SZENE HAMBURG: Ilber, Gratulation zum Deutschen Jugendfotopreis! Was bedeutet die Auszeichnung für dich?
Ilber Azizi: Sie bedeutet, dass ich zum ersten Mal gesehen werde. Ich hoffe, dass sie eine Art Startschuss ist. Sie ist eine erste Anerkennung aus einer Fotoszene, in der ich schon länger Fuß fassen möchte. Die Auszeichnung bedeutet mir viel.
Der Titel deiner ausgezeichneten Serie lautet „Tango“. Worum gehts da?
Es geht um einen Perspektivwechsel. Darum, wie man durch eine Veränderung des Blickwinkels Dinge anders sehen kann. Ich habe Basketballer fotografiert, dabei beispielsweise Ball und Beine weggelassen und nur die Hände gezeigt. Dadurch wirken die Spieler wie zwei Personen, die miteinander tanzen. Daher der Name „Tango“.
Entstanden die Bilder während eines inszenierten oder eines echten Spiels?
Während eines echten Spiels. Ich war neben der Schule Teamfotograf der Mannschaft und habe normalerweise ganz klassische Sportbilder gemacht.
Wie bist du auf die Idee gekommen?
Ich habe in der Schule an einem Kunstprojekt gearbeitet und wollte dafür eine Fotoausstellung entwickeln. Mein Kunstlehrer zeigte mir auf Instagram ein Video von zwei Boxern. Einer der Boxer war herausretuschiert worden. Man sah nur noch seine Fäuste, die scheinbar allein durch die Luft fliegen. Da kam mir die Frage: Was passiert, wenn man den Hauptteil eines Kunstwerks wegnimmt? Wie wirkt es dann? Weil ich nebenbei als Basketballfotograf gearbeitet habe, habe ich beim nächsten Spiel experimentiert und den Ball weggenommen. Also das wichtigste Element. So wollte ich eine Irritation in der Wahrnehmung hervorrufen.
Hat’s geklappt? Reagieren die Menschen irritiert?
Ja. Die meisten erkennen zunächst gar nicht, dass es um Sport geht. Als ich die Bilder an einer Kunsthochschule gezeigt habe, dachte ein Professor, es handele sich um Volleyball. Andere hielten es tatsächlich für Tanz. Und genau das ist die Idee. Man soll nicht sofort erkennen, dass es sich um Sport handelt. Ich nehme das Sportliche aus den Bildern heraus und lenke sie – auch durch den Titel – in eine andere Richtung. Die Menschen sollen die Bilder betrachten und ihren Blick verändern. Vielleicht lässt sich dieser Perspektivwechsel auch auf das Leben und auf andere Bereiche übertragen.
Die Fotografie
Du hast mit elf angefangen zu fotografieren. Hat sich dein Blick auf die Welt dadurch verändert?
Ja, schon. Dadurch habe ich gelernt, im Alltag auf kleine Momente zu achten, sie mehr zu schätzen. Im Moment fotografiere ich viele Sachen, die mich persönlich interessieren und mit gesellschaftlichen Themen zu tun haben. Ich habe mich mit meinem Migrationshintergrund, mit der aktuellen politischen Lage und mit den unterschiedlichen Sichtweisen von Menschen auf die Welt beschäftigt. Die Fotografie ist für mich eine Möglichkeit, mich damit auseinanderzusetzen und herauszufinden, was diese Entwicklungen für mich bedeuten.
Was liebst du besonders an der Fotografie?
Man könnte theoretisch 20 Menschen eine Kamera in die Hand drücken und sie dasselbe Objekt fotografieren lassen – es würden 20 unterschiedliche Bilder rauskommen. Jeder Mensch sieht die Welt anders. Die Fotografie ist ein Weg, die eigene Sichtweise zu zeigen. Und sich auf die von anderen Leuten einzulassen. Der fehlende Perspektivwechsel ist heute oft ein Problem. Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen nur noch einen einzigen festen Blick auf die Dinge haben.
Was magst du weniger?
Ich fotografiere hauptsächlich digital. Dadurch gehört viel Nachbearbeitung dazu. Das finde ich immer stressig. Manchmal stelle ich es mir schön vor, analog auf Film zu fotografieren, nur ein Bild zu machen – und dann war es das. Ich fotografiere ab und zu auch analog, bin darin aber noch nicht so geübt.
Hast du fotografische Vorbilder?
„Tango“ ist inspiriert von Nikita Teryoshin. Der hat eine große Reihe gemacht mit dem Titel „Nothing Personal – the back office of war“. Er hat Besucher und Besucherinnen von Kriegsmessen fotografiert, auf denen Waffensysteme verkauft werden. Das ist der Gegensatz: Es werden Häppchen verteilt, Menschen unterhalten sich in einer freundlichen Atmosphäre, obwohl es eigentlich um Waffen geht, mit denen Menschen getötet werden. Er hat sie so fotografiert, dass ihre Gesichter oder Augen nicht zu sehen sind. Daraus entstand für mich die Idee, auch bei den Basketballspielern den Ball oder Körperteile wegzulassen.
Es gibt viele Ziele, die aufeinander aufbauen. Mein erstes Ziel ist es, an eine Kunsthochschule zu kommen
Ilber Azizi
Du gehörst mit 20 Jahren zur ersten Generation, die mit künstlicher Intelligenz groß wird. Wie denkst du über KI?
Ich benutze manchmal die KI-Funktionen von Photoshop. Nicht, um neue Inhalte zu erzeugen, sondern beispielsweise, um das Bildrauschen etwas zu reduzieren, weil meine Kamera nicht die superbeste ist. KI macht mir auch Angst. Fotografie ist für mich etwas, das die Realität so abbildet, wie sie in einem bestimmten Moment ist. Ein Foto hält einen Zeitpunkt fest. Später kann man darauf zurückblicken. Sobald KI verwendet wird, kann man diese Realität verändern und manipulieren.
Ist KI eine Bedrohung für die Fotografie?
Zum Teil. Man kann sie auch einfach als ein neues Tool sehen. Beim Wechsel von der analogen zur digitalen Fotografie dachten ebenfalls viele Menschen, das sei das Ende der Fotografie. Letztlich war die Digitalfotografie nur ein neues Werkzeug, alles hat sich weiterentwickelt. Trotzdem blicke ich bedrückt darauf. KI hat wirklich nicht viel mit der Kernessenz der Fotografie zu tun.
Hobbys, Ziele und die Gleichzeitigkeit der Gegensätze
Was machst du, wenn du nicht fotografierst?
Ich beschäftige mich gerne mit Kunst und Musik. Ich spiele Schlagzeug, auch wenn ich dafür momentan nicht so viel Zeit habe. Außerdem versuche ich, selbst ein wenig Musik zu produzieren. Die geht in Richtung HipHop, Soul. Generell mache ich gern viel Kreatives.
Rappst du auch?
Nein. Ich bleibe lieber hinter dem Hauptgeschehen. Dort fühle ich mich am wohlsten – hinter der Kamera oder hinter dem Bildschirm (lacht).
Was ist dein nächstes Ziel?
Es gibt viele Ziele, die aufeinander aufbauen. Mein erstes Ziel ist es, an eine Kunsthochschule zu kommen, dort Fotografie zu studieren und weiter zu lernen. Das große Ziel ist eine eigene Ausstellung mit meinen Projekten. Und natürlich wäre es ein Traum, das größer aufzuziehen und irgendwann von der Kunst leben zu können.
Hast du dich schon an einer Kunsthochschule beworben?
Ja. Ich kam dort auch in die Aufnahmeprüfung, wurde anschließend aber leider nicht angenommen. Das Interessante daran ist: Am selben Tag, an dem die Absage der Kunsthochschule kam, erhielt ich die Nachricht, dass ich den Deutschen Jugendfotopreis gewonnen habe. Zuerst die Ablehnung, zwei Stunden später die Mail, dass ich gewonnen habe. Das zeigt diese beiden Seiten: Auf der einen Seite wird man abgelehnt, auf der anderen Seite erhält man eine große Auszeichnung. Diese Dualität finde ich sehr schön.

