterin Amelie Deuflhard Intendantin von Kampnagel. Jetzt hat sie ihren Vertrag um weitere fünf Jahre bis 2027 verlängert. Das wohl größte Projekt der kommenden Jahre ist die Generalsanierung der Kulturfabrik: „Ich sehe hier die einzigartige Chance, auch in der Architektur sichtbar zu machen, was wir inhaltlich anstreben. Hier soll das innovativste Kunstgelände des 21. Jahrhunderts entstehen, das neue Dimensionen des internationalen und transdisziplinären Arbeitens eröffnet und weltweit beispielhaft ist“, sagt Deuflhard. Programmatisch will sich Kampnagel weiter den großen globalen Themen wie Klimawandel, Migration, Postkolonialismus, Diversität und sozialer Ungleichheit widmen, so Deuflhard. Darüber soll sich die Kulturfabrik noch weiter für unterschiedliche Akteur:innen der Gesellschaft öffnen.

Auch Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien in Hamburg, begrüßt die Verlängerung des Vertrags: „Amelie Deuflhard leistet gerade mit ihrem engagierten Einsatz für die freien Künste einen wichtigen Beitrag für die kulturelle Vielfalt in Hamburg.“

Neben Deuflhard verlängerte auch Dr. Kerstin Evert, Leiterin des K3 – Zentrum für Choreografie | Tanzplan Hamburg, ihren Vertrag bis 2028.

Aktuell läuft noch bis zum 22. August 2021 auf Kampnagel das Internationale Sommerfestival.


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„tanz.nord“: Tanzszene in Hamburg und Schleswig-Holstein

„tanz.nord“ heißt das Pilotprojekt, das die freie Tanzszene in Hamburg und Schleswig-Holstein nachhaltig vernetzen will. Rund 30 von einer Fachjury ausgewählte Tanzprojekte präsentieren in diesem Rahmen ihre Arbeit. Ein Gespräch mit Jurorin Mable Preach und Projektkoordinatorin Marie Kassmann

Interview: Dagmar Ellen Fischer

 

SZENE HAMBURG: Warum startet die Initiative „tanz.nord“ jetzt?

Mable Preach: Der Austausch zwischen Schleswig-Holstein und Hamburg ist in vielerlei Hinsicht groß, auch kulturell. Nur die Nische des Tanzes hat bislang wenig von der geografischen Nähe profitiert. Das war den Akteurinnen und Akteuren in beiden Bundesländern bewusst.

Die Sonderausschreibung „Tanzpakt Reconnect“ als Teil von „Neustart Kultur“ – einem Konjunkturprogramm der Bundesregierung angesichts der pandemiebedingt schweren Lage für die Kultur –, war das Zündfeuer, um dieses Defizit auszugleichen.

Wer steht verantwortlich dahinter?

Marie Kassmann: Vier Partner aus Hamburg und Schleswig-Holstein: der Dachverband freie darstellende Künste, das K3 – Zentrum für Choreographie | Tanzplan Hamburg, das Kultur- und Bildungszentrum Bad Oldesloe und das Tanz und Performance Netzwerk Schleswig-Holstein.

Was wollt ihr mit dem Pilotprojekt im Idealfall erreichen?

Mable Preach: Das Projekt zielt darauf, durch den Austausch zwischen beiden Bundesländern ein nachhaltiges regionales Touring-Netzwerk zu schaffen und die freie Tanzszene im Norden durch neue Strukturen zu stärken. Ein anderes Ziel betrifft die Publikumsentwicklung: „tanz.nord“ will neue Spielorte erschließen und richtet sich explizit an Menschen, die bis dahin wenig Kontakt zu Tanz hatten.

Wer konnte sich für eine Teilnahme bewerben?

Mable Preach: Die Ausschreibungen richteten sich ausdrücklich an professionelle Tanzschaffende, die Interesse an regionaler Vernetzung haben. Also deutsche oder internationale Künstler, die ihre Arbeit teilweise oder vollständig in einem der beiden Bundesländer verorten.

 

„Diversität ist für mich essenziell“

Mable Preach

 

Gingen viele Bewerbungen ein?

Mable Preach: Ja, es wurden fast 30 Projekte eingereicht, das entspricht einer Beteiligung von ungefähr 80 Künstlern. Die Jury wählte drei bereits fertige Produktionen als Gastspiele aus, zudem drei neue Produktionen und zwei partizipative Formate für Tanzinteressierte.

Wie kam die Jury-Besetzung zustande?

Marie Kassmann: Die vier Projektpartner schlugen Namen vor, um die am besten legitimierte Jury für „tanz.nord“ zu finden. Es war sehr wichtig, dass alle drei Mitglieder eine vielfältige Erfahrung und Expertise im Bereich Tanz haben: Mable Preach („Formation Now!“) aus Hamburg, Dörte Wolter (Perform[d]ance e. V.) aus Mecklenburg- Vorpommern sowie Emil Wedervang Bruland vom Schleswig- Holsteinischen Landestheater.

Welche Kriterien legte die Jury an, um die Teilnehmer zu ermitteln?

Mable Preach: Neben anderen Kriterien haben wir auf die Zugänglichkeit beziehungsweise Transparenz des Prozesses und den Aspekt der Innovation geachtet, aber eben auch die Nachhaltigkeit der Projekte bewertet.

Mable, was ist dir persönlich wichtig als Jurymitglied?

Mable Preach: Mir persönlich war wichtig, neben der Professionalität und den künstlerischen Aspekten, Projekte mit unterschiedlichen Perspektiven auszuwählen. Repräsentation der Diversität ist für mich essenziell in der Kulturlandschaft Norddeutschlands und darüber hinaus.

An welchen neuen Orten wird Tanz zu sehen sein?

Marie Kassmann: In der aktuellen Situation ist es schwierig, Tanz zu zeigen. Verlässlich kann ich momentan nur das Kultur- und Bildungszentrum Bad Oldesloe als Aufführungsort nennen.

Gibt es einen Plan B, falls weiterhin Beschränkungen gelten?

Marie Kassmann: Ja, die Teilnehmer erkunden digitale Alternativen. Wir hoffen sehr, im Sommer entweder im Freien oder mit limitiertem Publikum aufführen zu können. Wenn Aufführungen nicht stattfinden können, werden wir zur üblichen Alternative greifen: filmen. Egal, wie und wo: „tanz.nord” richtet sich an alle, jung oder alt, tanzbegeistert oder tanzfremd. Und alle Veranstaltungen sind kostenlos!

tanznord.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Mai 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburger Nachwuchs: Balletttänzer Matias Oberlin

Matias Oberlin („Der Nussknacker“, „Die Kameliendame“), 24, ist ein aufstrebender Balletttänzer und Solist des Hamburg Ballett. Mit SZENE HAMBURG sprach er über seine Herkunft, die Arbeit mit John Neumeier und die Bedeutung des Balletts in Zeiten der Pandemie

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Matias, wie kamst du zum Ballett?

Matias Oberlin: Ich wollte schon immer tanzen. Ich komme aus einer Kleinstadt namens San Jerónimo Norte in Argentinien. Im Alter von acht Jahren wurde mir eine CD mit Ballett-Musik geschenkt. Ich nahm den Player, suchte mir eine Ecke, wo mich keiner sehen konnte, und bewegte mich instinktiv zur Musik. Da wurde mir klar, dass ich Ballett mochte, auch wenn ich noch nicht wusste, was es war. 2008 starb mein Vater, da war ich elf. Kurz danach sagte ich meiner Mutter, dass ich mit dem Ballett anfangen möchte.

Wie hat sie reagiert?

Na ja, das Leben in einer Kleinstadt in Argentinien war sehr hart. Ballett war das Letzte, woran man da dachte. Meine Mutter wollte aber, dass ich etwas mache, was ich wirklich wollte.

Was folgte dann?

Ich fuhr dreimal die Woche nach Santa Fe, um unterrichtet zu werden. Nach drei Jahren bewarb ich mich für ein Stipendium bei der Pierino Abrosoli Foundation in der Schweiz. So konnte ich eine professionelle Ballettschule besuchen – und zwar in Hamburg.

Fiel es dir schwer, die Familie zurückzulassen?

Es war nicht schwer, weil ich unbedingt Ballett tanzen wollte und das die einzige Chance war. Meine Familie stand voll hinter mir. Es ist wichtig, seine Träume zu verfolgen. Ich lebe nun seit neun Jahren in Hamburg und bin sehr glücklich.

Als du nach Hamburg kamst, war dir da klar, wer John Neumeier ist?

Nein. Ich kannte mich damals in der Ballettszene noch nicht so gut aus. Ich lernte ihn erst kennen, als
ich 2011 hierher zog. Aber ich war sofort von seiner Arbeit begeistert. Nach den ersten Minuten Beobachtung, wusste ich: „Das ist es, was ich machen will.“

Wie ist es, mit ihm zu arbeiten?

Es ist eine einzigartige Erfahrung. Alle haben einen ungeheuren Respekt vor ihm. Er hat sein ganzes Leben
dem Ballett gewidmet. Wir haben die großartige Chance, von ihm zu lernen. Das ist unbezahlbar, inspirierend und bewegend.

Ballett ist eine sehr physische Aktivität, die viel Präzision und Perfektion, aber auch viel Emotion und Darstellungskraft verlangt. Wie hart ist das Training?

Natürlich braucht es viel Arbeit, Schweiß und Verzicht – insbesondere in jungen Jahren. Aber sobald du zu einem Ensemble stößt, ändert sich das. Die Technik ist immer noch wichtig, aber es geht mehr als zuvor darum, an den eigenen Emotionen zu arbeiten und zu transportieren, worum es im Stück geht.

In einem Interview sagte Artem Ovcharenko vom Bolschoi-Ballett, dass Tänzer durch Stufen der Entwicklung gehen, indem sie immer wieder ihre eigenen Grenzen überschreiten.

Dem Ballett wird oft ein harter Wettbewerb nachgesagt. Den größten Wettstreit hat man aber letztlich mit sich selbst. Es ist wichtig, dem Ballett viel Zeit zu widmen, aber man muss sich auch erlauben, das, was man erreicht hat, zu genießen.

Du bist seit 2018 Solist und wurdest 2019 mit dem Dr. Wilhelm Oberdörffer-Preis ausgezeichnet. Was bedeutet dir das?

Das ist sehr schön, aber für mich macht das keinen großen Unterschied. Ich freue mich einfach, zu tanzen.

Wie wichtig ist es, Publikum zu haben?

Während des Tanzens vergisst man das Publikum. In dem Moment tut man einfach, was man liebt und öffnet sein Herz der Kunst gegenüber. Aber natürlich freut man sich, zu erfahren, dass man die Menschen damit berührt.

Wie seid ihr mit dem Lockdown umgegangen?

Während des Lockdowns mussten wir zu Hause bleiben. Erst danach haben wir wieder angefangen zu proben. John hat während des Lockdowns ein Stück kreiert, es heißt „Ghost Light“. Darin berühren sich die Tänzer so gut wie gar nicht. Am Ende wird das Licht einer Laterne angelassen. Das ist eine alte Theatertradition. Das Licht bleibt an, damit die Geister weiter proben können, während das Theater in der Nacht ruht. Ein passendes Bild: Wir brauchen Emotionen, wir brauchen das Licht und wir brauchen das Ballett – insbesondere wenn es draußen dunkel wird.

hamburgballett.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2020. Das Magazin ist seit dem 29. Oktober 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Special Edition: Internationales Sommerfestival auf Kampnagel startet

Das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel findet dieses Jahr unter Corona-gemäßen Umständen statt. Warum das Programm dadurch barrierefreier, partizipativer und näher am Puls der Zeit ist denn je, erzählt Co-Kuratorin Lena Kollender

Interview: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Lena Kollender, was ist denn dieses Jahr unter anderem „special“?

Vielen Künstlerinnen und Künstlern weltweit sind wegen der Pandemie die Premieren- und Probeorte weggefallen. Das Internationale Sommerfestival bietet seit März so ziemlich die erste Möglichkeit, wieder live zu spielen.

Das Programm in unseren Hallen besteht dadurch jetzt aus total exklusiven Arbeiten. Wir haben viele Uraufführungen, weil wir eine Art Insel geworden sind. Zum Beispiel die Arbeit der portugiesischen Choreografin Marlene Monteiro Freitas, „MAL“: Das Stück sollte im Juni an den Münchner Kammerspielen rauskommen und dann auf vielen europäischen Festivals gezeigt werden. Die wurden dann aber fast alle abgesagt und die Gruppe hatte plötzlich gar keine Perspektive mehr. Wir konnten jetzt einen Proberaum für sechs Wochen anbieten und deshalb entsteht das Stück jetzt bei uns. Weltpremiere ist am 26. August.

Ihr habt ein an die Auflagen angepasstes Konzept entwickelt, das auf drei Säulen fußt. Welche sind das?

Das Programm in den Hallen, das wir immer haben, müssen wir dieses Jahr reduzieren. Einerseits, weil wir nur circa ein Viertel der Plätze im Publikum besetzen dürfen. Andererseits haben wir die Anzahl der Bühnen-Projekte reduziert. Dafür haben wir das Programm in unserem Festival Avant-Garten extrem ausgeweitet. Da bieten wir dieses Jahr über 50 Programmpunkte auf insgesamt drei Bühnen.

Zur dritten Säule zählen wir alles, was außerhalb stattfindet. Zum Beispiel in der HafenCity, wo wir mit der HafenCity-Kuratorin Ellen Blumenstein das Augmented-Reality-Game „Bot-Boot“ machen. Aber dazu gehört auch alles, was im Internet stattfindet. Dafür haben wir interessante, extra für dieses Medium kreierte Arbeiten eingeladen und auch extra in Auftrag gegeben.

 

Eine eigene Ästhetik

 

Welche Produktionen habt ihr in Auftrag gegeben?

Zum Beispiel „Body of Knowledge“ der australischen Künstlerin Samara Hersch. Darin werden die Zuschauerinnen und Zuschauer per Telefon mit Teenagern aus Australien verbunden, die ihnen dann Fragen stellen, die sie Erwachsenen schon immer stellen wollten. Also geht es in diesen Gesprächen unter anderem um Sex und Körperlichkeit, politische Fragen, den Klimawandel, queere Identitäten. Das Telefon ist eine Möglichkeit, auch über die Entfernung eine große Intimität herzustellen.

Unser Online-Programm zeigt, dass es möglich ist, Arbeiten herzustellen, die explizit für diesen Raum geschaffen sind und eine eigene Ästhetik entfalten. Das macht zum Beispiel auch die Wiener Gruppe mit Nesterval sehr eindrucksvoll ihrer Uraufführung „Der Willy Brandt- Test“ auf der Videoplattform Zoom. Das Schöne daran ist: Unser Programm ist dadurch partizipativer und barriere-freier – man kann auch von zu Hause am Sommerfestival teilnehmen.

Inwiefern spiegelt sich die Corona-Pandemie konkret im Programm wider?

Dadurch, dass wir das Programm so kurzfristig entwickelt haben, sind wir so nah am Puls der Zeit wie noch nie. Fast alle Arbeiten reagieren auf diese Situation. Sehr konkret sieht man das bei Yan Duyvendaks geradezu prophetischer Arbeit „Virus“. Diese hat er über zwei Jahre lang geplant, also lange vor der aktuellen Krise. Eigentlich sollte es darin um die Ebola-Pandemie gehen, nun hat Duyvendak sie aber auf das Corona-Virus angepasst. Es ist das Stück der Stunde und feiert bei uns seine Deutschlandpremiere.

 

 

Welche neuen Perspektiven werden gezeigt, die in den Debatten der letzten Monate nicht vorkamen?

Künstlerische Perspektiven sind in den letzten Monaten sehr viel weniger vorgekommen, weil die Kunstproduktion im Lockdown war. Wenn Künstlerinnen und Künstler sich mit dem Virus auseinandersetzen, ist das perspektivisch etwas anderes, als wenn die Wissenschaft das tut.

Inwiefern genau?

Um bei „Virus“ zu bleiben: Duyvendak greift eine wissenschaftliche Sache auf. Er nimmt ein Simulationsspiel der EU, das entwickelt wurde, um Regierungen und Krankenhäuser vor allem in nord- und westafrikanischen Ländern auf Pandemien vorzubereiten. Das Publikum kommt dazu und soll dieses Spiel spielen, aber es wird künstlerisch transformiert. Es geht nicht mehr nur darum, ob wir die Pandemie eindämmen oder nicht, sondern darum, ob wir hinterher in einer Diktatur landen oder in einer utopischen, neuen Welt.

Die Perspektive eines Künstlers oder einer Künstlerin kann so zum Beispiel die gesellschafts-politischen Dynamiken hinterfragen. Und das Publikum ist in diese Auseinandersetzung einbezogen: Für dieses Stück heißt das: Wenn alle Zuschauerinnen und Zuschauer gemeinsam Entscheidungen treffen müssen, was entwickeln sich daraus für soziale Situationen?

Ein konkreter Bezug steckt in den „Pandemic Talks“. Wie sehen die aus?

Das ist eine Art Konferenzformat, das einmal pro Woche live auf Kampnagel stattfindet und auch im Stream zu sehen sein wird. Im ersten Talk „Vor dem Virus sind (nicht) alle gleich“ geht es um soziale Ungleichheit als Gesundheitsgefährdung. Warum etwa Schwarze Menschen in den USA häufiger vom Corona-Virus betroffen sind als Weiße. Oder Frauen generell, weil sie öfter in Care-Berufen arbeiten.

Im zweiten Talk geht es um technopolitische Fragen. Zum Beispiel darum, wie diese Pandemie neue Grenzregime im Internet zur Folge haben kann. Und im dritten Talk geht es um popkulturelle Strategien im Umgang mit der Krise. Letztes Jahr ging es auch um den Blick in die Vergangenheit, um daraus Schlüsse für die Gegenwart zu ziehen.

 

„Die Utopien sind realistischer geworden“

 

Wie ist das dieses Jahr?

Tatsächlich haben wir gerade eher das Gefühl, so viel Gegenwart und Zukunft wie noch nie im Programm zu haben. Weil die meisten Künstlerinnen und Künstler eben auf die Krise reagieren und nach Chancen zur Veränderung suchen.

Natürlich greifen manche dafür auch auf die Vergangenheit zurück. Oliver Zahns Arbeit „Lob des Vergessens, Teil 2“ ist ein Beispiel dafür. Er arbeitet mit einem Lied eines deutschen Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg, das er im Soundarchiv gefunden hat. Daraus hat er eine Arbeit gemacht, die das kollektive Erinnern, aber auch das kollektive Vergessen reflektiert. Das Internet macht es momentan fast unmöglich zu vergessen, denn alles wird dokumentiert. Zahn stellt die Frage: Wie schaffen wir es, zu vergessen und Geschichte neu zu schreiben in Zeiten des Internets?

Wir stecken momentan noch mitten in der Corona-Krise – ist die Auseinandersetzung mit dem Thema durch die fehlende Distanz anders?

Die Auseinandersetzung ist tatsächlich ganz anders. Letztes Jahr hatten wir viele Arbeiten, die sich mit einer ganz fernen, fantastischen Zukunft beschäftigt haben. Dieses Mal ist der Blick in die Zukunft viel pragmatischer. Teilweise geht es um die nächste Stunde wie bei Gob Squad, um morgen oder um nächstes Jahr, um die Zeit, wenn wir die Pandemie hinter uns haben und um die Frage, was wir dann konkret verändern müssen.

 

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Florentina Holzinger: Tanz (Foto: Nada Zgank)

 

Die Utopien sind sozusagen realistischer geworden. Viele, wie etwa das Peng! Kollektiv, sehen die aktuelle Lage als Zwangspause, die wir nutzen müssen, um zu überlegen, wie die neue Normalität aussehen sollte. Und das Publikum wird vermutlich auch alles anders rezipieren als in den vergangenen Jahren. Das fängt bereits da an, dass es ganz anders sein wird, in einem Theatersaal zu sitzen, der nur zu einem Viertel gefüllt ist und, dass wir uns ganz anders bewegen müssen. Das wird dann auch die Wahrnehmung von Arbeiten wie Florentina Holzingers TANZ beeinflussen, die bereits vor der Pandemie entstanden ist.

Internationales Sommerfestival: Kampnagel (u. a.), 12.–30.8.2020


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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A Summer’s Tale 2019: Ein Open-Air-Traum in der Heide

Das Festival A Summer’s Tale holt Künstler wie Maxïmo Park, Zaz und Suede nach Luhmühlen – neben vielen anderen Highlights 

Text: Erik Brandt-Höge
Foto (o.): Robin Schmiedebach

 

Es geht raus in die Pampa. Für viele A Summer’s Tale-Besucher beginnt das Festival am Lüneburger Bahnhof, von wo aus Shuttlebusse nach Luhmühlen tuckern, einem Ortsteil von Salzhausen. Salzhausen – noch nie gehört?

Komisch, hüstel, schließlich hat das Kaff am nordöstlichen Rand der Lüneburger Heide mit einer Dorfscheune, einem Feuerwehrschlauchturm und nicht zuletzt einem Schützenhaus geradezu Magneten für Touristen installiert.

Jedenfalls: Ortsteil Luhmühlen. Nach einer guten halben Stunde Fahrt ist das AST-Areal erreicht, und wer denkt, hier warte das gängige Festival-Halligalli, mit Horden von grillenden, grölenden und sich stets an der Grenze zur Alkoholvergiftung bewegenden Kids, der liegt, gelinde gesagt: falsch. A Summer’s Tale stellt seit der Premiere 2015 die idyllische Alternative im deutschen  Festivalangebot dar.

 

Gediegener Spaß für Groß und Klein

 

Während Wildheit anderswo nicht weniger bedeutet als Stage-Diving, Drogenflut und Dreier im Dixi-Klo, heißt es in Luhmühlen: gediegener Spaß für Groß und Klein. Sicher, auch beim A Summer’s Tale treten Rockbands auf, in den vergangenen Jahren etwa Tocotronic, Thees Uhlmann, Noel Gallagher’s High Flying Birds, Franz Ferdinand, Mando Diao, Isolation Berlin, Johnossi, Pixies, Die Sterne und, und, und.

Zudem bieten das große Zirkuszelt und das mit feinen Wattebäuschen aufgeschüttete Feld vor der Open-Air-Bühne reichlich Raum zum Hüpfen, Springen, Toben. Aber wer hierherkommt, will nicht toben. Wer hierherkommt, will die Schönheit der Natur erleben, über den zentral positionierten Designmarkt schlendern, Weinschorle auf der Zuschauertribüne am Geländerand schlürfen, mit den Kindern Holzhocker bauen und Traumfänger basteln. Kurz: All-Inclusive-Camping-Urlaub ohne nennenswerte Störgeräusche.

Apropos Camping: Wer keine Lust auf die Luftmatratze im Billig-Wurfzelt hat, kann für einige Extra-Euro am Comfort-Camping teilnehmen. Das beinhaltet u. a. tipptopp Sanitäranlagen, Zugang zu einer eigenen Bar und – Achtung –, einem eigenen Pool. Ein wenig Romantik kommt als Comfort-Kirsche obendrauf, wenn das Lagerfeuer im Resort angeht und der Festivaltag auf der Hollywoodschaukel ausklingt.

 

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Träumchen von einer Kulisse: Auftrittszelt in Luhmühlen / Foto: Erik Brandt-Höge

 

Ob Normalo-Zelten oder Luxus-Variante: Beim morgendlichen Blick aus dem Zelt sind keine Heiopeis zu sehen, die restalkoholisiert nach Helga schreien, höchstens ein paar Jogger oder Bootschlepper. Schließlich hat Luhmühlen seinen Namen von der Luhe, einem Flüsschen, das Kanufahrer durch eine satt-grüne Landschaft aus Wiesen, Weiden und Wäldern führt.

Außerdem aktuell auf dem ASTActivity-Programm: Feetup-, Vinyasa-, Acro-, Hatha- und Yin-Yoga, Meditation, Workshops in Handstand, Thai-Massage, Karate, Northern Soul-, Swing- und Electro Swing- Tanz.

Und wer weder Bock auf Live-Sounds, noch auf Bewegung hat, kann sich vor die Lesebühne hocken, die in diesem Sommer mit Autoren á la Ronja von Rönne, Stefanie Sargnagel, Giulia Becker, John Niven, Jens Eisel und Anja Rützel hochkarätig besetzt ist. Und danach geht’s an eine der Fressbuden, an denen es zum Beispiel Handbrot, Burger, Gnocchi, Crêpes und Eis gibt.

Auch auf dem Weg durch die AST-Kulinarik fällt auf: Kein Drängeln, kein Krakeelen, kein Stress im Paradies. Stattdessen liegen Besucher zufrieden auf den Grashügeln, in Hängematten oder Liegestühlen und saugen die durchweg positive, superentspannte, fast hippiehafte Atmosphäre auf, die nicht zuletzt durch die detailverliebten Deko-Spielereien der Festivalmacher entsteht. Von Palettenkunst über Lampignons, Mobiles und Girlanden bis hin zu aufwendigen Lichtinstallationen ist alles dabei, was ein, nun ja, Nicht-Halligalli-Festival ausmacht.

A Summer’s Tale: 1.-4.8., Luhmühlen (Lüneburger Heide)


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
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