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Lost Places – Eingestiegen in Ruinen

Sie sind verlassen, teils verfallen – und dennoch einen Besuch wert: Lost Places. Fünf Porträts von besonders spannenden, weil vom langen Leerstand gezeichneten Orten in und um Hamburg

Text: Erik Brandt-Höge, Anarhea Stoffel & Anna Schärtl

Stadtteilschule Stellingen

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In der Stadtteilschule Stellingen am Sportplatzring 73 ist die letzte Unterrichtsstunde schon eine Weile her… (Foto: Jasmin Tran)
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Ein Ausblick ohne Durchblick (Foto: Erik Brandt-Höge)

Abi-Scherze extrem? Revolution der Lehrer? Schlichtweg Vandalismus? Wer vor der Stadtteilschule Stellingen am Sportplatzring 73 steht, stellt sich allerhand Fragen. Eingeschlagene Turnhallenfenster, zertrümmerte Stühle und Tische auf dem Pausenhof, Graffiti-Kunst überall. Sport, Chemie, Physik, alle Fächer fallen hier wohl erst mal aus. Tendenz – für immer.

Seit zwei Jahren steht die Schule leer, wird seitdem von Partyvolk ebenso besucht und verziert wie von Insta-Abenteurern und Nachbarskindern, die den Gebäudekomplex für ausgedehnte Versteckspiele nutzen. Der Sprung über den Zaun ist schließlich nicht schwer. Der Gang durch eines der Zaunlöcher noch weniger. Ruck, zuck ist man drauf auf dem Areal, das enorm viel Spannung in sich birgt. Sind in den Chemiesälen noch die ein oder anderen Pulver für Experimente zu finden? Kommt man an Gratis-Bunsenbrenner? Ist vielleicht sogar eine der berühmten blauen Matten aus dem Kabuf im Sportbereich abzustauben? Von Diebstahl ist natürlich abzuraten. Er wäre zudem unmöglich. Die ganze Schule ist kernentrümpelt. Nichts mehr in den Schränken, nichts mehr auf dem Mattenwagen.

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Sport fällt aus (Foto: Erik Brandt-Höge)

Ein Besuch des Gebäudekomplexes, in dem einst die Sekundarstufe II der Stadtteilschule zu finden war (jetzt im Brehmweg 60), lohnt sich dennoch. Wo sonst kommt man so leicht an Nostalgiegefühle, an Erinnerungen an die eigene Schulzeit? Und wer weiß, wie lange das noch geht. Es heißt, ein Abriss für ein Neubaugebiet stehe an. 

Gummifabrik Harburg

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„Matador“ und „Triumph“ – nur zwei Namen der populären Kämme, die in der Gummifabrik Harburg hergestellt wurden (Foto: Anna Schärtl)

Über 200 Meter erstrecken sich die dreigeschossigen Backsteingebäude der Gummifabrik und werfen lange Schatten auf die Straßen. Sie passen gut in die Harburger Industrielandschaft. Doch je näher man auf die Gebäude zukommt, desto klarer wird: Was einst ein beeindruckender Industriebau war, verfällt mehr und mehr zur Ruine. Wenn massive Holzbretter den Blick in die Gebäude nicht gerade komplett versperren, findet man eingeschlagene Fenster und Löcher in den Fassaden. Wer sich reckt, um durch eine der zerschlagenen Scheiben zu schauen, entdeckt ein Mosaik aus Graffiti – einige Schriften schon verblasst, an anderen tropft fast noch die Farbe hinab. Durch die Gitter der Kellerfenster lässt sich erhaschen, wie die Räume mit Regenwasser volllaufen. Blätter und einige Plastikflaschen schwimmen auf dem Abwasser, der Putz an den Wänden bröckelt. So verfällt der Komplex, der einst Harburgs ganzer Stolz war.

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Aus dem einstigen Industriedenkmal ist eine Ruine geworden (Foto: Anarhea Stoffel)

1856 ist Hamburg die erste europäische Stadt mit einer Hartgummifabrik, das Patent für die Herstellung wurde gerade erst erworben. Unter Produktnamen wie „Hercules-Sägemann“, „Matador“ und „Triumph“ werden die Kämme der New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie (NYH) schnell bei Friseur:innen auf der ganzen Welt im Handel beliebt. Seit 1954 ist der Harburger Standort der NYH – die Fabrik in Barmbek wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt – für den Hauptteil der Produktion verantwortlich. Neue Gebäude werden errichtet, alte erweitert, die Flure der Fabrik sind voll mit Leben. Als die Produktion 2009 nach Lüneburg verlagert wird, hallt in den leeren Räumen nur noch die Frage nach: „Was wird jetzt aus der Gummifabrik?“ Bis heute ist das nicht geklärt. Über die vergangenen Jahre wechselte das Grundstück immer wieder den Besitzer. Denkmalschutz, Gesundheitsbehörde, die Stadtplanung Harburg und Investoren sind in einem ständigen Vor und Zurück, während die alten Mauern immer mehr an Halt verlieren.

Schilleroper

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Von der Schilleroper wird nur das denkmalgeschützte Stahlgerüst bleiben – und die Geschichten (Foto: Erik Brandt-Höge)

Unter dem Namen Circus Busch beginnt 1889 Geschichte der Schilleroper. Ihr Erbauer Paul Busch eröffnet den Zirkus mit einer Galavorstellung, doch das Zirkusprogramm ist nur von kurzer Dauer. Herr Busch zieht mit seiner Truppe weiter und das Bauwerk wird zu einem Theater umgebaut, indem 1905 mit der Premiere von Schillers „Wilhelm Tell“ das erste Stück auf die Bühne kommt. Zur Feier seines 100. Geburtstags im selben Jahr wird das Bauwerk kurzerhand in Schiller-Theater und später Schilleroper umbenannt. Das Haus zeigt bis in die 1920er-Jahre Inszenierungen mit namhaften Schauspielern wie Hans Albers. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wird der Theaterbetrieb eingestellt und das Gebäude zum Lager für italienische Kriegsgefangene.

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Seit März 2021 wird die alte Schilleroper abgerissen (Foto: Erik Brandt-Höge)

Nach Ende des Krieges dient die Schilleroper dann als Notunterkunft für Geflüchtete und später als Hotel. Als 1975 ein Brand große Teile des Gebäudes zerstört, ist erst einmal Schluss. Seither kann sich keine Idee für die Schilleroper wirklich durchsetzen. In den Neunzigern dient sie für kurze Zeit erneut als Geflüchtetenunterkunft. Jedoch sind die Bedingungen im bereits heruntergekommenen Gebäude so schlecht, dass es zu politischen Auseinandersetzungen kommt. Es folgt ein erfolgreicher Subkulturclub in den frühen 2000ern, seit 2006 ist der Bau jedoch absolut ungenutzt. Jegliche Zukunftspläne werden weiter abgelehnt. Weil die Eigentümerin kein Interesse an den Aufforderungen zur Sanierung zeigt, wird das Gebäude seit März 2021 Stück für Stück abgerissen. Das Stahlgerüst bleibt jedoch, denn es ist denkmalgeschützt. Die Schilleroper hat viele Leben gelebt, sie erzählt von vergangenen Zeiten. Und womöglich werden ihre Geschichten das Einzige sein, das von ihr bleibt.

Mausoleum Baron von Schröder/ Kretschmer

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Das Sonnenlicht scheint durch die verbliebenen Bleiglasfenster des größten Mausoleums Nordeuropas (Foto: Erik Brandt-Höge)

Es ist leicht, sich auf den verzweigten Wegen zwischen Kapellen, Gräbern und dem dichten Grün des Ohlsdorfer Friedhofs zu verlieren. Begibt man sich jedoch ein wenig auf die Suche, findet man die berühmten Mausoleen des Friedhofes, die Grabstätten der einflussreichsten Familien Hamburgs. Eine befindet sich direkt vor der Kapelle 7 und fällt besonders ins Auge. Sie ist größer als die anderen, aber auch deutlich verfallener: das Mausoleum Baron von Schröder/Kretschmer. Nah am bröckelnden Bauwerk steht die Marmorskulptur von Hugo Lederer „Das Schicksal“. Eine Frau, die zwei Menschen hinter sich her in den Tod zieht. Errichtet wurde das Mausoleum 1906 von Charles von Schröder, Sohn des Unternehmers Johann Heinrich von Schröder. Die Gruft blieb im Besitz der Familie Schröder bis zur letzten Beisetzung 1958. Dann passierte lange Zeit nichts mehr.

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Im Inneren macht sich das Moos über den ehemals verzierten Decken und Wänden breit (Foto: Erik Brandt-Höge)

Schließlich übernahm Investor Klausmartin Kretschmer im Jahr 2009 die Patenschaft für das Mausoleum. Er verpflichtete sich, den Bau zu sanieren und plante, dort verschiedene öffentliche Events zu veranstalten. Einige fanden auch statt, zum Beispiel eine Vorstellung des Vampir-Romans „Hymne an die Nacht“ von Sylvia Madsack im April 2014. Doch plötzlich stoppten die Bauarbeiten, ohne eine Erklärung. Heute steht das Mausoleum zwar noch, es bleibt aber fraglich, wie lange. Die Plane, die eigentlich das Dach bedecken sollte, ist abgefallen. Feuchtigkeit dringt ins Innere und lässt alles schimmeln.

Eine Grundsanierung würde mehrere Millionen Euro kosten, sich aber lohnen. Denn das größte Mausoleum Nordeuropas ist in seinem Bau einzigartig, die detaillierten Verzierungen aus Sandstein im Innenraum erzählen biblische Geschichten, genauso wie die bunten Bleiglasfenster, durch die sich das Sonnenlicht auf den gemusterten Steinboden fällt. All diese Details gehen aber durch den Verfall verloren, und so wird diese Grabstätte immer mehr zu einem unheimlichen Ort der Vergänglichkeit.

Pulverfabrik Düneberg

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Keine Fabrikarbeiter mehr in der Pulverfabrik Düneberg, dafür Graffiti-Kunst und Ausflügler:innen (Foto: Anarhea Stoffel)

Das Naturschutzgebiet Besenhorster Sandberge in Geesthacht ist idyllisch: Zwischen hohen Kiefern erstrecken sich weite Sanddünen, die von der Elbe flankiert werden. Die Dünen entstanden nach der letzten Eiszeit, als sich durch das abfließende Wasser Sand in den Wäldern ablagerte und aufgeweht wurde. Neben der einzigartigen Natur fällt hier noch etwas ins Auge: alte Ruinen voll bunter Graffiti-Kunst. Wie Schatten tauchen sie immer wieder zwischen den Baumgruppen auf. Es sind die Reste eines ehemaligen Fabrikgeländes, das als solches kaum noch zu erkennen ist. 1876 gründet Max von Duttenhofer die Pulverfabrik auf Land, das er von Otto von Bismarck pachtet. Im Ersten Weltkrieg wird vor allem Schwarzpulver produziert. Die Fabrik beschäftigt zu diesem Zeitpunkt mehr als 20.000 Menschen.

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Wo früher Schwarzpulver produziert wurde, hat heute die Natur übernommen (Foto: Anarhea Stoffel)

Das Gelände wird zwar nach dem Krieg stillgelegt, um 1934 nimmt die Produktion in der NS-Zeit aber wieder Fahrt auf. Der Bedarf an Schwarzpulver ist hoch. Im Zweiten Weltkrieg wird die Anlage sogar um einige Gebäude erweitert, im April 1945 jedoch durch Bombenangriffe zerstört. Ab dann geht alles ganz schnell: Nach Kriegsende werden die Anlagen abgebaut, gesprengt, später entseucht. Seitdem sind sie vollständig der Natur überlassen. Heute sind die Ruinen ein beliebtes Ziel für Graffiti-Künstler:innen. Ihre grellbunten Werke sind das Einzige, dass die Betonreste noch von der Natur abhebt. Auf den Dächern der ehemaligen Werkstätten wachsen Bäume in die Höhe. Ab und zu übt noch das Technische Hilfswerk in der ehemaligen Fabrik für ihre Katastrophenschutzeinsätze. Ansonsten herrscht Ruhe in den Besenhorster Sandbergen. Nur einige Spaziergänger:innen und Reiter:innen haben das Gebiet noch auf ihrer Route. 

Die fünf Lost Places in der Übersicht:


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