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Bridge & Tunnel: Fair Fashion aus Wilhelmsburg

Ein kleines Wilhelmsburger Textillabel stemmt sich gegen den Fast-Fashion-Strom – und inspiriert die ganz Großen

Text: Leona Stahlmann
Foto: Jakob Börner

 

Die Insel nennen Wilhelmsburger ihren Stadtteil bescheiden. Dabei ist der Bezirk zwischen Norder- und Süderelbe nicht nur die größte der deutschen Elbinseln. Sondern, wie alle guten Inseln, viel mehr als ein bisschen flaches Land mit Wasser drumherum. Eine Insel, das ist immer auch eine Idee – eine Idee davon, dass die Dinge anders laufen können, wenn man es will: Utopia.

Das Hamburger Utopia heißt Wilhelmsburg. Über Brücken und durch Tunnel schlängelt sich die S-Bahn auf die andere Elbseite. Eine Inspiration für Conny. Sie fährt die Strecke jeden Tag zur Arbeit, Altona–Wilhelmsburg und zurück, über Brücken und durch Tunnel. Und hat ihr Unternehmen direkt danach benannt: Bridge & Tunnel heißt das Label, das sie zusammen mit Textildesignerin Lotte führt. Die muss zwar keine Hindernisse überwinden auf dem Weg zum Atelier von Bridge & Tunnel (Lotte lebt in Wilhelmsburg), aber seit 2015 schlägt sie jeden Tag gemeinsam mit Conny Brücken – für ihr insgesamt elfköpfiges Team im Atelier am Veringkanal, das alles anders macht, als es in der Branche üblich ist.

Bridge & Tunnel arbeitet mit Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt sind: Langzeitarbeitslose, Menschen nach einem Burnout und Geflüchtete etwa, die trotz handwerklicher Begabung keine Anstellung finden – zum Beispiel, weil sie ihre Qualifikationen nicht auf Dokumenten nachweisen können. Weil sie sich selbst das Nähen beigebracht, aber nie eine Ausbildung gemacht haben oder Zeugnisse auf der Flucht verloren gegangen sind wie bei Sayed, dem einzigen Mann im Team. Im Irak hat er als Herrenschneider gearbeitet. „Papiere sind uns schnuppe“, sagt Conny schlicht und sehr entschieden. „Hier zählt nur, was jemand kann.“

 

Bei der letzten Ausschreibung gab es 60 Bewerbungen

 

Das hat sich inzwischen herumgesprochen in Hamburg: Bei der letzten Ausschreibung gab es 60 Bewerbungen. Jeder bringt seine Fähigkeiten ein, und alle lernen voneinander – nicht nur das Nähen und Gestalten der schicken Designtextilien, sondern auch und vor allem: mit den Besonderheiten jedes Einzelnen umzugehen. Die gebürtige Russin Swetlana etwa ist gehörlos. „Gar kein Problem!“, versichert Conny. „Mit Lippen- oder Gebärdensprache verstehen wir uns prima.“

Swetlanas Haare leuchten fröhlich knallblau vor den deckenhohen Stoffregalen, aus denen es in allen Blautönen zurückleuchtet: Bridge & Tunnel vernäht ausschließlich Jeansstoffe. Dabei bezahlen sie ihren Mitarbeitern nicht nur faire Löhne, sondern brechen mit ihrer Produktionsweise ganz nebenbei auch noch alle anderen Regeln der Fast-Fashion-Betriebe, die den Weltmarkt der Mode regieren: Alle verarbeiteten Stoffe kommen von bereits getragenen Kleidern. Um eine einzige Jeans herzustellen, braucht es in der konventionellen Textilindustrie 8.000 Liter Wasser. „50 gefüllte Badewannen Wasser sind das!“, sagt Conny, und macht sich auf dem sympathisch abgewetzten Besuchersofa kerzengerade: „Fünfzig!“

In den Räumlichkeiten im Reiherstiegviertel, direkt über dem bekannten Alternativclub Turtur, werden unter den Händen von Sayed, Swetlana und den anderen Näherinnen alte Jeanshosenbeine und verwaschene Jeansjacken zu schicken Blousons, Taschen oder Kissen. Wer sich von seinen alten Jeans gar nicht trennen mag, kann das Leben der Lieblingsfestivalhose bei Bridge & Tunnel verlängern lassen: „Neulich haben wir aus den Jeans eines Brautpaars ein Ringkissen für die Hochzeit genäht“, erzählt Conny, „oder aus Umstandshosen nach zwei Schwangerschaften eine Reisetasche.“

 

Das Label gibt Menschen auf dem Arbeitsmarkt eine zweite Chance

 

Das Label gibt nicht nur Menschen auf dem Arbeitsmarkt eine zweite Chance, sondern auch unseren abgelegten Textilien. Aus ganz Deutschland schicken Menschen inzwischen Kleiderspenden zu Bridge & Tunnel, „Mit Liebesbriefen obendrauf“, erzählt Conny, „Und Schokolade fürs Team.“ Dass Fair Fashion und Upcycling gut ankommen und Verbraucher bewusster konsumieren wollen, merken derweil auch die großen Unternehmen – und orientieren sich an kleineren Playern, die den Fortschritt zwar mit kleinerer Marktmacht, aber viel größerer Agilität vorantreiben können.

Wenn dann große Tanker und kleine Kähne aufeinander- treffen, können sie sich ergänzen: Seit dem Herbst kooperiert Bridge & Tunnel mit einer Marke, die jedem Deutschen geläufig sein dürfte – und zwar nicht unbedingt ihrer Nachhaltigkeitspolitik wegen. Mit dem Claim „Jede Woche eine neue Welt“ hat das Traditionshaus Tchibo bislang Produkte in die Haushalte gebracht, dessen Sinnhaftigkeit nicht immer erkennbar ist: So nützliche Alltagshilfen wie der „LED-Toilettenpapierhalter“ oder den „mitzählenden Bierflaschenöffner“ zählen dazu, Konsumwelten also, die im Wochenrhythmus von einer neuen Produktpalette abgelöst werden.

Viele dieser Artikel sind aus Plastik hergestellt, ihre Lebensdauer ist begrenzt. Tatsächlich arbeitet Tchibo mit seiner Nachhaltigkeitsabteilung bereits seit 14 Jahren daran, seine Produktion nachhaltiger und fairer zu machen. So experimentiert Tchibo seit rund zwei Jahren erfolgreich mit einem Leihservice für Kinderkleidung. Über die Website tchibo-share.de können Eltern von T-Shirt bis Schneeanzug alles ausleihen, was benötigt wird, und zahlen eine monatliche Leihgebühr. Wachsen die Kinder aus den Kleidern heraus, werden sie zurückgeschickt und können vom Nächsten ausgeliehen werden, und so weiter und so fort.

Bis die Kleidung schließlich auseinanderfällt – und da kommt Bridge & Tunnel ins Spiel: Aus diesen Resten verschlissener Kinderkleidung stellt das Team noch einmal etwas Neues her: Bauchtaschen, Haarbänder, jedes Stück ein Unikat. Die beiden Unternehmen verlängern durch ihre Kooperation also den Produktkreislauf der Kleider um einen weiteren Schritt. Das hat so gut geklappt, dass wir uns im nächsten Jahr auf eine Ausweitung der Zusammenarbeit freuen können – es geht voran, mit kleinen Schritten auf eine neue Perspektive zu. Nicht nur in Wilhelmsburg können die Dinge anders laufen: rauf aufs Festland mit diesen Ideen!

bridgeandtunnel.de

 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2019. Das Magazin ist seit dem 29. November 2019 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Gegen das Holocaust-Vergessen – Erinnerungen an Rosa

Mit Theater, Musik und Kunst wird vom 20. bis 25. Mai im Wilhelmsburger „Tor zur Welt“ an deportierte Sinti und Roma erinnert

Text: Karin Jirsak
Foto: Tobias Corts

Ihr Markenzeichen war eine Rose im Haar, weshalb man die Kurzwarenhändlerin Amanda Mechau nach dem Krieg liebevoll „Rosa“ taufte. Nicht nur in den Straßen Wilhelmsburgs war sie sehr bekannt für ihre zupackende Art und ihre Großherzigkeit, aber auch wegen ihrer markanten Erscheinung. „Sie hat oft auf dem Stübenplatz gestanden und einen Zigarrenstumpen in einer kurzen Pfeife geraucht“, weiß Christiane Richers, Initiatorin der Veranstaltungsreihe „Zeich(n)en gegen das Vergessen“.

Heute gibt es nur noch zwei Zeitzeugen, die sich an dieses und andere Bilder der Hamburger Holocaust-Überlebenden Amanda „Rosa“ Mechau erinnern. Es gibt kein Buch über ihre bewegte Geschichte, keinen Wikipedia-Eintrag im Netz. Gerade deshalb ist Rosa die passende Patin für ein interdisziplinäres Kunstprojekt, das vom 20. bis zum 25. Mai im Wilhelmsburger Bildungszentrum „Tor zur Welt“ an die Geschichten deportierter Sinti und Roma erinnert – mit einer Ausstellung, Theaterstücken, Gesprächen und Musik.

 

Große und impulsive Porträts

 

Rosa Mechau, geboren 1913, starb Anfang der 1980er Jahre in Harburg. Seitdem sind fast vierzig Jahre vergangen. Mit den Zeitzeugen verschwinden auch die Erinnerungen – dem entgegenzuwirken hat sich der Maler und Fotograf Manfred Bockelmann seit sieben Jahren zur Lebensaufgabe gemacht; seine Porträts wurden unter anderem in Wien, Barcelona und New York ausgestellt. Insgesamt 35 seiner bislang 180 Zeichnungen werden nun in der Pausenhalle des Helmut-Schmidt-Gymnasiums zu sehen sein.

Die mit Kohle auf Jute gezeichneten Porträts zeigen vor allem Kinder und Jugendliche, die in Konzentrationslagern zu Tode kamen. „Ich wollte diese Porträts auf sperrige, große Formate bringen, weil der Betrachter einen stärkeren Impuls erhält, sich mit dem einzelnen Schicksal zu beschäftigen“, erklärt Bockelmann.

 

 

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Ein Porträt, das der Künstler eigens für die Ausstellung anfertigt, hebt nun auch Rosa Mechau aus dem Dunkel des Vergessens. Am 20. Mai wird die Ausstellung eröffnet – genau 79 Jahre nach dem Tag, an dem die vor dem Krieg in Harburg lebende Sintiza mit ihrer Familie in das Konzentrationslager Belzec in Ostpolen deportiert wurde. Zwei ihrer Kinder verhungerten dort, Rosa überlebte. Traumatisiert kehrte sie zurück, aber zum Trauern blieb wenig Zeit.

Bald nahm sie ihre Händlerinnentätigkeit wieder auf. Auf ihren Geschäftswegen durch Wilhelmsburg und Harburg begegnete sie vielen, die im Krieg alles verloren hatten. Sie half, wo sie konnte, besorgte, was nötig war, brachte Brot, Leberwurst und Margarine in die sogenannten Nissenhütten, zu den Ärmsten der Armen, ohne Gegenleistung. „Iss erst mal“, sagte sie dann, wie Zeitzeugen und Theater-am-Strom-Regisseurin und Autorin Christiane Richers berichteten.

 

Rosa im Theater begegnen

 

Dank Gesprächen mit ihnen und umfangreichen Recherchen im Stadtarchiv ergab sich bei den Vorbereitungen der Veranstaltungsreihe ein sehr lebendiges Bild von Amanda Rosa Mechau, aus dem sich das Stück „Rosa begegnen“ entwickelte. Im Rahmen von „Zeich(n)en gegen das Vergessen“ stellt Theater am Strom die noch in der Entstehung befindliche Produktion erstmals vor, nach der Veranstaltungsreihe wird das Stück in das dauerhafte Programm des Theaters aufgenommen.

Mit „Fruchtschuppen C – Ab Hamburg Ab“ führt eine weitere Theater-am-Strom-Produktion in die HafenCity, wo eine bunt gemischte Besichtigungsgruppe mit der Geschichte der Verfolgung von Sinti und Roma konfrontiert wird. Dem Thema widmet sich auch die szenische Lesung „Spiel Zigeunistan“, basierend auf Gesprächen mit zwei Mitgliedern der Wilhelmsburger Sinti-Familie Weiss. Zum Abschluss der Reihe verbindet das Kako Weiss Ensemble Musikstücke der jiddischen und Sinti-Tradition mit modernen Jazz-Einflüssen.

Nach dem Auftakt in Wilhelmsburg wird die Reihe „Zeich(n)en gegen das Vergessen“ im September in der Zentralbibliothek weitergeführt, im Oktober zeigt die Studiobühne des Ernst-Deutsch-Theaters die Uraufführung von „Rosa begegnen“ – denn ihre Geschichte darf gerade heute nicht vergessen werden. Richers: „Uns ist es wichtig, ein Zeichen zu setzen gegen den in manchen Kreisen verbreiteten Wunsch, die Vergangenheit ruhen zu lassen.“

Zeich(n)en gegen das Vergessen: Bildungszentrum Tor zur Welt, 20.-25.5


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Vogelball und Butterland – Maskenball und Dockville-Warm-up

Open Air Kurz vor dem MS Dockville Festival wird auf dem Gelände am Wilhelmsburger Reiherstieg unter freiem Himmel und zu elektronischer Musik getanzt.

Fast schon traditionell läutet der August die heiße hanseatische Festivalphase ein. Das erste Wochenende steht ganz im Zeichen des CSD, und so heißt es beim Vogelball endlich wieder „Vorhang auf für schräge Vögel!“. Der queere Maskenball erfreut sich im mittlerweile siebten Jahr größter Beliebtheit und lockt mit heißen Elektro-Beats vor der coolen Hafenkulisse Besucher jeglicher Couleur nach Wilhelmsburg. Natur und Industrie kreieren hier einen einzigartigen Vibe, verrückte Nachteulen treffen auf tanzfreudige Goldkehlchen, Federboas, Konfetti und Feenstaub so weit das Auge reicht. Zu den künstlerischen Performances lässt auch das internationale Lineup keine Wünsche offen: Die US-amerikanische Künstlerin Honey Dijon, Rapper Cakes da Killa oder die Sängerin Noga Erez aus Tel-Aviv sorgen neben weiteren Highlights für die passende klangvolle Untermalung der bunten Piepshow.

Butterland in Sicht.

Kaum ist der Glitzer vom Samstag abgewaschen und die letzte Feder aus dem Haar gezerrt, geht’s schon wieder los am Reiherstieg: Mit dem Butterland steht die größte Tanzveranstaltung auf dem malerischen Gelände an, ein besseres Warm-up fürs Dockville ist kaum vorstellbar. So sollte jeder Sonntag sein, unbeschwert, sommerlich, untermalt von energetischen Beats, nur tanzen, genießen und das Hafenpanorama bestaunen. DJ Pretty Pink schmeißt die heißesten Deep House-Perlen auf die Plattenteller, Kalipo und auch Amount sorgen mit ihren Dance-Tracks für Ekstase auf der Tanzfläche und Lexy und K-Paul sind sowieso Meister darin, die Menge zum Toben zu bringen. Sunday is fun day.

Text: Katrin Flenner
Foto (o.): Pablo Heimplatz

4.8.,Vogelball, 16 Uhr und 5.8., Butterland, 14 Uhr; Dockville-Gelände


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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