Ronja von Rönne: „Wenn ich schreibe, bin ich eine Zumutung für andere“

Die Journalistin, Moderatorin und Schriftstellerin ist, nach eigenen Angaben, häufig emotional am Limit, wenn sie an einem neuen Buch sitzt. Ein solches hat sie mit „Alles Liebe“ nun fertiggestellt, es erschien am 2. Juli. Ein Gespräch über ihr jüngstes Werk, aber auch über Ängste, Skandale und unerfüllbare Ansprüche an sich selbst
Ronja von Rönne: „Meine Figuren kennen die Einsamkeit, wollen gesehen werden. Das kennen wir alle.“
Ronja von Rönne: „Meine Figuren kennen die Einsamkeit, wollen gesehen werden. Das kennen wir alle.“ (© Carolin Saage)

SZENE HAMBURG: Ich falle mal direkt mit der Tür ins Haus: Ich habe deine Danksagung am Ende des Romans gelesen, die du selbst weniger als Danksagung denn als Entschuldigung beschreibst. Warum?

Ronja von Rönne: Weil ich eine absolute Zumutung bin, wenn ich schreiben muss. Weil ich in Momenten, in denen ich nicht schreibe, sondern mit der Familie grille, trotzdem schlecht drauf bin, weil ich am Tag zuvor nicht geschrieben, sondern gezweifelt habe. Ich habe dieses Buch schon zerdacht, bevor ich es erfunden habe. Ich habe Tage, Wochen verschwendet, mir über ein Buch Sorgen zu machen, dass ich nicht geschrieben habe.

Ähnliches formulierst du darin auch: Dass dich das Schreiben an einem Roman fordert, häufig auch überfordert, und dass das weder dir noch deinem Umfeld guttut. Du erwähnst auch, dass einige geliebte Menschen in deinem Umfeld deshalb hoffen, dass du nie wieder einen Roman schreibst. Was zerreißt dich so daran?

Den Buchvertrag habe ich vor drei Jahren unterschrieben. Und zwei Jahre davon habe ich nicht geschrieben, sondern gezweifelt, weggeworfen, alles in Frage gestellt.

Und dann ist das Buch auf der Welt, und ich komme mir lächerlich vor, weil ich mich so angestellt habe.

Ronja von Rönne

Wie muss man sich dich dann vorstellen?

Ich bin weinerlich, unsicher, undiszipliniert und überfordert. Unglücklich, wegen eines Textes, den ich nicht mal schreibe, sondern den ich stattdessen innerlich zerlege. Wenn ich tatsächlich schreibe, also wirklich tippe, ist es manchmal sogar schön. Aber das vergesse ich leider immer wieder.

Von Dorothy Parker stammt das Zitat: „Ich hasse es zu schreiben, aber ich liebe es, geschrieben zu haben.“ Klingt so, als ob es dir mit dem Schreiben ähnlich geht.

Komplett. Ich dachte gerade erst, dass sei ein Zitat von mir. (lacht)

Aber was ist es, das dich emotional so aufreibt?

Ich bin nie emotional aufgewühlt wegen der Inhalte, sondern wegen des Anspruchs, den ich an mich stelle. Dieses Buch ist das, was ich immer schreiben wollte.

Und du hast Angst, daran zu scheitern?

Genau. Ich will keine Ronja-von-Rönne-Betroffenheitsliteratur runterlabern, sondern Geschichten erfinden, Figuren erschaffen, neue Welten ermöglichen. Ein Buch, das so gut geschrieben ist, dass es einen tröstet, entsetzt, nachdenklich macht. In dem alle Figuren glaubhaft sind. In dem einfach alles stimmt. Unmöglich natürlich.

Kein Themengerüst: Die Figuren schreiben die Geschichte

Viele Künstlerinnen und Künstler empfinden die Fertigstellung eines Werkes – wie schwer der Weg dorthin auch war – als befreiend. Wie ist das bei dir?

Ich werde verlässlich jedes Mal richtig krank, wenn ich ein Buch abgegeben habe. Das ist eigentlich rührend von meinem Immunsystem: Es schöpft wirklich alle Reserven aus, bis es nicht mehr muss. Abgegeben. Ich werde krank, erkältet, Norovirus, Grippe, egal. Das, was eigentlich erleichternd sein sollte, ist erst mal zusammenklappen, weil jetzt darf ich das. Aber es ist wie beim Reisen: Es braucht einige Zeit, bis ich verstehe, dass ich nachts nicht mehr mit großen Sorgen um den Text einschlafen brauche. Dass es wirklich geschafft ist. Und dann ist das Buch auf der Welt, und ich komme mir lächerlich vor, weil ich mich so angestellt habe.

Wenn du einen Roman schreibst: Suchst du erst eine Art Grundthema, zu dem du dich dann auf die Suche nach einer passenden Geschichte begibst, oder überlegst du dir eine Story, aus der sich ein übergeordnetes Thema herausschält? Kannst du mal den Weg von „Alles Liebe“ skizzieren?

Eigentlich sollte das Buch „Gift“ heißen und von toxischen Beziehungen handeln. Ich habe mich dann aber dieses Mal von meinen Figuren an die Hand nehmen lassen und einfach mal geschaut, wo die mich hinführen. Jede Geschichte ist nur anhand der außergewöhnlichen Helden und Heldinnen gewachsen.

Die Grundthemen von „Alles Liebe“ scheinen mir Einsamkeit und die Suche nach Nähe zu sein. Oder würdest du dem widersprechen?

Ich bin nie emotional aufgewühlt wegen der Inhalte, sondern wegen des Anspruchs, den ich an mich stelle

Ronja von Rönne

Als Kind, bei Schulaufsätzen und Fantasiegeschichten, sollte man immer als Erstes einen Schreibplan beziehungsweise eine Gliederung schreiben. Ich hab die erste Seite immer freigelassen, die Geschichte geschrieben, und dann den Schreibplan dem angepasst. Meine Figuren kennen die Einsamkeit, wollen gesehen werden. Das kennen wir alle. Ich wollte etwas schreiben, mit dem man sich identifizieren kann.

( ©dtv)

Wie gräbst du dich generell in deine Figuren ein? Orientierst du dich an Menschen, die du kennst, erfindest du gänzlich neue oder gehst du in erster Linie von dir selbst aus?

Clemens Setz hat mal gesagt oder zitiert, man könne keine Figur schaffen, die schlauer ist als man selbst. Das stimmt. Aber man kann durchaus solche schaffen, die noch viel seltsamere Komplexe haben, die vor ganz anderen Dingen Angst haben als man selbst, die sich ganz anders selbst belügen als ich mich.

Im Kapitel „Barbara“ nimmt auch Stille einen großen Raum ein. Was bedeutet Stille für dich?

Der Moment, in dem mein Tinnitus einsetzt.

In „Alles Liebe“ geht es zudem um das Erfinden von Figuren – was du als Autorin natürlich auch tust. Was ist dabei das Schwierigste?

Sich wirklich Mühe zu geben, zu begreifen, warum diese Figuren so sind, wie sie sind. Bevor ich schreibe, stelle ich mir vor, wie meine Figuren einen Fragebogen ausfüllen müssen. Wie sähe ihr Tinder-Profil aus? Wie leben sie? Freuen sie sich über Tchibo-Angebote? Hatten sie eine schöne Kindheit? Haben sie Geschwister? Haben sie unter ihren Mitschülern gelitten oder sie angeführt? Sind sie Vermeider oder konfrontieren sie? Fester Freundeskreis oder Großstadteinsamkeit? Was verschafft der Figur Trost, was ärgert sie, was motiviert sie, was ist ihre schlimmste und schönste Erinnerung. So was.

Du hast mal den Satz gesagt: „Skandal geht vor Kultur“ – ein Umstand, den man ja tagtäglich durch die Medien belegt bekommt. Inwiefern trifft der hinsichtlich deiner Person zu? Du wirst ja auch immer noch gerne mal als „Skandalautorin“ betitelt.

Hab ich das so gesagt? Keinerlei Erinnerung dran. Ist aber ein ziemlich dummer Satz. Erstens ist ja irgendwie alles Kultur und Skandal, zumindest Stoff für Boulevard, und selbst die „Bild“ ist nun mal irgendwie Kulturgut.

Ich habe deine Danksagung so interpretiert, dass du bis auf Weiteres erst mal nicht vorhast, einen neuen Roman zu schreiben. Wo liegt stattdessen dein beruflicher Schwerpunkt in den kommenden Monaten?

Schreiben. Kolumnen. Reportagen. Kommentare. Anderen zuhören. Nichts Großes, sondern viele kleine, glänzende Texte schreiben. Manchmal politisch, aber bloß nicht weltbewegend. Anspruchshaltung im Zaum halten. Kleine Pointen, ein Leserlächeln.

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