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Denkmalschutz als Zukunftssicherung

Für Kristina Sassenscheidt ist Denkmalschutz Zukunftssicherung: Die Geschäftsführerin vom Hamburger Denkmalverein findet Altbauten nicht nur historisch und architektonisch wertvoll. Sie kritisiert, dass bei Neubauten die ökologischen Schäden der Abrisse nicht ausreichend berücksichtigt werden. Mit ihrer Arbeit wirbt sie für einen Paradigmenwechsel – und für nachhaltige Sanierungen

Interview: David Hock

SZENE HAMBURG: Kristina Sassenscheidt, wie wurden Sie zur Denkmalschützerin?

Kristina Sassenscheidt: Ich mochte Altbauten immer schon sehr gerne, deshalb habe ich auch Architektur studiert. Ich wollte gar nicht neu bauen, sondern mich intensiver mit Altbauten und ihrer Geschichte beschäftigen. Und so bin ich automatisch auf den Denkmalschutz gestoßen, weil der sich um die interessantesten Altbauten kümmert – nämlich die, die noch am meisten originale Substanz besitzen und die daher besonders viel Geschichte erzählen können.

Gibt es eine Anekdote aus Ihrer Kindheit, die Sie in Richtung Ihrer heutigen Tätigkeit geprägt hat?

Ich bin auf dem Johanneum in Winterhude zur Schule gegangen – ein wunderschönes Gebäude des ehemaligen Oberbaudirektors Fritz Schumacher. Und selbst wenn mir die Schule mal nicht so gefiel, bin ich immer gern in dieses Schulgebäude gegangen. Wenn ich mich im Unterricht gelangweilt habe, habe ich manchmal aus dem Fenster geschaut und Teile der Backsteinfassade abgezeichnet, daran erinnere ich mich noch. Und das zeigt auch, wie wichtig qualitätsvolle Schulgebäude für die baukulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen sind.

„Je mehr abgerissen wird, desto stärker wird der Denkmalschutz“

Denkmalschützerin Kristina Sassenscheidt

Seit 40 Jahren gibt es den Hamburger Denkmalschutzverein, seit mehr als drei Jahren sind Sie hauptamtliche Geschäftsführerin. Was ist das Anliegen Ihrer etwa 700 Mitglieder?

Wir setzen uns für einen stärkeren Denkmalschutz in Hamburg ein und versuchen, den Menschen die Bedeutung der alten Bauten als Geschichtszeugnisse und zentrale Bestandteile des gewachsenen Stadtbildes zu vermitteln. 

Die gesellschaftliche Unterstützung für Denkmalschutz und Denkmalpflege ist häufig auch eine Reaktion auf Verlusterfahrungen: Je mehr abgerissen wird, desto stärker wird auch der Denkmalschutz. Hamburg hat seit jeher eine selbstbewusste Zivilgesellschaft, was auch für unser Anliegen ein großes Pfund ist. Es gab immer wieder großen Widerstand aus der Bevölkerung, wenn sich die Hamburger Stadtplanung zu verselbstständigen drohte. Prominente Beispiele sind St. Georg und Ottensen, von denen in den 60er- und 70er-Jahren große Teile abgerissen werden sollten. Das wurde durch massiven Protest auf der Straße verhindert.

Veränderung der Stadtentwicklung

Bedeutet Denkmalschutz dann automatisch, kämpfen zu müssen?

Idealerweise kommt es gar nicht erst zu einem Konflikt. Wir bemühen uns immer darum, dass alle Beteiligten rechtzeitig die Anliegen der historischen Baukultur im Blick haben und in Planungen einbeziehen können. In den 1970er-Jahren gab es schon mal einen Paradigmenwechsel hin zu einer bestandsorientierteren Stadtentwicklung. Damals musste man feststellen, dass in den Nachkriegsjahrzehnten schon sehr viele Gründerzeit-Bauten verloren gegangen waren. Daraufhin wurden viele staatliche Stellen in den Denkmalämtern bundesweit geschaffen.

Jetzt sind wir gerade wieder in einer entscheidenden Phase: Der Immobilienmarkt läuft heiß, es wird wieder sehr viel abgerissen, und gleichzeitig gibt es mit dem fortschreitenden Klimawandel noch deutlich mehr Gründe, Gebäude zu erhalten als vor 50 Jahren.

Sie halten es also auch ökologisch für sinnvoller, ein Gebäude energetisch zu sanieren als einen energieeffizienten Neubau zu planen?

Ja, das Ziel muss es erst mal sein, den gebauten Bestand zu erhalten und qualifizieren. Deutschland war bisher viel zu einseitig auf die Betriebsenergie konzentriert und hat vor allem darauf geschaut: „Wie viel wird geheizt? Wie viel Strom wird verbraucht?“ Man muss aber viel stärker die ökologische Gesamtbilanz in den Blick nehmen.

Ein bereits bestehendes Gebäude ist ein gewaltiger Ressourcen- und Energiespeicher mit all den Materialien, die bei seinem Bau produziert und verbaut wurden. Alleine die Zementproduktion macht weltweit über acht Prozent des CO2-Ausstoßes aus. Wenn man Gebäude abreißt, vernichtet man die verbaute „graue“ Energie, erzeugt Bauschutt und stößt weiteres CO2 für Abtransport und Neubau aus. Sehr anschaulich wird das gerade am Deutschlandhaus in der Innenstadt, wo der Altbau abgerissen wurde und ein nahezu identischer Neubau entsteht.

Und wieso passiert so etwas dann noch?

Abriss ist zu billig, das macht den Neubau und die damit oft verbundene Optimierung der Flächenausnutzung wirtschaftlich attraktiv. Eine CO2-Abgabe auf die Vernichtung von grauer Energie und steuerliche Anreize für die Erhaltung von Altbauten sind aus meiner Sicht Beispiele für sinnvolle politische Weichenstellungen.

Denkmalwürdigkeit

Wie kann aus Ihrer Sicht ein gesundes Zusammenspiel zwischen Gebäudeerhalt und Entwicklung aussehen?

Ein schönes Beispiel ist das Pestalozzi-Quartier auf St. Pauli. Dort hat man die alte Pestalozzischule des Altonaer Stadtbaurates Gustav Oelsner aus den 1920er-Jahren saniert, zu Wohnungen umgewandelt und die Umgebung mit hochwertigen Neubauten nachverdichtet. Im Ergebnis ist ein sehr lebenswertes neues Stück Stadt mit einer gelungenen Mischung aus Alt und Neu entstanden.

Ein wichtiger Impuls für eine bestandsverträgliche Stadtentwicklung war die Rettung des historischen „Gängeviertels“ in der Neustadt. Die Stadt konnte keine greifbare Vision für dieses Areal entwickeln, und die zwölf Gebäude standen über Jahre größtenteils leer. Dann hat die Stadt sie an einen Investor verkauft, der wiederum im Zuge der Finanzkrise nicht mit seinem geplanten Bauvorhaben starten konnte, das einen Abriss von 80 Prozent der Altbauten vorsah. Und dann kam die Initiative „Komm in die Gänge“ mit der klaren und positiven Vision, einen kulturellen Ort für alle Hamburgerinnen und Hamburger zu schaffen.

Es war toll zu erleben, wie sich daraufhin sehr viele Menschen hinter diesem Gedanken versammelt haben und über Monate intensiv diskutiert wurde – bis die Stadt das Areal am Ende zurückgekauft hat und jetzt gemeinsam in enger Abstimmung mit einer Genossenschaft saniert, die aus der Initiative heraus entwickelt wurde.

Das Motto „Ein Konzerthaus für alle“ hat die Stadt der fünf Jahre alten Elbphilharmonie gegeben. Ist dieses neue Wahrzeichen bereits ein Denkmal? Was sind die formalen Kriterien?

Bei der Elbphilharmonie ist in meinen Augen vor allem die Symbolwirkung wichtig, also die Botschaft: „Hier ist das Neue in Ergänzung zum Alten entstanden.“ Ich finde es gut, dass vom dem Kaispeicher zumindest die historische Fassade erhalten wurde, wobei ich mir natürlich gewünscht hätte, dass man im Inneren noch deutlich mehr erhält und nicht für ein Parkhaus entkernt. Der Neubau ist in seiner architektonischen Kraft eigentlich schon denkmalwürdig. Aber Denkmalschützer:innen müssen sich immer 25 bis 30 Jahre Zeit nehmen, bis sie von einer „abgeschlossenen Epoche“ sprechen können, die sie mit der notwendigen Distanz bewerten können. Zuständig für Unterschutzstellungen ist das staatliche Denkmalschutzamt, in dem Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker den Baubestand erforschen und auf seine Denkmalwürdigkeit hin überprüfen.

Wenn ein Gebäude zum Denkmal wird, muss man Baumaßnahmen mit dem Amt abstimmen. Eine Unterschutzstellung hat allerdings auch viele Vorteile, wie Steuererleichterungen oder die Möglichkeit, sich um private und staatliche Fördertöpfe zu bewerben. Außerdem ist Denkmalschutz ja eine Art „Gütesiegel“, das bezeugt, dass man ein geschichtlich bedeutsames oder künstlerisch wertvolles Bauwerk besitzt – und darauf kann man als Eigentümerin oder Eigentümer stolz sein.

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Der Denkmalverein möchte auch loben – und damit Gebäudeerhalt attraktiv machen: Die jüngst erschienene Publikation „Stadt Neu!“ stellt herausragende Hamburger Sanierungs- und Umnutzungsprojekte vor, wie die Umwandlung eines Bürohochhauses in der City Nord in ein Apartmenthaus oder die Umnutzung der ehemaligen Arrestanstalt Wandsbek in Arbeitsräume für das benachbarte Amtsgericht. Das Buch kostet 12 Euro. Mehr Informationen und Bestellung unter denkmalverein.de

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