Eine unbeschwerte, weibliche Stimme aus dem Off kündigt im Prolog des Theaterstücks „Vor dem Fall (Le Vertige)“ von Hadrien Raccah in den Kammerspielen an, worauf die Handlung hinauslaufen soll: Einer von vier langjährigen Freunden, die als Tom, Lisa, Ben und Marc vorgestellt werden, wird vom Balkon springen und seinem Leben ein Ende bereiten. Da das französische Wort „Vertige“ Höhenangst bedeutet, unter der einer aus dem Quartett ebenso leidet, wie der Held aus Alfred Hitchcocks „Vertigo“, ahnt das Publikum schnell, wer das Opfer der eigenen seelischen Abgründe sein wird. Trotzdem verleiht das Damoklesschwert, das über dem Abend schwebt, der deutschen Erstaufführung in der Regie von Martin Woelffer eine Tiefe, die sonst fehlen würde.
Vor dem Fall: Der Kampf gesehen zu werden
Denn die vier Enddreißiger, die auf besagtem Balkon zusammengekommen sind, haben keine sonderlich originellen Probleme: Tom (etwas zu selbstgefällig: Max von Pufendorf), der gerade Vater geworden ist und auf dessen Party sich die anderen befinden, hat eine Affäre mit Lisa (charismatisch: Nadine Schori), in die auch sein arbeitsloser Bruder Ben (wirkt angemessen verzweifelt: Marius Bistritzky) schon lange verliebt ist. Marc (macht den schwierigen Charakter der Figur deutlich: Alexander Wipprecht), der selbst gerade verlassen wurde, verurteilt das Liebesverhältnis der Freunde und verabscheut den stets überlegenen Tom, was er ihm nun erstmals sagt. Während jenseits des Bühnengeschehens die Party stattfindet (auch Toms Ehefrau tritt nicht in Erscheinung) sind die einander hassliebenden Freunde ganz mit sich selbst beschäftigt und kämpfen darum, von den anderen gesehen zu werden. Das ist zuweilen witzig, manchmal langweilig und in besonderen Momenten berührend: etwa als die vier, im Regen unter einem Sonnenschirm sitzend und den Song „Those Were the Days“ schmetternd, der alten Zeiten gedenken.
Die Kritik ist zuerst in der SZENE HAMBURG/06 erschienen.

