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Asklepios Klinik: Chef der Intensivstation über Corona

Prof. Dr. med. Martin Bergmann ist Chef der internistischen Intensivstation in der Asklepios Klinik Altona. Sein Arbeitsalltag steht seit Pandemie-Beginn auf dem Kopf. Ein Gespräch über die Anstrengungen von Medizinern während Corona, Balkonklatscher und die Wirkung der Lockdowns

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Prof. Dr. med. Martin Bergmann, auf einer Skala von eins bis zehn: Wie hoch siedeln Sie ihren Erschöpfheitszustand am Ende dieses Jahres an?

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„Großes Vertrauen in die Impfstoff entwickelnden Firmen“: Prof. Dr. med. Martin Bergmann

Prof. Dr. med. Martin Bergmann: Bei sieben. Wir sind noch nicht völlig erschöpft, aber die Situation ist schon sehr belastend. Gerade die zweite Welle schluckt einiges an Ressourcen. Die Mitarbeiter auf der Intensivstation, sowohl die Pflegekräfte als auch die Ärzte, erleben große Herausforderungen: Aktuell wird sieben Patienten teilweise mit Maschinenbeatmung geholfen.

Ebenso die Kollegen auf der COVID-Station, wo wir aktuell zwischen 20 und 30 Verdachtsfälle und Patienten mit leichteren COVID- Erkrankungen behandeln. Und wir gehen ja davon aus, dass uns das alles noch einige Wochen, wenn nicht Monate beschäftigen wird. Jedenfalls so lange, bis hoffentlich die Effekte der Impfungen spürbar werden.

Wie sieht denn Ihr aktueller Arbeits­alltag aus? Gibt es Routinen – oder ist jeder Tag anders?

Es gibt schon Routinen. Ich komme morgens um kurz vor acht in die Klinik und verschaffe mir mithilfe unseres elektronischen Klinik-Informationssystems einen Überblick zu den Patienten meiner Abteilung. Es folgt eine Oberarztbesprechung, bei der wir uns unter anderem über Notfälle austauschen und die Arbeit verteilen. Dann kommen die Intensiv-Visite und die Besprechung zwischen allen Abteilungen aus der Intensivmedizin über die nächsten 24 Stunden.

 

Extrem spannende Zeit

 

Blicken wir einmal zurück aufs Früh­ jahr und die erste Welle. Waren Sie auf einen Klinik­Ausnahmezustand vorbereitet?

Nein, darauf kann man sich auch nicht vorbereiten. Damals bestanden natürlich viele Unsicherheiten. Aber wenn man eine gewisse medizinische Begeisterung besitzt, muss man auch sagen, dass das eine extrem spannende Zeit war. Es gab sehr schnell einen internationalen Austausch zwischen den direkt mit der Patientenbehandlung beschäftigten Ärzten.

Welche Erkenntnisse gab es dabei?

Zum Beispiel, dass diese Krankheit häufig sehr ähnlich verläuft. Also, dass man von Tag vier nach Symptom-Beginn bis zu Tag 12 schnelle Verschlechterungen befürchtet, weshalb man Sorge um die Patienten haben muss. Vielen wurde durch die angesprochene Beatmung durch Maschinen geholfen, was ihnen das Leben gerettet hat. Allerdings sind einige von ihnen trotz aller Möglichkeiten und Maßnahmen aufgrund weiterer Komplikationen verstorben.

Hat Corona auch Ihren persönlichen Arbeitsalltag von jetzt auf gleich auf den Kopf gestellt?

Massiv. Von Haus aus bin ich Kardiologe, kümmere mich also um Herzklappen, Herzschwächen und Herzinfarkte. Jahrzehntelang habe ich die Intensivmedizin nur nebenbei gemacht. Dieses Verhältnis hat sich durch die Pandemie völlig umgedreht.

 

Volle Intensivbetten

 

Und wenn Sie die erste und die jetzige zweite Welle mal vergleichen: Welche hat Sie in der Klinik härter getroffen?

Wir hatten während der ersten Welle zwar rasch viele volle Intensivbetten, aber auch noch Kapazitäten, da alles andere reduziert worden war. Später, nach dem Shutdown und den Sommermonaten, die zusammen das Infektionsgeschehen nahezu zum Erliegen gebracht haben, hatten wir sogar wochenlang leere Intensivbetten und die Hoffnung, dass Maßnahmen wie die eingeführte Maskenpflicht uns eine zweite Welle ersparen würden. Das war leider nicht der Fall.

Sind Ihre Intensivpatienten jeden Alters?

Ja, zwischen 45 und 90 Jahre war schon alles dabei.

Gilt das auch für die an COVID verstor­benen Patienten?

Auch da gibt es keine Altersausnahmen. Wir haben Patienten über 80, die das Ganze gut überstehen, und wir haben Patienten Mitte 50 ohne schwere Begleiterkrankungen, die von einem Problem zum nächsten kommen – bis zu dem Punkt, an dem man keine Aussichten mehr hat, dass sie mit Lebensqualität aus der Sache herauskommen. Insgesamt sind es 20 bis 30 Prozent, die nach mehreren Wochen Behandlung versterben.

 

Gesellschaftliche Diskussion

 

Nochmal zurück zum Frühjahr, als die Öffentlichkeit die medizinischen Versorger unter anderem mit Klatschen von Balkonen honorierte. Was hielten Sie davon?

Von den Balkonklatschern habe ich nicht so viel mitbekommen. Aber ich glaube, dass die Medizin durchaus zurück in die gesellschaftliche Diskussion gekommen ist. Gerade, was die Intensivmedizin betrifft, die in der Vergangenheit teils als Maschinenmedizin verteufelt worden ist. Es wurde erkannt, was sie zu leisten im Stande ist. Das habe ich als sehr positiv wahrgenommen.

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass wir mit unseren Ansätzen, die Menschen eben wirklich helfen, mehr Akzeptanz erhalten.

Kurzer Blick aufs Frühjahr 2021 und die Möglichkeit, sich impfen zu lassen: Wie denken Sie, wird sich dann die Situation bei Ihnen in der Klinik verändern?

Ich stelle mich erst mal darauf ein, dass wir bis zum Frühjahr noch mit Fallzahlen wie den aktuellen konfrontiert sein werden. Der Lockdown light hat zuletzt in den Hamburger Kliniken zwar nicht zu einem Rückgang der Versorgungsfälle geführt, aber zumindest zu keinem weiteren Anstieg.

Von dem größeren Lockdown verspreche ich mir jetzt keinen gravierenden zusätzlichen Effekt – außer, dass wir vielleicht etwas Luft holen können. Allerdings hoffe ich ganz stark, dass alle, die die Gelegenheit dazu bekommen, sich impfen zu lassen, diese auch wahrnehmen. Ich habe großes Vertrauen in die Impfstoff entwickelnden Firmen und halte es für völlig ungerechtfertigt, sich nicht impfen zu lassen. Ohne eine große Impfbereitschaft werden wir das Problem nicht lösen können.

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