Älter werden unterm Regenbogen: „Hier muss sich niemand rechtfertigen“

Angebote für ältere Menschen gibt es in Hamburg viele. Angebote für Seniorinnen und Senioren aus der LSBTIQ*-Community dagegen längst nicht genug. Abgesehen von den Treffpunkten innerhalb etablierter Community-Einrichtungen fallen queere ältere Menschen im regulären System oft hintenüber. Um das zu ändern und herkömmliche Seniorentreffs inklusiver und queerfreundlicher zu gestalten, machen sich Hilke Bleeken und Carsten Vitt mit dem 2023 gegründeten Projekt der Aidshilfe „Älter werden unterm Regenbogen“ stark. Ein Gespräch über Brückenbauer, sichere Räume und überraschende Erfolge in Stadtteilen
Hilke Bleeken und Cartsten Vitt vom Projekt der Aidshilfe „Älter werden unterm Regenbogen“
Hilke Bleeken und Cartsten Vitt vom Projekt der Aidshilfe „Älter werden unterm Regenbogen“ (©Paula Budnik) 

SZENE HAMBURG: Hilke, Carsten, Älter werden unterm Regenbogen: Was ist das eigentlich?

Hilke Bleeken: Wir sind ein Projekt der Aidshilfe Hamburg e. V. mit einer klaren Mission: Wir möchten der Offenen Senior:innenarbeit neue Impulse geben, um sich ganz bewusst für queere ältere Menschen zu öffnen. Konkret arbeiten wir mit Freizeittreffs, die Lust haben, ein Willkommenszeichen für LSBTIQ*-Senior:innen sowie für Menschen mit HIV/Aids zu setzen. Wir holen die Teams genau dort ab, wo sie stehen. Wir informieren, bieten maßgeschneiderte Workshops und Fortbildungen an und bringen jede Menge kreative Ideen mit, wie eine feinfühlige, vielfaltsfreundliche Willkommenskultur im Alltag ganz einfach gelebt werden kann. Wir stellen fest, dass häufig das Wissen fehlt, welche Angebote Menschen aus der Community wünschen oder wodurch sie sich willkommen fühlen. 

Viele ältere Menschen aus der Community haben über Jahrzehnte gelernt, ihre Identität zu verstecken. Wie gewinnt ihr das Vertrauen von Menschen, die sich bisher isoliert haben?

Hilke Bleeken: Community Botschafter*innen aus der lesbischen-, schwulen-, und tin-Community sind Teil unseres Teams. Sie haben gute Kontakte und genießen da das vertrauen. Unsere Fortbildungen und Schulungen bieten dafür eine gute Grundlage. Hier besprechen wir, wie ein Treff aussehen muss, damit sich Menschen aus der Regenbogen-Community angesprochen fühlen. Eines zeigt uns die Praxis jeden Tag aufs Neue: Der Bedarf in dieser Altersgruppe ist unheimlich groß. Die ältere Generation hat es mehr als verdient, dass wir diese Räume jetzt gemeinsam öffnen. Hier muss sich niemand rechtfertigen.

Carsten Vitt: Die Aidshilfe kooperiert eng mit Partnern wie dem Lesben*verein Intervention e. V., dem Magnus-Hirschfeld-Centrum e. V., dem Seniorenbüro Hamburg e. V. und dem Paritätischen Wohlfahrtsverband Hamburg e. V.. Vertrauen entsteht vor allem über bekannte Gesichter wie Community Botschafter*innen und gute Erfahrungen. Neben bewährten Pflastern wie St. Georg erleben wir aber auch tolle Überraschungen. In Langenhorn haben wir einen neuen Treff etabliert, der hervorragend angenommen wird. Der Stadtteil ist kein typisch queerer Hotspot, aber gerade weil es im Hamburger Norden bisher keinerlei Angebote gab, ist die Dankbarkeit vor Ort riesig.

„Wer sich versteckt, wird nicht gesehen und genau das macht einsam 

Hilke Bleeken 

Wie kann es sein, dass es in einer  Stadt wie Hamburg so wenig Angebote für alte Menschen aus den Communitys gibt? 

Hilke Bleeken: Über zwei Legislaturperioden wurde im Aktionsplan Hamburg l(i)ebt vielfältig aufgegriffen, dass es zu wenig Angebote für ältere Menschen gibt und dass etwas passieren muss. Abgesehen von den Treffpunkten innerhalb etablierter Community-Einrichtungen wie dem mhc, dem Lesben*verein Intervention e. V. oder der Aidshilfe gab es längst nicht genug. Häufig fehlt es an Ressourcen, um das Thema Älterwerden adäquat mit reinzunehmen. Gute Beispiele in anderen Bundesländern haben aber gezeigt: Es ist möglich etwas zu verändern.

Carsten Vitt: Unser Kernarbeitsbereich, die offene Seniorenarbeit, die Treffs vor Ort, haben seit der neuen Förderrichtlinie 2023 explizit den Auftrag sexuelle und geschlechtliche Vielfalt mitzudenken und mitzugestalten. Sie sind angehalten da etwas anzubieten, das war bis dato nicht so. Für unsere Arbeit ist es manchmal hilfreich sich auf diese Vorgabe zu beziehen. Schließlich können wir den Einrichtungen in Form von Schulungen auch etwas anbieten und unterstützen. Neue Kontakte zu knüpfen und alte wieder zu treffen ist wichtig, auch gegen die Einsamkeit im Alter.

Über Einsamkeit im Alter: Älter werden unterm Regenbogen

Mitarbeitende und Ehrenamtliche von Älterwerden unterm Regenbogen informieren über das Projekt während des Lange Reihe Fests in St. Georg. (© ÄuR)

Wenn wir über das Thema Einsamkeit sprechen: Warum bricht das soziale Netz bei LSBTQ*+–Personen im Alter oft schneller oder radikaler weg als bei anderen Seniorinnen und Senioren? 

Hilke Bleeken: Es fehlt schlicht an Angeboten. Dabei sind Orte, an denen man gesehen wird, der beste Schutz vor Einsamkeit. Hinzu kommt das oft unsichtbare Problem der Altersarmut: Brüche im Lebenslauf durch HIV-Erkrankungen, Berufsverbote oder unbezahlter Aktivismus führen oft zu winzigen Renten. Deshalb müssen unsere Angebote kostengünstig und niedrigschwellig sein, auch wenn das Thema Geld oft mit großer Scham besetzt ist. Verschärft wird die Einsamkeit dadurch, dass klassische familiäre Auffangnetze meist fehlen – viele haben weder Kinder noch Kontakt zur Herkunftsfamilie. Zuletzt wiegt die eigene Vergangenheit schwer: Diese Generation musste sich ein Leben lang verstecken und kämpfen. Im Alter schwindet diese Kraft. Aus Angst vor Diskriminierung – etwa beim Einzug in ein Pflegeheim – wählen viele den Rückzug und verschweigen ihre Identität. Doch dieses unsichtbare Leben hat einen hohen Preis: Wer sich versteckt, wird nicht gesehen, und genau das macht einsam.

Welche Sorgen gibt es im Zusammenhang mit der medizinischen Versorgung im Alter unter queeren Seniorinnen und Senioren? 

Hilke Bleeken: Die Angst vor der Abhängigkeit von anderen Menschen im Alter ist eine riesige Sorge. Ganz besonders betrifft das trans* Personen, die auf eine medizinische Betreuung angewiesen sind, die ein echtes, vorurteilsfreies Fachwissen für ihre spezifischen Körperlichkeiten mitbringt. Hinzu kommt, dass manche Menschen den ganz verständlichen Wunsch haben, ausschließlich von Pflegekräften des gleichen Geschlechts gepflegt zu werden. Ein Bedürfnis nach Intimsphäre, das in einem oft überlasteten Pflegesystem ohnehin schwer einzufordern ist. Die Sorge, im Alter ungesehen zu bleiben oder im intimsten Bereich des Lebens auf Unverständnis zu stoßen, wiegt unheimlich schwer.

Aktuell bearbeiten wir nur ein kleines Stück eines riesigen Kuchens

Carsten Vitt

Wie erreicht man ältere Menschen, die bislang wenig Kontakt zu der queeren Community hatten und auf Grund von Berührungsängsten oder zu wenig Wissen abgeneigt reagieren? 

Hilke Bleeken: Ein ganz wichtiger Punkt, den wir immer wieder betonen müssen, ist: Niemandem wird hier etwas weggenommen. Es geht nicht um Privilegien, sondern um Gleichberechtigung und Sichtbarkeit. Damit das gelingt, müssen die Schlüsselpersonen in den Treffs im wahrsten Sinne des Wortes Flagge zeigen. Es reicht nicht, Offenheit nur im Stillen zu denken, man muss sich aktiv füreinander stark machen und die Farben des Regenbogens auch sichtbar nach außen tragen. Es muss für jeden Menschen, der zur Tür hereinkommt, sofort erkennbar sein: Hier wird Vielfalt aktiv gelebt und wertgeschätzt. Und im Gegenzug bedeutet das eben auch die klare Botschaft, dass Intoleranz bei uns keinen Platz hat und nicht geduldet wird.

Carsten Vitt: Uns ist wichtig: Die bestehenden Treffs sind für alle da. Genauso wie es Männergruppen oder Angebote für geflüchtete Frauen gibt, braucht es eben auch Räume für die Regenbogen-Community. Gerade bei dem aktuell rauer werdenden gesellschaftlichen Klima müssen wir das laut aussprechen. Umso schöner ist es, dass immer mehr Treffs und Träger von sich aus aktiv auf uns zukommen, um gemeinsam etwas zu bewegen. Das zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Was müsste sich sofort auf politischer Ebene ändern um eure Arbeit zu erleichtern und voranzubringen? Gibt es eine To-do-Liste für ein besseres, queeres Altern in Hamburg? 

Carsten Vitt: Was wir jetzt dringend brauchen, ist eine konsequente und dauerhafte Förderung diverser Fachstellen. Sei es in der Pflege, beim Wohnen oder für Menschen mit Assistenzbedarf. Aktuell bearbeiten wir nur ein kleines Stück eines riesigen Kuchens. Dieses Stück ist zwar wunderbar bunt, süß und schmeckt vielen sehr gut, aber es bleibt eben nur ein Bruchteil des Ganzen. Um wirklich in die Breite zu gehen, braucht es feste Ressourcen und Hauptverantwortlichkeiten in den Institutionen. Wir benötigen beispielsweise dringend Sozialberatungsstellen, die speziell auf die Fragen des Älterwerdens in der queeren Community ausgerichtet sind. Das gibt es aktuell so noch nicht, doch der Bedarf ist um ein Vielfaches größer als das, was wir im Moment abdecken können.

Abonniere unser
"Heute in Hamburg"
Update per E-Mail oder WhatsApp!

Die spannendsten Events in der Stadt und das Neueste aus der Hamburger Gastro- und Kulturszene. Wir halten dich auf dem Laufenden. 😃

👉 Stattdessen via Messenger abonnieren

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Abonniere unseren Newsletter!

Erhalte jeden Tag die besten Empfehlungen für deine Freizeit in Hamburg.

Unsere Datenschutzbestimmungen findest du hier.

#wasistlosinhamburg
für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf