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Kulturkampf: Optimismus an den Theaterhäusern

Die Corona-Pandemie hat die Szene hart getroffen. Wie geht es weiter? Die Akteure sind zermürbt von Existenzängsten. Zugleich kämpfen sie unermüdlich, damit es weitergeht. Eine Stimmung, zerrissen zwischen Optimismus und Verzweiflung. Theaterintendant Axel Schneider berichtet – kurz vor der Wiedereröffnung im September 2020 und noch einmal mitten im zweiten Lockdown

Text: Ulrich Thiele

 

Axel Schneiders Blick in die Zukunft ist im August 2020 weitaus heller. „Ich gehe sogar soweit zu sagen, dass ich nicht nur verhalten, sondern durch und durch optimistisch auf die nächste Saison blicke“, sagt Schneider, der vier Privattheater in Hamburg, darunter die Kammerspiele und das Altonaer Theater leitet. Ein Grund für seine gute Stimmung ist der Coup, den er für Letzteres landen konnte: Ferdinand von Schirachs neues Stück „Gott“, in einer Inszenierung von Schneider selbst.

Die Abstände, die auf der Bühne eingehalten werden müssen, seien bei den Proben eine Herausforderung. Es dürfe nicht verkrampft aussehen, die Maßnahmen mit ironischen Metakommentaren zu unterlaufen, kommt für Schneider nicht in Frage. Der Sketch „Was man beim Bettenkauf beachten sollte“ von Loriot, den Schneider gerne im Altonaer Theater gesehen hätte, ist gar nicht erst umsetzbar – darin liegen vier Darsteller dicht an dicht auf Doppelbetten.

Dankbar ist Schneider der Hamburger Kulturbehörde, die eine großartige Hilfe gewesen sei. Und dank des Kurzarbeitergeldes musste er keinen seiner Mitarbeiter entlassen. Die Politik unterstützt die Theater in der Tat reichlich. Die abgesagten Privattheatertage, deren Initiator Schneider ist, sollen im Juni 2021 in einer Doppelausgabe nachgeholt werden, der Bund und die Stadt haben die Finanzierung bereits gesichert. Hinzu kommt die Solidarität des Publikums. Viele Theaterbesucher hätten auf eine Rückerstattung verzichtet, berichtet Schneider. Nun gelte es, den Besuchern glaubhaft zu vermitteln, dass ihre Gesundheit gesichert ist, vor allem dem älteren Publikum, sagt Schneider und klopft drei Mal auf den Tisch.

 

Axel Schneider im März 2021

 

„Es gibt diesen inzwischen reichlich abgenutzten Begriff 2021 der ,Herausforderung‘. Nach einem Jahr Corona – ich spreche da jetzt nur über meine Aufgaben als Intendant und nicht über persönliche Schicksale vieler Menschen – ist dieser Begriff angebracht. Die sogenannten Katastrophen im Leben sehen anders aus. Aber nach 26 Jahren als Intendant lerne ich immer noch dazu, muss flexibel sein und nach vorne schauen können. Corona hat uns alle durchgeschüttelt. Wir haben viel auf Halde produziert und viel in der Verwaltung von links nach rechts und wieder zurück organisieren müssen. Doch all dies hört sich viel negativer an, als es in Wirklichkeit ist, denn unterm Strich gab und gibt es noch eine ganz andere Botschaft: Dankbarkeit!

Dankbarkeit gesund zu sein, seinen Beruf noch ausüben zu dürfen, sich weiter kreativ mit Themen und Stoffen beschäftigen zu dürfen – das kann einem ja keine Pandemie nehmen. Auch das Wort Achtsamkeit, das vor wenigen Jahren so in Mode gekommen war, wird nun neu gelebt.

Im Theater hat man oft mit besonders sensiblen Menschen zu tun. Ich fand und finde es bewundernswert, mit welcher Professionalität, welchem Einsatz, Ehrgeiz und eben Dankbarkeit sich Ensembles und Regieteams in die Arbeit gestürzt haben, oft mit dem Wissen, dass die jeweilige Produktion erst mal nicht rauskommen wird. Ich empfand mich als privilegiert, diesen Künstlerinnen und Künstler in internen Endproben bei der Arbeit zuschauen zu dürfen. Ich empfinde mich auch als privilegiert, im Homeoffice Stückaufträgen nachgehen zu dürfen, und ich empfinde mich als privilegiert, in der Verwaltung für eine Zukunft mit geöffneten Theatern arbeiten zu dürfen.“


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