Critical Mass: Jauchzen im Tunnel

Am letzten Freitag im April rollte wieder die „kritische Masse“ durch Hamburg. Ein Erfahrungsbericht

Wir fahren im Schwarm. Dicht an dicht, dass sich fast die Reifen berühren. Die Straße gehört uns. Keine rote Ampel, kein Auto kann uns stoppen. Wir spiegeln uns in den Fensterscheiben der Cafés und Bürotürme. Unsere Rücklichter verwischen. Im Fahrradkorb verflochtene Blumen rieseln auf den Boden.

Dann neigt sich die Straße, es geht bergab. Wir nehmen Fahrt auf. Den Kopf unserer gigantischen Fahrradschlange kann man von hier aus nicht sehen. Aber ich höre, dass die ersten Biker die Unterführung erreichen. Sie klingeln und jauchzen. Wir können es gar nicht abwarten, es ihnen gleich zu tun.

Deutschlands kritischste Masse

Teil einer Gruppe zu sein, ist wundervoll. Sich gemeinsam mit 3976 anderen Fahrradfahrern als kritische Masse durch die Stadt zu bewegen, ist ein bewegendes Gefühl. Denn ja, es geht hier um etwas. Es geht um die Rechte der Fahrradfahrer. Es geht darum, von anderen Verkehrsteilnehmern wahrgenommen zu werden. Es geht darum, Zusammenhalt unter Radfahrern zu erzeugen.

Überall auf der Welt finden Critical Mass-Aktionen statt. Die Ausfahrt in Hamburg, an jedem letzten Freitag im Monat, ist eine der größeren — die größte in Deutschland. Bis zu 5.000 Menschen nehmen teil. Es gibt keinen offiziellen Veranstalter. Der Startpunkt wird über Facebook kurzfristig bekannt gegeben.

Rennräder, Tandems, Marke Eigenbau

Beim letzten Termin, am 24. April, trifft sich die Masse vorm Audimax der Universität Hamburg. Die Sonne scheint, es kommen viele: Familien mit Tourenrädern, Outdoor-Spezis mit Trials, Rennrad-Hipster, Pärchen auf Tandems oder mit Liegerädern, extrovertierte Typen auf selbst zusammengeschweißten Hochrädern. Einer hat einen „Hackenporsche“ mit Boxen ausgestattet. Diese Konstruktion zieht er hinter seinem Rad her, vom Bass geschüttelt.

Es geht los, erst schleppend, dann fließend. Die 30 Kilometer werden schnell vergehen, es gibt einfach so viel anzuschauen. An Querstraßen wird fleißig „gecorkt“: Damit kein Auto plötzlich in die Masse hineinfährt, brechen Radfahrer aus der Gruppe aus und blockieren die Fahrzeuge. Die Corker brauchen verkehrspsychologisches Geschick: Sie erklären den Blockierten, warum es die Critical Mass gibt. Dabei gilt: Bloß nicht provozieren oder provozieren lassen.

Winkende Hände und Mittelfinger

Zwischendurch reißt es Löcher in unseren Schwarm. Weil Fahrer am Straßenrand halten. Die Blase drückt. Oder weil ganze Gruppen stoppen, um sich gegenseitig zu begrüßen. Egal, es geht immer weiter im Spannungsfeld der Gefühle: begeisternd winkende Hände und ausgestreckte Mittelfinger prasseln auf die Radfahrer nieder. Ist schon klar: es nervt, wenn man an einem Freitagabend auf dem Heimweg aufgehalten wird. Aber ist doch nur einmal im Monat…

Text & Foto: Lena Frommeyer