Denn man tau! – Hamburgs neue Literaturzeitschrift Tau

Die Literaturzeitschrift Tau ist Hamburgs neues Multiformatmagazin – für Prosa, Lyrik, Essays, dramatische und sogar gattungsfreie Texte. Ein Gespräch mit den drei Machern über gewollte Unvorhersehbarkeit und Hamburgs Literaturbetrieb.

Am Tag ihrer Geburt sind Literaturjournale noch mehr oder weniger spröde Informationsorgane der Universitäten, die die Gelehrten im Wissenschaftsbetrieb mit Besprechungen aktueller Literatur versorgen sollen. Etwa im 17. Jahrhundert entstehen sie aus der Notwendigkeit eines lebendigen Wissenschaftsdiskurses und werden deshalb von den Universitäten auch noch selbst finanziert.

Heute, 400 Jahre später, gibt es nicht mehr die alte Notwendigkeit und auch nicht mehr selbstverständliche Subventionen. In der Folge sind Literaturzeitschriften kämpferische Minderheit im Kunstbetrieb geworden und nicht selten abhängig von den Zuwendungen einzelner Personen oder größerer Investoren.

Preisgekrönter Nachwuchs

Aus der neuen Autonomie entwickelt sich schließlich eine neue künstlerische Maxime: Gegen den Common Sense steuern, in dem Ausgefallenes zum Hauptgegenstand ernannt wird. Und obwohl einige Literaturmagazine in den letzten Jahren zugrunde gegangen sind, sieht der Status quo für Hamburg gut aus:  So ist neben den gestandenen Literaturmagazinen immer auch Platz für Nachwuchs. Zu ihnen gehört das juvenile Tau-Magazin. Gefördert durch die Hamburger Behörde Kultur und Medien, sieht das vierköpfige Autorenkollektiv ihr Printbaby als Dialog zwischen den Kunstformen und den Menschen.

Dazu tragen auch Autoren wie der gebürtige Palästinenser Ghayath Almadhoun bei. Er wurde Erstplatzierter der Litprom-Bestenliste: mit seinem im Zürich-Hamburgischen Arche Verlag ins Deutsche übersetzen Lyrikband „Ein Raubtier names Mittelmeer“. Ebenso der Hamburger Lars Henken. Er ist – wie Co-Herausgeber Jonis Hartmann – Mitglied im Hamburger Schreibatelier Writers’ Room und wurde zuletzt 2010 mit dem Literaturpreis des Lions Club Moorweide ausgezeichnet. Die Liste der hiesigen Textschöpfer ist lang und liest sich wie ein Talentverzeichnis. Tau ist ihr Memento aus Papier.

SZENE HAMBURG: Jonis, Sascha und Marie-Alice, wie kamt ihr auf die Idee, eine freie Literaturzeitschrift zu gründen?

Sascha Preiß: Wir drei und Nathalie Keigel, die auch zum Gründungsteam gehört, waren 2016 Mitglieder im Forum Hamburger Autorinnen und Autoren, das Texte für eine Hamburg-Ausgabe der belgischen Literaturzeitschrift „Deus ex Machina“ beisteuern wollte. Irgendwann stellte uns der betreuende Redakteur die Frage: „Wenn es in Hamburg keine Literaturzeitschrift nach euren Vorstellungen gibt, warum macht ihr nicht einfach selbst eine?“ Eine gute Frage, fanden wir und haben dann eine Reihe von Finanzanträgen an etliche Förderinstitutionen gestellt, die alle abgelehnt wurden – außer vom Elbkulturfonds. Jetzt können wir Tau genau nach unseren Vorstellungen machen.

Das Tau-Team: Nathalie Keigel, Jonis Hartmann, Marie-Alice Schultz, Sascha Preiß (v. l. n. r.). Foto: Sebastian Klimmek

Und wie sind eure Vorstellungen?

Marie-Alice Schultz: Eine Strecke mit nichtliterarischer Kunst wie Zeichnungen oder Fotografien gehört fest zum Heft. Am Anfang steht ein oft zufälliges Thema, das uns als Autoren selbst reizt, bei dem wir Leere-Seiten- Hunger empfinden. Das bedeutet, wir stolpern über ein merkwürdiges Wort oder eine irre Formulierung, wie zum Beispiel „Akute Langwaffen“. Das haben wir dann zum Thema der ersten Ausgabe von Tau gemacht.

Sascha: Unsere Themen sind roh und offen, weshalb es ausschließlich künstlerische literarische Beiträge gibt und keine Rezensionen oder Reportagen. Die nichtliterarische Kunststrecke setzt den Rahmen und bestimmt das Design der jeweiligen Ausgabe.

Jonis Hartmann: Konzeptionell ist uns allen wichtig, immer zwei bis drei fremdsprachliche Originale im Heft zu haben, um den Vielklang von Literatur erfahrbar zu machen. Handel, Hafen, Tor zur Welt: Was für Hamburg und wofür diese Stadt steht, lässt sich so hervorragend darstellen.

Was passiert zwischen den Ausgaben?

Sascha: Zwischen den zwei Ausgaben pro Jahr lebt Tau vor allem von Lesungen, die elementarer Bestandteil des Konzeptes sind. In diesen Momenten ist es dann nicht nur eine Zeitschrift, die irgendwo steht, sondern etwas über das gesprochen wird und das lebendig bleibt. Tau zieht ihre Kreise demnächst sogar bis nach Mostar, weil wir den Text eines bosnischen Autors zum Thema „Akute Langwaffen“ aufgenommen haben.

 

Hamburg hatte etwas Alternatives, was ich inzwischen vermisse

 

Welche Rolle spielt Hamburg für Tau?

Jonis: Die Stadt, in der eine Zeitschrift wie unsere erscheint, hat den maximalen Einfluss auf das Produkt. Wir alle haben uns in den letzten Jahren an Hamburg und am Literaturbetrieb der Stadt abgearbeitet, wissen, was hier möglich ist und was nicht – allein darüber ist der Konsens entstanden, dass eine Literaturzeitschrift nach unseren Vorstellungen genau richtig ist. Eine Zeitschrift mit einem konzeptuellen Schwerpunkt auf Hamburger Autoren – das ist schön, wichtig und verbindend.

Marie-Alice: In Hamburg dominieren das Kaufmännische und die Kreativwirtschaft – immer vor dem Hintergrund, was dabei rausspringt. Tau ist ein Gegenentwurf dazu. Denn Hamburg war nicht immer so, sondern hatte lange auch etwas Alternatives oder sogar Anarchistisches, was ich inzwischen vermisse. Durch die Förderung haben wir jetzt den Raum, alles zu publizieren und nicht profitabel im betriebswirtschaftlichen Sinn sein zu müssen. Bei uns darf es wirklich um die Texte gehen.

Und die werden sogar gesetzt, gedruckt und gebunden. War eine Online-Zeitschrift je eine Option für euch?

Jonis: Man kann Online-Zeitschriften machen, aber die haben eine deutlich geringere Aufmerksamkeit. Wir können hingegen sagen: Ich habe hier ein Heft, das durch das kleinere Format sogar buchartig aussieht. Hier zeigt sich wieder, wie Konzept und Förderung ineinandergreifen: Ohne das Geld wäre uns weder die opulente Gestaltung noch die Herstellung eines Druckerzeugnisses möglich.

Zu guter Letzt: Was bedeutet denn Tau?

Jonis: Mit einem Tau macht man Schiffe fest und lässt sie wieder fahren, schreibt Griechisch, nährt die Wüste, wandelt in fernöstlicher Gelassenheit (zumindest so ähnlich: tao oder dao, Anm. d. Red.) und geht auf Hamburgisch los. Denn man tau!

Text:Jenny V. Wirschky
Interview: Dorthe March

Die zweite Ausgabe zum Thema Wertekind erschien am 21.10.18, Details und Termine auf tau-texte.de

Die ungekürzte Fassung dieses Textes ist zu finden in der Printausgabe SZENE HAMBURG, November 2018.



 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2018. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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