SZENE HAMBURG: „Geister“ ist dein zweiter Film mit Fatih Akin. Ihr kennt euch aber schon lange, oder?
Anna Bederke: Ja. Ich habe bis 2008 Regie an der HFBK studiert, er war dort mein Dozent. 2009 kam dann unser gemeinsamer Film „Soul Kitchen“ ins Kino. Das Abgefahrene ist: Das Thema meiner Diplomarbeit lautete „Traum und Film“ – durch unsere Zusammenarbeit für „Geister“ schließt sich nun ein Kreis.
Wie kam er für „Geister“ auf dich zu?
Monique, die das Casting macht, und Fatih haben mir von der Rolle erzählt, mir das Drehbuch geschickt und wollten, dass Eren M. Güvercin und ich uns kennenlernen. Wir haben uns sofort super verstanden und hatten beide Lust drauf. Das war sehr unkompliziert. Ein paar Tage später kam die Zusage.
„Wenn man zu viel alten Kram rumstehen hat, hat man weniger Platz für Neues“
Anna Bederke
Wie ist das, wenn man sich so lange kennt wie du und Fatih: Macht es das gemeinsame Arbeiten leichter oder schwieriger?
Viel leichter. Gute Regie und gutes Schauspiel sind immer davon abhängig, dass sich beide Seiten vertrauen. Es geht nicht zwangsläufig um ein enges Verhältnis, sondern darum, dass man in der Arbeit die gleiche Sprache spricht und sich auf Augenhöhe begegnet. Bei „Geister“ bestand das Team großteils aus Leuten, mit denen ich schon bei „Soul Kitchen“ zusammengearbeitet habe, mit einigen davon bin ich befreundet – das war eine sehr vertraute Umgebung.
Gab es Dinge, die ganz anders waren als bei „Soul Kitchen“?
Der technische Aufwand und die Anforderungen waren ganz andere, aber das hat mich kaum betroffen. Was bei Fatih immer toll ist: Er hat sehr klare Vorstellungen, bringt aber gleichzeitig die Offenheit mit, sich auf Unvorhergesehenes einzulassen – das ist für mich die Kunst.
Hast du schon an Projekten mitgewirkt, bei denen das Vertrauen gefehlt hat?
Ja – einmal. Das war aber eine gute Schule. Was mich an der Arbeit interessiert, ist die Freiheit, loslassen und im Moment sein zu können. Wenn gegenseitiges Vertrauen fehlt, wird es anstrengender, das herzustellen. Ich habe dabei aber gelernt, trotzdem bei mir selbst zu bleiben und das zu machen, was sich für mich richtig anfühlt. Es macht dann allerdings weit weniger Spaß.
Über den Tod und das Träumen
Wenn du ein Drehbuch zugeschickt bekommst: Gibt es Kriterien, die dir besonders wichtig sind?
Meine Rollenauswahl erfolgt sehr intuitiv. Manchmal überzeugt mich die Geschichte besonders, manchmal vor allem meine Figur, manchmal ein einzelner Aspekt. Worauf ich derzeit wenig Lust habe, sind klassische Schwarz-Weiß-Darstellungen.
Du hast in letzter Zeit häufiger international gedreht.
Das Internationale hat sich ganz organisch entwickelt. Den Film „That They May Face the Rising Sun“ habe ich in Irland gedreht, und man muss sagen: Die Iren sind einfach coole Dudes. Das hat total Spaß gemacht. Ich hatte das Gefühl, dort unmittelbarer miteinander arbeiten zu können, als das in Deutschland oft der Fall ist.
Zentrales Thema von „Geister“ ist der Tod; ein Thema, das viele Menschen eher meiden. Der Film gibt einem nun Gelegenheit, darüber nachzudenken und sich auszutauschen. Hast du dich im Zuge der Dreharbeiten ebenfalls damit auseinandergesetzt?
Ich spiele die Mutter eines Sohnes, der den Tod seiner ersten großen Liebe zu betrauern hat – und der diesen Tod mitverantwortet. Meiner Figur geht es vor allem darum, ihren Sohn zu beschützen. Sie spürt, wie er sich immer mehr zurückzieht und sie ihn kaum noch erreicht. Sie ist ihrer eigenen Hilflosigkeit ausgeliefert. Dem habe ich mich bei der Arbeit angenähert – und natürlich auch der Vorstellung, was eine solche Situation für einen jungen Menschen bedeutet: die erste große Liebe gefunden zu haben, in eine Welt einzutauchen, die so magisch und überwältigend ist und die einen der Realität entrückt, die das genaue Gegenteil bedeutet.
„Geister“ ist außerdem ein Film über Träume.
Im Film gibt es diese Szene, in der Faris gefragt wird, ob ihm seine Träume Angst machen, was er bejaht. Als er gefragt wird, wovor er dabei am meisten Angst habe, sagt er: „Davor, dass sie aufhören.“ Darüber habe ich viel nachgedacht.
Inwiefern?
Träume sind ja nicht nur eine Verarbeitungsmaschine in der Nacht, sondern auch ein Symbol für Hoffnung, Sehnsucht, Inspiration, Wünsche. Ich glaube, wenn man all das verliert, fühlt sich die Realität sehr ausweglos und unlebendig an.
Hast du das Gefühl, diese Mutterrolle „besser“ spielen zu können, seit du selbst Mutter bist?
Als Mutter sind mir meine Emotionen anders zugänglich geworden. Man entwickelt eine andere Sensibilität und reagiert ein bisschen zarter auf die Welt.
Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft
Ebenfalls ein zentrales Thema des Films ist Zeit: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Wo fühlst du dich am wohlsten?
Jeder würde über sich selbst wahrscheinlich gerne sagen, er sei wahnsinnig gegenwärtig. Darum bemühe ich mich auch, weil ich merke, dass das den meisten Spaß ausmacht im Leben – im Moment zu sein und alles mitzubekommen. Natürlich prägt uns die Vergangenheit, schließlich setzen wir uns aus unseren Erfahrungen zusammen. Grundsätzlich bin ich aber ein spontaner Mensch, der am liebsten im Hier und Jetzt lebt.
Also bist du kein Mensch, der sich an Vergangenem festhält.
Kürzlich habe ich zu Hause ausgemistet. Ich habe wahnsinnig viele Bücher und mich bei einigen gefragt, warum die eigentlich noch hier sind. Denn sie haben keine Bedeutung mehr für mich, die sind nur noch eine Idee davon. Und ich finde: Wenn man zu viel alten Kram rumstehen hat, hat man weniger Platz für Neues. Ich versuch’s frisch zu halten.
Gute Regie und gutes Schauspiel sind immer davon abhängig, dass sich beide Seiten vertrauen
Anna Bederke
Ohne zu viel verraten zu wollen, aber: In einer Szene des Films musst du deinen sterbenden Sohn retten. Wie begibst du dich in eine solche Szene hinein?
Ich spiele sie einfach. Und das ist ja das Coole am Schauspielern: Du weißt nicht, was kommt. Ich kann auch nicht auf Knopfdruck weinen. Ich lasse mich darauf ein, bin wach und präsent, erlebe die Situation und reagiere darauf.
Und nach jeder Szene bist du direkt wieder du selbst?
Ja. Bei einer emotionalen Szene brauche ich vielleicht einen Moment zum Durchatmen, ansonsten bin ich sofort wieder ich. Trotzdem empfinde ich es so, dass mich meine Figuren während eines Drehs begleiten. Ein bisschen wie Geister …
Dieses Interview ist zuerst in SZENE HAMBURG 10/26 erschienen.

