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Vom Film zum Theater: Philipp Stölzl

Philipp Stölzl _ Der lange Schlaf: Matti Krause, Daniel Hoevels (c) Knut Koops
„Der lange Schlaf“ am Deutschen Schauspielhaus ist die erste Inszenierung von Philipp Stölzl an der Kirchenallee (©Knut Koops)

In der deutschsprachigen Erstaufführung von „Der lange Schlaf“ soll ein globaler Ganzjahresschlaf den Kollaps des Planeten verhindern. Philipp Stölzl – bekannt durch seine Kinoerfolge „Der Medicus“ und „Ich war noch niemals in New York“ – inszeniert erstmals am Deutschen Schauspielhaus

Interview: Dagmar Ellen Fischer

SZENE HAMBURG: Philipp Stölzl, „Der lange Schlaf “ heißt im englischen Original „Hibernation“ („Winterstarre“) und entwirft eine eigenwillige Vision: Alle Menschen werden für ein Jahr in künstlichen Schlaf versetzt, damit unser Planet sich erholen kann. Haben Sie sich das Stück selbst ausgesucht?

Philipp Stölzl: Ja, hab’ ich. Wir sichteten viele Stücke, auch Klassiker, dann habe ich dieses Stück entdeckt, das bisher nur in Australien gezeigt wurde. Mich hat es sofort begeistert, weil es von einer tollen Prämisse ausgeht. Man sucht immer die Relevanz: Warum macht man welches Stück zu welcher Zeit? Mir geht es wie vielen von uns: Die Herausforderung des Klimawandels ist die drängende Frage unserer Zeit, gerade wenn man Kinder hat. Und es ist gar nicht so einfach, darüber etwas im Theater zu erzählen. Dieses Stück mit seiner großen Metapher und den Fragestellungen ist total heutig.

„Die Generation meines Vaters hat es verkackt“

Der australische Autor Finegan Kruckemeyer schrieb das Drama nach der Erfahrung des ersten Lockdowns …

Es ist Dystopie, Utopie und Diskurs zugleich: Wissenschaftler entwickeln ein Schlafgas für lange Raketenreisen, um zu anderen Planeten zu fliegen und neue Lebensräume zu finden, weil unser Planet kaputt ist. Dann kommt jemand auf die Idee: Wir pumpen dieses Gas in die Atmosphäre. Das ist einerseits eine tolle Heil-Idee, gleichzeitig eine wahnwitzige Vergewaltigung: Alle schlafen, auch jene, die gar nicht wollen. Mit unbekannten Folgen! Ich finde das sehr interessant, weil es die Grundfrage stellt, wie viel Zwang, wie viel Diktatur brauchen wir, um als Menschheit zu überleben?

„Wie viel Diktatur brauchen wir, um als Menschheit zu überleben?“
Philipp Stölzl

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Er kann auch Oper: Philipp Stölzl inszenierte Giuseppe Verdis „Rigoletto“ bei den Bregenzer Festspielen 2019 (©Dominik Odenkirchen)

Wie würden Sie diese Frage beantworten?

Unsere demokratische Gesellschaft setzt stark auf Individualismus. Viele denken, jeder habe das Recht auf ein Ferienhaus auf Mallorca und müsse da jedes Wochenende hinfliegen. Nur: Wenn wir an unser Überleben denken, müssen wir auch überlegen, ob man diese Freiheiten dafür aufgeben oder einschränken müsste. Aber die Leute drehen ja schon durch, wenn die „Letzte Generation“ sich auf Straßen und Rollfelder klebt – wozu sie aus meiner Sicht jedes Recht hat. Ich habe drei Kinder, ich denke in deren Lebenszeit und der deren Kinder. Wenn sie alt sind, sollen sie nicht sagen: Die Generation meines Vaters hat es verkackt und diesen Planeten in einem schrecklichen Zustand hinterlassen.

Wartet das Stück mit einer Perspektive auf, wie viel Maßregelung wir brauchen, um unseren Kindern das Überleben zu sichern?

Das Stück beleuchtet viele Seiten, sodass die Zuschauer und Zuschauerinnen sich im besten Fall selber eine Meinung bilden – in der Art, wie die Figuren gezeichnet sind, was im Text zu finden ist sowie an Dingen, die man so oder so sehen kann. Der Abend entlässt das Publikum mit der Aufgabe, nachzudenken, einen Standpunkt zu finden. Das ist Teil dessen, was Theater soll.

„Es steckt kein strategischer Plan dahinter“

Sie haben als Bühnenbildner am Theater begonnen, gestalten Sie die Ausstattung auch in „Der lange Schlaf “?

Ja, gemeinsam mit meiner Mitarbeiterin Franziska Harms. Ich denke Stücke immer stark in Räumen. Außerdem ist es ein natürliches Miteinander, ein Prozess, in dem ich das eine gar nicht vom anderen trennen kann.

In unterschiedlichen Lebensphasen konzentrierten Sie sich auf verschiedene Genres – Videoclips, Kinofilme, Opern …

Es steckt kein strategischer Plan dahinter. Ich habe früh im Theater angefangen, mit 22 war ich ein im Beruf stehender Bühnenbildner. Mit Ende 20 dachte ich, das kann es nicht sein für den Rest des Lebens. Musikvideos beispielsweise sind eine Erzählform, die auch mit Träumen, Bildern, Farben und Energie zu tun haben. Jetzt gehe ich sozusagen zurück zum Theater. Was dieses unmittelbare Medium am besten kann, ist, Geschichten erzählen. Einfache Geschichten, die das Publikum hoffentlich eine Katharsis erleben lassen und nach dem Theaterabend als etwas andere Menschen ausspucken.

„Der lange Schlaf“ am Deutschen Schauspielhaus, Premiere: 20. Januar 2023; weiter Termine: 24.1., 1.2., 5.2. und mehr

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