Zwei Spiele, zwei Siege! Zum Zeitpunkt des Interviews für diesen Artikel sind die Fußballer des Niendorfer TSV Tabellenführer der Oberliga Hamburg. Nach dem enttäuschenden neunten Platz in der Vorsaison würden andere Trainer nun routiniert von „einer Momentaufnahme“ sprechen und davon, „von Spiel zu Spiel zu denken“. Nicht so Ali Farhadi. Der in Täbris im Nordwesten des Irans geborene 51-Jährige lässt die Floskel-Parade links liegen. „Klar wollen wir Meister und Pokalsieger werden. Das wollen wir jede Saison. Auch, wenn es schwer wird“, sagt Farhadi. Dazu setzt er sein markantes, verschmitztes Lächeln auf.
Farhadi holte als Trainer in Hamburgs fußballerischer Eliteklasse, der fünfthöchsten Liga in Deutschland, bislang keinen der beiden angestrebten Titel. Dafür aber mit seiner Mannschaft viele gute Platzierungen in der Spitzengruppe, obwohl andere Teams deutlich mehr Geld zur Verfügung hatten. Besonders Ex-Serienmeister TuS Dassendorf, der vom Niendorfer TSV als Außenseiter immer wieder gefordert wurde. Im Hamburger Pokalfinale 2018 verlor Farhadis NTSV das Endspiel mit 0:2 gegen die TuS, vier Jahre später wurde Niendorf nur fünf Punkte hinter dem starbesetzten Dassendorfer Ensemble Hamburger Vizemeister. Zum Vizemeistertitel überreichten ihm seine Spieler eine goldene Ananas für den zweiten Platz. Farhadi fand, das war „eine echt großartige Idee meiner Jungs nach einer geilen Saison von uns“. Farhadis Ehrgeiz ist nun, in seiner 13. Saison an der Linie als Hamburgs Kultcoach und Rekordtrainer auf diesem hohen Niveau, immer noch ungebrochen. Seine Markenzeichen: Klartext und Humor.
Klar wollen wir Meister und Pokalsieger werden
Ali Farhadi
Nach schlechten Auftritten seiner Mannschaft wird er gerne mal sehr deutlich, um seine Jungs zu kitzeln. „Ich habe wohl gerade 28 Tennisspieler im Kader, die ihr Ego ausleben wollen“, zürnte Farhadi im März 2022 nach einem 1:3 beim USC Paloma. „Von meinen Jungs wird keiner auch nur eine Minute Regionalliga spielen“, setzte er nach. Das Ergebnis: Niendorfs Spieler rissen sich am Riemen, wurden Vizemeister – und in den folgenden Jahren wechselten einige seiner Spieler in die Regionalliga. Die schnelle Tabellenführung in dieser Saison kommentierte Farhadi bezüglich der Anstoßzeit bei Heimspielen am Niendorfer Sachsenweg augenzwinkernd: „14 Uhr ist bei uns wie 15.30 Uhr Bundesliga – und so spielen wir auch.“
Farhadis Eltern übersiedelten früh mit ihm vom Iran nach Deutschland. Seine Mutter Farideh ist 76 Jahre alt, sein Vater Feridun vor elf Jahren verstorben. „Meine Eltern haben mich sehr geprägt. Ordnung, Disziplin, Pünktlichkeit und Respekt vor anderen Menschen sind in unserer Familie ganz hohe Werte“, erklärt Farhadi. „Mangel an Eitelkeit“ hätte er noch hinzufügen können. Als Farhadi 2022 als Lohn für die Vizemeisterschaft in der Oberliga Hamburg zu Hamburgs Trainer des Jahres gewählt wurde, war er zwar, wie er noch heute sagt, „megastolz auf diese Auszeichnung“. Seiner Mutter, die wenig fußballinteressiert ist, erzählte er aber nichts. Sie erfuhr davon aus der Zeitung und warf dies ihrem Sohn vor, da sie doch auch so stolz auf ihn sei. Farhadi schmunzelt: „Ich habe ihr gesagt ,Mama, ich renne doch nicht überall herum und erzähle, dass ich Hamburgs Trainer des Jahres bin‘.“
Ali Farhide: Um keine Spruch verlegen
In seiner Anfangsphase als Niendorfer Chefcoach, der er am 6. November 2014 wurde, übertrieb es Farhadi allerdings ab und zu mit seinen Sprüchen – und einmal ganz gewaltig. Nach einer 0:1-Niederlage gegen den ewigen Konkurrenten Dassendorf im März 2016 klagte er über fehlenden Respekt des gegnerischen Trainerduos Peter Martens und Thomas Hoffmann. Am Ende einer harten Schimpftirade betitelte er die beiden im Interview mit den Journalisten als „hirnlos“. Das ging zu weit – und das war auch Farhadi klar. „Ich habe damals gedacht, ich müsste meine Mannschaft beschützen. Aber das war der völlig falsche Weg. Ich habe mich bei Dassendorfs Trainern ehrlich entschuldigt und aus diesem Vorfall viel gelernt. Seitdem beschäftige ich mich auf dem Platz nur noch mit meinem Team“, sagt Farhadi.
Ein Freund klarer Worte und des gepflegten Schnacks mit Schalk im Nacken ist der beruflich im Außenhandel tätige Farhadi aber geblieben. Und das ist paradoxerweise einer der Gründe, warum er nach dem Erwerb der B-Lizenz als Trainer keine weitere Lizenz als Fußball-Lehrer anstrebte, um eine Karriere im Profibereich zu machen. „Ich könnte nicht mehr sagen, was ich denke. Müsste ständig diplomatisch sein. Das würde mein Gehirn ja komplett überfordern“, weiß Farhadi um die Goldwaage, auf der seine Worte medial im Falle eines Einstiegs ins große Fußball-Business liegen würden. Da gefällt es ihm in Niendorf schon besser. Die Manager Marcus Scholz (50) und Carsten Wittiber (56) sind beide noch länger im Verein als Farhadi. Sie verpflichteten ihn 2011 als Co-Trainer von Frank Hüllmann, beförderten ihn nach Hüllmanns Rücktritt zum Cheftrainer und halten Farhadi seitdem die Treue. Allerdings nie kritiklos. „Sie waren letzte Saison kackehrlich zu mir“, sagt Farhadi. „Die Saison war ja auch schlecht. Ich habe ihnen gesagt ,Ihr habt recht. Wird wieder besser‘. Nach der Aufarbeitung der Fehler wollen wir da nun gemeinsam durch.“
Ali Farhadi: Noch immer Spaß am Trainerposten
Vor zwei Jahren dachte Farhadi übrigens über ein Ende seiner Trainerkarriere in Niendorf nach. Seinen einstigen Kapitän Özden Kocadal wollte er als Nachfolger auf dem Niendorfer Trainerstuhl. Die Idee platzte aber. Farhadi machte weiter. Wie lange noch? „So lange es uns allen Spaß macht. Aber wenn meine Leistung nicht mehr reicht, müsste man es mir nur sagen. Alle wissen, ich würde dann ohne großes Aufheben um meine Person gehen“, sagt Farhadi. Doch so weit ist es noch lange nicht. Ali Farhadi hat offenbar noch viele Jahre in Niendorf vor sich. Die 400-Spiele-Marke als Cheftrainer wird er bald reißen. Und vielleicht wird Ali Farhadi eines Tages auch Hamburger Meister und Pokalsieger werden.
Dieser Artikel ist zuerst in der SZENE HAMBURG 09/2026 erschienen.

