Treffen sich zwei Elternpaare … So beginnt der abendfüllende Witz über den gewaltigen Aufruhr in einer Kleinstadt – ausgelöst durch den Kuss zweier Neunjähriger. Erzählt wird er von Anne Lenk, leitende Regisseurin am Thalia Theater, in hundert Minuten. Ihre Inszenierung von „The Boys Are Kissing“ wurde dort begeistert gefeiert. Geschrieben hat die Farce der junge britische Autor Zak Zarafshan. Sein Erstlingsdrama wirkt wie die Fortsetzung von Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“, nun indes sexuell konnotiert und in einer Konstellationsvariante: Ein lesbisches und ein Hetero-Paar überlegen, wie man reagieren sollte auf den „Vorfall“ – so ihre Umschreibung des Kusses. „Es geht um die Kinder!“, beteuern die vier, doch die beiden Jungen tauchen bezeichnenderweise im Stück gar nicht auf. Stattdessen fantasieren die Eltern, welche Konsequenzen der auf dem Schulhof öffentlich ausgetauschte Kuss für die Schullaufbahn ihrer Söhne haben könnte. Sind sie jetzt schon als schwul stigmatisiert? Der einzige Vater bekennt im Krisengespräch: „Ich würde meinen Sohn auch lieben, wenn er ein Serienmörder wäre!“ Was folgt, ist gegenseitiges Unterstellen von Intoleranz und Spießigkeit. Bald ergänzt um Rassismus, da eine Mutter des lesbischen Paars als Person of Color ohnehin in der überschaubaren Community als exotisch wahrgenommen wird. Schulleiterin, Elternvertretung und prügelnde Väter auf dem Kindergeburtstag sorgen für eine kontinuierliche Eskalation. Der wollen zwei Engel entgegenwirken, entsandt vom „Himmelsorden der queeren Wächter*innen“, doch ihre Einflussnahme ist überschaubar, die Menschen bleiben borniert. Wenn ein Dialog in Richtung Impulsvortrag über die tunlichst zu vermeidende Engstirnigkeit abdriftet, senkt Lenk den verbal erhobenen Zeigefinger durch einen lakonischen, trockenen Tonfall. Ein unterhaltsamer (Ex-)Kurs in Sachen Sorgeberechtigung.
Theater
10. Juli 2026
Theaterkritik: The Boys Are Kissing
Zwei Elternpaare im Krisenmodus

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