Nora Schumacher: „Wichtig, kontinuierlich vor Ort zu sein“

Nora Schumacher ist seit zwei Jahren künstlerische Leiterin am Ohnsorg-Theater. Als Regisseurin lässt sie in der Komödie „Veer Lüüd in’n Nevel – Reif für die Insel“ vier verzweifelte Männer auf einem einsamen Eiland stranden
Die gebürtige Hamburgerin war vor ihrer Theaterkarriere als Grafikerin tätig: Nora Schumacher
Die gebürtige Hamburgerin war vor ihrer Theaterkarriere als Grafikerin tätig: Nora Schumacher (©G2 Baraniak)

SZENE HAMBURG: Nora Schumacher, seit 2024 sind Sie in einer Doppelspitze mit Anke Kell künstlerische Leiterin des Großen Hauses am Ohnsorg-Theater. Mit welchen Wünschen und Ideen sind Sie vor zwei Jahren Ihren Posten angetreten?

Nora Schumacher: Sowohl Anke Kell als auch ich haben eine Geschichte mit diesem Haus. Ich habe vor Jahren schon angefangen, hier zu assistieren und dann erste Regiearbeiten gemacht. Als wir gefragt wurden, ob wir die Stelle übernehmen möchten, haben wir zugesagt, weil wir dieses Theater und die plattdeutsche Sprache einfach lieben. Wir wollten nichts auf links drehen oder das Ohnsorg-Theater neu erfinden. Wir suchen nach tollen Geschichten, die zu Norddeutschland und zur plattdeutschen Sprache passen, die unterhalten, amüsieren, bewegen und zu Herzen gehen.

Wann entstand Ihre Liebe zur plattdeutschen Sprache?

Ich hatte ehrlich gesagt keinen besonderen Bezug dazu, bevor ich ans Ohnsorg-Theater kam. Gerade deshalb hatte ich mich sehr auf meine erste Regieassistenz gefreut. Ich dachte: Jetzt lerne ich Platt! Pustekuchen, man lernt eine Sprache nicht in sechs Wochen. Trotzdem habe ich sofort Feuer gefangen und im Laufe weiterer Assistenzen auch gut reingefunden.

Nora Schumacher: „Das Stück und der Humor darin sind wirklich erstaunlich gut gealtert“

Er will nur hier raus! In Nora Schumachers Inszenierung irren „vier Leute im Nebel“ (©Sinje Hasheider)

Eine eigene Bühnenfassung von „Max und Moritz“ war 2018 Ihr Einstieg als Regisseurin am Ohnsorg-Theater. Seither haben Sie dort viele Märchen-Adaptionen auf die Bühne gebracht. Ihre Inszenierung von „De leven Öllern“ wurde 2023 live im Fernsehen übertragen und auch Ihre folgenden Regiearbeiten kamen bei Publikum und Presse sehr gut an. Wie sind Sie auf das Stück „Veer Lüüd in’n Nevel – Reif für die Insel“ gestoßen?

Ich habe es vor etwa 20 Jahren im Theater Combinale in Lübeck gesehen, und fand es damals schon interessant. Später habe ich eine Bearbeitung für das Theater Wedel gemacht, die Handlung gestrafft und den Schauplatz – eigentlich der Lake District im Nordwesten Englands – nach Norddeutschland verlegt, ohne dabei schon ans Ohnsorg-Theater zu denken. Diese Bearbeitung kam mir jetzt natürlich zugute.

„Veer Lüüd in’n Nevel“ ist die plattdeutsche Übersetzung der englischen Komödie „Neville’s Island“ von Tim Firth. Das Stück wurde vor über 30 Jahren geschrieben. Haben Sie viele Aktualisierungen am Text vorgenommen?

Nein, nur ein paar technische Details, zum Beispiel zu einem Handy, das schon damals eine große Rolle spielte. Das Stück und der Humor darin sind wirklich erstaunlich gut gealtert.

Es gibt eine Verfilmung des Stoffes für das britische Fernsehen …

Die habe ich tatsächlich gesehen. Ich finde die Bühnenfassung allerdings deutlich amüsanter.

Es handelt von vier Abteilungsleitern, die an einem Wochenende zur Team-Bildung auf einer einsamen Insel stranden. Bilden sie auf dieser Insel ein gutes Team?

Im Gegenteil. Wir können den vier Protagonisten genüsslich dabei zusehen, wie sie an der Aufgabe scheitern, diese Krise als Team zu bewältigen. Jede Situation endet in einer Katastrophe.

Sicher treffen da auch sehr unterschiedliche Typen aufeinander …

Allerdings. Und es bietet ordentlich Zündstoff, dass diese vier Charaktere, zwei Tage und Nächte miteinander auskommen und sich mit sich selbst und den anderen auseinandersetzen müssen. Dass es zum großen Knall kommt, ist vorprogrammiert.

Über Sprachen 

Am Ohnsorg-Theater war mit „Kalenner-Deerns“ 2018 bereits ein anderes Stück von Tim Firth zu sehen. Dort haben sechs Frauen für einen guten Zweck hüllenlose Kalenderfotos von sich gemacht. In „Veer Lüüd in’n Nevel“ sind es vier Männer, die in der Wildnis gewissermaßen von allen zivilisatorischen Umgangsformen und Hemmnissen entkleidet werden. Lernen wir am Ende etwas über den „Mann an sich“?

Zumindest stellt das Stück die ein oder andere Zuschreibungen an Männlichkeit auf den Prüfstand: Die vier Kollegen kentern mit einem Ruderboot, versagen bei dem Versuch, ein Lagerfeuer am Laufen zu halten und verfallen bei Einbruch der Dunkelheit in kollektives Gruseln. Es zeigt sich, dass das vermeintlich „starke Geschlecht“ in dieser Situation deutlich weniger souverän agiert, als man es gemeinhin annehmen würden.

Wobei der Autor selbst im letzten Jahr auch eine rein weibliche Version seines Stück mit dem Titel „Sheila’s Island“ vorgelegt hat …

Man sucht heute verstärkt nach Theaterstoffen mit interessanten Frauenrollen, wovon es leider nach wie vor zu wenig gibt. Deshalb werden Stücke, die ursprünglich für Männer geschrieben wurden, immer häufiger für Frauen adaptiert. Das kann toll gelingen, aber in diesem Fall erschien uns das Original stimmiger als die Bearbeitung.

Seit vielen Jahren fährt das Ohnsorg-Theater sprachlich zweigleisig: In vielen Inszenierung wird neben Platt- auch Hochdeutsch gesprochen. Wie sind die beiden Sprachen in „Veer Lüüd in’n Nevel – Reif für die Insel“ verteilt?

Im Großen Haus wird primär Plattdeutsch gesprochen. Manchmal gibt es hochdeutsche Anteile, die betreffen aber in der Regel maximal ein Drittel des Textes und müssen sich dramaturgisch anbieten. Wenn eine Figur beispielsweise aus Süddeutschland zu Besuch kommt, ist es nachvollziehbar, warum sie kein Platt spricht und alle anderen Figuren auf Hochdeutsch umswitchen müssen, wenn sie mit ihr kommunizieren. In „Veer Lüüd in’n Nevel“ bot sich Zweisprachigkeit nicht sinnvoll an, deshalb wird ausschließlich Plattdeutsch gesprochen.

Der zweisprachige Titel könnte einen da auf die falsche Fährte locken …

Wir haben uns grundsätzlich für zweisprachige Titel entschieden, um Berührungsängste zu nehmen. Denn wer sich auch ohne Plattkenntnisse auf unsere Bühnensprache einlässt, ist meist positiv überrascht davon, wie gut man sie versteht.

Nora Schumacher: „Ich dachte: Jetzt lern ich Platt!“

Machen Sie sich generell Sorgen, dass es immer schwieriger wird, ein Publikum für plattdeutsche Aufführungen zu finden? An Schulen wird die Sprache ja kaum unterrichtet.

In den Schulen in Schleswig-Holstein läuft es ganz gut mit der plattdeutschen Sprache, in Mecklenburg-Vorpommern kann sie mittlerweile sogar als Abiturfach gewählt werden. In Hamburg wird sie allerdings weniger unterrichtet. Insofern bewegt uns das Thema sehr. Weil Platt immer weniger gesprochen wird, bieten wir zum Beispiel die Zweisprachigkeit an oder jeden Freitag eine hochdeutsche Übertitelung im Rang – wie in der Oper. Mittwochs und donnerstags gibt es das „Platt-Vorspiel“, bei dem wir das Publikum auf spielerische Weise an die Sprache heranführen und ein paar kompliziertere Begriffe erklären, sodass man entspannt in die Vorstellung gehen kann.

Sie inszenieren nicht nur am Ohnsorg-Theater, sondern auch an anderen Bühnen in Hamburg und Norddeutschland …

Ich habe in den letzten zwei Jahren alles abgesagt, was mir angeboten wurde, nicht ganz ohne Wehmut, ich möchte meine Konzentration jetzt komplett aufs Ohnsorg-Theater richten. Ich merke, wie wichtig es ist, kontinuierlich vor Ort zu sein, im Austausch zu bleiben und immer eine offene Tür und ein offenes Ohr zu haben. Alles andere muss warten. Das ist karrieretechnisch vielleicht nicht so schlau, aber es fühlt sich richtig an.

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