Ruth May_ Sand Hu

Kunsthaus Hamburg: Das Gesicht der Erde

Patchworkdecken, die sich in eine Wüstenlandschaft verwandeln, Sandtafeln und Trockeneissounds: Wir sprachen mit Katja Schroeder, Künstlerische Leiterin des Kunsthauses, über die Ausstellung Sand !Hū Sand, die von indigener Kultur und Kolonialgeschichte bis auf den Mars führt

Interview: Sabine Danek

 

SZENE HAMBURG: Katja Schroeder, mit Sand !Hū Sand ziehen nicht nur Wandarbeiten und Installationen ins Kunsthaus, sondern auch Musik und Performances. Wie ist die Ausstellung entstanden?

Katja Schroeder: Es ist mittlerweile einige Jahre her, dass ich Ruth May eingeladen habe, eine Ausstellung zu entwickeln. Sie ist bildende Künstlerin, hat an der HFBK studiert und arbeitet mit Zeichnungen und Stoffen. Damals hatte sie gerade das Theaterprojekt „Das Haus der Herabfallenden Knochen“ mit Peter Thiessen von der Hamburger Band Kante und den Künstler:innen von Khoi Konnexioin aus Kapstadt und Nesindano Xhoes Namise aus Windhoek auf Kampnagel realisiert. Bei ihrer gemein­samen Arbeit ist so viel entstanden, das über das Bühnenprojekt hinausging, dass sie gerne daran anknüpfen wollte. So kam dieses Folgeprojekt mit bildender Kunst, Musik und Performances zustande.

Was wird man hören?

Neben Sounds, die extra für die Ausstellung entstanden sind und die man auswählen und auf Plattenspielern abhören kann oder einem „Soundtrack“, der auf Soundcloud zur Verfügung steht, gibt es Bogen­-Instrumente, die Garth Erasmus baut, spielt und auch einen Workshop dazu veranstaltet.

 

Bogen-Instrumente und die indigene Herkunft

 

Diese Instrumente haben eine lange Kultur, die wie viele andere indigene Traditionen durch die Kolonial­zeit verschüttet wurde. Das Bauen und Spielen der Bogen-­Instrumente ist das erneute Aneignen der eigenen indigenen Herkunft. Die Instrumente sind Ausstel­lungsobjekte, aber werden dann auch tatsächlich in Performances und Konzer­ten benutzt. Ganz so wie die Installationen von Peter Thiessen und sein kreischendes Trockeneis, das zu hören ist.

Wie wichtig ist es, dass Künstler:innen aus verschiedenen Kontinenten zusammengekommen sind?

Das ist entscheidend für das Projekt. Die Auseinandersetzung mit der Ge­schichte unterscheidet sich abhängig davon, ob man in Deutschland, in einem Township in Kapstadt oder in Namibia lebt. Und gerade mit Namibia verbindet uns ja eine sehr tragische Kolonialge­schichte. Wie setzt man sich damit auseinander? Wie redet man darüber? Ruth May und Peter Thiessen waren mehrfach vor Ort und haben sich mit den Künstler:innen dort ausgetauscht.

Die koloniale Prägung dort ist nicht zu übersehen. Sogar dieselben Kacheln wie in Hamburger Altbauten haben sie vor Ort gefunden. Weil sie aus Wüstensand keine Häuser bauen konnten, haben die Kolonialherren europäischen Sand dorthin gebracht und sich eingerichtet wie in Hamburg. Dieses Wiedererkennen und diese Vertrautheit gehen natürlich mit einem großen Unbehagen einher.

 

Die Wüste Namibias

 

In Ihrer Ankündigung führen Sie eindrücklich aus, dass Sand quasi überall zu finden ist, von der Wüste zu den Meeren, in Technologie und Asphalt. !Hūai, „Das Gesicht der Erde“, wird er in Namibia und Südafrika genannt. Kommt Sand auch als Material selbst in der Schau vor?

Ja, und das auf unterschiedliche Weise. Seit vielen Jahren arbeitet Garth Erasmus an Bildern aus Sand. Sie sind ganz verschieden schattiert und die Abdrücke darauf wirken wie Spuren. Und sie führen in die unterschiedlichsten Richtungen. In Namibia ist die Wüste nicht nur Lebensraum von Garth’ indigenen Vorfahren, der Khoisan, gewesen, sondern auch Schauplatz von Genozids und Diamantenraub. Gleichzeitig ist der Sand Grabstätte. Doch die Toten kamen nicht zur Ruhe, da sogenannte „Rassenforscher“ dort nach Knochen gruben.

Aber auch mit seinen Trockeneissounds spannt Peter Thiessen den Bogen zu dem größten bekannten Haufen Sand des Universums – dem Mars, dessen Polkappen im Winter Trockeneis bilden. Die große Patchwork-Arbeit von Ruth May hingegen arbeitet mit dem Idealbild, das wir von Natur haben. Wirken die einzelnen Stoffflicken aus der Nähe wie Pixel, werden sie in der Distanz zur Wüstenlandschaft.

Es gibt es ein umfassendes Veranstaltungsprogramm. Aber auch während der regulären Öffnungszeiten kann es sein, dass in der Ausstellung geprobt wird.

Das könnte auf jeden Fall passieren. Es gibt ja jede Woche ein bis zwei Veranstaltungen und dafür wird dann geprobt. Wir sind gespannt, wie das funktioniert. Und auch auf die Performances und Konzerte. Wir hoffen, dass wir ein Kunst- und ein Musikpublikum zusammenbringen können. Und das nicht auf einer Bühne auf der meistens eher dunkel ist, sondern in einem taghellen White Cube. Wir freuen uns sehr darauf.

kunsthaushamburg.de


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