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Jens George – Hockeytrainer mit Herz und Reiselust

Zwischen exotischen Reisen und Hockeytraining in Hamburg: Der erfolgreiche Trainer Jens George ist der Paradiesvogel im Club an der Alster.

Text: Mirko Schneider
Foto: Jakob Börner

An das großartigste Erlebnis mit ihrem Trainer erinnert sich Viktoria Huse (23) mit leicht stockender Stimme. „Nach dem Titel bei der deutschen Hallenmeisterschaft 2018 ist Maus in der Kabine unter Tränen vor uns auf die Knie gefallen und hat eine Dankesrede gehalten“, sagt die Spielführerin der Hockeydamen vom Club an der Alster, „Das war für uns alle im Team ein unglaublich emotionaler Moment.“ Maus, das ist – aufgrund seiner charakteristischen Vorderzähne – der Spitzname von Jens George.

Seit 20 Jahren trainiert der mittlerweile 50-jährige Coach mit großem Erfolg die Damen des Vereins mit Hockeyanlagen in Wellingsbüttel und am Rothenbaum. „Als Winterpause war“, erinnert sich Huse, „ist Maus wieder aus Hamburg geflohen. Er ist eben ein besonderer Mensch.“ Georges guter Grund: „Ich musste schnell nach Indonesien, meine 2017 angefangene Hütte fertig bauen.“

Der ehrgeizige und überaus erfolgreiche Coach (ein Pokalsieg, vier Hallenmeisterschaften, eine Feldmeisterschaft, drei Europapokalsiege) ist im Club an der Alster der Gegenentwurf zum Klischee des Vereins. Das Bild über den Verein in Deutschlands Hockeywelt ist klar: viele Sponsoren, viele Beiträge durch über 3.000 Mitglieder, schicke Anlage, viele Aktive mit finanziell potentem Elternhaus – ergo spielen hier die Reichen und Schönen, die Snobs. Doch wie passt Paradiesvogel George hierher? Der St. Pauli-Fan wäre in einem politischen Handbuch ein gutes Beispiel für ein linksalternatives Leben.

 

Lieber Berg-Gorillas als SUV

 

Neben seinem Beruf als Hockeytrainer der Damen arbeitet er während der Feld- und der Hallensaison nebenbei selbstständig als Tischler. Ist Winter- oder Sommerpause, reist George um die Welt. Handy aus, ab durch die Mitte. Auf allen Kontinenten war er, über 100 Länder hat er bereist. „Ich halte mich an das Motto meines Opas“, sagt George. „Mit dem Hut in der Hand, kommst du durch das ganze Land.“ George trampt mit Rucksack, schläft oft im Freien, reist spartanisch – an ungewöhnliche Orte zu ungewöhnlichen Menschen.

„Ich habe bei den Indios im Amazonas gelebt. Sie haben mir erklärt, wie ihre Natur funktioniert. Wir waren gemeinsam jagen. In den Sümpfen Venezuelas habe ich geholfen, die Anakondas zur Vermessung zu bringen. Eine grandiose Erfahrung. Beeindruckend waren auch die Berggorillas in Uganda. Und mein Treffen mit einem Menschen im Papua-Neuguinea, der sich vor 25 Jahren noch von Menschenfleisch ernährt hat.“

Da können noch so viele dicke SUVs auf dem Parkplatz des Clubs an der Alster stehen, George interessiert das nicht. „Vieles, was anderen Menschen wichtig ist, ist mir unwichtig“, sagt er. „Uns geht es in Deutschland sehr gut. Diese Reisen erden mich, durch sie habe ich Bescheidenheit gelernt, mich als Persönlichkeit entwickelt.“ Ein paar Clubmitglieder nahmen schon sein Angebot an, reisten mit ihm. George hält es für heilsam, mit Freude und Freundlichkeit durch das eigene Leben zu gehen, viel über fremde Kulturen zu lernen. „Ich wurde noch nie überfallen. Da hatte ich Glück“, gibt er zu. „Aber ich glaube, das hat auch mit der Haltung zu tun, mit der man den Menschen gegenübertritt.“

Nur: Wie um alles in der Welt hält es George im Club an der Alster aus? Ist für ihn die Rückkehr in den Verein nicht immer der totale Culture Clash? „Nein“, sagt George bestimmt, „ich schätze den Verein, meine Arbeit und die Menschen hier sehr.“ Als Missionar unterwegs sein will er sowieso nicht. Er freut sich, dass seine Lebensweise so respektiert wird, viele Clubmitglieder ihn neugierig zu seinen weltweiten Erlebnissen befragen und keinesfalls die Nase rümpfen. Außerdem treffe das deutschlandweite Klischee vom Club an der Alster nicht zu.

„Okay, manche der Aktiven hier kommen aus einem finanziell guten Umfeld und einige zeigen das auch mal. Aber keiner verdient hier Geld, Hockey ist immer noch eine Amateursportart. Wenn ich mir zum Beispiel meine Damenmannschaft anschaue, dann sind das alles Frauen, mit denen man sich ganz normal unterhalten kann. Zudem kümmert sich der Club gut um alle Sportler, hilft beispielsweise in der Berufsförderung.“

Für seine Spielerinnen ist George so etwas wie der ausgleichende Pol. „Maus ist ein wahnsinnig menschlicher Trainer, sehr starker Motivator, besitzt eine unglaubliche Lebenserfahrung. Selbst wenn es im Training kracht, moderiert er das sehr gut“, sagt Mittelfeldspielerin Nele Aring (22.). George führt mit langer Leine, nordet so selbst schwierige Charaktere ein. Neben allem Ehrgeiz ist Spaß einer seiner wichtigsten Grundsätze.

Hockeyspielerinnen haben oft viel Druck durch die Kombination aus Beruf/ Studium auf der einen und Leistungssport auf höchstem Niveau auf der anderen Seite. Da will der Liebhaber des Offensiv-Hockeys nicht zusätzlich den harten Hund geben. Bezeichnenderweise rät er Spielerinnen daher manchmal, bei der Nationalmannschaft abzusagen, wenn es ihnen einfach zu viel wird. George: „Dann müssen sie sich eben trauen und mit dem Bundestrainer reden.“

 

Durch Zufall in der National-Mannschaft

 

Seine eigene Erfahrung mit der Nationalmannschaft passt zu seinem bunten Leben. Als 30-Jähriger wurde George 1999 kurz vor seinem Karriereende im Club an der Alster vom Deutschen Hockey- Bund (DHB) zum ersten Mal in die Nationalmannschaft berufen. Aus Versehen! Die Einladung für die zehntägige Länderspiel reise in Malaysia galt eigentlich dem Mannschaftskameraden Philipp Georgi, der DHB hatte die Namen der beiden Spieler auf dem Anschreiben verwechselt.

„Ich hatte echt viel Spaß. Bundestrainer Paul Lissek hat das Ganze von der humorvollen Seite genommen und mich trotzdem mitspielen lassen. Sportlich war es übrigens in Ordnung, dass die fünf Partien zugleich meine Abschiedsspiele waren“, so George augenzwinkernd.

Die ungewisse Zukunft umarmt er so innig wie damals seine kurze Nationalmannschaftskarriere: „Ich habe eine Hütte in Indonesien, meine Freundin lebt in Kolumbien. Ich liebe meine Reisen und meinen Job als Damentrainer im Club an der Alster. Ich will einfach nur weiter jeden Moment genießen. Keine Ahnung, was passieren wird. Ich bin für alles offen.“

Der Club an der Alster: Hallerstraße 91 (Harvestehude)


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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