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Nachhaltig Arbeiten? Hamburg, da geht noch was!

Nachhaltigkeit wird immer wichtiger. Doch ändert sich auch etwas? Ist die Hamburger Arbeitswelt schon nachhaltig? Ein Gespräch mit Wirtschaftsprofessor:innen der Universität Hamburg und der Stadt

Text: Rosa Krohn

Den Begriff „Nachhaltigkeit“ hört man heute täglich – nicht selten bleibt er jedoch abstrakt und oberflächlich. Was bedeutet es etwa, nachhaltig zu arbeiten? Professorin Dr. Kerstin Lopatta und Professor Dr. Alexander Bassen arbeiten an der Wirtschaftsfakultät der Universität Hamburg und leiten unter anderem das Kompetenzzentrum Nachhaltige Universität (KNU): „Wenn wir von nachhaltigem Arbeiten sprechen, sollten wir die verschiedenen Dimensionen von Nachhaltigkeit berücksichtigen“. Denn Nachhaltigkeit am Arbeitsplatz kann nicht mit grünen Arbeitsweisen und Arbeitsinhalten gleichgesetzt werden, es steck weitaus mehr dahinter. Neben der ökologischen Nachhaltigkeit spiele auch das Bewusstsein für Diversität, Gleichstellung, gesellschaftliche Verantwortung und Gesundheit der Mitarbeitenden eine Rolle. Es entstünden gerade völlig neue Arbeitsmodelle, so Lopatta und Bassen. Diese ermöglichen Menschen eine flexiblere Art des Arbeitens, zum Beispiel Homeoffice, Remote Work und Jobsharing. 

„Hamburg als Stadt bietet ein tolles Umfeld für Nachhaltigkeit und Arbeit“

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Professor Dr. Alexander Bassen (l.) und Professorin Dr. Kerstin Lopatta (r.) von der Universität Hamburg (Foto: Kristin Block)

Hamburgs Herz ist der Hafen. Durch ihn sei die Stadt global vernetzt, offen, vielfältig und biete ein tolles Umfeld für Nachhaltigkeit und Arbeit, so Lopatta und Bassen. Gerade jungen Menschen ermögliche die Stadt viele Weiterbildungsmöglichkeiten in Bezug auf Nachhaltigkeit. Das seien Dinge wie ein Freiwilliges Ökologisches Jahr, das über die Umweltbehörde koordiniert wird. Hamburger Unternehmen suchten darüber hinaus vermehrt nach Mitarbeitenden mit Kompetenzen im Nachhaltigkeitsbereich. Damit ist das Thema Nachhaltigkeit in Hamburgs Arbeitswelt angekommen. Auf politischer Ebene spiele dabei vor allem die Verpflichtung zur Verfolgung der „Sustainable Development Goals“ (SDGs) eine wichtige Rolle. Bassen und Lopatta empfehlen dazu die ständige Überarbeitung und Kontrolle der Einhaltung dieser Ziele.

„Sustainable Development Goals“

Die (wirtschafts-)politischen Maßnahmen, Hamburgs Arbeitswelt nachhaltiger zu gestalten, sind zahlreich, komplex und meist behördenübergreifend organisiert. Einen globalen Rahmen für nachhaltige Entwicklungen bietet die Agenda 2030, die 2015 von den Vereinten Nationen verabschiedet wurde. 2017 hat sich auch Hamburgs Senat zur Umsetzung der 17 globalen Nachhaltigkeitsziele verpflichtet. Die Federführung bei der Umsetzung der Ziele obliegt der Umweltbehörde. Von den 169 Unterzielen berühren einige explizit das Thema der Nachhaltigkeit am Arbeitsplatz: „Wohlergehen und Gesundheit der Mitarbeitenden“ (Ziel 3), „Nachhaltiger Konsum und Produktion“ (Ziel 12), „Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum“ (Ziel 8) und „Geschlechtergerechtigkeit“ (Ziel 5).

Diese Ziele sollen seitens der Stadt mit der Agenda 2030 und ihrem Motto „Leave no one behind“ berücksichtigt werden. „Eine erste Bestandsaufnahme zeigt, dass viele Hamburger Maßnahmen in den verschiedenen Politiken bereits das Attribut ‚nachhaltig‘ verdienen. Darüber hinaus setzen die SDGs aber auch neue Impulse für Themen, bei denen sich Hamburg weiterentwickeln kann“, so Martina Falke, Referentin der Stabsstelle für Nachhaltigkeit aus der Umweltbehörde . Und was tut die Stadt derzeit explizit?

Initiativen der Behörde für Wirtschaft und Innovation

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Nachhaltigkeit wird in ganz Hamburg immer wichtiger (Foto: unsplash/Ansgar Scheffold)

Die Behörde für Wirtschaft und Innovation will mit dem Projekt „Social Entrepreneurship“ solche Unternehmer fördern, die in ihrem Geschäftsmodell den positiven gesellschaftlichen Einfluss über den ökonomischen Erfolg stellen. Bis 2030 plant die Behörde zudem, Hamburgs Kurier-, Express-, Paket-, und Lieferverkehr emissionsfrei zu gestalten. Dazu sollen dann E-Lieferfahrzeuge und alternative Transportmittel wie Lastenfahrräder Sendungen zustellen oder an Pickup Points ausliefern. Als erste deutsche Stadt ist Hamburg 2019 außerdem dem globalen „Fab City“- Netzwerk beigetreten. Mit einer digitalen Kreislaufwirtschaft verfolgen die sogenannten Fab Citys das Ziel, in der Zukunft nahezu alles, was sie brauchen, selbst zu produzieren. Das soll klimaneutral und mit der Teilhabe möglichst vieler Bewohner:innen der Stadt gelingen. Ein weiteres Projekt ist der Aufbau einer funktionierenden grünen Wasserstoffwirtschaft Bis 2035 sollen Industrie, Logistik und Luft- und Schiffverkehr dekarbonisiert werden.

„Nachhaltigkeit als Wert, nicht als Buzzword“

Auch Hamburg in Bezug auf nachhaltige Entwicklung eine Vorreiterposition in Deutschland eingenommen hat, gibt es noch einige Baustellen. So räumt die Behörde für Wirtschaft und Innovation ein, dass nach der Verursacherbilanz 2017 derzeit noch rund 50 Prozent der Hamburger CO₂-Emissionen auf die Hamburger Wirtschaft zurückgehen. Laut dem Statistikamt Nord ist der Gender Pay Gap in den vergangenen Jahren in Hamburg unverändert geblieben, bei 21 Prozent. Diese Indikatoren deuten darauf hin, dass noch viel getan werden muss, um Hamburgs Arbeitswelt noch nachhaltiger zu gestalten.

Ein erster Schritt in die richtige Richtung dürfte eine umfassende Bestandsaufnahme der Missstände sein. Dass sagt auch Martina Falke von der Umweltbehörde: „Hamburg arbeitet derzeit an einem Indikatorengestützten Monitoring-System. Dadurch kann die nachhaltige Entwicklung Hamburgs in einzelnen Themenbereichen sichtbar gemacht werden.“ Nachhaltigkeit ist ein omnipräsentes Thema in Wirtschaft, Politik und Forschung. Professorin Lopatta und Professor Bassen weisen jedoch darauf hin, dass eine Befragung von Vorständen ergeben hat, dass Marketing der Hauptgrund für unternehmerische Nachhaltigkeitskonzepte Marketing sei. Insofern müsse sich noch Einiges ändern. „Es ist essenziell, dass Nachhaltigkeit als Wert gelebt und nicht als Buzzword abgetan wird“, so die beiden. Ein Ziel, das auch die Universität Hamburg in Bezug auf ihr Bildungsangebot verfolgt.


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Kira: „Versuch es doch bitte mal ohne Pronomen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Kira begegnet.

Protokoll: Rosa Krohn

„Wenn’s dir selbst gut geht, ist das ein Umstand, in dem du erst mal nicht anfängst, dich über politische Sachen zu informieren. Ich selbst komme aus einer sehr privilegierten Position: Ich studiere Soziologie im siebten Semester und meine Eltern können mich bei der Miete unterstützen. Es gibt nicht viel, worüber ich mir Gedanken machen muss. Doch bei einer Sache sehe ich mich nicht in einer privilegierten Position: meiner Geschlechtsidentität. Ich bin nicht-binär, werde aber als weiblich gelesen. Das Thema ist für mich sehr anstrengend. Ich möchte Personen, die ich vielleicht nie wiedersehe, nicht immer sagen müssen: ‚Versuch es doch bitte mal ohne Pronomen.‘ Für mich ist es in erster Linie wichtig, zu wissen, wer ich bin. Die anderen lesen mich so, wie sie mich in dieser binären Geschlechterwelt wahrnehmen. Meine Identität wird mir nicht abgesprochen, aber viele sind wenig achtsam.

„Es wandelt sich gerade viel“

Am Anfang hatte ich viele Diskussionen, habe aber schnell gemerkt, dass gerade ältere Menschen sich nicht mit der Thematik auseinandersetzen möchten. Sie sind so sozialisiert, dass es Männer und Frauen gibt – nichts dazwischen. Sicherlich wandelt sich gerade viel. Das Thema findet mehr Anschluss in der Gesellschaft. Aber wenn Menschen etwas nicht selbst betrifft, kümmern sie sich auch oft nicht darum. Wenn man mich fragt, was sich in der Gesellschaft ändern müsste, würde ich mir einerseits wünschen, dass das Geschlecht einfach nicht mehr eine so große Rolle spielte. Auf der anderen Seite sehe ich, dass es beispielsweise für Trans-Personen sehr wichtig ist, wie sie wahrgenommen werden. Deshalb möchte ich nicht behaupten, das Geschlecht sei egal. Geschlecht ist etwas Identitätsstiftendes. In einer idealen Welt sollte jede Person die eigene Geschlechtsidentität für sich finden und so in der Gesellschaft akzeptiert werden. In meinem Studium kann ich mich mit solch zeitbezogenen, relevanten Themen beschäftigen. Sie bringen mich in meiner eigenen Entwicklung weiter. Ich lerne Dinge anzunehmen und mein eigenes Handeln zu hinterfragen.“


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Forschung zu Protesten gegen Corona-Maßnahmen

Die Sozialwissenschaftlerin Prof. Dr. Christine Hentschel spricht im Interview über Resilienz in Zeiten der Pandemie, die Proteste gegen Corona-Maßnahmen und demokratische Möglichkeiten darauf zu reagieren

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Frau Prof. Dr. Hentschel, Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung unter anderem mit dem Thema Resilienz. Was versteht man überhaupt darunter?

Prof. Dr. Christine Hentschel: Widerstandsfähigkeit, Anpassungs­fähigkeit, auch eine gewisse Elastizität: die Fähigkeit, sich nach erlittenen Schocks oder dramatischen Ereignissen wieder zu erholen und sich dabei manchmal auch neu zu erfinden.

Wie zeigt sich das in der Pandemie?

In Bezug auf die Pandemie haben sich die Ratgeber überschlagen, die uns Tipps geben, wie wir nicht verrückt werden und uns motivieren, aus der Jogginghose rauszukommen und am besten noch eine neue Sprache zu lernen! Die Logik der Resilienz ruft uns gewissermaßen zu: „Sorry, das mit der Pandemie, der Flutkatastrophe oder dem Terroranschlag konnten wir nicht verhindern! Wichtig ist jetzt, wie ihr als Einzelne, als Communitys, als Gesell­schaften damit umgeht.“

Klingt nicht gerade entspannt …

Resilienz ist kein unproblemati­sches Paradigma, weil sie unsere Aufmerksamkeit ganz weg davon lenkt, was wir im Großen noch gestalten können – beispielsweise in Bezug auf die Klimakrise – und uns immer nur auffordert, irgendwie auf das zu reagieren, was kommt. Zoomt man raus, ist die Frage der Resilienz der Demokratie aber noch eine viel größere und hat damit zu tun, was die fast zwei Jahre Pandemie für Spuren an der Gesellschaft gelassen haben: Risse, Verletzungen, ein wachsendes Unver­ständnis füreinander, kaputte Existen­zen, gegenseitige Bezichtigungen, die Demokratie abzuschaffen und die Gesundheit der anderen aufs Spiel zu setzen. Aber auch die Frage, was Menschen für solidarische Netzwerke geschaffen haben, informelle Struk­turen und Plattformen, um hier irgendwie gemeinsam durchzukom­men. Als Sozialwissenschaftlerin interessieren mich vor allem diese gesellschaftlichen und politischen Fragen der Resilienz.

 

Verschärfte autoritäre Tendenzen

 

Für wie resilient halten Sie das demokratische System der Bundesrepublik Deutschland – gerade in Bezug auf die Corona-Pandemie?

Die neu aufflammenden Demon­strationen gegen die Maßnahmen, die immer auch Kundgebungen gegen das System sind, die unsere Demokratie faschistisch und verbrecherisch nennen und die der Wissenschaft keinen Glauben schenken, verweisen auf tiefe Verwerfungen in unserer Gesellschaft und ein Wacklig­-Werden der Demo­kratie. Und das reiht sich international in verschärfte autoritäre Tendenzen ein, auch in Ländern, die als Horte der Demokratie galten: USA, Frankreich, Großbritannien.

Sie haben vor knapp einem Jahr in der sozialwissenschaftlichen Fachzeitschrift „Leviathan“ einen Artikel zu den Bewegungen und Protesten gegen die Corona-Maßnahmen veröffentlicht. Was waren Ihre zentralen Erkenntnisse?

Ja, ich hatte die Proteste in Ham­burg seit etwa Mai 2020 beobachtet. Mich hat interessiert, wie in Zeiten einer so ausgedünnten urbanen Öffent­lichkeit während der Pandemie Men­schen überhaupt Demonstrationen neu erfinden, was sie antreibt, ärgert, wie sie sich in Szene setzen und mit welchen Claims sie arbeiten. Das reicht vom Inhalt und Stil der Reden über die selbst gestalteten Outfits und Plakate bis hin zu den Kreidezeichnungen auf dem Asphalt. Statt allein verschrobene Ideologien oder widersprüchliche Argumente nachweisen zu wollen, war mir wichtig, die Kundgebungen in ihrer affektiven und affizierenden Kraft zu verstehen: wie sich Frust, Hohn und Spaß, Absurditäten, Anklagen, Dro­hungen und Identitätsperformances in diesen Corona Publics vermischen. Und wie sich bestimmte Narrative kollektiv einüben und durch die Milieus hindurch eingeschliffen werden.

 

„ Storys sind absolut zentral“

 

Die Grenzen des Sagbaren scheinen sich verschoben zu haben (Foto: Christine Hentschel)

Die Grenzen des Sagbaren scheinen sich verschoben zu haben (Foto: Christine Hentschel)

In Ihrem Text weisen Sie explizit auch darauf hin, dass es bei diesen Protesten zu Vermischungen unterschiedlicher Strömungen kommt – esoterische, rechte, verschwörungstheoretische. Was ist der gemeinsame Kern dieser doch recht unterschiedlichen Strömungen?

Mich hat nicht so sehr die Frage interessiert, wer da ist, sondern wie Menschen über die unterschiedlichen Milieus hinaus zusammenfinden und sich dabei auf bestimmte Slogans und waghalsige Geschichten einlassen und öffentlich üben, Tabus zu brechen. Storys sind hier absolut zentral: Geschichten darüber, was die Impfung alles mit unseren Körpern anrichtet und was dagegen Vitalstoffe alles können, Märtyrerstorys, mit denen man sich in den Widerstand gegen das Nazi­-Regime einreihen kann, aber auch größere Motive wie „Das große Erwachen“ und vor allem der Fokus auf „meine Freiheit“, „meine Souveränität“, die große liebende „Menschheits­familie“ und das Motto „wir dürfen uns nicht spalten lassen“. Bei diesen größeren Narrativen schaue ich dann weiter: An was sind sie anschlussfähig, was wenden sie anders, womit haben sie zu tun und was lassen sie aus, obwohl es naheliegen würde? Und was sagt uns das über unsere Demokratie?

Und, was sagt das über unsere Demokratie aus?

Tja, zumindest, dass Leute leicht­fertig damit spielen, sie verhöhnen, bereit sind, sie als Diktatur, Sklaverei, Nazicamp zu bezeichnen und das alles im Namen der „Menschheitsfamilie“.

 

Die stärksten Erzählungen

 

Welche dieser Narrative haben die stärkste Wirkung?

Ich möchte mal zwei nennen, die uns noch immer begegnen: „Das große Erwachen“ und „Keine Spaltung“. „Das große Erwachen“ ist sozusagen ein Aha­-Moment, ein ungutes Gefühl: „Wir werden getäuscht, etwas stimmt nicht, nicht mit diesem Virus, nicht mit den ganzen Maßnahmen, das ist alles kein Zufall.“ Verbunden damit ist ein Gestus des Selber­-Nachforschens, des Zeichenlesens und des „Puzzelns“ und eine Wahrnehmung, dass „wir hier die einzigen mit einem kritischen Verstand“ sind. Dieses Motiv knüpft sowohl an spirituelle, aber auch an extrem rechte Narrative an. Und es hat immer etwas Apokalyptisches: als Erzählung vom bevorstehenden Ende, der Enthüllung und Aufdeckung der Wahrheit, als Erwartung des Jüngsten Gerichts und der finalen Abrechnung. Inhaltlich ist das Narrativ relativ durchlässig, die Wahrheit, zu der man sozusagen erwacht, wandelt sich und ist auch innerhalb der Bewegung unter­ schiedlich organisiert und verteilt.

Können Sie dies an einem Beispiel verdeutlichen?

Erinnern Sie sich noch an die mitgebrachten Grundgesetze und das Beharren auf unseren Grundrechten im Frühling 2020? Da sind im Laufe der Monate ganz andere „Erweckungs­ momente“ hineingekommen, zum Beispiel die Reichsbürgeridee, dass das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ja gar keine Gültigkeit hätte. Das ist auch ein Beispiel dafür, dass sich bestimmte Narrative durch die Milieus hindurch einschleifen.

Was hat es mit dem zweiten Narrativ, das sie erwähnen wollten, auf sich?

„Keine Spaltung!“: Das hat sich vom Anfang der Pandemie bis jetzt gehalten, wo unter dem Banner „Wir lassen uns nicht spalten!“ Tausende durch die Stadt laufen. Die Behauptung ist: Hier stehen wir gemeinsam, ob rechts oder links ist egal; die „Spaltung“ hingegen wird „uns“ von oben auferlegt, um „uns“ zu schwächen. Und zunehmend geht es hierbei um die Spaltung zwi­schen Geimpften und Ungeimpften.

 

„Sophie-­Scholl-­Anleihen kommen nicht aus der Mode“

 

Nach offiziellen Angaben versammelten sich am 11. Dezember etwa 2.000 Menschen, um gegen Corona-Maßnahmen zu protestieren (Foto: Marco Arellano Gomes)

Nach offiziellen Angaben versammelten sich am 11. Dezember etwa 2.000 Menschen, um gegen Corona-Maßnahmen zu protestieren (Foto: Marco Arellano Gomes)

Haben sich die Stimmung, die Themen und Narrative auf den Protesten seit 2020 verändert?

Klar, die Themen der Bewegung verändern sich mit dem, was passiert und was in der Öffentlichkeit debattiert wird. Seitdem die Impfpflicht diskutiert wird und sich die 2G­-Regel weitgehend durchsetzt, sehen sich viele in ihren Horrorszenarien bestätigt. Und das ist das beherrschende Thema auf den Reden und Plakaten der neu wieder rasant wachsenden Proteste in Hamburg und findet in drastischen Plakatslogans wie „Impfapartheid“ seinen Ausdruck. Die Stimmung habe ich zuletzt als eine gleichzeitig wütende und enthusiastische Aufbruchsstim­mung wahrgenommen: „wir sind viele“, „wir werden mehr“, „nicht mit uns!“

Wieso scheint sich auf den Protesten niemand daran zu stören, dass auch Rechte dabei sind, wenn es doch angeblich um die Verteidigung der Demokratie geht?

Das hat mich auch sehr beschäftigt: Vor allem hat mich interessiert, wie diejenigen ihre Abgrenzung nach rechts verhandeln, die sich nicht als rechts verstehen. Für viele sind hier Konstruk­te entstanden wie: Links-­Rechts, das seien alte Kategorien, die uns „die Mächtigen“ nur einreden wollen, um uns zu spalten, dagegen sind „wir“ hier zusammen, als „Menschheitsfamilie“ auf der Straße, für die „gemeinsame Sache“. Viele haben das Stigma auch schon angenommen: „Ja, ich bin ja rechts, ne?“, oder sie arbeiten mit Holocaust­- und Sklavereivergleichen, um ihre eigene Position zu beschreiben und behaupten, dass sie auf der einzig richtigen Seite seien: der des Wider­stands gegen ein Unrechtsregime. Die Sophie-­Scholl-­Anleihen kommen dabei nicht aus der Mode.

Und das nutzen rechte Bewegungen dann für sich aus?

Die Rechte kann im Angesicht der Frustration, der Unsicherheit, der zunehmenden Abkehr von offiziellen Narrativen und einer großen Protestlust ausgezeichnet Terrain erobern. Die Ver­achtung des Systems, die Inkaufnahme oder sogar Herbeibeschwörung des Untergangs der Demokratie hat die extreme Rechte schon lange im Programm, und das wird bei vielen in der Bewegung bewundert und passt gut in die Begeisterung für die Überwin­dung dessen, was wir jetzt haben hin zu etwas „ganz Neuem“. In diesem Gemisch sehe ich besonders viel Gefahrenpotenzial für die Demokratie.

 

„Die Dynamik ist von Eskalation gezeichnet“

 

Wie sehen Sie die Dynamik der Proteste in Hamburg im Vergleich zu Sachsen oder anderen Regionen im Osten?

In Hamburg gestalten sich die Proteste noch immer vergleichsweise moderat. Insgesamt müssen wir diese aber in eine Dynamik einordnen, die von Eskalation gezeichnet ist: Drohun­gen gegen Wissenschaftler:innen und Lokalpolitiker:innen, das Sammeln von Privatadressen in Telegram Chats, Impfzentren in Flammen, Attacken gegen Personal in Läden, die Impf­zertifikate kontrollieren müssen, der Mord an der Tankstelle in Idar-­Ober­ stein, die Bilder des bedrohlichen Fackelaufmarschs Anfang Dezember vor dem Wohnhaus der sächsischen Gesundheitsministerin in Grimma – das alles steht für eine zunehmende Eskalation, eine Aufwiegelung der Stimmung, bei der wir uns nicht darauf verlassen sollten „dass schon alles gut geht“.

Von langjährigen Beobachter:in­nen der Szene im Osten wissen wir, dass das kein spontanes Über-die-Stränge-­Schlagen ist, sondern gut organisierte Einschüchterungsprak­tiken gegenüber Politiker:innen und Institutionen, die der Rechten nicht passen und lang eingeübte In­-Szene­-Setzungen von lokalem Protest. Das heißt, die Verzahnung in die extrem-rechte Szene, die Verankerung in den vielen kleinen Städten, die Androhung und Ausübung von Gewalt und ein „Sich-ausgeklinkt-Haben“ aus dem demokratischen System, sind einige der wichtigsten Unterschiede, die ich hier ausmachen würde.

 

„Proteste und politisches Engagement müssen Spaß machen“

 

Was genau ist schiefgelaufen, dass so viele Menschen den demokratischen Staat in Frage stellen?

Puh, da gibt es viel: unverständliche und ungerechte Entscheidungen in der Pandemie, chaotisches Krisenmanagement, gebrochene Versprechen, darüber hinaus eine tiefe Ungleichheit in der Bildung und auf dem Arbeitsmarkt, die sich in der Pandemie besonders drastisch zeigt. Aber auch ein Verlust an Vertrauen, dass eine Regierung im Angesicht solch tiefer und in der Zukunft schlimmer werdender Krisen überhaupt noch was ausrichten kann. Diesen Pessimismus teilen inzwischen viele durch die Milieus hindurch: dass man eigentlich gar nicht mehr viel gestalten, retten oder abwehren kann. Und das ist auch eine offene Flanke für die wilden Storys und das Verabschieden von den Fakten.

Was kann gegen diese Entwicklungen getan werden?

Gegen crazy stories helfen nicht einfach Faktenchecks. Proteste und politisches Engagement müssen Menschen auch Spaß machen, sie bewegen. Dafür müssen wir an anderen, besseren Storys arbeiten. Wir brauchen Geschichten und Visionen, die Menschen Mut machen, sie mitreißen, die sich inhaltlich aber ganz anders ausrichten: auf Gestaltbarkeit von Zukunft und auf soziale Gerechtigkeit. Da hat die Klimabewegung, aber auch die Antirassismusbewegung in den letzten Jahren eine beeindruckende Mobilisierung, vor allem von jungen Menschen hingelegt.

Braucht es nicht vor allem politische Veränderungen?

Natürlich braucht es konkrete soziale, politische und materielle Infrastrukturen, in denen notwendiger Wandel stattfinden kann und die uns dabei helfen, nicht egoistisch zu werden, wenn es schlimm kommt. Und hier steht eine Regierung in der Pflicht, die sich Fortschritt auf die Fahne schreibt.


Zur Person

Prof. Dr. Christine Hentschel ist Professorin für Kriminologie, insbesondere Sicherheit und Resilienz, im Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Hamburg. Sie forscht zu neuen Protestpraktiken im urbanen Raum, autoritären und apokalyptischen Logiken der Gegenwart und dem Zusammenwirken von Klimakatastrophe und Unsicherheit.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2022. Das Magazin ist ab dem 22. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Uni-Extra: Zurück in Präsenz

Das Studium soll die beste Zeit im Leben sein, doch viele Studierende waren dank der Pandemie noch nie auf dem Campus oder haben ein Seminar offline besucht. Zwei Studierende erzählen von Unsicherheiten, Auswegen und neuen Perspektiven

Text: Kevin Goonewardena

 

Der Beginn eines Studiums ist zweifelsohne auch der eines neuen Lebensabschnitts: Hunderttausende junge Menschen sind auf der Schwelle zum Erwachsensein und tauschen mit Beginn des ersten Semesters nicht nur den Schulbesuch gegen eine neue Form der Lehre und des Lernens ein. Doch gerade in der ersten Zeit dürfte die am Ende stehende Berufsausbildung für die meisten kaum eine Rolle spielen: Es locken unbekannte Städte, neue Menschen und bisher nicht gekannte Möglichkeiten. Am Ende des Studiums soll neben dem Abschluss häufig auch die abgeschlossene Selbstfindung stehen – und nicht weniger als die beste Zeit des Lebens.

 

Zwei Studierende berichten

 

Ist das in Zeiten einer Pandemie überhaupt möglich? Wie gestaltet sich der Uni-Alltag, wie das Leben und vor allem: Wie fühlen sich junge Menschen während dieser Zeit? Merle (24) und Alexander (22) haben uns genau das erzählt.

„Ich bin den ganzen Tag unterwegs“, erklärt Merle, stören tue mein Anruf aber dennoch nicht. Ich erreiche die 24-Jährige, die im Frühjahr diesen Jahres ihr Jurastudium in Hamburg begonnen hat, in Irland am Telefon. Ein paar Tage ist sie nun schon dort, bald geht es wieder zurück. Mal wieder richtig rauskommen, eine Sehnsucht, die auch Nicht-Studierende in den vergangenen eineinhalb Jahren nur allzu oft hatten. Viele haben auf Verwandtenbesuche, Familienfeiern und Urlaube lange verzichtet, kommen jetzt so langsam wieder raus und rein in ein Leben, in dem die Corona-Pandemie nicht mehr omnipräsent ist.

 

„Einen Prof habe ich bis heute nicht kennengelernt.”

 

Merle studiert Jura im zweiten Semester (Foto: privat)

Merle studiert Jura im zweiten Semester (Foto: privat)

Mit dem Start des Wintersemsters 2021/2022 Anfang Oktober sollen die weit über 40.000 immatrikulierten Student:innen der Uni Hamburg wieder in den Präsenzunterricht zurückkehren können, auch eine Orientierungswoche für Neuankömmlinge ist geplant – jene fand zum Start der vergangenen Semester nur digital statt. Fünf Zoom-Einführungen habe es in der ersten Woche gegeben, jeden Tag eine, erinnert sich Merle. „Das fand ich richtig blöd. Normalerweise wird einem in der ersten Woche alles gezeigt, man lernt die Leute kennen. Die Zoom-Meetings hat man sich alleine zuhause angucken müssen”, auch eine:n Professor:in habe sie bis heute nicht kennengelernt.

Sie weiß aber auch, dass die Uni keine Wahl hatte. „Was mich stört ist, dass es ganz viele verschiedene Onlineplattformen gibt. Teilweise ist es so, dass man auf unterschiedlichen Kanälen Materialien aus ein und demselben Kurs findet, die man sich dann auch noch selbst zusammen suchen muss. Das finde ich ziemlich schwach von der Uni Hamburg“, kritisiert sie die Digital-Performance der größten Hamburger Universität.

 

Nachholbedarf im Digitalen

 

Die größte staatliche Bildungseinrichtung der Hansestadt hat zwar, wie vielerorts Lehreinrichtungen in Deutschland, schon vor Corona deutlich Nachholbedarf auf digitalem Terrain gehabt, doch die Chance, die Pandemie als Gelegenheit wahrzunehmen und durch Investitionen den längst notwendigen Ausbau des entsprechenden Angebots anzuschieben, sieht Merle nicht genommen. Dabei begleitete uns alle Corona, als Merle ihr Jurastudium beginnt, schon seit einem Jahr.

„Manche Professor:innen haben ihre Vorlesungen live via Zoom abgehalten, andere haben sich nur einmal gefilmt und dann einzelne Videos hochgeladen. Material gab es oft auf einer anderen Plattform, kommuniziert wurde wiederum über einen dritten Kanal. Man musste sich alles selbst zusammensuchen und hat oft nicht mitbekommen, dass und wo es was zu finden gab.”

Wie ich nach ihren Schilderungen, hat auch Merle den Eindruck, dass es keinen roten Faden gegeben hat, oder zumindest glaube sie „hat den Verantwortlichen die Medienkompetenz gefehlt, da einen roten Faden rein zu bringen. So hat jede:r sein eigenes Ding gemacht.”

Alexander, Student der Medizin im dritten Semester, kann diese Erfahrungen nicht bestätigen. Er, so erzählt er mir, habe es in dem von der Uni und dem Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) betreuten Studiengang nicht mit unterschiedlichen Plattformen zu tun und keine Schwierigkeiten an Material zu kommen. Die fehlenden Orientierungseinheiten zum Semesterstart habe er gleichwohl vermisst.

 

Schwerer, leichter, alles beim Alten?

 

Welchen Einfluss hat nun aber die Pandemie genau auf den Fachinhalt, das Lernpensum, den Schwierigkeitsgrad eines während der letzten eineinhalb Jahre begonnen Studiums? Schnell wird klar, objektiv lassen sich die Auswirkungen für Studierende nicht messen. Da beispielsweise Prüfungsinhalte unbekannt sind, lässt sich nicht sagen, ob und wenn ja, was in welcher Form nun aufgrund der derzeitigen Situation angepasst oder komplett gestrichen wurde. Die wohl zwangsläufig aufkommenden Gerüchte, von denen Merle berichtet, die Prüfungen seien schwerer gestaltet worden, da sie von den Studierenden von Zuhause aus ohne Webcam- und sonstige Überwachung, dafür theoretisch mit Hilfe von Literatur, Notizen und Google hätten geschrieben werden können, lassen sich weder bestätigen, noch widerlegen.

 

Positive Erfahrungen

 

Alexander studiert Medizin im dritten Semester (Foto: privat)

Alexander studiert Medizin im dritten Semester (Foto: privat)

Das individuelle Gefühl eines jeden Studierenden ist hier maßgeblich für die Einschätzung eines veränderten Schwierigkeitsgrads des Studiums. Alexander beispielsweise glaubt nicht, dass die Prüfungsinhalte schwerer geworden sind. Er berichtet von seinem Gefühl, dass die Aufgaben leichter gestellt worden seien und dem Gesamteindruck, dass Uni und UKE ihm und seinen Kommiliton:innen in der Pandemie bisher wohlwollend gegenübertreten würden. So sei sogar eine Corona-bedingt ersatzlos gestrichene mündliche Prüfung für alle seines Studiengangs mit voller Punktzahl gewertet worden. Auch bei Jurastudent:innen wie Merle würden die Verantwortlichen Corona Rechnung tragen: Für den sogenannten Freischuss, einen Freiversuch vor dem ersten juristischen Staatsexamen für all diejenigen, die ihr Studium in einer bestimmten Zeit absolviert haben, haben sie und die Mitstudierenden nun mehr Zeit – die Pandemie-Semester werden nicht auf die Studiendauer angerechnet.

Der fehlende Austausch mit Kommiliton:innen und Lehrkörpern über den Stoff und der damit verbundene Umstand, sich viele Inhalte selbst beibringen zu müssen, stellt für alle Studierenden eine individuelle Herausforderung dar. Dass ein Studium durch Corona schwerer geworden ist, kann man pauschal jedoch nicht sagen. Alexander gibt zu bedenken, dass Selbstverantwortung im Studium sowieso gefragt sei, und zwar nicht nur in Corona-Zeiten.

 

Lebe lieber ungewöhnlich

 

Doch nicht nur der Unialltag, sondern auch das Leben drumherum ist bekanntermaßen für Studierende wie für die restliche Bevölkerung zeitweise nahezu zum Erliegen gekommen. Die physischen Auswirkungen, die die getroffenen Maßnahmen haben könnten, wurden in der Öffentlichkeit immer wieder diskutiert. „Am Anfang war die Zeit der Pandemie für mich von einer großen Unsicherheit geprägt”, erzählt Alex, „man wusste ja nicht, wie ansteckend das Virus ist, welche Folgen es hat, wie man es behandeln kann. Für mich war das alles eine große Wolke mit Fragezeichen drin. Ich wusste nur, dass das gefährlich und nicht normal ist”, der erste Lockdown habe das dann noch mal unterstrichen.

Ob spezielle Seelsorgeangebote für Studierende eingerichtet wurden, vermochten beide nicht zu sagen. Aber wie kamen sie denn selbst durch die vergangenen eineinhalb Jahre? Beide betonen, wie sehr ihnen der Umstand, aus Hamburg zu kommen, Freunde hier zu haben und auch vor dem Lockdown schon in Beziehungen gewesen zu sein, geholfen habe.

 

Neue Horizonte

 

Besonders hart getroffen habe es Studierende wie die Freundin Merles, die sie während eines Zoom-Chats kennenlernte, und die aus dem Ausland nach Hamburg gezogen ist. Für sie war alles neu, sie konnte nicht auf eine gewohnte Umgebung und einen festen Freundes- und Bekanntenkreis zurückgreifen.

Um nicht in ein Loch zu fallen, hat jeder einen eigenen Weg gefunden. „Was mein Freund und ich tatsächlich gemacht haben, war, dass wir viel mit dem Auto weggefahren sind und dann auch dort geschlafen haben. Wenn man im Auto pennt, trifft man nur mal im Supermarkt auf Leute und ist ansonsten ziemlich kontaktarm unterwegs. Dass, muss ich sagen, hat mich oben gehalten, denn in Hamburg fällt einem früher oder später die Decke auf den Kopf. Wir sind zum Beispiel nach Dänemark gefahren oder an die Mecklenburgische Seenplatte”, erzählt Merle und fügt an, dass sie auf diese Art und Weise wohl ohne Corona nicht gereist wären und auch an Urlaub in Deutschland nicht gedacht hätten.

Als Positives aus der Pandemie nimmt Alexander mit, dass er sich ganz bewusst und nur mit den engsten Freunden und Familienmitgliedern getroffen hat. Aber auch sein Blick auf die Gesellschaft habe sich verändert: „Mir ist noch mal bewusst geworden, wie wichtig Public Health-Themen sind, und Corona hat mir einmal mehr deutlich gemacht, dass die Politik und Wissenschaft auch in Zukunft eng miteinander verknüpft arbeiten sollten. Ich glaube, hätte man von Anfang an mehr aufeinander gehört, wäre man möglicherweise zu anderen Maßnahmen gekommen. Auch die Kommunikation zwischen Politik, Wissenschaft und Gesellschaft hätte klarer sein müssen.”


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Uni-Extra: Zurück in den Hörsaal

Nach anderthalb Jahren kehren die Hamburger Universitäten wieder zurück in die Präsenzlehre. Auf Studierende und Lehrende warten dabei viele Herausforderungen

Text: Felix Willeke

 

Am 27. August, genau 46 Tage vor geplantem Vorlesungsbeginn, sagte die Hamburger Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank: „Nach drei weitestgehend digitalen Semestern, die für die meisten Studierenden nur mit großen Herausforderungen und Entbehrungen zu bewältigen waren, bin ich nun sehr froh, dass es uns gelungen ist, mit allen Beteiligten einen Weg aufzuzeigen, wie wir an den Hamburger Hochschulen zum Wintersemester wieder den Präsenzbetrieb ermöglichen können.“ Doch wie ist es für Studierende und Lehrende nach drei digitalen Semestern, wieder in die Hörsäle zurückzukehren – vor allem vor dem Hintergrund, dass die Corona-Pandemie noch nicht vorbei ist?

 

Online hat etwas gefehlt

 

Prof. Dr. Katharina Kleinen-von Königslöw (Foto: Sebastian Engels)

Prof. Dr. Katharina Kleinen-von Königslöw (Foto: Sebastian Engels)

„Die letzten anderthalb Jahre Online-Lehre hatten ihre Höhen und Tiefen“, sagt Sally Rikke Bohm, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit und Presse des AStA der Universität Hamburg. „Total gefehlt hat der soziale Austausch mit anderen Studierenden, das macht das Ganze eigentlich aus.“ Diese Meinung hat die Vertreterin der Studierenden nicht exklusiv. Die Prodekanin für Studium und Lehre an der Uni Hamburg, Katharina Kleinen-von Königslöw, sieht es ähnlich. Sie ist nicht nur für den organisatorischen Ablauf des Lehrbetriebs verantwortlich, sondern auch Professorin für Journalistik und Kommunikationswissenschaft: „Was bei der Online-Lehre fehlt, ist die Kommunikation rund um die Vorlesung. Die ist immer hilfreich, um es auch menschlich nett zu machen (lacht). Man hat auch über das Semester hinweg gemerkt, dass die Rituale des Ankommens und des sich aufeinander Einstellens sehr fehlen. Das gilt auch für die Studierenden untereinander, und uns Dozent:innen gegenüber baut das direkte Miteinander Hemmungen ab.“

 

3G kommt

 

Sally Rikke Bohm, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit und Presse des AStA der Universität Hamburg (Foto: Sally Bohm)

Sally Rikke Bohm, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit und Presse des AStA der Universität Hamburg (Foto: Sally Bohm)

So haben die drei digitalen Semester einige neuen Herausforderungen mit sich gebracht und dazu technische Probleme als Begleitmusik. Jetzt geht es wieder zurück an die Hochschulen. Die Vorlesungen und der gesamte Betrieb soll an den staatlichen Hochschulen in Hamburg nach dem 3G-Modell funktionieren. Das heißt, für den Uni-Alltag müssen Lehrende und Studierende genesen, geimpft oder nach aktuellen Richtlinien negativ getestet sein. „Wir reden dabei nicht über 100 Prozent, sondern über 50 bis 75 Prozent Präsenzlehre“, erklärt die Professorin. „Im Moment liegt die Entscheidung über die Präsenz in den Händen der Lehrenden.“ Die Professor:innen entscheiden also selbst, ob sie die Studierenden persönlich ins Seminar bitten oder weiter auf eine digitale Lösung setzen. „Zurück an die Uni ist ein komisches Gefühl, weil man lange nicht da war“, meint die Sprecherin des AStA. „Wir haben noch Corona und deswegen kann ich mich persönlich nicht so entspannt am Campus aufhalten wie vorher.“

 

2G als Alternative?

 

Dazu kommt die Frage, wie der ganze Ablauf mit der Prüfung der 3G-Richtlinien funktionieren wird. Bis Mitte September gab es von den großen Hamburger Hochschulen noch keine verbindlichen Aussagen, wie das genau vonstatten gehen soll. Während die Uni Hamburg überlegt, ob sie auf stichprobenartige Kontrollen setzen will, nachdem sich die Studierenden einmalig zentral registriert haben, soll es unter anderem an der HafenCity Universität 3G-Kontrollen an den Eingängen geben. Katharina Kleinen-von Königslöw schlägt als Alternative ein 2G-Modell vor: „Die Universität ist eine Blase für sich und ich gehe davon aus, dass die meisten geimpft sind. Ich persönlich denke – und mir ist klar, dass 2G einen Teil der Studierenden aus der Präsenzlehre ausschließen würde – dass es optimal wäre, wenn wir erstmal ein digitales Studium weiterhin möglich machen könnten. Dann wäre 2G überhaupt kein Problem. Wir könnten Organisationsaufwand und Kosten reduzieren und vielleicht sogar mehr Präsenz anbieten. Neben den Ungeimpften könnten beispielsweise auch Studierende mit Kindern von dieser Lösung profitieren.“ Dem stimmt auch Sally Rikke Bohm zu, wünscht sich aber zugleich ein Impfangebot auf dem Campus, „um die Impfung für die bisher Ungeimpften niederschwellig zu gestalten.“ Während eine Lösung nach dem 2G-Modell noch Zukunftsmusik ist, müssen alle Hamburger Universitäten mit der 3G-Vorgabe arbeiten. Deswegen rät Bohm den Studierenden, die bisher nur online studieren konnten: „Nehmt die neue Situation gelassen, es ist für alle neu“, und Kleinen-von Königslöw ergänzt: „Lassen Sie sich Zeit, es wird ungewohnt sein für uns alle, erst recht mit so vielen Menschen.“

Mittlerweile haben die HAW (am 14. Oktober und 4. November 2021 auf drei verschiedenen Campussen) und die Universität Hamburg (Pop-up-Impfen auf dem Campus, am 4. und 25. Oktober 2021) ein Impfangebot eingerichtet.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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