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Portrait: Basketball-Coaching-Talent Sükran Gencay

Sükran Gencay ist mit den Basketballern des ETV in die 2. Liga Pro B aufgestiegen, es war der sechste Aufstieg in acht Jahren. Über ein außergewöhnliches Coaching-Talent

Text: Matthias Greulich

 

Sükran Gencay verdreht Augen, als sie einen Spieler der gegnerischen Mannschaft über eine Schiedsrichterentscheidung lamentieren hört. „Spiel’ doch mal Basketball“, ruft sie dem Zwei-Meter-Mann zu. Der Schlaks sieht die 160 Zentimeter große Frau mit dem schwarzen T-Shirt an und hört tatsächlich auf zu meckern.

„Ich mag klare Ansagen, das war schon immer so“, sagt die 34-Jährige, die als Headcoach mit den ETV Basketballern im Frühjahr sensationell in die 2. Bundesliga aufgestiegen ist. Es ist der sechste Aufstieg, seitdem Gencay vor acht Jahren das Team in der Kreisliga übernahm. Wenn in der dritthöchsten deutschen Spielklasse wie geplant am 16. Oktober die Saison beginnen kann, heißen die Gegner ART Giants Düsseldorf, Rhein Stars Köln oder SC Rist Wedel. Einige Spieler in der 2. Bundesliga Pro B können vom Basketball leben, andere sind Halbprofis oder opfern wie die Eimsbütteler Amateure fast ihre gesamte Freizeit für ihr Hobby. Das gilt auch für ihre ehrgeizige Trainerin, die als Projektmanagerin arbeitet und die Basketballabteilung des ETV ehrenamtlich leitet.

 

Ganz oder gar nicht

 

Der Job in einer Logistikfirma macht Gencay unabhängig: „Ich habe wenig Freizeit, sehe die Konstellation aber eher als Vorteil. Basketball bleibt eine Leidenschaft. Ich habe nicht diesen extremen Druck wie andere Trainer.“ Allerdings verzichtet sie in dieser Saison erstmals darauf, selber zu spielen. Bei der BG West, der Basketballgemeinschaft des SV Eidelstedt und des SV Lurup, könnte sie zwar gelegentlich aushelfen, aber „ich will dem Team dann auch gerecht werden“. Etwas nur halb zu machen, widerstrebe ihr.

Bräuchte man übrigens eine Referentin, um die Vorteile des Mannschaftssports zu schildern, wäre Gencay denkbar geeignet. „Die Möglichkeiten, sich als Persönlichkeit weiterzuentwickeln, hast du sonst nicht im Alltag“, findet sie. Umso mehr gilt das für die sehr vielfältige ETV Basketball Community. „Das ist einer unserer größten Reichtümer.“ Die Muslima ist dafür ein Beispiel. In Wilhelmsburg aufgewachsen, ging sie in St. Georg zur Schule und begann beim ETV Basketball zu spielen. Die Towers gab es noch nicht, es war für Wilhelmsburger Mädchen mit türkischen Wurzeln Mitte der 1990er Jahre nicht selbstverständlich, im Verein Basketball zu spielen. „Da ist meine Generation so etwas wie ein Türöffner.“ Mittlerweile seien junge Frauen wie sie in den Vereinen viel präsenter.

 

Wertschätzender Umgang

 

Je höher die Spielklasse ist, der die ETV Basketballer angehören, desto mehr wird es für Außenstehende ein Thema, dass da eine Frau Männer in der dritten Liga trainiert. „Anfangs hat mich das wütend gemacht, weil es für mich nie wichtig war“, sagt Gencay. Inzwischen sehe sie das Interesse der Medien entspannter. „Es ist noch keine Normalität, aber das kann sich ändern.“ Davon, dass Frauen ein Team anders führen als Männer, ist sie überzeugt. „Es geht um einen wertschätzenden Umgang miteinander.“ Sie schaffe es, deutliche Ansagen an der Seitenlinie mit einem guten Verhältnis zum Team zu verbinden, was im Leistungsbasketball eher selten ist.

Als ihre Spieler vor zwei Jahren als Aufsteiger in der Regionalliga reihenweise Spiele verloren, ging das Team reichlich deprimiert in die Weihnachtspause. Der Klassenerhalt war angesichts der vielen Niederlagen weit aus dem Blick geraten. Sükran Gencay schickte jedem ihrer Spieler einen handgeschriebenen Brief, in dem sie an die Stärken jedes Einzelnen im Kader erinnerte. In Zeiten von WhatsApp waren diese Briefe so außergewöhnlich, dass viele Spieler sich noch an den Inhalt erinnern können. „Das Schriftliche hat einen besonderen Wert, ich habe mir genau überlegt, was ich schrieb“, sagt Gencay. Und dass der ETV wieder an sich zu glauben begann, war ein erster Schritt für den Klassenerhalt, der einige Monate später tatsächlich gefeiert werden konnte. „Manchmal bin ich auch nett“, sagt sie und lacht.


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Hamburger Nachwuchs: Hier blühen die Kinder auf

Sören Marx, 24, Psychologiestudent und ehrenamtlicher Mitarbeiter beim Hamburger Sozialunternehmen „Climb“, über sein Engagement bei den „Lernferien“ in Wilhelmsburg und warum dieses Angebot neben der klassischen Grundschule so wichtig ist

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Sören, wie würdest du die Climb-Lernferien beschreiben?

Sören Marx: Die Climb- Lernferien sind ein besonderes Förderprogramm für Grundschulkinder, mit dem wir kreativ und sehr individuell auf die Kinder eingehen und vor allem auf ihre Stärken eingehen. Die Climb-Schulferien tun ihnen gut und bringen Spaß. Climb ist eine Möglichkeit zu sehen, was Grundschülern möglich ist, wenn sie die Mittel und die Aufmerksamkeit bekommen, ihr Potenzial voll auszuschöpfen.

Was ist der Unterschied zu herkömmlichen Nachhilfe-Angeboten?

Fachlich bringen auch wir Deutsch und Mathematik bei, aber wir wollen vor allem persönliche Kompetenzenfördern. Climb arbeitet mit einer bildlichen Metapher der Schiffscontainer, was in Hamburg mit seinem Hafen ja besonders passt. Die Kinder geben sich nach jedem Tag, nach jeder Einheit einen Container, auf denen die einzelnen Kompetenzen notiert sind: Selbstbewusstsein, Durchhaltevermögen, Rücksicht, Teamfähigkeit, Planungs- und Umsetzungskompetenz. Die Kinder reflektieren so, was sie an dem jeweiligen Tag fachlich erreicht haben, aber auch unter welchen Umständen sie das taten.

Wer stellt das Programm zusammen?

Bevor wir in die Schulen gehen, um das Programm anzubieten, treffen wir uns an zwei intensiven Vorbereitungswochenenden, um das Programm zu entwerfen und zu besprechen. Es werden Beispiele, aber auch schwierige Situationen besprochen und wie man mit diesen umgeht. Der grundsätzliche Ansatz ist, auf die Kinder, ihre Kenntnisse und Bedürfnisse einzeln einzugehen. Es gibt keinen festen Leitfaden, aber eine vorab festgelegte Tagesstruktur. Der kreative Handlungsspielraum hat mir an dem Ansatz von Climb besonders gefallen. Wobei einem im Vorfeld viele Möglichkeiten gezeigt werden, wie man die Unterrichtseinheiten gestalten kann.

 

„Die Schüler, bei denen es sich als schwierig herausstellt, sind am Ende diejenigen die am häufigsten kommen.“

 

Hast du bei deinem Einsatz schwierige Situationen erlebt?

Wir hatten in Wilhelmsburg eine Schülerin, die sich verweigerte, wenn ihr die Aufgaben nicht gefielen und dann mit verschränkten Armen, auf den Boden guckend auf ihrem Platz saß.Das zog sich die gesamten zwei Wochen durch. Am Anfang versucht man sie durch Dialog zu erreichen, dann durch Kompromisse, dann durch Verhandlung. Wir sind damit allerdings nicht weit gekommen. Sie sagte immer, dass sie unfair behandelt wird. Und wir versuchten ihr zu erklären, dass es fair ist, wenn für die gesamte Klasse die gleichen Regeln gelten und wir nicht fortlaufend Zugeständnisse machen können, wenn sie die einzige ist, die bei einem Spiel oder einer Einheit nicht mitmachen möchte oder ihren Platz nicht aufräumen will. Teilweise haben wir sie auch einfach mal bocken lassen und sind mit dem Unterricht fortgefahren. Tatsächlich kam sie von allein. Die Schüler, bei denen es sich als schwierig herausstellt, sind am Ende diejenigen die am häufigsten kommen.

Was hat dich dazu bewogen, bei Climb mitzumachen?

Die individuelle Arbeit mit Schulkindern interessiert mich. Vergangenes Jahr war ich in Indien und habe dort in den Schulen über psychische Störungen und psychologisches Grundwissen gesprochen. Da merkte ich, dass es das Potenzial gibt, Kinder auch abseits des normalen Unterrichts zu fördern. Ich bin davon überzeugt, dass solche Programme viel bewirken können. Es mag aber auch daran liegen, dass ich keine so gute Schulzeit hatte und mir damals eine entsprechende Unterstützung gewünscht hätte.

Wer nutzt das Angebot von Climb?

Es sind vor allem Eltern interessiert, die der Ansicht sind, dass ihre Kinder viel leicht mit dem Schulstoff ein wenig hinterher waren. Climb bietet die Möglichkeit, das wieder aufzuarbeiten und darüber hinaus etwas zu lernen – ohne die Eltern in hohe Kosten zu treiben.

 

„Keine offenen Lebensmittel mehr und Maskenpflicht im Gebäude“

 

Was kostet die Teilnahme bei den Climb-Lernferien?

Hauptsächlich finanziert sich Climb über Spenden der Förderer. Eltern, die Bildungsund Teilhabe-Berechtigte sind, können gemeinsam mit Climb einen Antrag stellen, sodass Kosten – zum Beispiel für Ausflüge – vom Amt übernommen werden. Dies trifft auf einen Großteil der in Hamburg teilnehmenden Kinder zu. Familien, die nicht Bildungs- und Teilhabe-Berechtigte sind, zahlen den regulären Hamburger Ferienbetreuungssatz der Schulen, welcher sich am Gehalt der Eltern orientiert.

Wie läuft ein Tag bei Climb ab?

Der Tag besteht aus zwei Teilen. Vormittags ein gemeinsamer Start. Dafür haben wir uns mit den Kindern eine Geschichte ausgedacht, dass wir uns auf einem Boot befinden und von Hamburg aus eine Reise machen. Jeden Tag kamen wir dann in einem anderen Land an. Auf dem Smartboard haben wir die Flaggen projiziert – und die Kinder durften raten, wo wir gerade sind. Dann haben wir – das war auch ganz schön – jeden Tag die Begrüßung aus dem jeweiligen Land eingeübt. Diese Rituale führten dazu, dass es bei uns in der Klasse so gut funktionierte. Dann folgen nach dem Frühstück die kreativen und spielerischen Lernzeiten mit Mathe und Deutsch und nach einer großen Pause der Nachmittag mit den Projekten. In der ersten Woche haben wir Boote aus Kork gebaut und haben die dann auch in einem kleinen See fahren lassen. In der zweiten Woche haben wir einen Globus aus einem Luftballon gebastelt.

War die Situation durch Corona anders als sonst?

Ich habe zwar nicht den direkten Vorher-Nachher- Vergleich, aber wir mussten unser Konzept schon anpassen. Also keine offenen Lebensmittel mehr und Maskenpflicht im Gebäude. Ich stelle mir das für die Lehrer sehr schwer vor, die Maskenpflicht permanent zu kontrollieren, so wichtig und richtig das auch ist. Es sind nun mal Kinder – und die haben ihre Aufmerksamkeit überall – nur nicht dabei, ob sie gerade eine Maske aufhaben dürfen oder nicht, oder ob sie den Abstand zu allen anderen halten. Das fällt ja selbst Erwachsenen nicht leicht.

 

„Das überträgt sich auch direkt im Selbstbewusstsein der Kinder“

 

Wie bekommen die Eltern mit, dass es Climb gibt?

In Wilhelmsburg gibt es das Angebot schon mehrere Jahre – da sind wir entsprechend präsent. Ich schätze mal, dass etwa 80 Prozent der Kinder, die diesmal da waren, schon mal dabei gewesen sind. Die Schulleiterin steht sehr hinter dem Konzept und kommuniziert das auch.

Woran erkennt man, dass die Kinder etwas von den Lernferien mitnehmen?

Zum einen sieht man, dass die mathematische Fähigkeiten besser werden. Kinder, die am Anfang sagten, dass sie alles außer Addieren nicht können, können zum Ende der zwei Wochen an der Tafel, vor den anderen Kindern, schwierige Aufgaben lösen. Das Gleiche gibt es auch im Schriftlichen: Auch hier blühen die Kinder mit der Zeit auf und schreiben am letzten Tag ein komplettes DIN-A4- Blatt voll. Zudem sieht man anhand der Containerschiffe, wie sehr die Kompetenzen zugenommen haben. Das überträgt sich auch direkt im Selbstbewusstsein der Kinder. Mein Highlight war ein Mädchen, mit dem ich in der ersten Woche ein Buch über das Radieschen-Pflanzen gelesen hatte. Am nächsten Tag habe ich einen Blumentopf und Erde mitgebracht – und wir haben Radieschen-Samen gepflanzt. Am letzten Tag lief sie nach dem Abschied raus, kam wenig später wieder reingerannt und schnappte sich voller Stolz ihren Blumentopf.

Climb Lernferien

 


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Bridge & Tunnel: Fair Fashion aus Wilhelmsburg

Ein kleines Wilhelmsburger Textillabel stemmt sich gegen den Fast-Fashion-Strom – und inspiriert die ganz Großen

Text: Leona Stahlmann
Foto: Jakob Börner

 

Die Insel nennen Wilhelmsburger ihren Stadtteil bescheiden. Dabei ist der Bezirk zwischen Norder- und Süderelbe nicht nur die größte der deutschen Elbinseln. Sondern, wie alle guten Inseln, viel mehr als ein bisschen flaches Land mit Wasser drumherum. Eine Insel, das ist immer auch eine Idee – eine Idee davon, dass die Dinge anders laufen können, wenn man es will: Utopia.

Das Hamburger Utopia heißt Wilhelmsburg. Über Brücken und durch Tunnel schlängelt sich die S-Bahn auf die andere Elbseite. Eine Inspiration für Conny. Sie fährt die Strecke jeden Tag zur Arbeit, Altona–Wilhelmsburg und zurück, über Brücken und durch Tunnel. Und hat ihr Unternehmen direkt danach benannt: Bridge & Tunnel heißt das Label, das sie zusammen mit Textildesignerin Lotte führt. Die muss zwar keine Hindernisse überwinden auf dem Weg zum Atelier von Bridge & Tunnel (Lotte lebt in Wilhelmsburg), aber seit 2015 schlägt sie jeden Tag gemeinsam mit Conny Brücken – für ihr insgesamt elfköpfiges Team im Atelier am Veringkanal, das alles anders macht, als es in der Branche üblich ist.

Bridge & Tunnel arbeitet mit Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt sind: Langzeitarbeitslose, Menschen nach einem Burnout und Geflüchtete etwa, die trotz handwerklicher Begabung keine Anstellung finden – zum Beispiel, weil sie ihre Qualifikationen nicht auf Dokumenten nachweisen können. Weil sie sich selbst das Nähen beigebracht, aber nie eine Ausbildung gemacht haben oder Zeugnisse auf der Flucht verloren gegangen sind wie bei Sayed, dem einzigen Mann im Team. Im Irak hat er als Herrenschneider gearbeitet. „Papiere sind uns schnuppe“, sagt Conny schlicht und sehr entschieden. „Hier zählt nur, was jemand kann.“

 

Bei der letzten Ausschreibung gab es 60 Bewerbungen

 

Das hat sich inzwischen herumgesprochen in Hamburg: Bei der letzten Ausschreibung gab es 60 Bewerbungen. Jeder bringt seine Fähigkeiten ein, und alle lernen voneinander – nicht nur das Nähen und Gestalten der schicken Designtextilien, sondern auch und vor allem: mit den Besonderheiten jedes Einzelnen umzugehen. Die gebürtige Russin Swetlana etwa ist gehörlos. „Gar kein Problem!“, versichert Conny. „Mit Lippen- oder Gebärdensprache verstehen wir uns prima.“

Swetlanas Haare leuchten fröhlich knallblau vor den deckenhohen Stoffregalen, aus denen es in allen Blautönen zurückleuchtet: Bridge & Tunnel vernäht ausschließlich Jeansstoffe. Dabei bezahlen sie ihren Mitarbeitern nicht nur faire Löhne, sondern brechen mit ihrer Produktionsweise ganz nebenbei auch noch alle anderen Regeln der Fast-Fashion-Betriebe, die den Weltmarkt der Mode regieren: Alle verarbeiteten Stoffe kommen von bereits getragenen Kleidern. Um eine einzige Jeans herzustellen, braucht es in der konventionellen Textilindustrie 8.000 Liter Wasser. „50 gefüllte Badewannen Wasser sind das!“, sagt Conny, und macht sich auf dem sympathisch abgewetzten Besuchersofa kerzengerade: „Fünfzig!“

In den Räumlichkeiten im Reiherstiegviertel, direkt über dem bekannten Alternativclub Turtur, werden unter den Händen von Sayed, Swetlana und den anderen Näherinnen alte Jeanshosenbeine und verwaschene Jeansjacken zu schicken Blousons, Taschen oder Kissen. Wer sich von seinen alten Jeans gar nicht trennen mag, kann das Leben der Lieblingsfestivalhose bei Bridge & Tunnel verlängern lassen: „Neulich haben wir aus den Jeans eines Brautpaars ein Ringkissen für die Hochzeit genäht“, erzählt Conny, „oder aus Umstandshosen nach zwei Schwangerschaften eine Reisetasche.“

 

Das Label gibt Menschen auf dem Arbeitsmarkt eine zweite Chance

 

Das Label gibt nicht nur Menschen auf dem Arbeitsmarkt eine zweite Chance, sondern auch unseren abgelegten Textilien. Aus ganz Deutschland schicken Menschen inzwischen Kleiderspenden zu Bridge & Tunnel, „Mit Liebesbriefen obendrauf“, erzählt Conny, „Und Schokolade fürs Team.“ Dass Fair Fashion und Upcycling gut ankommen und Verbraucher bewusster konsumieren wollen, merken derweil auch die großen Unternehmen – und orientieren sich an kleineren Playern, die den Fortschritt zwar mit kleinerer Marktmacht, aber viel größerer Agilität vorantreiben können.

Wenn dann große Tanker und kleine Kähne aufeinander- treffen, können sie sich ergänzen: Seit dem Herbst kooperiert Bridge & Tunnel mit einer Marke, die jedem Deutschen geläufig sein dürfte – und zwar nicht unbedingt ihrer Nachhaltigkeitspolitik wegen. Mit dem Claim „Jede Woche eine neue Welt“ hat das Traditionshaus Tchibo bislang Produkte in die Haushalte gebracht, dessen Sinnhaftigkeit nicht immer erkennbar ist: So nützliche Alltagshilfen wie der „LED-Toilettenpapierhalter“ oder den „mitzählenden Bierflaschenöffner“ zählen dazu, Konsumwelten also, die im Wochenrhythmus von einer neuen Produktpalette abgelöst werden.

Viele dieser Artikel sind aus Plastik hergestellt, ihre Lebensdauer ist begrenzt. Tatsächlich arbeitet Tchibo mit seiner Nachhaltigkeitsabteilung bereits seit 14 Jahren daran, seine Produktion nachhaltiger und fairer zu machen. So experimentiert Tchibo seit rund zwei Jahren erfolgreich mit einem Leihservice für Kinderkleidung. Über die Website tchibo-share.de können Eltern von T-Shirt bis Schneeanzug alles ausleihen, was benötigt wird, und zahlen eine monatliche Leihgebühr. Wachsen die Kinder aus den Kleidern heraus, werden sie zurückgeschickt und können vom Nächsten ausgeliehen werden, und so weiter und so fort.

Bis die Kleidung schließlich auseinanderfällt – und da kommt Bridge & Tunnel ins Spiel: Aus diesen Resten verschlissener Kinderkleidung stellt das Team noch einmal etwas Neues her: Bauchtaschen, Haarbänder, jedes Stück ein Unikat. Die beiden Unternehmen verlängern durch ihre Kooperation also den Produktkreislauf der Kleider um einen weiteren Schritt. Das hat so gut geklappt, dass wir uns im nächsten Jahr auf eine Ausweitung der Zusammenarbeit freuen können – es geht voran, mit kleinen Schritten auf eine neue Perspektive zu. Nicht nur in Wilhelmsburg können die Dinge anders laufen: rauf aufs Festland mit diesen Ideen!

bridgeandtunnel.de

 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2019. Das Magazin ist seit dem 29. November 2019 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Gegen das Holocaust-Vergessen – Erinnerungen an Rosa

Mit Theater, Musik und Kunst wird vom 20. bis 25. Mai im Wilhelmsburger „Tor zur Welt“ an deportierte Sinti und Roma erinnert

Text: Karin Jirsak
Foto: Tobias Corts

Ihr Markenzeichen war eine Rose im Haar, weshalb man die Kurzwarenhändlerin Amanda Mechau nach dem Krieg liebevoll „Rosa“ taufte. Nicht nur in den Straßen Wilhelmsburgs war sie sehr bekannt für ihre zupackende Art und ihre Großherzigkeit, aber auch wegen ihrer markanten Erscheinung. „Sie hat oft auf dem Stübenplatz gestanden und einen Zigarrenstumpen in einer kurzen Pfeife geraucht“, weiß Christiane Richers, Initiatorin der Veranstaltungsreihe „Zeich(n)en gegen das Vergessen“.

Heute gibt es nur noch zwei Zeitzeugen, die sich an dieses und andere Bilder der Hamburger Holocaust-Überlebenden Amanda „Rosa“ Mechau erinnern. Es gibt kein Buch über ihre bewegte Geschichte, keinen Wikipedia-Eintrag im Netz. Gerade deshalb ist Rosa die passende Patin für ein interdisziplinäres Kunstprojekt, das vom 20. bis zum 25. Mai im Wilhelmsburger Bildungszentrum „Tor zur Welt“ an die Geschichten deportierter Sinti und Roma erinnert – mit einer Ausstellung, Theaterstücken, Gesprächen und Musik.

 

Große und impulsive Porträts

 

Rosa Mechau, geboren 1913, starb Anfang der 1980er Jahre in Harburg. Seitdem sind fast vierzig Jahre vergangen. Mit den Zeitzeugen verschwinden auch die Erinnerungen – dem entgegenzuwirken hat sich der Maler und Fotograf Manfred Bockelmann seit sieben Jahren zur Lebensaufgabe gemacht; seine Porträts wurden unter anderem in Wien, Barcelona und New York ausgestellt. Insgesamt 35 seiner bislang 180 Zeichnungen werden nun in der Pausenhalle des Helmut-Schmidt-Gymnasiums zu sehen sein.

Die mit Kohle auf Jute gezeichneten Porträts zeigen vor allem Kinder und Jugendliche, die in Konzentrationslagern zu Tode kamen. „Ich wollte diese Porträts auf sperrige, große Formate bringen, weil der Betrachter einen stärkeren Impuls erhält, sich mit dem einzelnen Schicksal zu beschäftigen“, erklärt Bockelmann.

 

 

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Ein Porträt, das der Künstler eigens für die Ausstellung anfertigt, hebt nun auch Rosa Mechau aus dem Dunkel des Vergessens. Am 20. Mai wird die Ausstellung eröffnet – genau 79 Jahre nach dem Tag, an dem die vor dem Krieg in Harburg lebende Sintiza mit ihrer Familie in das Konzentrationslager Belzec in Ostpolen deportiert wurde. Zwei ihrer Kinder verhungerten dort, Rosa überlebte. Traumatisiert kehrte sie zurück, aber zum Trauern blieb wenig Zeit.

Bald nahm sie ihre Händlerinnentätigkeit wieder auf. Auf ihren Geschäftswegen durch Wilhelmsburg und Harburg begegnete sie vielen, die im Krieg alles verloren hatten. Sie half, wo sie konnte, besorgte, was nötig war, brachte Brot, Leberwurst und Margarine in die sogenannten Nissenhütten, zu den Ärmsten der Armen, ohne Gegenleistung. „Iss erst mal“, sagte sie dann, wie Zeitzeugen und Theater-am-Strom-Regisseurin und Autorin Christiane Richers berichteten.

 

Rosa im Theater begegnen

 

Dank Gesprächen mit ihnen und umfangreichen Recherchen im Stadtarchiv ergab sich bei den Vorbereitungen der Veranstaltungsreihe ein sehr lebendiges Bild von Amanda Rosa Mechau, aus dem sich das Stück „Rosa begegnen“ entwickelte. Im Rahmen von „Zeich(n)en gegen das Vergessen“ stellt Theater am Strom die noch in der Entstehung befindliche Produktion erstmals vor, nach der Veranstaltungsreihe wird das Stück in das dauerhafte Programm des Theaters aufgenommen.

Mit „Fruchtschuppen C – Ab Hamburg Ab“ führt eine weitere Theater-am-Strom-Produktion in die HafenCity, wo eine bunt gemischte Besichtigungsgruppe mit der Geschichte der Verfolgung von Sinti und Roma konfrontiert wird. Dem Thema widmet sich auch die szenische Lesung „Spiel Zigeunistan“, basierend auf Gesprächen mit zwei Mitgliedern der Wilhelmsburger Sinti-Familie Weiss. Zum Abschluss der Reihe verbindet das Kako Weiss Ensemble Musikstücke der jiddischen und Sinti-Tradition mit modernen Jazz-Einflüssen.

Nach dem Auftakt in Wilhelmsburg wird die Reihe „Zeich(n)en gegen das Vergessen“ im September in der Zentralbibliothek weitergeführt, im Oktober zeigt die Studiobühne des Ernst-Deutsch-Theaters die Uraufführung von „Rosa begegnen“ – denn ihre Geschichte darf gerade heute nicht vergessen werden. Richers: „Uns ist es wichtig, ein Zeichen zu setzen gegen den in manchen Kreisen verbreiteten Wunsch, die Vergangenheit ruhen zu lassen.“

Zeich(n)en gegen das Vergessen: Bildungszentrum Tor zur Welt, 20.-25.5


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Vogelball und Butterland – Maskenball und Dockville-Warm-up

Open Air Kurz vor dem MS Dockville Festival wird auf dem Gelände am Wilhelmsburger Reiherstieg unter freiem Himmel und zu elektronischer Musik getanzt.

Fast schon traditionell läutet der August die heiße hanseatische Festivalphase ein. Das erste Wochenende steht ganz im Zeichen des CSD, und so heißt es beim Vogelball endlich wieder „Vorhang auf für schräge Vögel!“. Der queere Maskenball erfreut sich im mittlerweile siebten Jahr größter Beliebtheit und lockt mit heißen Elektro-Beats vor der coolen Hafenkulisse Besucher jeglicher Couleur nach Wilhelmsburg. Natur und Industrie kreieren hier einen einzigartigen Vibe, verrückte Nachteulen treffen auf tanzfreudige Goldkehlchen, Federboas, Konfetti und Feenstaub so weit das Auge reicht. Zu den künstlerischen Performances lässt auch das internationale Lineup keine Wünsche offen: Die US-amerikanische Künstlerin Honey Dijon, Rapper Cakes da Killa oder die Sängerin Noga Erez aus Tel-Aviv sorgen neben weiteren Highlights für die passende klangvolle Untermalung der bunten Piepshow.

Butterland in Sicht.

Kaum ist der Glitzer vom Samstag abgewaschen und die letzte Feder aus dem Haar gezerrt, geht’s schon wieder los am Reiherstieg: Mit dem Butterland steht die größte Tanzveranstaltung auf dem malerischen Gelände an, ein besseres Warm-up fürs Dockville ist kaum vorstellbar. So sollte jeder Sonntag sein, unbeschwert, sommerlich, untermalt von energetischen Beats, nur tanzen, genießen und das Hafenpanorama bestaunen. DJ Pretty Pink schmeißt die heißesten Deep House-Perlen auf die Plattenteller, Kalipo und auch Amount sorgen mit ihren Dance-Tracks für Ekstase auf der Tanzfläche und Lexy und K-Paul sind sowieso Meister darin, die Menge zum Toben zu bringen. Sunday is fun day.

Text: Katrin Flenner
Foto (o.): Pablo Heimplatz

4.8.,Vogelball, 16 Uhr und 5.8., Butterland, 14 Uhr; Dockville-Gelände


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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