SZENE HAMBURG: Wiebke, du bist als Comiczeichnerin und Illustratorin in Hamburg tätig. Wie erlebst du die Comic- und Literaturszene und was macht die Stadt für deine Arbeit so besonders?
Wiebke Bolduan: In Hamburg gibt es einen stetigen Austausch zwischen Nachwuchscomiczeichner:innen und bereits etablierten Comicschaffenden. Als ich mich während des Illustrationsstudiums mehr und mehr auf Comics fokussiert habe, war die Hamburger Comicszene ein total wichtiger Nährboden. Vor allem das Hamburger Comicfestival bildet diesen Kontakt der verschiedenen Generationen von Comiczeichner:innen sehr gut ab, finde ich. Wir unterstützen und inspirieren einander. Mein Eindruck ist außerdem, dass sich die Comicszene und die Literaturszene in Hamburg mehr und mehr annähern. Was ich großartig finde, da Comics ja ganz klar eine Form von Literatur sind!
In deinen Arbeiten behandelst du oft feinsinnige Themen wie Zwischenmenschlichkeit und Identität. Welchen Raum bietet die Hamburger Kulturlandschaft für diese Form des visuellen Erzählens?
Ich habe mich bisher immer sehr gut aufgehoben gefühlt in Hamburg mit den Themen, die ich in meinen Comics verarbeite und hatte nie das Gefühl, irgendetwas zurückhalten zu müssen. Die Stadt bietet einige Förderungsmöglichkeiten für Comickünstler:innen, von denen ich selbst auch schon profitiert habe. Natürlich muss man sich als Künstler:in immer überlegen, wie persönlich man in den eigenen Arbeiten wird. Aber ich bin immer so froh, wenn ich Arbeiten von anderen lese, sehe, höre – sei es Comic, Prosa, Lyrik, Theater, … – die sich ähnliche Fragen stellen wie ich mir. Und deswegen versuche ich mich auch wieder und wieder zu trauen, die Geschichten zu erzählen, die ich erzählen möchte. Weil andere sie vielleicht lesen und sich gesehen fühlen.
Das neue Buch
Mit „PLANET ELMAR“ ist dein neues Buch erschienen. Worum geht es in der Geschichte und was war der Ausgangspunkt für dieses Projekt?
In „PLANET ELMAR“ geht es um eine langjährige, komplizierte Freundschaft und um das Herantasten an die eigene Neurodivergenz. Ich hatte schon lange vorgehabt, mal eine Geschichte zu erzählen über eine Beziehung von zwei sehr verletzlichen Figuren, die mit dieser Verletzlichkeit aber sehr unterschiedlich umgehen. Elmar, die Hauptfigur, zieht sich zurück und denkt viel nach, während sein Freund Per laut wird und nie innezuhalten scheint. Ich finde solche Persönlichkeitsdynamiken in Freundschaften einfach total spannend. Das Thema Neurodivergenz beziehungsweise Autismus wurde erst Thema für das Projekt, als es auch bei mir persönlich Thema wurde. Ich habe meine Autismusdiagnose erst mit Ende 20 und ziemlich überraschend erhalten. Das wollte ich dann unbedingt in der Geschichte verarbeiten, weil ich es wichtig finde, diese Erfahrung zu teilen.
In ‚Planet Elmar‘ geht es um eine langjährige, komplizierte Freundschaft und um das Herantasten an die eigene Neurodivergenz
Wiebke Bolduan
Das Buch greift unter anderem Themen wie Neurodivergenz und Gefühle des Fremdseins auf. Wie hast du diese Erfahrungen visuell und erzählerisch übersetzt?
Die Herausforderung bestand auf jeden Fall darin, Bilder und Worte zu finden für dieses Erleben, ohne dabei in Klischees und Verallgemeinerungen abzudriften. Ich wollte Elmars Geschichte ausschließlich auf meiner persönlichen Erfahrung basieren, um diese sensiblen und komplexen Themen so authentisch und zugänglich wie möglich im Comic verarbeiten zu können. Im Buch gibt es verschiedene Szenarien, die besonders verbildlichen, wie sich Elmar fühlt: Sei es zum Beispiel eine einsame, abgeschiedene Insel oder eine Bühne, auf der alle Augen auf ihn gerichtet sind. Die autistische Erfahrung wird häufig mit der eines „Aliens von einem fremden Planeten“ verglichen. Ich wollte dieses Motiv im Buch humorvoll aufgreifen, weil es zwar durchaus stimmt, ich es allerdings auch häufig sehr einseitig gedacht finde. Autist:innen könnten sich durchaus weniger fremd fühlen, wenn ihre Umwelt mehr Verständnis für sie aufbringen würde.
Deinem neuen Buch wird auf dem Festival eine eigene Ausstellung gewidmet. Wie unterscheidet sich die Wirkung deiner Comicseiten im Buch von der Präsentation im Ausstellungsraum?
In der Ausstellung werden Originalzeichnungen zu sehen sein. Die Zeichnungen der Comicseiten, die ich mit schwarzer Tinte und grauem Buntstift anfertige und später einscanne, ausbessere und digital koloriere. Diese Originale sind ganz „ungeschönt“ – digital kann man ja später immer alles so leicht noch feinschleifen, aber bei den Originalzeichnungen sieht man zum Beispiel all die kleinen Korrekturanmerkungen, die ich an den Rand der Seiten schreibe.
Highlights beim Comicfestival
Worauf dürfen sich die Besuchende der Ausstellung besonders freuen – gibt es zum Beispiel Einblicke in deinen Entstehungsprozess?
Abgesehen von den Originalzeichnungen habe ich auch ein kleines Heftchen vorbereitet, in dem ich Schritt für Schritt meinen Arbeitsprozess zeige. Ich selbst finde das immer total spannend, wenn andere Comiczeichner:innen zeigen, wie sie arbeiten und deswegen wollte ich unbedingt auch einen Blick hinter die Kulissen geben. Die Ausstellung trägt den Titel „Bisschen lost“ und neben meinem Buch werden die aktuellen Bücher von Nele Jongeling („Ich will nicht arbeiten“) und Madita Schwenke („Drifting“) zu sehen sein. Wir gestalten ein gemeinsames Wandbild – ein Wimmelbild mit den Figuren unserer Comics – und das wird auf jeden Fall auch ein Highlight!
Du bist nicht nur ausstellende Künstler*in, sondern auch Teil des Orga-Teams. Wie bringt man diese zwei Rollen unter einen Hut und was zeichnet das Festival aus deiner Sicht aus?
Ich glaube, das Festival zeichnet genau das aus: Viele der Teammitglieder zeichnen auch selbst Comics. Das ist zwar gar keine Voraussetzung, um Teil des Teams zu werden – die einzige Voraussetzung ist ein Interesse für Comics und grafisches Erzählen – aber durch die vielen Comicschaffenden in Hamburg ergibt sich das von Jahr zu Jahr einfach so. Die Kreativität im Team und die Kreativität der Künstler:innen, die wir einladen, ergänzen sich total und man begegnet einander auf Augenhöhe. Deswegen ging für mich die Organisation der Ausstellung und die Organisation vom Festival auch Hand in Hand. Mir gefällt am Festival so sehr die Vielfalt vom Programm. Ich bin jedes Jahr wieder überrascht. Es gibt Ausstellungen von Nachwuchszeichner:innen und Ausstellungen von „großen Namen“. Dieser Mix ist besonders und ich hoffe, wir können das beibehalten
Welche Bedeutung haben unabhängige Festivals wie das Comicfestival Hamburg für die Vernetzung und Sichtbarkeit der Szene?
Eine ganz große Bedeutung! Wir können frei auswählen, welche künstlerischen Positionen wir beim Festival präsentieren möchten. Damit geht natürlich auch eine Verantwortung einher, aber es ist die Art von kreativer Freiheit, die man sich wünscht für Kulturveranstaltungen. Die verschiedenen Comicfestivals, die deutschlandweit jedes Jahr stattfinden, sind für die Szene total wichtige Ankerpunkte. Man trifft die Künstler:innen, Verlage – all die Gesichter hinter den Büchern. Und Comicfestivals sind eine Plattform, um geballt zu zeigen, was Comics zu bieten haben!
Dieser Artikelist zuerst in SZENE HAMBURG 10/26 erschienen.

