Hamburgerin des Monats: „Wir brauchen mehr schöne Geschichten“

 Heikedine Körting ist Hörspielproduzentin, Regisseurin und vor allem der kreative Kopf – oder die „Dirigentin“, wie sie sich selbst nennt – hinter dem Label Europa und Kult-Serien wie „Die drei ???“, „TKKG“ und „Fünf Freunde“. Ein Gespräch in ihrer Hamburger Villa über die Magie von Hörspielen, Lieblingsgeräusche und darüber, warum es der heutigen Zeit an schönen Geschichten fehlt
Hörspielikone Heikedine Körting. Seit Jahrzehnten begleitet sie mit ihren Produktionen Kinder
Hörspielikone Heikedine Körting. Seit Jahrzehnten begleitet sie mit ihren Produktionen Kinder (© Brita Plath)

SZENE HAMBURG: Frau Körting, wenn Sie spontan eine Folge „Die drei ???“ anmachen müssten, welche wäre es?

Heikedine Körting: Die allererste! „Die drei ??? und der Superpapagei“. Die Folge erschien am 12. Oktober 1979 und war für mich damals das größte Abenteuer. Die allerneueste Folge könnte ich aber auch gut anmachen. Gerade sind wir bei den Folgen ab 241 und die werden natürlich alle von mir gehört, bevor sie dann in die Veröffentlichung gehen. Das tue ich mir gerne nachts an und versuche dabei nicht einzuschlafen. 

Wenn man Ihre Villa, besser gesagt das Hauptquartier der deutschen Kinderzimmerkultur, betritt, spürt man sofort Geschichte und Kreativität. Wie ging denn eigentlich alles los?

Regale voller Relikte aus vergangenen Tagen: Die Villa in der Rothenbaumchaussee ist eine Zeitkapsel in die Kindheit (©Paula Budnik)

Alles begann in den 1960er-Jahren. 1963 habe ich Andreas Beurmann kennengelernt, den ich später auch geheiratet habe. Er hatte 1966 zusammen mit David Leonard Miller das Hörspiellabel Europa gegründet. Am Anfang lag der Fokus noch stark auf klassischer Musik und ersten Kinderhörspielen. Anfang der 70er packte mich dann selbst die Lust am Schreiben: 1971 verfasste ich meine ersten Skripte für die Andersen-Märchen „Die Schneekönigin“ und „Die kleine Seejungfrau“. Andreas hat mir daraufhin direkt die Regie und Produktion übertragen. Meine erste eigene Hauptverantwortung war 1973 Wilhelm Hauffs „Das Gespensterschiff“. Noch im selben Jahr habe ich die komplette Gesamtverantwortung für die Hörspielproduktionen bei Europa übernommen – und was soll ich sagen: Die halte ich bis heute!

Vor zweieinhalb Jahren habe ich noch mal geheiratet und alle zwei Monate feiern wir Hochzeitstag. Wenn wir nur die Jahre feiern würden, dann hätten wir ja nicht mehr viel zu feiern.

Heikedine Körting

Letztes Jahr sind sie 80 Jahre alt geworden – herzlichen Glückwunsch nachträglich! Blickt man an so einem Geburtstag eher dankbar zurück oder planen Sie gedanklich schon die nächsten 50 Folgen?

Ich gucke grundsätzlich immer mehr nach vorne, als nach hinten. Nichtsdestotrotz macht einen ein solcher Geburstag aber auch dankbar und das bin ich. Immer wenn ich mich mit den großen Firmen treffe, biete ich von mir aus an, dass ich nichts dagegen habe, gesagt zu bekommen, wenn mal Schluss ist. Ich bin hier in der Firma im besten Sinne der kleine Sputnik, mit so vielen grandiosen Menschen um mich herum. Das macht mich auch sehr dankbar. Vor zweieinhalb Jahren habe ich noch mal geheiratet und alle zwei Monate feiern wir Hochzeitstag. Wenn wir nur die Jahre feiern würden, dann hätten wir ja nicht mehr viel zu feiern. Ich glaube, dass das meine Einstellung zum Leben gut beschreibt. 

Die Hörspielfans bleiben über Generationen

Sie haben Generationen von Kindern und Erwachsenen das Fürchten, Lachen und Mitfiebern gelehrt. Was ist das Geheimnis, dass Ihre Hörspiele auch nach Jahrzehnten nicht an Faszination verloren haben?

Ich glaube, dass wir das der Generation der Kassetten-Kinder zu verdanken haben. Die Kinder, die damals vier oder vielleicht fünf Kassetten hatten, sind mittlerweile erwachsen und immer noch Fans. Jetzt haben sie die Möglichkeit und vielleicht auch das Geld sich weitere Folgen zu kaufen und auf Grund der vielen Streaminganbieter die Europa-Hörspiele online zu hören. Die Frage, wer unsere Fans eigentlich sind, hat uns schon immer interessiert. Eine Zeit lang haben wir in die Hüllen der Kassetten und CDs kleine Zettelchen gesteckt. Diese konnten von den Hörern ausgefüllt und an uns zurückgeschickt werden. Das war ein Spaß. Ein weiterer Aspekt ist, dass wir die Ersten waren, die durchstruckturierte Hörspiele mit Geräuschen und Musiken gemacht haben. Gelesene Bücher gab es schon, aber eben keine dynamischen Hörspiele. Das war für die Zeit etwas Besonderes und manche nannten mich deshalb auch die Action Queen (lacht)

Sie haben legendäre Stimmen zusammengebracht und geprägt. Erkennen sie bei jungen Menschen heute noch sofort das Potenzial für ikonische Hörspielstimmen?

Ich bin immer auf der Suche nach tollen Stimmen und es ist schon vorgekommen, dass ich Leute auf der Straße angesprochen habe. Ja und dann sind auch schon einige Sachen zustande gekommen, weil ich glaube, dass ich auch ein gutes Händchen dafür habe. Ich persönlich finde es immer sehr schön, jemanden anzusprechen und die Leute freuen sich in der Regel auch. Ich meine, wer würde sich nicht freuen, gesagt zu bekommen, dass er oder sie eine glockenklare Stimme hat?!   

Ich liebe es, Geräusche aufzunehmen, wenn ich unterwegs bin

Heikedine Körting 

Papagei Blacky: Aufgrund von begrenztem Budget wurde auch selbst mit angepackt

Immer mit dabei: Papagei Blacky (© Paula Budnik)

Apropos ikonische Hörspielstimme. Der berühmte Papagei Blacky hat in „Die drei ???“ Ihre Stimme bekommen. Zufall, oder von vornherein so geplant?

(Krächzt in typischer Blacky-Manier) „Telefonoooon, das Telefon!“. Dadurch, dass die Kassetten damals fünf Mark gekostet haben, hatten wir eingeschränkte Produktionskosten und haben alles, was ging, selber gemacht. Es gibt Platten, auf der meine ganze Familie mitgemacht hat und das macht ja auch Spaß. So kam es, dass ich der Papagei wurde. Heute ist er aus den Folgen der „Drei ???“ gar nicht mehr wegzudenken. Nicht annähernd geahnt hatten wir damals, dass das alles solche Ausmaße annehmen könnte, wie es das getan hat. 

Bastian Pastewka, Dirk Bach, Daniel Brühl, Fettes Brot: Welche Gastsprecher haben hier im Studio so richtig für Stimmung gesorgt?

Hier sitzen sie sonst, die Sprecherinnen und Sprecher der beliebten Kinderhörspiele (© Paula Budnik)

Die Augen, die Fettes Brot gemacht haben, als sie allesamt mit ihren Kassettenkoffern in meine Villa marschiert sind, werde ich nie vergessen. Es war ein regelrechtes Durcheinander, weil mir alle erzählt haben, welche Folgen ihnen für die perfekte Sammlung noch fehlen und welche sie am liebsten hören. Ich konnte das ja gar nicht glauben, aber ja, Fettes Brot sind waschechte „Drei ???“-Fans (lacht)! Grundsätzlich muss ich aber sagen, dass keine Aufzeichnung vergeht, an der wir nicht unheimlich viel Spaß haben, egal, wer da ist. Ich muss mich manchmal so zusammenreißen, nicht loszukichern. Das ist wie damals in der Schule. 

Jeder verbindet Sie sofort mit Justus, Peter und Bob. Aber gibt es ein Höspiel aus den 3000 Produktionen, das Ihnen ganz besonders am Herzen liegt oder in den Medien oft zu kurz kommt?

Hmm … ich würde sagen, dass das die Märchen sind. Schöne, liebevolle Geschichten. Die Welt, in der wir leben, ist so schnelllebig, hektisch, laut und unruhig. Alle daddeln immer an ihren Handys, Medien werden nebenbei, aber nie mit voller Aufmerksamkeit konsumiert. Wir brauchen mehr schöne Geschichten. Früher haben die Kinder stundenlang Hörspiele gehört, mit ihren Kasettenrekordern auf dem Boden gesessen und gezeichnet. Das hat so etwas Ruhiges und Entschleunigendes. Vielleicht liegt es auch daran, dass „Die kleine Seejungfrau“ das erste Hörpiel war, das ich jemals vertonen konnte. Ach, mein Herz hängt einfach an Märchen. 

Welches Hamburg-Geräusch gehört ganz unweigerlich zu der Tonspur Ihres eigenen Lebens?

Das Kreischen der Möwen. Oder das Wassser. Wasser nehme ich total gerne auf. Früher hatte ich immer kleine Aufnahmegeräte dabei. Heute geht das dank der Handys auch so. Ich liebe es, Geräusche aufzunehmen, wenn ich unterwegs bin. Vielleicht quietscht eine Treppe mal besonders schön und dann denke ich, „so ein Geräusch fehlt mir noch für meine Geräuschesammlung“.

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