SZENE HAMBURG: Lars, du bist Rapper, Sänger, Texter, Comedian, Schauspieler, Sprecher, Tänzer – fehlt noch etwas in dieser Liste?
Lars Dietrich: Ich habe mir schon als Kind immer alles reingezogen, was irgendwie mit Unterhaltung zu tun hatte, und wollte auf jeden Fall irgendwas in dieser Richtung machen. In den 1970er- und 1980er-Jahre konnten Entertainer singen, tanzen und schauspielern. Deswegen wollte ich – wie damals Peter Alexander oder Harald Juhnke – einfach alles können. Als dann in den 1980er-Jahren der HipHop nach Deutschland kam, habe ich den Breakdance für mich entdeckt. Damals war ich elf oder zwölf Jahre alt und habe gemerkt, dass ich damit auch die Blicke der Älteren auf mich ziehen kann. Das hat mir großen Spaß gemacht.
Du bist in Potsdam aufgewachsen. War Breakdance in der DDR nicht ein absolut exotisches Hobby?
Es war darüber hinaus auch ein Outing. 1984 wurde der Film „Beat Street“ über die New Yorker HipHop-Kultur gedreht, produziert von Harry Belafonte, der als Freiheitskämpfer auch gerne mal in die DDR eingeladen wurde. Der Film setzte sich sozialkritisch mit dem Leben der Jugendgangs in der Bronx auseinander und wurde in der DDR als abschreckendes Beispiel gezeigt. Er sollte zeigen, wie schlecht es den Kindern in den USA ging und wie gut wir es in der DDR hatten. Der Schuss ging aber voll nach hinten los. Wir wollten alle am liebsten gleich morgen in die Bronx ziehen, weil dort – im Gegensatz zu unserem Alltag – alles so schillernd bunt rüberkam. So hat sich in der DDR eine eigene HipHop-Szene entwickelt, in der ich ganz vorne mit dabei war.
Die Herkunft des Namen Bürger Lars Dietrich
Dein Künstlername Bürger Lars Dietrich ist eine Anspielung auf deine DDR-Vergangenheit. Damals wurden Menschen vom „Abschnittsbevollmächtigten“ der Volkspolizei oft als „Bürger“ angesprochen. 2012 hast du mit „Dietrichs Demokratische Republik“ dein erstes eigenen Stück auf die Bühne gebracht, drei Jahre später dann in dem Musical „Sonnenallee“ mitgespielt, das sich ebenfalls mit der Jugendzeit in der DDR beschäftigt. Wie stark fühlst du dich heute noch geprägt von den ersten sechszehn Jahren deines Lebens bis zum Mauerfall?
Sehr stark. Da gibt es immer noch viel Rede- und Aufarbeitungsbedarf. In „Dietrichs Demokratische Republik“ habe ich gezeigt, wie wir uns damals als Normalbürger mit dem System arrangiert haben, was zu ganz skurrilen Situationen geführt hat, die man sich gar nicht besser hätte ausdenken können. Das war auf der Bühne ein Riesenspaß, obwohl die Situationen eigentlich aus der Not entstanden sind. Trotzdem hat man immer versucht, das Beste aus allem zu machen. Das Papier der West-Schokolade wurde gebügelt und auf den Papierkorb geklebt, weil es so schön bunt war – genau wie die Getränkedosen aus dem Westen, die man gesammelt und getauscht hat. In meinem Buch „Schlecht Englisch kann ich gut“ ging es dann ja auch darum, dass ich als Ossi in der Schule kein Englisch gelernt und mich mit Russisch herumgequält habe. So bin ich darauf gekommen, meine Rap-Texte auf Deutsch zu schreiben. Eine Pionierarbeit, die auch aus der Not entstanden ist.
Ballettänzer, Stuntman und Schauspieler: Bürger Lars Dietrich
Stimmt es, dass du eine abgeschlossene Ausbildung als Balletttänzer hast?
Ja, meine Cousine machte eine Ballett-Ausbildung an der Palucca-Hochschule in Dresden und hat mir gesagt, dass sie dort männliche Ballettschüler suchen. Ich habe den Eignungstest bestanden und wurde nach der zehnten Klasse aufgenommen. Dass ich als Breakdancer an so einer renommierten Kunsthochschule studieren durfte, hat nicht nur meine Lehrer überrascht. Während meiner Ausbildung erlebte ich in Dresden den Trubel der Wendezeit hautnah mit. Irgendwann erfuhr ich von meinen Eltern, dass die Mauer geöffnet wurde. In Potsdam brauchte ich nicht einmal 300 Meter laufen und befand mich schon im Westen. Das war schon krass. In dieser Zeit habe ich mit der DDR-Funk-Band Die Zöllner die Musik für einen Anti-Drogen-Film eingespielt. So ist deren Produzent auf mich aufmerksam geworden, und auf einmal hatte ich einen Plattenvertrag bei East West Records in Hamburg. Damit hat meine deutsch-deutsche Karriere begonnen. Als ehemaliger DDR-Bürger habe ich diese Entwicklung bis heute nicht wirklich verarbeitet.
Als Stuntman hast du zwischendurch auch gearbeitet …
Das war die erste Tätigkeit nach meiner Ballettausbildung. Ich habe in den DEFA-Studios als Solotänzer angefangen und wurde dann in das Stuntteam aufgenommen und eineinhalb Jahre in Prügel- und Fechtszenen eingesetzt. Verrückt, wenn man das alles so aufzählt. Aber eigentlich hat sich bis heute nicht viel geändert. Es öffnen sich immer wieder neue Türen. Plötzlich liefen meine Musikvideos auf Viva, und ich wurde über Nacht bekannt. Dann hatte ich mit Stefan Raab zusammen Konzerte, Tourneen und gute Chart-Erfolge. Dadurch ergaben sich Gastauftritte in Fernsehshows, Moderationen von Jugendsendungen und Auftritte als Schauspieler in Serien und Filmen. So konnte ich mich auf allen Gebieten weiterentwickeln und Erfahrungen sammeln.
„Ein Leben ohne Kinder kann ich mir nicht vorstellen“
Bürger Lars Dietrich
Als Moderator, Hörbuchsprecher und Darsteller in Märchenverfilmungen bist du auch im Bereich der Kinderunterhaltung sehr präsent? Du bist im vorletzten Jahr noch einmal Vater geworden und hast fünf Kinder. Wie fühlst du dich in der Vaterrolle?
Mein ältester Sohn ist 28 und steht mit mir oft gemeinsam auf der Bühne. Er hat auf der Ernst-Busch-Schauspielschule Puppenspiel studiert, und das lässt sich wunderbar mit meiner Bühnentätigkeit verbinden, weil ich eben auch schon seit vielen Jahren in der Kinder- oder Familienunterhaltung präsent bin. Ein Leben ohne Kinder kann ich mir gar nicht mehr vorstellen. Sie sind für mich eine große Inspirationsquelle. Durch sie habe ich auch nie den Draht zu meiner eigenen Kindheit verloren.
Seit rund 15 Jahren bist du auch immer wieder im Theater zu erleben, ab Ende Juli dann in Stefan Vögels Schwarzer Komödie „Bis dass der Tod“ zu erleben. Worum geht es in dem Stück?
Wie man sich denken kann, geht es in einer Schwarzen Komödie auch ein bisschen kriminell zu. Ich spiele so einen Schmarotzer-Typ, der mit einer reichen Frau zusammenlebt. Da die Ehe nicht besonders gut läuft und beide Anspruch auf die Kohle haben, will man sich gegenseitig irgendwie loswerden – aber auf die elegante Art und Weise. Das hat nicht zuletzt etwas mit Mord zu tun.
Wie hast du deine Liebe zum Theater entdeckt?
Ich war schon als Kind total geprägt von den Theaterschwänken und Komödien, die im Fernsehen liefen: Mit meiner Oma habe ich in der DDR TV-Aufzeichnungen aus dem Ohnsorg-Theater oder dem Kölner Millowitsch-Theater geguckt. Auch in der DDR gab es tolle Theaterschwänke. Es war schon immer einer meiner größten Träume, Menschen so zum Lachen zu bringen. Wenn der Funke dann vom Publikum auf die Bühne überspringt und wieder zurückgeht, entsteht eine Energie, die süchtig macht. Außerdem ist das Winterhuder Fährhaus ein echter Klassiker für mich, und ich liebe den Stadtteil Winterhude, der mittlerweile schon fast meine zweite Heimat geworden ist. Ich habe dort Freunde, mit denen ich mich treffen kann. Das entschleunigt und entspannt, gerade wenn man aus Berlin kommt und für eine Spielzeit dort untertauchen kann.
Dieser Artikel ist zuerst in der Printausgabe der SZENE 07/26 erschienen.

