Repressionen, Krisen und Katastrophen lassen sich nur überwinden, wenn wir uns die Utopie einer besseren Welt nicht nehmen lassen. Hoffnung ist die beste Medizin gegen Resignation und Stillstand. Davon erzählen die rund 50 Produktionen, die zum diesjährigen Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel unter dem Motto „hope!“ eingeladen wurden. „Etwa zur Hälfte handelt es sich um Künstler*innen, die schon bei uns aufgetreten sind. Mit der anderen Hälfte stoßen wir neue Fenster auf“, sagt Festivalleiter András Siebold.
Entsprechend gute Laune versprüht die Eröffnungsproduktion „Irresistible Revolution“ (5.–8.8.). Die argentinische Choreografin Ayelen Parolin mischt den zeitgenössischen Tanz mit einer gehörigen Portion Humor auf. Den Karneval ihres Geburtslandes verbindet sie mit Revolutionsgesten zu einer lustvollen Feier des Protestes.
Ebenso temperamentvoll dürfte es bei der Zusammenarbeit von Joana Tischkau und Jeremy Nedd mit der aus Kuba anreisenden Malpaso Dance Company zugehen. „Trapicana“ (6.–8.8.) thematisiert die ambivalente Rolle des legendären Revue-Theaters „Tropicana“ in Havanna, das für die Identität der kubanischen Menschen eine große Rolle spielt und zugleich mitverantwortlich für Kubas Exotisierung ist.
Eine Geschmackssache ist sicher „Sugar Island“ (7.–9.8.) von Cuqui Jerez. „Sie ist eine typische Sommerfestival-Künstlerin, bei der die Hälfte des Publikums in der Mitte rausgeht und verwirrt ist, weil ihre Stücke oft wirken, als sei etwas schiefgegangen, während die andere Hälfte sich die Performance am nächsten Abend gleich noch einmal anschaut“, schmunzelt Siebold.
Insgesamt acht Uraufführungen kann man beim Sommerfestival erleben. Dazu gehört auch Adam Seid Tahirs Performance „And from their Hair, Unending Forest“ (6.–8.8.), die sich aus einer queeren schwarzen Perspektive mit den Riesen in nordischen Mythen und ihrer Geschichte der Ausgrenzung beschäftigt. Das Künstlertrio (LA)HORDE und das Ballet national de Marseille lassen sich in „Après moi, le déluge“ (12.–15.8.) von viralen Tänzen auf TikTok inspirieren. (LA)HORDE hat auch die Choreografien für die letzte Madonna- und die aktuelle Rosalía-Tour entwickelt. „Millionen von Menschen schauen sich das begeistert an, ohne zu wissen, wer dahintersteckt. Das ist nur eins von mehreren Beispielen für den Impact, den unsere Festivalkünstler*innen auf die Popkultur haben“, sagt Siebold.
Das gilt auch für Jacob Jonas. Er hat mit Superstars wie Britney Spears und Kanye West zusammengearbeitet und ist erstmals mit einem eigenen Tanzstück in Europa zu erleben. „Keeping Score“ (13.–15.8.) schildert die Stationen seiner eigenen Krebserkrankung. Die Grenzen des guten Geschmacks lotet die norwegische Gruppe Susie Wang mit ihrem perfekten Illusionstheater „Burnt Toast“ aus, in dem viel Kinderblut getrunken wird. „Man denkt sofort an amerikanische Verschwörungs- und Longevity-Theorien. Das ist etwas für Vampirfans ab 18, weil einem dabei auch übel werden kann“, warnt Siebold vor.
Kampnagel: Viel Programm beim Sommerfestival
Pankaj Tiwari thematisiert in der Uraufführung von „The Harvest of Broken Promises“ (14.–16.8.) seine Herkunft als Sohn von indischen Farmern und zeigt, wie die Globalisierung der Landwirtschaft zur Zerstörung des Rural Farmings geführt hat. In den sechs Häusern der Kunstmeile Hamburg kann man indes einen Tag lang bei freiem Eintritt den Performance-Parcours „Doomers“ (15.8.) von Raja Feather Kelly erleben, der sich mit dem zwanghaften Scrollen durch negative Nachrichten befasst und in Interaktion mit den Exponaten der verschiedenen Museen tritt.
Eine feste Größe im französischen Kino ist die Schauspielerin und Zirkuskünstlerin Vimala Pons. In „Honda Romance“ (19.–21.8.) lässt sie sich von Druckluftkanonen hin und her schießen und durchmisst 300 verschiedene emotionale Zustände. Eszter Salamon setzt sich in ihrer Solo-Performance „Red“ (21.–23.8.) mit der exzentrischen Tanz-Pantomimin Valeska Gert auseinandersetzt, die in den 1920er-Jahren zum Aushängeschild der deutschen Avantgarde wurde. Dass auch ein aufwühlendes Thema Gegenstand eines Comedy-Abends sein kann, zeigt Melanie Jame Wolf, die in „Finite Jest“ (20.–22.8.) ihre Brustkrebserkrankung thematisiert. Für Siebold „ein extrem berührender Abend, bei dem man gleichzeitig lacht und weint und der zeigt, was für eine Kraft Theater haben kann“.
Um herauszufinden, welchen Einfluss Algorithmen und Künstliche Intelligenz auf unsere Beziehungen, unsere Intimität, unsere Sprache und unsere Körper ausüben, wirft Anja Nowak mit „Future TongueXXX“ (20.–23.8.) einen Blick in die Zukunft, und auf Sibylle Peters’ feministischen Nachtclub auf der Reeperbahn dürfen sich in diesem Jahr auch „Schwanzträger*innen und solche, die es noch werden wollen“, freuen. In „Dicks“ (18.–22.8.) gehe es um das faszinierende, oft auch verstörende männliche Geschlechtsteil, sagt Siebold. Verstörend im positiven Sinn: Innerhalb von zwei Minuten war die fünfte Kampnagel-Produktion von Nesterval ausverkauft: „Das Schiff“ (5.–16.8.) auf der MS Stubnitz.
Konzerte gibt es jeden Freitag und Samstag
Nicht zuletzt lockt das Internationale Sommerfestival auch mit etlichen Konzerten, jeden Samstag und Freitag mit einer anschließenden Party. Ana Frango Elétrico (5.8.) reist aus Rio de Janeiro an und steht für eine Erneuerung der brasilianischen Pop-Musik. Der finnische Jazzvisionär Jimi Tenor (6.8.) ist ebenso zu Gast wie Stefan Rusconi, der an der Orgel der St.-Gertrud-Kirche sein aktuelles Album „Palimpsest“ mit Geiger Tobias Preisig präsentiert. Auch der amerikanische Songwriter Bonnie ‘Prince’ Billy (10.8.) tritt in der Kirche auf. Witch (12.8.) feiern den sambischen Zamrock, und mit Fatoumata Diawara (15.8.) erklingt eine der wichtigsten westafrikanischen Stimmen im Großen Saal der Elbphilharmonie, wo vier Tage später auch die brasilianische Musiklegende Arthur Verocai (19.8.) zu erleben ist. Zusammen mit dem Nu Civilisation Orchestra bringt der 81-Jährige noch einmal sein Debüt-Album von 1972, das in den letzten drei Jahrzehnten viele junge Musiker beeinflusst hat, live auf die Bühne. „Eine immer noch futuristisch klingende, tolle Sommerplatte“, schwärmt Siebold.
In der Vorhalle begleitet Nan Goldins visuelles Tagebuch „The Ballad of Sexual Dependency“ als Diashow das Festival, es gibt es ein Kinoprogramm mit Gästen im Alabama, und im Avant-Garten lassen Konzerte und ein hochkarätiges Literaturprogramm aufhorchen. Am Ende gibt es eine große Gala, begleitet von den Hamburger Symphonikern unter Sylvain Cambreling: Christoph Marthaler inszeniert mit „Erste letzte Sekunde“ (20.–23.8.) den Abschluss einer bisherigen Geschichte und den Übergang zu etwas Neuem – mit Blick auf den anstehenden Umbau der Kampnagel-Hallen bei laufendem Betrieb. „Im September geht es los, wobei wir einen Teil der Räume kontinuierlich weiter bespielen und gleichzeitig an vielen Orten in der Stadt präsent sein werden“, sagt Siebold. Auch während der dreijährigen Transformationszeit der Spielstätte am Osterbekkanal darf man sich also auf viele streitbare kulturelle Impulse aus dem Hause Kampnagel freuen.

