Kritiker hatten Ernest Hemingway literarisch schon für tot erklärt, da veröffentlichte er 1952 „Der alte Mann und das Meer“. Es sollte die letzte Publikation vor seinem Freitod 1961 bleiben. Sie wirkt wie eine enorme finale Kraftanstrengung – so wie jene, von der er in der berühmten Novelle erzählt: Nach 84 erfolglosen Fahrten wagt sich ein Fischer weit aufs Meer hinaus, nach endlosem Kräftemessen mit einem großen Marlin erlegt er das Tier, doch auf dem langen Weg nach Hause fressen Haie seinen Fang auf, nur das Gerippe bleibt übrig. Wie der Fisch am Ende, so sieht das Boot schon zu Beginn des 135 Minuten dauernden Abends aus – eine tolle Idee der Bühnenbildnerin María Martínez Peña. Stefan Hallmayer übernimmt in diesem Solo sowohl die Rolle des Fischers als auch jene des Erzählers; seine kurze Verwandlung in einen Hai indes ist ebenso peinlich wie entbehrlich. Mitunter weiß er mit seinem Spiel zu fesseln, dann aber möchte man ihm keinen weiteren Ruderschlag in unbekannte Gefilde folgen. Das indes liegt vor allem an der Inszenierung, die ähnlich ziellos dahinplätschert: Luca Zahn, Hallmayers Sohn, ist für Übersetzung, Bühnenfassung und Regie verantwortlich. Hemingways existenzielle Themen – Einsamkeit, Respekt vor der Natur, Verzweiflung und das trotzige Aufbegehren eines wild entschlossenen Mannes gegen die schwindenden Kräfte im Alter – kommen nur verwässert über die Rampe. Der alte Fischer betet, fleht zu Gott, legt sogar ein Gelübde ab; schließlich spricht er mit seinem Gegner unter Wasser wie zu einem Bruder und redet sogar auf seine im Krampf erstarrte Hand ein, die ihm aus Erschöpfung den Dienst versagt – doch all das berührt kaum, so als sei es Seemeilen entfernt. Selbst die Kämpfe Mann gegen Hai bleiben kühl wie eine erfrischende Brise. Vielleicht sollte Ernest Hemingway nur gelesen und nicht gespielt werden. / Dagmar Ellen Fischer
Theater
23. April 2026
Theaterkritik: Der alte Mann und das Meer
Fleischlose Umsetzung eines Klassikers

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