Alex Schuhmann: „Zeit bedeutet Trauer“ 

Der schwedische Schriftsteller Alex Schulman gehört zu den populärsten Autoren seines Landes – ein Umstand, den er vor allem seinen sehr persönlichen, häufig stark autobiografischen Büchern zu verdanken hat. Auch sein neuer Roman „Jetzt beginnt das Leben“ geht wieder ans Eingemachte 
„Hinter jedem Kummer liegt immer ein weiterer Kummer – auf ewig“: Alex Schulman
„Hinter jedem Kummer liegt immer ein weiterer Kummer – auf ewig“: Alex Schulman (©Martin Cederblad)

SZENE HAMBURG: Alex, du hast für deinen Output immer schon verschiedene Medien genutzt: Zeitschriften, Websites und Blogs, Radio, Fernsehen, Podcasts, Bücher … Welches Medium ist dir das liebste und warum? 

Alex Schulman: Es gibt nichts Schwierigeres, als ein Buch zu schreiben. Für mich ist das die höchste Kunstform. Ich habe gerade die Arbeit an einem Spielfilm abgeschlossen, bei dem ich sowohl das Drehbuch geschrieben als auch Regie geführt habe. Die Arbeit daran dauerte drei Jahre, und doch kommt der Aufwand nicht annähernd an das heran, was es erfordert, einen Roman zu schreiben. 

Du hast über deinen Ansatz zu schreiben mal gesagt, dass du stets versuchen würdest, deinen Weg in eine Dunkelheit zu finden; dorthin, wo es am meisten weh tut. Warum? 

Ein Buch zu schreiben ist – gemessen am Arbeitsaufwand – ein gewaltiges Unterfangen. Man muss dafür einige Jahre seines Lebens investieren. Deshalb gibt es für mich beim Schreiben keine andere Möglichkeit: Es muss um viel gehen, es muss sich bedeutsam anfühlen und eine echte Bedeutung haben – andernfalls weiß ich, dass ich den Antrieb verlieren würde. 

Alex Schuhmann über seinen neuen Roman

„Jetzt Beginnt das Leben“: Der Roman von Alex Schuhann (©dtv Verlag)

An welcher Stelle hat es dir bei „Jetzt beginnt das Leben“ am meisten wehgetan? 

Als ich das letzte Kapitel schrieb – in dem wir den Jungen dabei begleiten, was er am 17. Juni tatsächlich durchgemacht hat –, handelte es sich um ein Ereignis, das eine Erinnerung aus meinem eigenen Leben widerspiegelt. Es war schwierig, sich schreibend durch diesen Prozess zu arbeiten. 

Einige deiner Bücher sind, zumindest in Teilen, autobiografisch. In deinem aktuellen Werk geht es um den 17. Juni 1986, an den die Hauptfigur Vidar immer wieder zurückkehrt. Hat dieses Datum für dich tatsächlich eine persönliche Bedeutung? 

Ja und nein. Für mich ist 1986 ein Jahr voller lebhafter Farben; ein prägendes Jahr, in dem viele dramatische Dinge passiert sind. Maradona bei der Weltmeisterschaft, die Katastrophe von Tschernobyl, das Attentat auf Palme, die Explosion der Challenger. So viele Jahre sind vergangen, doch aus irgendeinem Grund erinnere ich mich noch ganz genau an 1986. Das Datum – der 17. Juni – habe ich schlicht deshalb gewählt, weil ich finde, dass es in Schweden um diese Zeit, mitten im Juni, so wunderschön ist: Es ist noch Frühsommer, das Laub ist sattgrün, der Himmel wirkt weit und hoch, die Nächte sind hell. 

Als Autor basiert dein Schaffen natürlich auf Erfahrungen aus der Vergangenheit. Auch dein aktuelles Buch – wie einige andere zuvor – setzt sich mit der Rückkehr und der Aufarbeitung der Vergangenheit auseinander. Also bist du offenbar jemand, der häufig und gerne den Blick zurück richtet. Warum? 

Das ist die große Frage. Warum kann ich diese Dinge nicht einfach in Ruhe lassen? Es ist eine Besessenheit von mir, und in gewisser Weise ist das Buch wohl meine Art, diese Besessenheit in den Griff zu bekommen – schließlich handelt es von einem Mann, der von einem Datum in der Vergangenheit besessen wird. In diesem Sinne ist es eine Geschichte über mich. 

Also besteht eine Chance, dass du irgendwann ein Gegenwarts- oder Zukunftsmensch wirst? 

Ich kann immer noch nicht in die Zukunft blicken, ohne auf Bilder zu stoßen, die ich nicht sehen will: Alter, Krankheit, Abschied, Trauer. In der Gegenwart zu leben, ist schlicht aussichtslos, nicht wahr? Andererseits fühlt es sich sicher an, in der Geschichte zu leben und zu erkennen, dass sie sich ständig wandelt. Sie ist zugleich so fest gefügt und doch so wandelbar. Das erinnert mich an etwas, das womöglich ein Leitmotiv all meiner Texte ist: dass Zeit Trauer bedeutet. 

Ich habe nach wie vor das Gefühl, dazuzulernen – etwa, wie man eine Geschichte erzählt

Alex Schulman

In der schwedischen Tageszeitung ,,Gefle Dagblatt’’ stand über das Buch zu lesen, das alles, was du zuvor geschrieben hast, den Weg für diesen Roman geebnet hätte. Würdest du dem zustimmen?

Das mag stimmen! Ich habe nach wie vor das Gefühl, dazuzulernen – etwa, wie man eine Geschichte erzählt. Und wenn ich mein zuletzt geschriebenes Buch aufschlage und darin blättere, empfinde ich immer noch ein gewisses Schamgefühl; das bedeutet wohl, dass ich mich als Schriftsteller weiterentwickle. Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem ich ein altes Buch aufschlage und denke: Auf diesem Niveau kann ich heute nicht mehr schreiben. So weit ist es – hoffentlich – noch nicht! 

Deine Eltern sind bereits verstorben. Bei einem solchen Buch fragt man sich natürlich: An welchen Tag würdest du gerne noch einmal zurückkehren, wenn du die Möglichkeit hättest, und mit deinen Eltern zu sprechen?

Es ist seltsam, aber jedes Mal, wenn ich an diese Dinge denke, möchte ich nicht zu irgendeinem besonderen Ereignis zurückkehren – weder zu einem Tag, der traumatisch war, noch zu einem, an dem ich glücklich war. Ich möchte zurück zu jenem Tag, der ganz gewöhnlich war. Papa und ich waren beim Angeln; wir stehen bei der Sauna und hängen das Netz auf, Papa löst die Fische aus den Maschen, und sie fallen in einen Eimer. Er blickt auf, als würde er mich gerade erst bemerken – als hätte er für einen Moment vergessen, dass ich dort stand –, zerzaust mir leicht das Haar und sagt: „Schön, dass du mir Gesellschaft leistest, Junge.“ Ich möchte zurück zu diesem kleinen Augenblick. 

Alex Schuhmann über die Auseinandersetzug mit seiner Familiengeschichte 

Es fällt auf, dass der Roman mit Tieren anfängt und endet: Er beginnt mit einer toten Ratte und endet mit nistenden Schwalben. Er beginnt mit dem Tod und endet mit dem Leben. Hast du diese Klammer bewusst gesetzt?

Nein, habe ich nicht. Aber ich liebe diese Art von Analyse, bei der die Leute eine bessere Meinung von mir haben, als ich eigentlich verdiene! (lacht) 

Du hast dich viel und intensiv mit deiner Familiengeschichte auseinandergesetzt – nicht nur literarisch, sondern auch im Zuge einer mehrjährigen Therapie. Würdest du das jedem empfehlen? 

Ich würde es nicht pauschal jedem empfehlen, aber für mich war es lebensrettend. Ich habe vorher einfach nicht mehr funktioniert; ich hatte zu viele Blockaden aus meiner Kindheit. Ich brauchte also dringend Hilfe, um die Dinge aufzuarbeiten, die mir widerfahren waren, und in diesem Prozess entdeckte ich mich selbst – oder vielmehr die Person, die ich nach der Bewältigung meiner Kindheit sein könnte. 

Was ist dein größtes Learning aus diesem tiefen Eintauchen in deine Familiengeschichte? 

Dass hinter jedem Kummer immer ein weiterer Kummer liegt – auf ewig. Man kann wütend und enttäuscht von seinen Eltern sein, doch wenn man ein wenig an der Oberfläche kratzt, zeigt sich, dass dieser Elternteil selbst Eltern hatte, die nicht wussten, wie es geht. Und auch diese Eltern hatten wiederum Eltern, die es ebenfalls nicht wussten. Wie Gewölbe, die sich in einer Kirche öffnen – Gewölbe um Gewölbe, bis in alle Ewigkeit. 

Dieser Artikel ist zuerst in der Printausgabe der SZENE HAMBURG 09/26 erschienen.

Abonniere unser
"Heute in Hamburg"
Update per E-Mail oder WhatsApp!

Die spannendsten Events in der Stadt und das Neueste aus der Hamburger Gastro- und Kulturszene. Wir halten dich auf dem Laufenden. 😃

👉 Stattdessen via Messenger abonnieren

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Abonniere unseren Newsletter!

Erhalte jeden Tag die besten Empfehlungen für deine Freizeit in Hamburg.

Unsere Datenschutzbestimmungen findest du hier.

#wasistlosinhamburg
für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf