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Bergedorf: Zehn Mal wunderschön

Bergedorf im Hamburger Südosten wird viel zu oft übersehen, wenn von der Hansestadt die Rede ist. Dabei hat der Bezirk so einiges zu bieten: Von einer bewegenden Geschichte über in Hamburg seltene Fachwerkhäuser bis zum einzigen Schloss der Stadt

Das Bergedorfer Schloss

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Mitten im Zentrum steht das Bergedorfer Schloss (Foto: Mediaserver Hamburg/www.leemaas.de)

Was wäre Bergedorf ohne sein Schloss? Das im 13. Jahrhundert als Wasserburg an der Bille angelegte Schloss ist das einzige auf Hamburger Stadtgebiet erhaltet Gebäude seiner Art. Heute ist hier das Museum für Bergedorf und die Vierlande beheimatet. Die Dauerausstellung bietet einen Rundgang durch 850 Jahre regionale Geschichte. Dazu kommen Wechselausstellungen zu sozialgeschichtlichen Themen und Ausstellungen von Bergedorfer Künstler:innen. Außerdem ist das Bergedorfer Schloss eine einmalige Location für Veranstaltungen aller Art. Dazu zählen zweifelsohne auch die Schlosskonzerte. Wer nach diesem Anblick des Schlosses von historischen Bauten noch nicht genug hat, für den gibt es mit dem Schloss Reinbek nur wenige Kilometer entfernt, gleich hinter der Stadtgrenze, einen Residenzbau des herzoglichen Hauses Schleswig-Holstein-Gottorf aus dem 16. Jahrhundert zu bestaunen.

Einkaufen und Flanieren

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Die St. Petri und Pauli Kirche, ein Kleinod in der Fußgängerzone am Sachsentor (Foto: Ulrich Pinkernell)

Bergedorf wurde im zweiten Weltkrieg nicht so sehr zerstört wie andere Teile Hamburgs. Dadurch sind hier neben dem Schloss auch viele alte Gebäude erhalten geblieben. Dazu zählen auch die vielen Fachwerkhäuser am Sachsentor. Die Straße ist Synonym für die Bergedorfer Fußgängerzone und Haupteinkaufsstraße. Das Shoppingparadies beginnt am Bergedorfer Bahnhof, führt über den Serrahn und das Bergedorfer Schloss bis zum Mohnhof. Trotz des großen Shoppingcenters gleich um die Ecke haben sich hier viele Geschäfte gehalten und nach der Umgestaltung im Jahr 2004 zieht das Sachsentor heute mehr Menschen denn je an. Vorbei an der St. Petri und Pauli Kirche mit ihrem im 18. Jahrhundert erbauten Kupferturm gibt es jeden Dienstag und Freitag auch den klassischen Wochenmarkt direkt nebenan. In der Fußgängerzone selbst sind neben größeren Ketten auch echte Perlen zu finden. Darunter seit 1986 die Buchhandlung Sachsentor und seit wenigen Jahren nach seinem Umzug auch den Weltladen Bergedorf.

Boberger Dünen

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Sand in der Stadt: die Boberger Dünen (Foto: Marco Arellano Gomes)

Am Nordufer des früheren Elbstromtals zeugen einige alte Dünenlandschaften von der früher unbebauten Landschaft. Eine der bekanntesten und beliebtesten sind die Boberger Dünen. Das weitläufige Naturschutzgebiet im Nordwesten Bergdorfs liegt im Stadtteil Lohbrügge. Über 350 Hektar erstreckt sich das Gebiet und ist neben Wald und Dünen auch von seinem See geprägt. Der besonders beliebte Badesee ist 7,9 Hektar groß und maximal 11,5 Meter tief und wird durch Grundwasser gespeist. Daher rührt auch seine sehr gute Badequalität. Besonders im Sommer ist die Badestelle am nordöstlichen Ufer ein beliebtes Ausflugsziel. Am Südufer haben auch die Freund:innen des FKK ihren Platz. Doch auch wer nicht Baden will, kann die Boberger Dünen entweder durchwandern oder für einen Abstecher in die Luft nutzen. Der Hamburger Aero-Club Boberg bietet ab hier Mitfluggelegenheiten in seinen Segelfliegern an.

Jazz

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Bergedorf kann Jazz (Foto: unsplash/theo eilertsen photography)

Hamburg kann Jazz, das wissen mittlerweile alle. Doch das Bergedorf hier auch einiges zu bieten hat, ist noch viel zu vielen verborgen geblieben. In dem kleinen Stadtteil gibt es gleich zwei Locations mit richtig gutem Jazz in Angebot. Einer der beiden ist der White Cube Bergedorf. Der Club liegt etwas versteckt im Gewerbegebiet, ist aber nur knapp einen Kilometer vom Bahnhof Bergedorf entfernt. 2017 wurde das eigentliche Loftgebäude zu einem Club umgebaut. Pro Monat gibt es im Schnitt drei Konzerte im White Cube, hinzu kommen die mittlerweile etablierten Jamsessions. 

Deutlich mehr Geschichte hat indes der Jazzclub-Bergedorf. Seit 1963 verbinden die Jazzfreunde die beliebte Musik mit dem Stadtteil. Nach dem Tod ihres Gründers sind sie aktuell ohne feste Spielstätte. Doch das bedeutet nicht, dass es keine Konzerte gibt. Aktuell laden sie zumeist zu den kleinen Gigs ins Bergedorfer Schloss.

Aber auch darüber hinaus gibt es immer wieder kleine Jazzkonzerte im Stadtteil, so zum Beispiel im Kulturhaus Serrahn oder in der Lola.

Die Lola

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Die Lola ist eine Institution in Bergedorf (Foto: LOLA)

Das Kulturzentrum Lola gehört zu Bergedorf wie die Elbphilharmonie zu Hamburg. Seit 1992 gibt es das Haus. Weniger als einen Kilometer vom Bahnhof entfernt finden regelmäßig Konzerte, Comedy-Veranstaltungen, Kindertheater, Infoveranstaltungen, Initiativentreffen, Kurse und Workshops für Jung und Alt statt. Als Kulturzentrum ist die Lola darüber hinaus auch in jedem Jahr Spielstätte beim renommierteren Hamburger Comedypokal. Mittlerweile gehören auch das Improtheater „Anne Bille“ und die „Lola Band“ fest zum Repertoire. Hinzu kommen an jedem Wochenende „Beats united“ und der „Old Folks Boogie“. 2022 feiert die Lola zudem ihren 30. Geburtstag. Grund genug, ein vielfältiges Jubiläumsprogramm auf die Beine zu stellen.

Die Bille

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Die Bille lädt rum Radeln, Wandern und zum Paddeln ein, einfach schön (Foto: Noemi Smethurst)

Was der Hamburger Innenstadt die Alster ist, ist den Bergedorfer:innen die Bille. Der 65 Kilometer lange Fluss fließt in Bergedorf erstmals auf Hamburger Stadtgebiet und mündet an der Brandshofer Schleuse in der Nähe des Großmarkts in die Elbe. Besonders schön ist der Fluss von Bergedorf stromaufwärts in Richtung Sachsenwald. Das Billetal ist ein Paradies fürs Wandern, Radfahren und in Richtung Dove Elbe auch zum Paddeln. Wer durch das Tal in Richtung Reinbek wandert erlebt nahezu unberührte Natur und nach einem Abstecher zum Reinbeker Schloss geht es mit der S-Bahn zurück nach Bergedorf. Wer noch nicht genug hat, folgt dem kleinen Flusslauf weiter in Richtung Osten, vorbei am Sachsenwaldbad, in Richtung Aumühle und den Wäldern, die noch heute der Familie Bismarck gehören. So gelangt man schließlich auch in den Sachsenwald, das mit fast 60 Quadratkilometern größte zusammenhängende Waldgebiet in Schleswig-Holstein.

Lost Places und viel Grün

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Die Pulverfabrik Düneberg ist ein echter Lost Place (Foto: Anarhea Stoffel)

Was die Bille andeutet, setzt sich unter anderem im Bergedorfer Gehölz fort: Bergedorf ist Grün und das zeigt sich an den kleinen und großen Wäldchen in und um den Bezirk. Das Bergedorfer Gehölz liegt dabei zwischen Bille und Villenviertel und ist die grüne Oase des Stadtteils. Wer jedoch etwas weiter fahren möchte, entdeckt neben viel grün, Natur und Landwirtschaft auch noch einen echten Lost Place. Knapp zehn Kilometer südöstlich der Bergedorfer Innenstadt liegt direkt an der Hamburger Stadtgrenze das Naturschutzgebiet Besenhorster Sandberge. Hier finden sich ähnlich wie in den Boberger Dünen alte Dünenlandschaften des nördlichen Ufers des Elbstromtals.

Doch neben den Dünen und dem Wald gibt es hier auch alte Ruinen voll bunter Graffiti-Kunst. Es sind die Reste eines ehemaligen Fabrikgeländes, das als solches kaum noch zu erkennen ist. 1876 gegründet produzierte die ehemalige Pulverfabrik im Ersten Weltkrieg vor allem Schwarzpulver. Nach einer erneuten Hochpasse der Produktion im Zweiten Weltkrieg wird die Anlage im April 1945 durch Bombenangriffe zerstört. Daraufhin werden die Anlagen erst abgebaut, dann gesprengt, später entseucht und sind seitdem vollständig der Natur überlassen. Heute sind die Ruinen ein beliebtes Ziel für Graffiti-Künstler:innen, Spaziergänger:innen und Reiter:innen. 

Das Bergedorfer Villenviertel

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Im Bergedorfer Villenviertel reiht sich ein prächtiges Haus an das nächste, darunter einige Baudenkmäler (Foto: Ulrich Pinkernell)

Zwischen Bille und Gojenberg ist Bergedorf besonders schön. Hier reiht sich ein Baudenkmal an das nächste. Das Bergedorfer Villenviertel entstand Ende des 19. Jahrhunderts, als der Bezirk als Luft- und Badekurort vor allem bei Familien aus Hamburg – Bergedorf war damals noch eigenständig und gehört erst seit 1937 zur Stadt Hamburg – beliebt war. Im Villenviertel gilt: Desto weiter man nach Norden geht, desto beeindruckender werden die Gebäude. Besonders rund um den Reinbeker Weg finden sich etliche Baudenkmäler, die Ende des 19. Jahrhunderts erbaut wurden. Dazu kommt das Luisen-Gymnasium Bergedorf, das vom Hamburger Architekten und Stadtplaner Fritz Schumacher Anfang der 1930er-Jahre erdacht und erreichtet wurde.

Die Sternwarte

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Die Sternwarte Bergedorf beherbergt eine der wohl schönsten Bibliotheken Hamburgs (Foto: UHH/Denstorf)

Im Süden des Villenviertels auf dem Gojenberg, liegt die von der Universität Hamburg betriebene Sternwarte. Eingeweiht im Jahr 1912, war die Sternwarte lange eines der bedeutendsten Observatorien Europas. Heute wird sie immer noch von der Universität Hamburg genutzt und Forschende blicken von hier aus, wenn auch häufig mit Hilfe anderer Teleskope in die Sterne. Neben den Forschungseinrichtungen verfügt die Sternwarte über eine der schönsten Bibliotheken der Stadt. Ein echter Geheimtipp für Studierende, die ohnehin in Bergedorf wohnen: Wohl nirgendwo lässt es sich besser und in schönerer Umgebung arbeiten als hier.

Doch damit nicht genug. Die Sternwarte strebt nach mehr. 2012 gab es den ersten Versuch, das Ensemble auf die sogenannte Tentativliste zu setzen. Auf dieser Liste stehen die Kulturdenkmäler und Schutzgebiete, für die eine Nominierung als UNESCO-Welterbe angestrebt wird. Bisher ist in Hamburg nur die Speicherstadt mit dem Kontorhausviertel UNESCO-Welterbe – und als Teil des Wattenmeers auch die Insel Neuwerk. Jetzt hat die Stadt Hamburg bei der Begründung, warum die Sternwarte UNESCO-Welterbe werden soll, nachgebessert und 2023 gibt es einen neuen Versucht. Dann soll die Sternwarte auf der Tentativliste und mit ein bisschen Glück als weltweit achte Sternwarte zum UNESCO-Welterbe werden.

Gedenkstätte KZ Neuengamme

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Das Klinkerwerk war zentraler Teil des ehemaligen KZ Neuengamme (Foto: Alexander Glaue)

Nur rund fünf Kilometer südlich der Sternwarte liegt ein Ort, der noch mehr Geschichte und Geschichten erzählt als die Teleskope auf dem Gojenberg. Das KZ Neuengamme war zur Zeit des NS-Regimes ein Arbeitslager der Nationalsozialisten. 1938 errichtet, war es zwischen 1940 und 1945 das zentrale Konzentrationslager Nordwestdeutschlands. Kurz vor Auflösung des Lagers waren hier 100.000 Häftlinge registriert. Heute ist das ehemalige KZ eine Gedenkstätte. Zum 60. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus wurde sie nach umfangreicher Renovierung im Mai 2005 neu eingeweiht. Die Gedenkstätte umfasst mit knapp 57 Hektar fast das komplette historische Lagergelände. Dabei wurden 17 Gebäude aus der Zeit des Konzentrationslagers erhalten und so ist die Gedenkstätte eine der größten in Deutschland. Der Eintritt zum Gelände und den zahlreichen Ausstellungen ist frei.


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