SZENE HAMBURG: Michele und Alex, wer genau steckt hinter dem Demorave?
Michele: Wir sind eine zehnköpfige ehrenamtliche Gruppe – Reclaim Hamburg e. V. Wir melden den Demorave an und koordinieren die Rahmenbedingungen. Das Bündnis entsteht jedes Jahr neu durch einen offenen Aufruf. Danach versuchen wir alle interessierten Gruppen einzubinden.
Warum geht ihr auf die Straße?
Michele: Mit dem Demorave richten wir den Blick auf die kommenden Jahre. Rechte und autoritäre Kräfte vernetzen sich international, in vielen Ländern sind sie bereits an Regierungen beteiligt. Auch in Deutschland sehen wir Entwicklungen, die uns große Sorgen machen. Die Jahre bis zur nächsten Bundestagswahl werden wegweisend dafür sein, in welche Richtung sich dieses Land entwickelt.
Alex: Wir sollten uns nicht allein darauf verlassen, dass staatliche Institutionen den Aufstieg des Rechtsextremismus verhindern. Unser Aufruf richtet sich deshalb an die Zivilgesellschaft: Organisiert euch!
Wir wollen nicht darauf warten, dass andere über unsere Zukunft entscheiden
Alex
Wie zeigt sich das in Hamburg?
Alex: Der Demorave ist eine Hamburger Antwort auf ein bundesweites und internationales Problem. Konservative Parteien übernehmen Begriffe, Narrative und Forderungen der extremen Rechten und präsentieren sie anschließend als vermeintliche politische Mitte. Gesellschaftliche Probleme werden dabei häufig auf Menschen projiziert, die ohnehin wenig Mitspracherecht haben. So werden wir gegeneinander ausgespielt, anstatt über die tatsächlichen Ursachen sozialer Probleme zu sprechen.
Michele: Diese Form der Ausgrenzung und Spaltung kennen wir aus autoritärer Politik. Heutzutage finden wir ähnliche Muster auch in Äußerungen von sogenannten Konservativen wie Friedrich Merz oder Jens Spahn. Wenn rechte Narrative übernommen und normalisiert werden, verschiebt sich der gesamte politische Diskurs nach rechts. Und auch eine linke Hochburg wie Hamburg wird von dieser Dynamik auf Dauer nicht verschont bleiben.
Alles begann mit der Forderung nach mehr Nutzung von vorhandener Flächen
Ihr fordert Flächen für nicht kommerzielle, spontane Open Airs. Wo seht ihr die größten Leerstellen im Stadtgebiet?
Alex: Das war unsere ursprüngliche Forderung. Damit hat alles angefangen. Es gibt viele geeignete Flächen, besonders südlich der Elbe im Hafengebiet. Die Hamburg Port Authority und die Politik verweisen aber auf Gefahrenzonen in diesem Gebiet. Gleichzeitig finden genau dort große Festivals mit Zehntausenden Besucher:innen statt. Wir finden es gut, dass solche Veranstaltungen möglich sind. Gleichzeitig verstehen wir nicht, warum kleinere, nicht kommerzielle Open-Air-Veranstaltungen mit maximal 400 Menschen dort nicht ebenfalls stattfinden können.
Euer Bündnis wird von über 45 Kollektiven getragen. Könnt ihr ein paar Beispiele nennen?
Michele: Es ist schwer, einzelne herauszugreifen. Besonders viel Unterstützung kommt aber vom DANS Kollektiv, Transcendaence und Lasterkultur. Vira Lata Caramelo und Soko Kickloch sind ebenfalls besondere Teile des Bündnisses und bringen neue Perspektiven.
Vor drei Jahren habt ihr mit einem Wagen gestartet, mittlerweile sind 16 dabei. Was denkt ihr über diese Entwicklung?
Alex: Die freut uns sehr. Als wir anfingen, hätten wir nicht gedacht, dass einmal 16 dabei sein würden. Gleichzeitig wollen wir nicht um jeden Preis wachsen. Der politische Charakter soll erhalten bleiben. Wer bei uns mitmacht, steht für eine klar linke und solidarische Haltung.
Haben sich eure Forderungen im Laufe der Zeit verändert?
Michele: Nicht grundlegend, aber wir benennen die gesellschaftlichen Verhältnisse heute klarer. Gentrifizierung und Verdrängung der freien Szene ist bloß ein Teilproblem. In einer kapitalistischen Stadt zählt nicht, was Menschen brauchen, sondern womit sich Profit machen lässt. Wer Kapital besitzt, entscheidet darüber, wie sich die Stadt entwickelt. Menschen mit wenig Geld verlieren ihre Wohnungen, ihre Treffpunkte und ihre kulturellen Räume. Deshalb vertreten wir einen klaren Klassenstandpunkt. Der Kampf für eine freie Kultur ist für uns Teil eines Kampfes gegen kapitalistische Verwertung, Ausbeutung und soziale Ungleichheit.
Was konntet ihr bisher erreichen?
Alex: In den letzten Jahren sehen wir eine Politisierung und Vernetzung der elektronischen Musikszene. Es gibt super viele solidarische Clubnächte und eine engere Zusammenarbeit zwischen Kollektiven und aktivistischen Gruppen. Auch das verstehen wir als Erfolg unserer Vernetzung.
Das Kollektiv geht neue Wege in der Finanzierung
Wie finanziert ihr euch?
Michele: Dieses Jahr sind wir die Finanzierung anders angegangen. Wir setzen nicht mehr alles auf Solipartys. Viele Clubs verlangen ihre kommerzielle Miete und die Kosten steigen weiter. Dadurch bleibt am Ende oft weniger übrig, als man denkt. Deshalb haben wir dieses Jahr einen Stand auf der Fusion organisiert und dort Spenden gesammelt. Das hat uns geholfen und einen Teil des finanziellen Drucks genommen. Noch ist etwas Zeit, Gelder zu sammeln, ansonsten starten wir eine Crowdfunding-Kampagne.
Es gibt immer wieder die Kritik, Rave-Demos seien „nur Party“. Wie reagiert ihr darauf?
Michele: Den Vorwurf können wir auf den ersten Blick nachvollziehen. Uns ist es wichtig, unsere Formate bewusst und sensibel einzusetzen. Manchmal passt es gut, um auch eine Niedrigschwelligkeit in das aktivistische Hamburg einzubringen. Wir verstehen Demoraves aber nicht als Ersatz für andere Protestformen, sondern als Ergänzung.
Ihr spracht über Vernetzung. Geht die über die Stadtgrenzen hinaus?
Alex: Wir vernetzen uns bundesweit. Ein konkretes Beispiel ist Reclaim Göttingen. Das ist ein neues Ortsbündnis, das vor einem Jahr entstanden ist. Wir tauschen uns immer wieder aus und haben ein paar gemeinsame Grundsätze festgelegt. Auf der Fusion haben wir außerdem neue Kontakte nach Mecklenburg-Vorpommern geknüpft und Unterstützung angeboten. Gerade dort können linke Strukturen vor und nach den Wahlen und bei einer starken AfD Rückhalt aus größeren Städten gebrauchen.
Welche Möglichkeiten seht ihr, sich persönlich einzubringen?
Michele: In Hamburg gibt es unendlich viele Möglichkeiten. Am Anfang hilft es, sich zu fragen, welche Themen einem wirklich wichtig sind. Man muss dafür nicht schon perfekt vernetzt sein. Man kann zu offenen Treffen gehen oder einfach einer Gruppe schreiben, deren Arbeit man wichtig findet.
Alex: Vor dem Demorave veranstalten wir auch eine Kampagne. Wir stellen aktivistische und politische Strukturen und Gruppen vor und zeigen, wie Menschen sich zusammenschließen und selbst organisieren können. Wir wollen nicht darauf warten, dass andere über unsere Zukunft entscheiden. Wir wollen Strukturen aufbauen und sichtbar machen, die über den Tag der Demonstration hinaus bestehen bleiben.
Wie wird die Demo konkret ablaufen?
Michele: Wir starten um 15 Uhr an der Helgoländer Allee und ziehen durch die Innenstadt. Die Planung war dieses Jahr sehr aufwendig, weil Hamburg einfach extrem viele Baustellen hat. Inzwischen steht die Route aber und wir haben auch einen besonderen und zentralen Ort für die Endkundgebung gefunden, und zwar auf dem Sievekingplatz und in dem Park dort.
Kann man danach den Tag tanzend ausklingen lassen?
Alex: Ab 22 Uhr gibt es drei After-Show-Partys. Im Gängeviertel, Haus 73, im Uebel & Gefährlich. Es gibt nur Abendkasse, deshalb sollten alle früh kommen!

