Caroline Junghanns über ihr neuestes Stück „Die Vegetarierin“ 

In „Die Vegetarierin“ spielt Caroline Junghanns zusammen mit drei weiteren Darstellern eine Frau, die sich von allem Tierischen lossagen und eine Pflanze werden möchte 
Lauch statt Lammkeule: Caroline Junghanns in „Die Vegetarierin“ 
Lauch statt Lammkeule: Caroline Junghanns in „Die Vegetarierin“  (©Isabel Machado Rios)

SZENE HAMBURG: Caroline, bist du Vegetarierin? 

Caroline Junghanns: Ich esse Fleisch, aber sehr wenig. 

In der Bühnenfassung des Romans „Die Vegetarierin“ der Literaturnobelpreisträgerin Han Kang schlüpfst du zusammen mit drei weiteren Spielern in die titelgebende Rolle der Yong-Hye. Sie ist eine durchschnittliche Ehefrau, die durch den plötzlichen Entschluss, kein Fleisch mehr zu essen, heftige Reaktionen in ihrer Umwelt auslöst. Warum reagiert ihre Familie so verstört auf eine doch eigentlich harmlose Tatsache? 

Yong-Hyes sehr klare Entscheidung, kein Fleisch mehr zu essen, ist die Folge eines Traums, der immer wiederkehrt. Sie hört Stimmen und Schreie, träumt von Fleisch und Körpersäften und empfindet diese Träume als Bedrohung. Das Chaos entsteht, als sie die Gefriertruhe ausräumt und alle tierischen Produkte entsorgt, sodass ihr Mann zu Hause kein Fleisch, keine Molkereiprodukte, keine Eier mehr essen kann. Das ist – besonders in Südkorea – ein Sich-Aufbäumen gegen eine Gesellschaftsform, die dort sehr patriarchal geprägt ist. Ihre Familie reagiert völlig verständnislos und auch gewalttätig, liest dieses plötzliche, andere Verhalten von Yong-Hye als Affront und wendet sich von ihr ab. Nur ihre Schwester bricht den Kontakt nicht ab, versucht zu verstehen, was hinter diesem radikalen Bruch steht. 

Diese Rebellion richtet Yong-Hye auch gegen ihren eigenen Körper … 

Die Geschichte ist vielschichtig. Nach und nach kristallisiert sich heraus, dass sie sich transformieren will. Sie will kein Mensch, sondern eine Pflanze sein, ein Baum werden – ein Wesen, das keine Tiere isst. Sie verweigert jegliche Art der Nahrungsaufnahme. Wird künstlich mit Schlauch und Nasensonde ernährt. Wehrt sich mit dem Ergebnis, dass ihr mit Gewalt Essen verabreicht wird. Ihr Körper ist nur noch eine Hülle. Sie will verschwinden. Sich auflösen. Ihre Entscheidung aber ist völlig klar, sie hat keinerlei Zweifel. Das finde ich so bemerkenswert an dieser Figur.

Die Vegetarian: Der unbeugsame Wille einer Frau

Also empfindet die Gesellschaft weniger den Vegetarismus, sondern den unbeugsamen Willen einer Frau als anstößig?

Genau. Ihre Familie, als Abbild der Gesellschaft, sieht dieses Verhalten als vollkommen regelwidrig an, fühlt sich provoziert und reagiert mit Druck. Sie aber sieht eine Perspektive, hat eine Utopie. Das hat mich vor allem beim Lesen sehr begeistert.

Die Veröffentlichung des Romans 2007 in Südkorea fand zunächst ein verhaltenes Echo. Nach der Übersetzung ins Englische neun Jahre später wurde er aber ein weltweiter Erfolg. Wie erklärst du dir das? 

Die Themen sind universell: Wie finden wir unseren Platz in der Gesellschaft, und wie gehen wir mit Menschen um, die ihren Platz nicht finden? Wie gehen wir mit Frauen um? Es geht auch um Vergewaltigung, um Männer, die sich einfach nehmen, was sie wollen, und Frauen, die das aus Angst und Überforderung geschehen lassen. 

Wie gelingt es dir, nach solchen emotional fordernden Rollen wieder Abstand zu gewinnen? 

In dem Moment, in dem eine Figur einen Ausbruch hat oder sich in extreme Situationen begibt, befreit sie sich von ihrem emotionalen Druck – und ich als Spielerin bin ihn dann auch los. Im Stück „Prima Facie“ habe ich eine Frau gespielt, die vergewaltigt wurde, und vor Gericht den ganzen Tathergang während ihrer Zeuginnenaussage noch einmal durchleben muss. Die Figur schafft es, trotz aller Retraumatisierungen, in der Verhandlung zu sprechen. Ein befreiender Akt, den ich als Spielerin auch so empfinde. 

Im Spiel geht es ums Loslassen, damit es lebt und nicht bloß mit dem Kopf gesteuert wird

Caroline Junghanns

Welche Rolle hat dich bisher persönlich oder künstlerisch am meisten herausgefordert? 

„Prima Facie“ ist ein Monolog mit 70 Seiten Text. Das war eine große Herausforderung. Ich habe die Geschichte einer Frau erzählt und in den Köpfen des Publikums entstanden dazu die jeweils eigenen Bilder. Anspruchsvoll, die Konzentration und Spannung auf beiden Seiten zu halten und einen Bogen zu spannen. Aber die eine Rolle, die mir so viel abverlangt hat wie keine andere oder die mich längere Zeit verfolgt hat, gibt es in diesem Sinne nicht.

Gibt es eine Eigenschaft an dir selbst, die dir beim Schauspiel besonders hilft – und eine, die dich manchmal eher herausfordert?

Ich bin ein offener Mensch, der zuhört, versucht, Zusammenhänge herzustellen und für die Sache zu arbeiten. Das hilft mir, um in der Arbeit weiterzukommen. Hinderlich ist manchmal, dass ich vielleicht zu diszipliniert bin. Für bestimmte Arbeitsabläufe ist das natürlich von Vorteil. Aber im Spiel geht es ums Loslassen, damit es lebt und nicht bloß mit dem Kopf gesteuert wird. 

Du tritt’s auch in TV-Produktionen auf und warst zuletzt in „Die Eifelpraxis“ und „Mord mit Aussicht“ zu sehen. Wie nimmst du die Arbeit fürs Fernsehen wahr? 

Toll finde ich, dass man in den vier bis fünf Wochen, die so ein Filmprojekt dauert, seine ganze Energie nur darauf verwendet. Es fühlt sich ein bisschen nach Endproben an. Jeder hat seine Position, es geht alles sehr schnell und effizient. Aber es gibt selten Umwege, oft wird nicht tiefgründig geprobt oder improvisiert. Im Theater haben wir mehr Zeit und die Freiheit, herauszufinden, wie wir eine Szene auflösen und mit Sprache umgehen.  

„Alles kommt, wenn es kommen soll“ 

Caroline Junghanns

Gibt es eine Rolle oder ein Genre, das du unbedingt noch einmal spielen oder erstmals ausprobieren möchtest? 

Nein. Ich bin total neugierig, und es kommen immer tolle neue Aufgaben. Alles kommt, wenn es kommen soll, und dann auch zum richtigen Zeitpunkt. Das ist meine Erfahrung. 

Wenn du einen Tag lang nicht Schauspielerin wärst, sondern einen anderen Beruf ausprobieren könntest – welcher wäre das? 

Das frage ich mich selbst manchmal, denn Verträge am Theater sind ja immer befristet. Eine Eintrittskarte auf Lebenszeit gibt es nicht. Ich glaube, ich würde im sozialen Bereich arbeiten. Nach dem Abitur habe ich ein Freiwilliges Soziales Jahr in Italien absolviert und dort in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung gearbeitet und mit ihnen zusammengelebt. Das hat mir gefallen, weil es etwas Spielerisches hatte: immer wieder andere Wege miteinander zu gehen. 

Du bist in Dresden geboren, hast in Stuttgart Schauspiel studiert und warst danach Ensemblemitglied am Schauspiel Chemnitz, Schauspiel Stuttgart, Schauspiel Hannover und bist dann in der letzten Spielzeit mit Sonja Anders nach Hamburg ans Thalia Theater gekommen. Welche Erfahrungen hast du hier gemacht, die du woanders nicht gemacht hast? 

Noch kenne ich das Haus zu wenig, als dass ich das klar beantworten könnte. Aber die bauliche Struktur des Hauses ist hier anders als in Hannover oder Stuttgart. Alle Abteilungen arbeiten zwar in einem Haus, unter einem Dach, und die Wege innerhalb der Gewerke sind kurz. Und doch, so meine bisherige Beobachtung, begegnet man sich seltener. Mein Plädoyer also für nicht verabredete Verabredungen, zufällige Treffen zwischen Tür und Angel und viele Fahrstuhlgespräche.  

Dieser Artikel ist zuerst in SZENE HAMBURG 09/26 erschienen. 

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