Molotow: Abriss, Exil, Neueröffnung

Gegen alle Widerstände ist der Club für Livemusik kürzlich 25 Jahre alt geworden. Journalist Sebastian Meißner hat fast 300 Fotos gesammelt, Bands befragt und die Macher des Molotow porträtiert – so ist ein Buch entstanden

SZENE HAMBURG: Warum ist die Geschichte des Molotow ein Buch wert?

Sebastian Meißner: Das 25-jährige Jubiläum ist ein guter Anlass, die verrückte Geschichte dieses Clubs zu erzählen. Sie handelt davon, wie 1990 ein paar Idealisten in einem Kellerloch begonnen haben Konzerte zu veranstalten und zukünftige Weltstars nach Hamburg holten. Wenn man sich die Liste der Bands anschaut, die schon im Molotow gespielt haben, dann steht da: The Killers, Mumford and Sons, Mando Diao, The White Stripes, Gossip … Die Größen der Indie-Musikszene gaben hier ihr erstes Konzert in Deutschland oder sogar in Europa. Das Molotow steht für Qualität, die in der ganzen Welt bekannt ist. Das können weltweit vielleicht zehn Läden in dieser Größenordnung von sich behaupten, die privat betrieben werden.

Ist das Buch ein Nachruf?

Auf keinen Fall! Das Ding ist total lebendig. Jetzt gerade wird gebucht und geplant, was morgen passiert. Das Molotow hat sich 25 Jahre lang gegen alle Widerstände durchgesetzt und stand schon mehrfach vor dem Aus, nicht erst seit dem Abriss der Esso-Häuser. Man kann denen das Haus unterm Hintern wegreißen und die finden einen Weg, die Idee von Rock ’n’ Roll weiterzutragen. Das finde ich ziemlich beruhigend.

Molotow Hamburg 3Rock ’ n’ Roll ist also nicht tot, er lebt im Molotow?

Ganz genau. Und das Team bucht einfach keinen Käse. Du kannst jeden Abend hingehen und dir sicher sein, dass du ein gutes Konzert siehst. Man kann sich auf das Gespühr dieser Leute verlassen. Darum geht es doch bei einem Liveclub, dass man Wind von einer unbekannten Band bekommt und denkt, aus denen könnte etwas werden. Das ist auch der Unterschied zu vielen anderen Konzertstätten in Hamburg, die ihre Räume an Veranstalter vermieten und nicht selbst kuratieren. Allerdings: Wenn man nur Bands einlädt, von denen man wirklich überzeugt ist, trägt sich das wirtschaftlich nicht immer.

Inwiefern ist das Molotow zu einem Sinnbild für den Kampf gegen Verdrängung in St. Pauli geworden?

Nicht nur in St. Pauli, auch in anderen Metropolen steigen die Mieten in zentralen Vierteln. Es ist kaum mehr möglich als kleiner Liveclub zu überleben. Vor allem nicht, wenn der Schwerpunkt auf Nachwuchsförderung liegt. Du wandelst immer an der Grenze zur wirtschaftlichen Machbarkeit. Ich habe mit Andi (Anm. d. Red.: Molotow-Betreiber Andreas Schmidt) neulich noch darüber gesprochen. So ein Club ist nicht dafür gemacht, schwarze Zahlen zu schreiben. Er wird aus Liebe zur Musik betrieben und kann nur existieren, wenn er unterstützt wird. Auch durch die Stadt. Ich habe das Gefühl, dass Hamburg noch gar nicht verstanden hat, dass auch Touristen für ein Molotow-Konzert in die Stadt kommen. Nicht nur Alster und Schlagermove ziehen die Leute an, sondern auch die Subkultur, die sich in den 90ern in St. Pauli gebildet hat. Wenn Läden mit besonderem Programm – wie das Molotow, die Hasenschaukel oder der Pudel – wegbrechen, dann ist Hamburg irgendwann austauschbar.

Nach dem Abriss der Esso-Häuser und dem Exil in der Holstenstraße ist das Molotow zum Nobistor gezogen. Was hat sich dadurch verändert?

Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, inwiefern die Identität eines Clubs an einen Ort gebunden ist. Die Esso-Häuser waren die Wiege des Molotow. In dem alten Laden hatte es etwas Symbolisches die Treppe runterzugehen. Da wurde Subkultur im Sinne von Gegenkultur unter der Erde gefeiert. Beim Umzug ins Exil hat man gemerkt, dass man diesen Geist nicht beliebig in einen anderen Ort verpflanzen kann. Ein Club ist kein Museum, aber man braucht Räume, in denen die Idee funktioniert. Der neue Laden am Nobistor aber ist toll, das finden auch die Betreiber selbst. Du bist nicht nur wieder nah dran an den Bands, es gibt auch wieder dieses besondere Molotow-Gefühl.

Für das Molotow-Buch hast du fast 300 Fotos gesammelt. Woher sind die?

Uns war klar: Die haben über 5.000 Konzerte gemacht, wir machen keine lückenlose Dokumentation. Konzertfotografen wie Stefan Malzkorn oder Doreen Reichmann haben in ihrem Archiv gekramt und uns Bilder zur Verfügung gestellt. Es gab gerade im Molotow aber auch viele Konzerte, bei denen keine Fotografen vor Ort waren. Dann haben wir gezielt im Netz recherchiert und manchmal auf den absurdesten Blogs, die seit Jahren stillgelegt sind, tolles Material gefunden. Oder wir haben Aufrufe gestartet. Aber als beispielsweise The Killers vor 31 Leuten gespielt haben, was aus heutiger Sicht absurd ist, dann hat das einfach niemand fotografiert. Das trägt umso mehr zum Mythos bei und zeigt: Man muss hingehen. Es reicht nicht, am Ende ein Buch zu kaufen.

An welche Konzerte erinnerst du dich, die du im Molotow erlebt hast?

Ich erinnere mich an viele Konzerte. Ich war zum Beispiel 2009 bei Mumford and Sons, darum beneiden mich viele Freunde. Kaum mehr vorstellbar, dass die in einem Laden gespielt haben, der nicht mal 300 Leute fasst.

Molotow Hamburg 2Was ist dein Lieblingsbild im Buch?

Ich find’s besonders gut, wenn man die Energie eines Konzerts sieht. Besonders gut gelungen ist das bei den Broilers. Da war ich nicht, da wäre ich auch nicht hingegangen, aber der Laden hat gekocht. Der NDR schrieb später: „Molotow: wo der Schweiß von der Decke tropft.“ Mein Lieblingsbild ist auf dem Cover. Das letzte Konzert in den Esso-Häusern haben Madsen gegeben. Der Fotograf stand am Bühnenrand. Links siehst du die Band, rechts das Publikum. Da ist alles drauf, was du wissen musst. Du hörst das Bild quasi klingen und du riechst den Schweiß und das Bier.

Was ist deine Lieblingsgeschichte?

Es gibt ein Kapitel mit Anekdoten von Musikern. Die meisten Bands haben den alten Backstagebereich erwähnt. Dort konnte man die Gespräche vom Frauenklo mithören und hier wurden fette Aftershowpartys gefeiert, obwohl eigentlich nur Platz für fünf Leute war. Alle Bands, die ich angeschrieben habe, hatten besondere Erinnerungen ans Molotow. Viele haben geschrieben: Das war der beste Gig unseres Lebens, unausweichlich, pur und nackt. Du stehst auf einer Bühne, bist aber nicht höher als das Publikum, es gibt keine Absperrung, keine Security und keine Möglichkeit dich zu verstecken.

In einigen Jahren sollen die neuen Gebäude auf dem Gelände der Esso-Häuser stehen. Wird das Molotow hier wieder einziehen?

Noch ist das Ding nicht gebaut. Andi hat gesagt, dass er sich das vorstellen kann, aber er denkt erst einmal nicht so weit in die Zukunft. Sie halten sich verständlicherweise erst einmal zurück mit Zusagen und Planungen. Mein Lieblingsszenario wäre, dass sie den jetzigen Standort behalten und im neuen Gebäude am Spielbudenplatz etwas machen. Ich glaube, wir könnten gut noch einen zweiten Club dieser Größenordnung und Qualität gebrauchen.

Interview: Lena Frommeyer
Fotos: Lorenz Kiefer, Stefan Malzkorn, Nina Zimmermann, im Buch: Fotos vieler Konzertfotografen und Privatpersonen

Sebastian Meißner: „Molotow – das Buch“, Junius Verlag, 160 Seiten, 24,90 Euro, erhältlich überall, wo es Bücher aus Hamburg gibt

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