SZENE HAMBURG: Olli, du bist mit 20 aus dem Rotlichtmilieu ausgestiegen. Wann bist du denn da eingestiegen?
Olli Zeriadtke: Mit 16. Ich hatte meinen ersten Job im Bordell als Hausmeister. Zuvor war ich Trainer in einem Fitnessstudio. Ich habe schon mit 13 mit Karate, Boxen und Kraftsport angefangen. Alles wegen meines bekloppten Bruders – das sage ich auch so, wie es ist. Da musste ich mich öfter zur Wehr setzen. (lacht) Neben meinem Studio gab’s ein Nobelbordell, den „Funny Club“. Da war ich dann Hausmeister. Ich kümmerte mich um die Solariumlampen, Whirlpool, den richtigen pH-Wert. Das war die erste Kontaktaufnahme zu Prostituierten und Luden.
Du hast fast alle Jobs im Milieu gemacht: Barmann, Inkasso-Unternehmer, Koberer, Türsteher, Wirtschafter. Was hast du nicht gemacht?
Hier unten am Spielbudenplatz, wo jetzt die Garagen sind, war früher so eine Art – ich nenne das mal Markt. Das waren kleine, dunkle Ecken. Da konnte man alles Mögliche kaufen, was nicht so ganz legal war. Davon habe ich mich zum Glück immer ferngehalten. Und dann bin ich ja auch raus aus diesem Ganzen.
„Ich habe in meinem Leben mehr Glück als Verstand gehabt“
Olli Zeriadtke
Deine Rotlichtkarriere war nach vier Jahren zu Ende. Du hast mit 20 Familie gegründet und bist nach Husum gezogen. War es da nicht etwas ruhig nach der Zeit auf St. Pauli?
Tatsächlich bin ich von hundert auf null. Es war ein Hof mitten auf dem Land. Wir konnten aus jedem Fenster rausschauen und haben nur Felder, Wiesen und Bäume gesehen. Das war in Randlage von einem Moor. Also wirklich ganz toll für Kinder – wenn sie klein sind. Als sie größer wurden, war dieser Standort eine Taxizentrale. Bei drei Mädchen bist du nur noch hin- und hergefahren: da zu Besuchen, da zur Party, da zum Feiern. Das war schon sehr aufwendig. (lacht) Heute sind alle drei Mädels wieder in Hamburg. Und meine Ex-Frau lebt noch auf dem Land. Nicht in dem Haus, aber zwei Dörfer weiter.
Irgendwann war die Ruhe vorbei. Deine Ehe wurde geschieden, deine Firma ging pleite, du für sieben Jahre in Privatinsolvenz. Hattest du im Rückblick Glück, dass du da wieder gut rausgekommen bist?
Ich habe in meinem Leben mehr Glück als Verstand gehabt. Ich habe oft Dinge gemacht, von denen ich keine Ahnung hatte. Wie auch das Regenbogenhaus. Die Solarfirma habe ich nur gegründet, weil ich vorher Wintergärten verkauft habe. Ich bin wirklich klingeln gegangen: „Ihr habt ein tolles Haus. Wollt ihr nicht einen Wintergarten?“ Irgendwann wurden auf allen Häusern, bei denen ich Wintergärten verkaufen wollte, Solaranlagen gebaut. Ich suchte eine Firma in Hamburg mit einem Vertriebssystem für Solarmodule raus. Dann bin ich dahin und sagte: „Ich würde gerne die blauen Dinger verkaufen.“ Ich hatte keine Ahnung und wurde schnell zum erfolgreichsten Verkäufer Deutschlands. Das habe ich drei Monate gemacht, dann gründete ich meine eigene Solarfirma. Später verkauften wir Balkonkraftwerke. Wir wären fast alle ins Gefängnis gekommen, weil die damals noch nicht legal waren. Wir verkauften wie geschnitten Brot. Leider wurden das Einspeisegesetz geändert, die Zuschüsse mehr und mehr gekürzt, bis sich Solaranlagen nicht mehr lohnten. Ich ging in Insolvenz, war vom Steuerberater nicht ganz so gut beraten und musste auch Privatinsolvenz anmelden. 2015 bin ich zurück nach St. Pauli.
Zu diesem Haus sind wir ich tatsächlich auch nur durch Zufall gekommen
Olli Zeriadtke
Wie war das, als du zurückgekommen bist? Da hatte sich ja doch einiges verändert am Kiez.
Das Gute war, dass viele Leute mich noch kannten. Ich habe sofort einen Job bekommen. In meiner Privatinsolvenz konnte ich hier abends wieder als Türsteher arbeiten, war Barmann, habe auch im Bordell gearbeitet. Das heutige St. Pauli hat aber nichts mehr mit dem St. Pauli von früher zu tun. Man sagt ja: „Früher war alles besser.“ Das ist völliger Quatsch. Es war anders. Aber wir sind kein Rotlichtviertel mehr. Wir sind eine Ballermann-Bude geworden, mit Kiosken und Junggesellenabschieden, die sich auf der Straße wegschießen. Wir haben eine komische Partykultur entwickelt. Die ganze Gastronomie, gerade auf St. Pauli, hat ein Riesenproblem. Wir haben hier, glaube ich, 200 Kioske. Wir haben mehr Kioske als Bars. Wenn du für einen Jack Daniel’s 8,50 Euro in der Bar bezahlen sollst und das im Kiosk für 5 Euro bekommst, ist die Entscheidung für die meisten leicht. Ich mag’s nicht. Ich habe noch nie auf der Straße getrunken.
2023 habt ihr „Die Männerpension“ übernommen und in „Olli’s Regenbogenhaus“ umgetauft. Wie kamt ihr auf den Namen?
Die Fassade war schon bunt. Für mich für mich hat der Regenbogen nicht immer unbedingt etwas mit der queeren Community zu tun. Er ist einfach ein Symbol für Vielfalt, für etwas Schönes, für den Himmel. Und das passt auch. Für dich heißt es: Herzlich willkommen. Dann musst du dich allerdings an die Hausregeln halten. Und dann darfst du auch gerne zehn, 15 oder 20 Jahre hier wohnen. Oder nur drei Nächte. Oder eine Nacht. Wir haben auch schon Leute wieder rausgeschmissen.
Ihr verdient euren Lebensunterhalt nicht mit dem Haus. Du bist Guide bei Kult-Kieztouren von Olivia Jones. Antje arbeitet als Krankenschwester. Was ist eure Motivation?
Zu diesem Haus sind wir tatsächlich auch nur durch Zufall gekommen. Wir sind jetzt nicht losgelaufen und haben gedacht: Jetzt möchten wir irgendetwas Soziales machen. Das Haus ist zu uns gekommen. Mittlerweile ist es für Antje und für mich zum Herzensprojekt geworden. Als ich dem ersten neuen Bewohner einen Mietvertrag gegeben und ihm mit einem kleinen Witz ein Zimmer gezeigt habe – ein kleines Zimmer, 13 Quadratmeter groß – stand er vor mir, hatte Tränen in den Augen und fragte: „Ist das alles für mich?“ Da hatte ich echt Gänsehaut. Weil es so vielen Menschen da draußen so dreckig geht und die sich über 13 Quadratmeter freuen. Da habe ich gedacht: Das muss man ausbauen. Nachdem wir das Haus übernommen hatten, habe ich dann die Stiftung gegründet.
Das Haus hier läuft, wir sind warm und trocken. Die nächsten sieben Jahre sind gesichert
Olli Zeriadtke
Die Stiftung soll weitere Häuser ermöglichen?
Die Stiftung soll mindestens ein weiteres Haus ermöglichen, denn hier müssen wir in spätestens sieben Jahren raus. Das Haus steht zum Verkauf. Wenn ein Investor es für zehn oder zwölf Millionen Euro kauft, wird er es wahrscheinlich nicht als Wohnprojekt mit günstiger Pacht weiterführen. Deshalb suchen wir händeringend Spenderinnen und Spender, die uns finanziell helfen. Ein neues Haus kostet Geld. Viele überweisen uns jeden Monat fünf Euro – per PayPal oder wie auch immer. Wenn wir noch mehr Leute hätten, die monatlich fünf Euro geben, könnte genug zusammenkommen, um eine neue Immobilie zu organisieren. Wir suchen auch Bauträger oder Investoren, die Gewerbe- oder Mieträume übrig haben. Wir versuchen alles. Das Haus hier läuft, wir sind warm und trocken. Die nächsten sieben Jahre sind gesichert. Aber was machen wir danach? Es wäre sehr schade, wenn knapp 60 Leute wieder auf der Straße landen.
Welches Vorurteil gegen Menschen in Notlagen nervt am meisten?
Ganz einfach gesagt: Dass es im Grunde alles Assis sind. Asoziale Leute, die nur mit Drogen und Alkohol zu tun haben und keine Lust haben zu arbeiten. Aber ich habe viele Geschichten mitbekommen, warum die Leute hier wohnen. Das kann jeden treffen. Eine Scheidung, vielleicht eine zweite. Dann musst du aus der Wohnung raus. So einen Fall haben wir hier. Der ist auf der Straße gelandet und Alkoholiker geworden. Er hatte einen Job. Dann hat der Arbeitgeber gemerkt, dass er nicht mehr sauber ist, die gleichen Klamotten trägt und nach Alkohol riecht. Dann war der Job weg. Ich kann das nachvollziehen. Ich bin auch geschieden und habe eine Insolvenz hinter mir. Ich hatte Glück, dass ich vom Kopf her so gefestigt war, dass ich gesagt habe: Es muss weitergehen. Und das kann eben nicht jeder.
Dieser Artikel ist zuerst in der Printausgabe der SZENE 08/26 erschienen.

