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MEUTE auf dem Coachella Festival

Die Hamburger Techno-Marching Band MEUTE spielt neben Harry Styles, Billie Eilish und der Swedish House Mafia beim Coachella Festival 2022 in Kalifornien

Text: Anarhea Stoffel

Meute kennt man in Hamburg zum Beispiel von ihren verrückten Konzerten mitten auf der Schanze. 2015 starteten die elf Bandmitglieder mit der Idee Techno-Musik mit einer Performance zu verbinden. Sie coverten bekannte Songs mit Blaskapelleninstrumenten und machte dadurch elektronische Musik sichtbar. Zuerst performten sie auf der Straße und kurz darauf in den Clubs. 2017 erschien ihr erstes Album „Tumult“, 2020 der Nachfolger „Puls“.

Inzwischen füllen die Jungs mit selbst komponierten Songs die ganz großen Hallen. Im Sommer 2021 spielten sie auf dem Dach der Elbphilharmonie im Rahmen der „Elbphilharmonie Sessions“ ein Set aus Covers und eigenen Songs. Und als ob das nicht genug wäre, kündigte MEUTE nun ihren Auftritt auf einem der größten Festivals der USA an: dem Coachella. Das US-Magazin Variety bezeichnete die Band im Zuge dessen als das „most curious booking“ des Festivals im Jahr 2022. Der Auftritt beim Coachella ist für MEUTE Teil ihrer großen US-Tour.

Coachella: DAS Festival in den USA

Das Coachella wurde 1999 von Paul Tollett und Rick Van Santen in Indio (Kalifornien) ins Leben gerufen. Mittlerweile umfasst das Festival zwei Wochenenden mit Musik aus allen Genres. Es gibt verschiedene Freiluft-Stages sowie Zelte auf und in denen Konzerte laufen. Dazu kommen seit einigen Jahren Kunst-Installationen und das who is who Hollywoods lässt sich auch regelmäßig blicken. 2017 zählte das Festival rund 250.000 Besucher:innen.

In den letzten beiden Jahren musste Coachella aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden. Umso größer ist die Vorfreude auf die diesjährige Party. Denn angekündigt sind neben MEUTE Musikgrößen wie Harry Styles, Billie Eilish, Måneskin, Ye (früher Kanye West) und der deutsche DJ Koze. Das Coachella findet vom 15. bis 17. und 22. bis 24. April 2022 statt und ist seit Januar restlos ausverkauft. Die Tickets kosten dabei pro Wochenende ab 450 Euro. Wer es luxuriös mag, bekommt für über 1000 Euro sogar Zugang zu ausgewählten VIP-Bereichen. 


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Abschiebung trotz legaler Adoption: „Blue Bayou“

Der neue Film „Blue Bayou“ mit Alicia Vikander ist ein Abschiebe-Melodram in Pastelltönen

Text: Anna Grillet

Zum ersten Mal im Leben spürt Antonio LeBlanc (grandios: Justin Chon) die Wärme und Geborgenheit einer intakten Familie. Geboren in Korea, wurde er mit drei Jahren von weißen Amerikanern aus Louisiana adoptiert, sein Vater missbrauchte ihn, die Mutter schaute weg. Antonio verlor den Halt, doch nun verdient er Geld als Tattoo Artist, Ehefrau Kathy (Alicia Vikander) ist sein Fels in der Brandung. Jesse (Sydney Kowalske) vergöttert den Stiefvater, wenn auch die Siebenjährige Angst hat, der neue Dad könnte plötzlich wieder verschwinden, so wie der vorige.

Ein aussichtsloser Kampf

Beim Einkauf im Supermarkt wird Antonio von rassistischen weißen Cops provoziert und verhaftet, darunter Kathys Ex. Wenig später erklärt die Einwanderungsbehörde, der Festgenommene würde nach Korea ausgewiesen, er besäße trotz legaler Adoption vor mehr als dreißig Jahren nicht die amerikanische Staatsbürgerschaft. Kein Einzelfall, sondern weit verbreitete Praxis. Ein aussichtsloser Kampf beginnt, Frustration und Spannungen des eben noch glücklichen Paares wachsen. Vor Gericht zählt weder die Heirat noch Kathys Schwangerschaft, sondern allein, dass der Betreffende irgendwann einmal Motorräder geklaut hat und es wieder tun muss, um die 5000 Dollar für den Prozess aufzutreiben.

Traumartige Flashbacks und Cinéma vérité

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„Blue Bayou“ mit Alicia Vikander, ab dem10. März 2022 im Kino (Foto: Focus Features)

Dies ist ein New Orleans weitab vom turbulenten Tourismus des French Quarters mit seinen Jazzclubs und Bars. Entbehrungen prägen den Alltag dieser Arbeiterviertel, aber der koreanisch-amerikanische Regisseur und Drehbuchautor Justin Chon („Gook“, 2017) inszeniert das Porträt seines Protagonisten nicht als knallhartes düsteres Politdrama, sondern entwickelt ein an Emotion überbordendes Geflecht aus Beziehungen, Poesie und Landschaften in wundervollen gebrochenen Pastelltönen. Glück, Schmerz und Schrecken vermischen sich wie Fiebervisionen miteinander. Traumartige Flashbacks treffen auf Cinéma vérité in der Tradition von John Cassavetes.

Herzzerreißend und hautnah die Verzweiflung der kleinen Jesse, während Justin Chon die Rolle des Antonio bewusst unterkühlt spielt. Mit schwerem Motorrad, Muskeln und Seeadler-Tätowierung versucht er, von seiner eigenen Verletzbarkeit abzulenken. Die Karaoke-Version des Roy Orbison-Songs gibt „Blue Bayou“ den Titel und Oscar-Preisträgerin Alicia Vikander einen spektakulären Auftritt.

„Blue Bayou“, Regie: Justin Chon. Mit Justin Chon, Alicia Vikander, Sydney Kowalske. 117 Min. Ab dem 10. März 2022 im Kino

Hier gibts den Trailer zum Film:


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Neu im Kino: The Card Counter

Oscar Isaac spielt in Paul Schraders neuen Film „The Card Counter“ ein Black-Jack-Mastermind mit düsterer Vergangenheit

Text: Calle Claus

Robert De Niro als „Taxi Driver“ (1976) und „Raging Bull“ (1980) in den Martin-Scorsese-Klassikern, und nun, fast ein halbes Jahrhundert später, Oscar Isaac als traumatisierter Casino-Nomade: Die Drehbücher von Hollywood-Legende Paul Schrader kreisen immer wieder um tickende männliche Zeitbomben. Inzwischen führt er selbst Regie, doch auch Scorsese ist noch an seiner Seite, in diesem Fall als ausführender Produzent. Der „Card Counter“ ist ein weiterer „angry lone wolf “ in Schraders Figuren-Galerie: William Tell (Oscar Isaac) erlernte während einer achtjährigen Haftstrafe die komplexe Technik des „Kartenzählens“, mittels der man BlackJack-Spiele vorausberechnen kann. Mit dieser Superpower tingelt er von Casino zu Casino, immer umgeben vom gleichen tristen Interieur: Spieltische, Bars und Pokerfaces auf scheußlich gemusterter Auslegeware. Bezieht Tell ein neues Motel, frönt er einer seltsamen Routine: Er verpackt – Christo lässt grüßen – das gesamte Mobiliar akkurat in weiße Stofflaken. Reminiszenz an die Monotonie seiner Zelle? Ausdruck der Sehnsucht nach innerer Reinheit?

Ein Beispiel für den Umgang der USA mit Schuld

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„The Card Counter“, der neue Film mit Oscar Isaac, Tiffany Haddish und Willem Dafoe (Foto: Lucky Number Inc.)

Das Spielhallen-Phantom gibt Rätsel auf. Irgendwann läuft ihm Cirk (Tye Sheridan) über den Weg. Der junge Mann ist der Sohn eines einstigen Militär-Kameraden Tells und weiß, welcher blutigen Hölle dieser entstammt. Cirk versucht Tell in einen Rachefeldzug für seinen verstorbenen Vater zu involvieren, dessen Ziel ein schnauzbärtiger Kommandant namens John Gordo (Willem Dafoe) ist. Schon bevor er nämlich selbst hinter Gitter kam, war ein Gefängnis Tells Lebensmittelpunkt: Das berüchtigte Folter-Straflager Abu Ghraib im Irak, das nach 9/11 in die Schlagzeilen geriet. Tell setzt seine Reise zusammen mit Cirk fort und entwickelt etwas, das er bis dato nicht kannte: Vatergefühle. „The Card Counter“ ist eine beklemmende Studie über einen Mann mit erdrückender Vergangenheit, getragen von einem souverän aufspielenden Oscar Isaac. Wenn am Ende die Karten auf dem Tisch liegen und William Tell explodiert, steht das exemplarisch für den Umgang der USA mit Schuld in der jüngeren Geschichte.

„The Card Counter“, Regie: Paul Schrader. Mit Oscar Isaac, Tiffany Haddish, Willem Dafoe. 112 Min. Ab dem 3. März 2022 im Kino

Hier gibts den Trailer zum Film:


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Zoe Wees über Erfolg und Heimat

Die 19-jährige Hamburgerin veröffentlichte Ende März 2020 ihre erste Single, später war sie die erste Deutsche, die bei den American Music Awards auftreten durfte. Ein Gespräch über schnellen Erfolg, die Musikindustrie und den therapeutischen Wert von Musik

Interview: Henry Lührs

Zoe Wees merkt man in keinster Weise an, dass ihre Muttersprache nicht Englisch ist. Akzentfrei singt die gebürtige Hamburgerin selbstbewusst auf den Bühnen der Late Night Shows in den USA oder bei den American Music Awards. Stellt man ihr eine Frage auf Deutsch, dann bricht es zuerst auf Englisch in gewohnter Popstar-Manier aus ihr heraus. Schon mit ihren 19 Jahren hat sie den Sprung über den Großen Teich geschafft.

Trotzdem hat man den Eindruck, dass die deutsche Sprache sie zu ihrer Herkunft nach Hamburg ins kleine Dulsberg zurückzieht. Zurück in ihre ehemalige Schulklasse, in den Aufenthaltsraum, in den sie gegangen ist, wenn sie wieder mal einen epileptischen Anfall hatte. Als Jugendliche litt sie an der Rolando-Epilepsie. Daraus erwuchsen die Sehnsucht und die Hoffnung nach Kontrolle. Eine Hoffnung, die sie in ihrem Hit „Control“, der ihr 2020 den Durchbruch bescherte, verarbeitet. Auch wenn Hamburg der Ausgangspunkt ihrer Karriere war – zu Hause ist sie mittlerweile überall dort, wo Freunde und Familie sind. Die Hansestadt verblasst dabei und wird zur deutschen Provinz. Für ihren Tourabschluss kommt Zoe Wees im April 2022 trotzdem nochmal vorbei.

„Im Studio sein ist für mich Freizeit“

SZENE HAMBURG: Zoe, erst die Late Late Show, jetzt die Tonight Show und ein Auftritt bei den American Music Awards (AMA) – als erste deutsche Künstlerin überhaupt. Wie geht es dir mit dem ganzen Hype um dich? 

Zoe Wees: Das ist verrückt, ich bin die erste schwarze deutsche Künstlerin die dort auftreten durfte…

Hast du damit gerechnet, dass es so kommt?

Sowas von gar nicht. Ich bin überrascht von mir selbst. Ich wusste zwar, dass ich bestimmt irgendwann irgendwas in Amerika schaffen werde, aber so früh? Und dass es gleich so ‚Boom‘ losgeht mit den AMA´s und Jimmy Fallon, das hätte ich nicht gedacht.

Hast du zwischen den ganzen Reisen, Fernsehauftritten und Konzerten überhaupt mal die Möglichkeit runterzukommen?

Aktuell auf jeden Fall. Davor nicht so wirklich, ich war ja auch gerade noch in den USA. Jetzt habe ich aber die Zeit dafür.

Und was machst du dann?

Schlafen, tatsächlich. Ansonsten bin ich gerade viel im Studio. Das ist für mich aber keine Arbeit. Studio sehe ich als Freizeit.

Deine Karriere nahm während der Corona-Pandemie so richtig Fahrt auf. Jetzt sind auch wieder Live-Shows möglich und du siehst das erste Mal ein Publikum vor dir. Wie geht es dir mit Blick auf deine Tour?

Meine Tour beginnt Ende März 2022, das wird krass (strahlt). Ich weiß, dass die Menschen, die kommen werden, ein gutes Herz haben und meine Musik und mich dafür feiern, wie ich bin. Ich werde mich wie zu Hause fühlen. Das wird sehr emotional und sehr schön.

Laut dem Wirtschaftsmagazin Forbes zählst du aktuell zu den 30 einflussreichsten europäischen Unterhaltungskünstlern und -künstlerinnen unter 30…

What´s good, Zoe Wees is here, hello, good morning, I arrived (lacht).

Ich finde alles, was gerade passiert krass und ich weiß nicht, womit ich das verdient habe. Ich weiß nicht, warum das passiert, warum ich das bin. Aber das alles ist crazy shit und sowas habe ich tatsächlich auch noch nie irgendwo gesehen. Das beweist aber auch, dass mein Team, meine gesamte Community und ich richtig gute Arbeit machen.

In „Girls Like Us“ singst du auch von Vertrauen, woran merkst du, wem du in der sehr kommerziellen Musik-Welt vertrauen kannst?

Am meisten Angst hatte ich davor, meinen Major-Deal mit einem großen Label zu unterschrieben. Einige Labels haben mir versprochen, dass sie mich zur größten Künstlerin weltweit machen würden. Bei meinem aktuellen Label (Capitol Records, Anm. d. Red.) war das zum Glück nicht so, die waren realistischer. Bei solchen Dingen hilft mir mein Team hier in Deutschland. Wenn ich die nicht hätte, hätte ich blauäugig alles unterschrieben. Deswegen würde ich allen raten, die in der Musikwelt weiterkommen wollen: Baut euch erstmal ein gesundes Team auf, mit einem Manager, und arbeitet euch hoch. Geht zu Produzenten, dem ersten Label und immer weiter. So lief es bei mir auch.

„Ich möchte sterben, wenn ich nicht Musik schreiben kann“

In „Control“ beschreibst die Hoffnung, die Kontrolle zu behalten. Du hattest als Kind Rolando-Epilepsie, die Krankheit ist mittlerweile ausgeheilt. Ist die Sorge vor Kontrollverlust damit auch verschwunden?

Die Sorge gibt es immer noch. Damals war es der Moment, indem ich auf den Boden gefallen bin und gekrampft habe. Jetzt ist es das Gefühl, wenn ich meinen Körper nicht spüre, zum Beispiel wenn es draußen zu kalt ist oder ich eine Panikattacke habe, dann bin ich erstmal lost.

Und was machst du dagegen?

Ich mache tatsächlich gar nichts, ich lasse es einfach passieren. Denn jedes Mal, wenn ich versucht habe, etwas dagegen zu machen, wurde es schlimmer. Jetzt akzeptiere ich die Situation, wie sie ist.

Du sagst oft, das Musikmachen für dich wie Therapie ist. Wie meinst du das?

Ich möchte Sterben, wenn ich nicht Musik schreiben kann. Im Ernst, dann möchte ich wirklich nicht hier sein. Ohne Musik wäre mein Leben ganz schlimm.

Ich verarbeite in der Musik viel. Sachen wie meine Epilepsie und in „Girls Like Us“ beschreibe ich einen mentalen Zusammenbruch. Aber auch aktuelle Dinge wie im Song „That’s How It Goes“. Darin geht es um Menschen, die nie an meiner Seite waren und die im Moment des Erfolgs plötzlich aufgetaucht sind. Ich schreibe diese Dinge einfach auf. Früher hatte ich eine Therapeutin. Ich habe mich aber dazu entschieden, das zu lassen und mich mit meiner Musik selbst zu therapieren. So wie ich Dinge in meiner Musik ausdrücke, formuliere ich sie auch gegenüber meiner Therapeutin oder meiner besten Freundin. Manchmal habe ich auch Angst, solche persönlichen Dinge zu veröffentlichen.

Wie gehst du mit dieser Angst um?

Ich veröffentliche trotzdem. Denn in dem Moment, indem das passiert, bekommt das Ganze eine neue Energie. Leuten, die sich auch so fühlen, geht es besser und dadurch geht es auch mir besser. Wir geben uns gegenseitig was und das gibt mir ein gutes Gefühl, wenn ich Musik als meine Therapie nutze.

Du arbeitest auch mit Songschreibern zusammen, ist das dann der gleiche Prozess für dich?

Ich fange gerne allein an zu schrieben, aber aufhören kann ich nicht allein. Dafür bin ich nicht fokussiert genug. Ich habe auch schon Songs komplett selbst geschrieben. Wenn wir aber als Freunde zusammen im Studio daran arbeiten, klingt es einfach besser.

Ein magischer Tour-Abschluss

Du bist in Hamburg-Dulsberg aufgewachsen und zur Schule gegangen. Dein Musiklehrer hat dich bei deiner Karriere sehr unterstützt. Gibt es noch mehr Menschen, die dich auf deinem Weg unterstützt haben?

Meine Mama! Ich war nie wirklich gut in der Schule und sie hat dann gesagt: „Zoe, das ist nichts für dich, mach Musik, das ist das, was du willst.“ Meine Mama hat immer gesehen, dass ich das mit der Schule nicht kann und dass ich ins Studio gehöre. Sie hat das unterstützt und das machen bestimmt nicht alle Eltern.

Wann habt ihr denn gemerkt, dass du Musik professionell machen wirst?

Als mein erste Single ‚Control‘ rauskam, habe ich gemerkt: Jetzt ist das offiziell mein Job, es ist nicht mehr nur ein Hobby.

Du warst gerade in Köln, davor in den USA und in Interviews erzählst du, dass England wie eine zweite Heimat für dich geworden ist. Was bedeutet für dich Zuhause?

Zuhause ist für mich ein Gefühl. Das sind meine Mutter, mein Freund oder meine beste Freundin, das ist kein Ort.

Dein Tourfinale 2022 steigt im Hamburger Gruenspan, worauf freust du dich am meisten bei deinem Heimspiel?

Ich freu mich auf die Leute: Meine Mama, ihre Freunde, meine Freunde, einfach alle werden da sein und wir werden viel Spaß haben. Der Tour-Abschluss wird nochmal richtig magisch.

Zoe Wees, am 19. (bereits ausverkauft)  und 20. April 2022 (wenig Restkarten) im Gruenspan


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Frauen kämpfen in „Bombshell“ gegen Sexismus

Mit hochkarätiger Besetzung rekonstruiert US-Regisseur Jay Roach in „Bombshell – Das Ende des Schweigens“ den Missbrauchsskandal beim US-Sender Fox News

Text: Christopher Diekhaus
Interview: Patrick Heidmann

 

Noch bevor der frühere Hollywood­-Mogul Harvey Weinstein im Oktober 2017 wegen sexueller Übergriffe in große Erklärungs­ not geriet, schrieb der Fall des mächtigen Medienmanagers Ro­ger Ailes weltweit Schlagzeilen. Im Sommer 2016 sah sich der CEO des rechtskonservativen US-­Nachrichtensenders Fox News mehreren Belästigungsvorwürfen ausgesetzt und musste am Ende seinen Hut nehmen.

 

Drei Frauen im Zentrum

 

Regisseur Jay Roach, der für die große Leinwand zuletzt das biografische Drama „Trumbo“ inszenierte, versucht sich nun an einer Aufarbeitung der Geschehnisse und stellt dabei drei Frauen in das Zentrum seines Films.

Den Stein ins Rollen bringt die zunächst ins Nachmittagsprogramm abgeschobene, dann entlassene Ex-­Star-­Moderatorin Gretchen Carlson (Nicole Kidman), die gegen Senderleiter Ailes (John Lithgow) eine Klage einreicht. Fox-­Aushängeschild Megyn Kelly (Char­lize Theron) wiederum hält sich zunächst bedeckt, obwohl auch sie unschöne Erfahrungen mit ihrem Chef gemacht hat und von ihm während einer öffentlichen Auseinandersetzung mit Donald Trump nicht gestützt wurde. Vor einer Aussage schreckt anfangs auch die ehrgeizige Journalistin Kayla Pospisil (Margot Robbie) zurück, die dank Ailes auf der Karriereleiter schnell vorangekommen ist.

 

Machtspiele und Missbrauchsstrukturen

 

„Bombshell – Das Ende des Schwei­gens“ will den Zuschauer für ein immens wichtiges Thema sensibilisieren und fängt die Machtspiele und Missbrauchsstrukturen im Hause Fox News wiederholt auf beklemmende Weise ein. Charlize Theron, Nicole Kidman und Margot Robbie, deren fiktive Figur von Drehbuchautor Charles Randolph aus mehreren realen Vorbildern zusammengeschmolzen wurde, liefern sehr engagierte Darbietungen ab – für Theron und Robbie gab’s deshalb Oscar-­Nominierungen als beste Haupt-­ bzw. Nebendarstellerin.

Dennoch kann Roachs Rekonstruktion nicht vollends überzeugen. Einige Entscheidungen und Ereignisse werden zu wenig vertieft. Und noch dazu eifert der Film in Erzähl­- und Inszenierungsstil den clever aufgebauten, rasant getakteten Satirestücken „The Big Short“ und „Vice – Der zweite Mann“ nach, erreicht deren Schwung und Raffinesse jedoch nicht. Sehenswert ist der Film – allein schon wegen der Thematik – trotzdem.

 

 

SZENE HAMBURG: Charlize Theron, Sie spielen in „Bombshell“ die in den USA sehr bekannte Moderatorin Megyn Kelly, die prominenteste der Frauen, die dem Fox­-News­-Chef Roger Ailes sexuelle Belästigung vorwarf. Aber auch eine umstrittene Person, nicht wahr?

Charlize Theron: Oh ja, und ich habe es mir auch alles andere als leicht gemacht, diese Rolle anzunehmen. Ich brauchte Monate, um mich durchzuringen, Megyn Kelly zu einem Teil meines Lebens zu machen. Ohne meinen Freund und Regisseur und Mit-­Produzenten Jay Roach hätte ich es vermutlich nicht gemacht. Erst durch ihn bekam ich dieses Gefühl von Sicherheit, das ich brauchte, um mich wirklich auf all ihre streitbaren Seiten einzulassen statt davor zurückzuschrecken.

Diese Frau machte es mir, im übertragenen Sinne, alles andere als leicht, sie zu umarmen. Und kaum hatte ich es geschafft und wir mit den Dreharbeiten begonnen, wurde sie wegen rassistischer Aussagen beim Sender NBC rausgeschmissen. Ich konnte es gar nicht glauben.

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Oscarreif: Charlize Theron als Hochglanz-Moderatorin (Foto: Wild Bunch Germany)

Haben Sie sich mal mit ihr getroffen?

Theron: Nein, das habe ich gar nicht erst versucht und empfand es auch für meine Arbeit nicht nötig. Aber insgesamt haben wir als Team so viele Frauen wie möglich getroffen, die damals bei Fox News gearbeitet und gegen Ailes Vorwürfe erhoben haben.

Miss Robbie, Ihre Figur dagegen ist eine fiktive Figur. Machte das die Sache ein­facher oder schwieriger?

Robbie: Das kann ich so gar nicht beantworten. In Kayla fließen letztlich die Erfahrungen verschiedener, unbekannt bleibend wollender Fox-­Mitarbeiterinnen zusammen, entsprechend gab es durchaus reale Vorbilder.

Der Grund, weswegen ich anfangs so meine Mühe hatte mit ihr, war eher, dass ich ihren familiären Hintergrund und ihre Weltsicht so wenig nachvollziehen konnte. Aber unser Drehbuchautor Charles Randolph hat selbst eine ähnlich christlich­konservative Herkunft. Er gab mir letztlich die Einblicke, die ich brauchte.

In den USA ist Fox News der meist­ gesehene Nachrichtensender, aber im Rest der Welt spielt er keine allzu große Rolle und kennt man deswegen die Beteiligten dieses Skandals kaum. Ist das nicht ein Problem für einen Film wie „Bombshell“?

Robbie: Das glaube ich nicht, zu­mindest wenn ich von mir selbst ausgehe. Als Australierin bin ich überhaupt nicht mit Fox News aufgewachsen, und weil ich nicht unbedingt ein Nachrich­ten-­Junkie bin, war ich auch mit dem Fall Roger Ailes eher oberflächlich vertraut.

Ich kannte alle die Personen also kaum, um die es in „Bombshell“ geht. Trotzdem war ich vollkommen gepackt von diesem Drehbuch, so wie damals bei „I, Tonya“, wo ich im Vorfeld auch nicht wusste, dass Tonya Harding eine reale Person ist. Ich bin mir sicher, dass man unseren Film überall auf der Welt und ohne Vorkenntnisse sehen und alles verstehen kann und begeistert sein wird.

 

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„Bombshell“ behandelt den Missbrauchsskandal beim US-Sender Fox News (Foto: Wild Bunch Germany)

 

Zumal es ja um mehr geht als nur die Fakten dieses Falls, nicht wahr?

Theron: Auf jeden Fall. Für mich ist das kein Film ausschließlich über die USA, und auch keiner, in dem es darum geht, politisch Stellung zu beziehen. Sondern es geht um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und um die ungleiche Behandlung von Frauen allgemein. Das sind also Menschenrechtsfragen, und die sind doch univer­sell relevant und verständlich.

 

“Mindestens Objektifizierung ist eigentlich allen Frauen vertraut“

 

Was die Frauen bei Fox News erlebten, resultiert also auch nicht speziell aus dem Arbeitsklima einer kompetitiven Medienbranche?

Robbie: Nein, sicher nicht aus­schließlich. Eigentlich kenne ich keine Frau, die in ihrem Arbeitsumfeld nicht schon Vergleichbares erlebt hat. Nicht in diesem Extrem und nicht immer körperlich. Aber mindestens Objektifizierung und aufs Äußerliche abzielende Kommentare sind eigentlich allen Frauen vertraut.

Theron: Ich denke auch, dass wir uns alle sehr bewusst sind, dass so et­was zumindest passieren kann. Und in jedem Berufsfeld auf der ganzen Welt stattfindet. Deswegen ist es auch so wichtig, dass wir uns mit #MeToo oder einer Initiative wie #TimesUp nicht nur auf die Filmbranche konzentrieren, sondern auch beispielsweise die Avoca­do-­Pflückerinnen in Nordkalifornien nicht vergessen.

Regie: Jay Roach. Mit Charlize Theron, Nicole Kidman, Margot Robbie. Ab 13.2.; Preview (OmU) am 10.2., Zeise Kinos, 20 Uhr


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Disney, Pollock und Warhol: Neue Ausstellung

Disney, Rockwell, Pollock und Warhol und ihr Beitrag zum American Way of Life

Text: Karin Schulze

 

Nach den Herren Ba­selitz, Richter, Pol­ke und Kiefer, die in den Deichtorhallen mit ihrem überwiegend durchaus ein­drucksvollen Frühwerk Hof halten, marschiert jetzt eine weitere Garde weißer männ­licher Megakünstler auf: Dis­ney, Rockwell, Pollock und Warhol. Kann das interessant sein? Welchen kühnen Faden schlingt die Ausstellung des Bucerius Kunst Forums um das heterogene Quartett aus einem Trickfilm­-Entrepreneur, einem Americana­-Illustrator und den zentralen Protagonisten des abstrakten Expressionismus und der Pop­ Art?

Alle vier jedenfalls haben Mitte des vergangenen Jahrhunderts die visuelle Kultur der USA entscheidend geprägt. Dabei versucht die Ausstellung zweierlei zu zeigen: Wie prägten ihre Protagonisten das Bild des American Way of Life? Und wie ebneten sie das Gefälle zwischen Avantgarde und Kulturindustrie ein, sodass am Ende, was vorher als „lowbrow“ (Disney), „middlebrow“ (Rockwell) und „highbrow“ (Pollock) galt, in die Pop ­Art Warhols mündete.

Der Trickfilmkünstler und ­produzent Walt Disney (1901– 1966) schaffte mit seinen technisch stets innovativen und mit­ unter auch gewagten Filmen wie „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ oder „Fantasia“ den Weg vom Cartoon zum Medien­imperium. Sein Hang zum Niedlichen stiftete einerseits zu kultureller Verkindlichung an, setzte aber auch ein neues verspieltes Kreativpotenzial frei.

 

 

Norman Rockwell (1894– 1978), der mit Disney befreundet war, schuf sein Werk vor allem in Gestalt der Coverentwürfe für das Massenblatt „The Saturday Evening Post“. Die Motive setzte er meist zuerst mit Modellen in Szene, die er über fotografische und gezeichnete Zwischenstufen am Ende in ein Ölbild übertrug. Sind seine Arbeiten lange konservativ und Moderne­ feindlich ausgerichtet, steht sein „The Connoisseur“ (1961) dann schon vor einem „Pollock“, den Rockwell durchaus ehrfurchtsvoll nachgeschöpft hat.

Jackson Pollocks (1912– 1956) Erfindung des Drip ­Paintings wird im Kalten Krieg als freiheitsliebend und typisch amerikanisch vermarktet. Und Andy Warhol (1928–1987), der Rockwell-­Fan war und zwei seiner Werke besaß, schuf einen Popkulturkosmos aus Siebdrucken, Objekten, Filmen, Partys und medialen Produkten, der die Grenzen zwischen Kunst und Ware, Starkult und Lifestyle einriss.

Interessant ist die Frage nach dem Beitrag der vier zu einer spezifischen US­-Kultur allemal. Vielleicht aber wäre dieser Stoff – distanziert und ernsthaft ideologiekritisch beleuchtet – zwischen Buchdeckeln besser aufgehoben.

Bucerius Kunst Forum: Amerika! Disney, Rockwell, Pollock, Warhol, bis 12.1.2020


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Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, November 2019. Titelthema: Sexualität. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger Literaturpreis: Auch Comics sind Kunst

Die Hamburger Behörde für Kultur und Medien vergibt zum ersten Mal einen ihrer Literaturpreise in der Kategorie „Comic“. Ein Gespräch mit dem Comicautor Sascha Hommer über eine unterschätzte Kunstform

Text: Ulrich Thiele
Foto (o.): Sascha Hommer

 

SZENE HAMBURG: Sascha, du bezeichnest dich als Comicautor, warum nicht als Schriftsteller?

Sascha Hommer: Die meisten Menschen stellen sich unter einem Schriftsteller etwas anderes vor. Der eine Begriff ist nicht auf – oder abwertender als der andere, aber in „Schriftsteller“ steckt das Wort „Schrift“. Ich würde sagen, dass ich Comicautor und Zeichner bin – dann weiß jeder, was gemeint ist.

Mit dem neu eingeführten Literaturpreis hat die Behörde für Kultur und Medien Comics offiziell als literarische Gattung anerkannt.

Die Entscheidung bestätigt, dass in Comicerzählungen viel literarisches Potenzial steckt. Antje Flemming von der Behörde für Kultur und Medien hat vorher für das Literaturhaus gearbeitet. Dort gibt es schon seit Längerem Veranstaltungen wie die Graphic Novel Tage.

Wir hatten sie beim letztjährigen Comicfestival für ein Podium eingeladen zu Themen wie Querverbindungen zu Museen, die schon immer einen anerkannten Kultur-Status haben, und der Frage, warum die Comickultur eine Nische ist.

Warum haftet den Comics das Image des „Kinderkrams“ an?

Das hat hauptsächlich historische Gründe. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland kaum gute Zeichner. Viele waren tot oder im Ausland, weil sie vor der Zeit des Nationalsozialismus für linke Medien als Karikaturisten gearbeitet haben und emigrieren mussten. Es gab einfach keine Tradition, die weitergeführt werden konnte.

In den 50er Jahren waren die deutschen Comics sehr konservativ. Es gab zum Beispiel Hansrudi Wäscher, der Abenteuercomics wie „Nick der Weltraumfahrer“ oder „Sigurd, der ritterliche Held“ für kleine Jungs gezeichnet hat. Oder Rolf Kauka, der „Fix und Foxi“ erschaffen hat. Kauka war ein rechtsnationaler Typ, der in seiner ersten Lizenzierung von „Asterix und Obelix“ für den deutschen Markt aus den Hauptfiguren Germanen gemacht hat.

 

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Vormerken: Vom 27. bis 29. September findet das von Sascha Hommer mitinitiierte Comicfestival Hamburg statt / Foto: Nicole Sturz

 

War das in anderen Ländern anders?

In den 60ern hat sich die Comickultur in Frankreich und den USA stark mit der Gegenkultur und den Hippies verbunden. Diesen Aufbruch gab es in Deutschland nicht, deswegen sind Comics nie so richtig Teil der offiziellen Kultur geworden. Erst in den 90er Jahren gab es vermehrt deutsche Zeichner, die auch international wahrgenommen wurden. Vorher gab es kaum Comics in einer romanhaften Form.

Wurde deswegen der Begriff „Graphic Novel“ kreiert?

Der Begriff kursiert in den USA schon seit den 80ern. Gepuscht von Art Spiegelman und seinen Comics „Maus. Die Geschichte eines Überlebenden“ über seinen Vater, einen Auschwitzüberlebenden. In Deutschland wurde der Begriff 2008 in den Markt eingeführt, weil die Verlage erkannt haben, wie viele tolle Stoffe es mittlerweile auch von deutschen Zeichnern gab. Verkauft wurden diese zunächst fast nur über Fachgeschäfte, also Comicläden.

Doch mit der Graphic Novel haben die Verlage dem Buchhandel eine Möglichkeit geboten, Comics auch für Erwachsene und literarisch interessierte Kunden zu öffnen. Das hat funktioniert und der Begriff hat der Comickultur ganz andere Leserschichten erschlossen.

 

„Der deutsche Markt ist viel weiblicher geworden“

 

Der Begriff war also vor allem als Aufwertung gedacht?

Genau. Wobei sich auch Leute aus der Szene über diese Art der Aufwertung geärgert haben, da sie meinten, dass Comics schon immer gut waren und dies nicht nötig hätten. Aus meiner Sicht hat der Begriff sehr viel verändert, auch insofern, als der deutsche Markt in den letzten 15 Jahren viel weiblicher geworden ist, sowohl die Zeichner als auch die Leser und die Verlage betreffend.

Dazu haben aber auch die Mangas erheblich beigetragen. Inzwischen gibt es übrigens die Tendenz, dass der Schwarze Peter des vermeintlich Trivialen von den Comics zu den Mangas überwandert – was großer Unsinn ist. Es gibt sehr komplexe, literarische Mangas.

Du sagst, dass die Entscheidung der Behörde für Kultur und Medien das Resultat der lebendigen Comicszene in Hamburg ist …

Es begann in den 90ern, als die Szene in Deutschland aufgeblüht ist, es viele neue Undergroundzeichner gab und viele Aktionen durchgeführt wurden. Damals haben einige Leute um die Initiative Comickunst e. V. große Ausstellungen in leer stehenden Supermärkten auf der Reeperbahn organisiert.

Die Presse wurde aufmerksam, sogar die „Tagesschau“. Außerdem sitzt in Hamburg Carlsen, ein wichtiger Comic- Verlag und es gibt die Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Seit Ende der 90er Jahre unterrichtet die Zeichnerin Anke Feuchtenberger dort, ihretwegen bin ich nach Hamburg gekommen. Eine Zeit lang gab es auch das kleine Festival „Heftig“. Als es eingeschlafen ist, habe ich 2006 das Comicfestival Hamburg mitinitiiert.

Wie hat sich das Festival seitdem entwickelt?

Am Anfang gab es nur eine kleine Messe im Kulturhaus 73 und an einer Wand eine Ausstellung. Mit den Jahren haben wir versucht, das Festival zu professionalisieren, mehr Ausstellungen zu organisieren und auch internationale Gäste einzuladen.

Dieses Jahr sind Nick Drnaso aus den USA, Diane Obomsawin aus Kanada, Lizz Lunney aus Großbritannien und das französische Kollektiv Icinori dabei. Für mich ist es wichtig, dass die Hamburger Szene sich auch dem internationalen Vergleich stellen muss – und ihn auch aushalten kann.

Zu deiner Arbeit: Du drückst dich in deinen Comics auch in einer romanhaften Form aus, auf den ersten Blick entsprechen dein Stil und deine minimalistischen Zeichnungen dabei der Vorstellung von Comics als etwas Kindlichem. Wie hat sich dieser Stil bei dir entwickelt?

Mich hat an Comics immer fasziniert, dass man Sachverhalte stark vereinfachen kann, sie aber trotzdem noch wie eine durchgängige Geschichte funktionieren, in die man sich hineinversetzen kann. Ich mag diesen Stil auch als Leser, ich lese gerne die „Peanuts“ und klassische Mangas, die sehr reduziert sind.

Dein Debüt „Insekt“ ist aus der Perspektive eines Heranwachsenden erzählt, der von seinem Umfeld gemobbt wird. Welche Rolle spielt der kindliche Blick als stilistisches Mittel?

Das ist auf jeden Fall ein Trick, der auch als literarisches Motiv oft auftaucht. Zum Beispiel im „Roman eines Schicksallosen“ des ungarischen Schriftstellers Imre Kertész. Bei „Insekt“ war diese Perspektive keine  bewusste Entscheidung.

Irgendwann hat mich mein jüngerer Bruder gefragt, ob das Buch eigentlich von ihm handelt. Das war mir bei der Entstehung nicht bewusst. Oft ist es so, dass man ein Motiv beim Schreiben und Zeichnen entwickelt und erst später feststellt, wo das eigentlich herkommt.

 

„Ich interessiere mich für das Fantastische“

 

Die Szene, in der der Protagonist nackt an einen Baum gefesselt und angepinkelt wird, kommt überraschend …

Gerade weil der Stil so reduziert und teilweise auch niedlich ist, erwartet der Leser eine solche Drastik nicht. Insofern ist das Kindliche ein Stilmittel, mit dem die Erwartungen beim Leser unterlaufen werden können.

Am Ende fliegen der Protagonist und sein Cousin in den Kostümen ihrer Lieblingssuperhelden davon. Welche Rolle spielt das Fantastische?

Ich interessiere mich sehr stark für das Fantastische und mit visuellen Mitteln ist es recht einfach, fantastische Dinge darzustellen, die ambivalent bleiben.

Diese Schlussszene ist ja auch offen. Man kann nicht genau sagen, ob sie jetzt wirklich fliegen oder sie sich das nur vorstellen. Ich versuche immer solche Momente herzustellen, die einen doppelten Boden haben.

Warum ist dir Ambivalenz so wichtig?

Kunst interessiert mich immer dann, wenn sie Subjektivität darstellt und zeigt, dass es immer verschiedene Wahrheiten gibt. In meinem letzten Buch „In China“ geht es um den westlichen Blick auf den Osten, weil ich damals den Eindruck hatte, dass China in Deutschland sehr schwarz-weiß dargestellt wurde. In „Insekt“ wird der Protagonist von seinem Umfeld nicht akzeptiert, womit er umgehen muss. Es geht also wie so oft um Identitätsfragen.

Ich mag Geschichten, die sich wenden, sodass der Leser feststellt, dass alles anders ist, als gedacht. Ich möchte somit Toleranz für den anderen Blick erzeugen, weil die eigene Perspektive nicht absolut ist.

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Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
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