Julia Schwarz: „Am Ende sind immer alle happy“

Hamburgerinnen des Monats Djenna Wehenpohl und Julia Schwarz bieten mit Black Hike Hamburg eine Wandercommunity für Schwarze Menschen an. Ein Gespräch über Barrieren und wie man sie beseitigt
Die beiden Gründerinnen von Black Hike Hamburg: Djenna Wehenpohl (l.) und Julia Schwarz
Die beiden Gründerinnen von Black Hike Hamburg: Djenna Wehenpohl (l.) und Julia Schwarz (©Vivian Mule)

SZENE HAMBURG: Djenna und Julia, ihr organisiert Gruppenwanderungen ausschließlich für Schwarze Personen. Warum?

Djenna Wehenpohl: Wir sind vor zwei Jahren im Arbeitsstress über einen Instagram-Post gestolpert: ein Hiking-Retreat in Portugal für Schwarze Frauen und non-binäre Personen. Wir haben gebucht, sind ein Wochenende lang nur in Schwarzer Community in der Natur gewesen. Das hat uns extrem viel gegeben. Eine Organisatorin der portugiesischen Gruppe ermutigte uns, so etwas auch in Hamburg zu starten. Also gründeten wir spontan eine Instagram-Gruppe. Viele Schwarze Menschen fühlten sich angesprochen und seitdem wandern wir monatlich. Die Outdoor-Branche ist sehr weiß, eurozentrisch und wenig repräsentativ. Hier in Hamburg haben wir in der Kunsthalle ja zum Beispiel auch Caspar David Friedrich, den „Wanderer über dem Nebelmeer“. Dieses ikonische Bild von einer Person, die auf die Spitze eines Berges steigt. Diese Person ist männlich und weiß. Das ist ein sehr typisches Bild, das viele Menschen vom Wandern im Kopf haben. Wir machen das Umgekehrte: Wir sind nicht allein, wir sind Schwarz und unterwegs im Flachland in Hamburg.

Julia Schwarz: Wir wollten einen Empowerment Space eröffnen, der nichts mit Aktivismus zu tun haben muss. Nichts mit Healing im Sinne von: Wir müssen uns mit unseren Rassismus-Erfahrungen auseinandersetzen. Sondern einfach: Wir machen gemeinsam etwas Schönes in der Natur. Wir trauen uns oft nicht, alleine in solche Spaces zu gehen, weil da faktisch eine Gefahr auf uns warten könnte. Wir merken auch jetzt manchmal, wie wir wahrgenommen werden, wenn wir als Gruppe in der Natur sind. Es wird einfach nicht damit gerechnet, in solchen Spaces Schwarze Menschen zu sehen. Gerade im ländlichen Raum kann das auch gefährlich sein. Deshalb machen wir das als Community in einem Empowerment-Setting gemeinsam und gestalten diesen Raum für uns.

Welche Barrieren gibt es für Schwarze Personen in der freien Natur? Böse Blicke oder rassistische Bemerkungen?

Julia Schwarz: Beides haben wir leider schon erlebt. Es gibt hierzu auch eine wissenschaftliche Studie der britischen Initiative Opening Up the Outdoors. Die haben gefragt: Woran liegt es, dass bestimmte Gruppen, vor allem BIPoC-Communitys, also Schwarze Menschen und People of Color, in Outdoor-Spaces unterrepräsentiert sind? Ergebnis: Es sind nicht individuelle, sondern strukturelle Barrieren.

Djenna Wehenpohl: Sicherheit ist eine ganz große Barriere. Repräsentation ist eine Imaginationsbarriere: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich da willkommen bin, weil ich mich dort noch nie repräsentiert gefühlt habe. Die Outdoorwelt wirkt für bestimmte Personen erst mal wenig einladend. Dann geht es um geografische und finanzielle Zugänge – eine Barriere, die alle betrifft, unabhängig von Hautfarbe, aber marginalisierte Gruppen brauchen hier häufig mehr Unterstützung. Die vierte Barriere sind Narrative vom „Bezwingen der Natur“. Das spiegelt weder die Erfahrung noch die Identität Schwarzer Personen wider. Ich finde es zudem interessant, dass die erste große repräsentative Umfrage in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu diesem Thema von einer britischen Initiative kommt.

Black Hike Hamburg: gemeinsam an der Natur 

Ritual vor und nach der Wanderung: Gruppenfoto. Wenn auch anfangs nervös, am Ende sind immer alle glücklich (©Black Hike Hamburg)

Wie sind die Reaktionen von Teilnehmenden, die zum ersten Mal mit euch in der Natur sind?

Julia Schwarz: Am Ende sind immer alle happy. Wir machen am Anfang ein kleines Stimmungsbild und fragen, wie sie in die Wanderung reingehen, und am Ende noch mal. Manche sind am Anfang nervös oder wissen nicht genau, was sie erwartet. Am Schluss sind sie kaputt, aber stolz, dass sie es geschafft haben. Und überrascht, wie schön es war. Ganz viele kommen wieder.

Gibt es Feedback aus der Outdoor-Szene?

Djenna Wehenpohl: In den letzten Monaten kamen Wanderprofis auf uns zu und sagten: Endlich gibt es so was wie euch. Ich wollte schon immer, dass der Outdoor-Space diverser wird. Kommt nach Bayern, in die Schweiz, lasst uns connecten. Oder: Ich habe noch einen Tipp für euch, braucht ihr einen Rucksack? Leute, die im Outdoor-Space etablierter sind oder das professionell machen, wollen uns supporten. Das war eine der überraschendsten Erkenntnisse: Wie unterstützend Outdoor-Kultur sein kann.

Julia Schwarz: Auch auf den Wanderungen haben wir viele positive Momente. Klar gibt es komische Verhaltensweisen, aber eben auch sehr viel Positives. Wanderer grüßen sich ja unterwegs. Manchmal merkt man, dass Leute etwas abwarten, ob wir diese Social Codes kennen. Sobald man ihnen dann mit einem Moin begegnet, kommt meistens ein nettes Moin zurück. Gerade ältere Personen begegnen uns positiv und offen. Viele freuen sich, junge Leute in der Natur zu sehen. Also ja, es gibt alles.

Wir machen gemeinsam etwas Schönes in der Natur 

Julia Schwarz

Muss man fit sein für eure Touren? Wie lang sind die so?

Julia Schwarz: Also ich würde schon sagen, man braucht eine gewisse Fitness. Wir machen aber Pausen, warten aufeinander, alle können in ihrem Tempo gehen. Niemand soll denken, ich schaffe es nicht. Es ist nicht komplett accessible, aber wir wollen alle gut mitnehmen.

Djenna Wehenpohl: Unsere Wanderungen dauern ungefähr vier Stunden. Wir bewegen uns zwischen neun und 15 Kilometern. Wenn es kalt ist, machen wir kürzere Wanderungen. Wir gehen jeden Monat raus. Duvenstedter Brook gehört zu unseren längeren Strecken, da sind Leute richtig kaputt. Da ist es fast durchgehend flach, aber es ist durch die Länge anstrengend. Während es zum Beispiel in der Fischbeker Heide Richtung Harburger Berge auch ein paar Hügel gibt. Im Vergleich zu anderen Wandervoraussetzungen haben wir hier in Hamburg aber natürlich keine Höhenmeter. In diesem Sinne braucht man nicht die Art von Fitness, die man in den Bergen braucht. Und wenn man an Wandern denkt, wie fit muss ich sein, um das zu schaffen, ist es in Hamburg einfach gedeckelt. Der höchste Punkt ist 116 Meter hoch. Ich glaube, das ist so eine Frage von: Von wo schaut man? Aus der Perspektive von grundsätzlichem Wandern ist das nicht anspruchsvoll. Aus der Perspektive „Ich mache das zum ersten Mal“ sollte man schon erwarten, dass man ins Schwitzen kommt.

Habt ihr Wandertipps für unsere Leserinnen und Leser? Was sind eure Lieblingsrouten?

Djenna Wehenpohl: Meine Top 3: Auf der 3 ist der Sachsenwald bei Aumühle. Verschiedene, richtig schöne Ecken. 2. Platz ist für mich Blankenese. Zuerst auf den Süllberg, dann unten am Strand zurück, am Elbe-Camp vorbei und wieder zurück. Nummer 1 ist unsere selbst kuratierte Fischbeckerheide-Harburger-Berge-Wanderung.

Julia Schwarz: Bei mir ist auf dem 3. Platz Duvenstedter Brook. Mag ich richtig gerne. Da ist es gerade im Herbst sehr schön, wenn die Moorlandschaft hübsch orange und gelb ist. Und man sieht viele Tiere. Platz 2 ist der Sachsenwald, weil ich den echt special finde. Der ist riesig. Wir haben da bis jetzt zwei verschiedene Routen gemacht. Auf Platz 1 ist bei mir auch tatsächlich Fischbeker Heide und Harburger Berge in Kombination.

Noch ein Abschlusssatz, den ihr gern in dem Text sehen würdet?

Julia Schwarz: Vielleicht der Aufruf an alle, dass Hamburg richtig viel, richtig schöne Natur hat und dass wir uns wünschen würden, dass Leute das erkunden und kennenlernen. Also unabhängig von unserer Gruppe wirklich zu wissen, in was für einer schönen grünen Stadt wir wohnen und das auch zu nutzen.

Djenna Wehenpohl: Viele denken, dass unser Instagram-Account nur von Schwarzen Menschen gefolgt werden kann. Ich glaube, manche fragen sich: Darf ich denn auch folgen und supporten? Auch wenn es Leute sind, die nicht mitwandern können, weil sie nicht Schwarz sind, ist ihre Unterstützung wertvoll für uns. Sie zeigt: Was wir machen, ist relevant und gut.

Dieses Interview ist zuerst in SZENE HAMBURG 07/26 erschienen

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