Youssef Tabti: Kunstausstellung in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme

Mit seiner Installation in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme rückt Youssef Tabti den Schriftsteller und Widerstandskämpfer Hendrik Cramer (1884-1944) in den Mittelpunkt. Ausgehend von dessen Biografie und Werk entstand eine Arbeit zwischen historischer Recherche, künstlerischer Inszenierung und Erinnerungskultur. Im Interview mit SZENE HAMBURG erzählt Tabti von seiner Annäherung an Cramer, dem Entstehungsprozess der Arbeit und der Herausforderung, Kunst an einem solchen Ort zu zeigen
Skulpturhand: Ineinandergreifen verschiedener Materialien und Formen
Skulpturhand: Ineinandergreifen verschiedener Materialien und Formen (©Youssef Tabti 2026)

SZENE HAMBURG: Youssef, was steckt hinter der Arbeit „Vizioen en geboorte – Hommage an Hendrik Cramer“? Wie bist du auf Hendrik Cramer gekommen und warum er?

Youssef Tabti: Ich komme aus Frankreich. Dort interessierte ich mich schon für die Zeit der Avantgarde der 1930er-Jahre, besonders die Bewegung „Le Grand Jeu“. Das war eine kleine Gruppe aus einer Provinzstadt mit jungen Leuten, die parallel zur größeren und älteren Bewegung, dem Surrealismus, in Paris lief – aber noch radikaler war. Irgendwie faszinierte mich diese junge Gruppe, die viel experimentierte und immer die Grenzen getestet hat. Sie waren hauptsächlich Dichter und Schriftsteller und gingen zum Studieren nach Paris, wo sie auch Cramer kennenlernten. Er kam aus den Niederlanden, war etwa zwanzig Jahre älter als die jungen Schriftsteller von „Le Grand Jeu“ und war bereits viel gereist in seinem Leben. Er sprach offenbar nicht viel, doch wenn er etwas sagte, hatte es eine besondere Wirkung auf die jungen Mitglieder der Gruppe. In ihm verkörperte sich eine bestimmte Lebenshaltung, die von seinen Erfahrungen und später auch von seiner Entscheidung geprägt war, als überzeugter Résistant gegen den Nationalsozialismus zu handeln.

Ein Zusammenspiel aus bedeutsamen Komponenten aus Cramers Leben in einer Kunstinstallation (©Youssef Tabti 2026)

Mein Interesse an „Le Grand Jeu“ begann bereits vor etwa 25 Jahren. Seit dieser Zeit habe ich zahlreiche Bücher, Publikationen und Dokumente über diese Bewegung gesammelt und mich immer wieder mit ihren Künstlern und Schriftstellern beschäftigt. Als ich nach Hamburg kam, erfuhr ich, dass Hendrik Cramer in Neuengamme ermordet wurde. Diese Information veränderte meinen Blick auf „Le Grand Jeu“ und verlagerte mein Interesse zunehmend auf Cramer selbst. Dabei entstand für mich eine besondere Verbindung zwischen meinem eigenen Lebensort und seiner Geschichte: Ich lebe in Hamburg, und Cramer starb hier. Gleichzeitig ist er in Deutschland heute nahezu unbekannt – ebenso wie die Bedeutung von „Le Grand Jeu“ innerhalb der europäischen Avantgarde der Zwischenkriegszeit. Gerade dieser Zufall hat mich dazu bewegt, mich intensiver mit Cramer auseinanderzusetzen. Ich wollte ihn aus der Anonymität der vielen Menschen, die in Neuengamme ermordet wurden, herausholen und ihn wieder als Individuum sichtbar machen – als Schriftsteller, Künstler und Mensch mit einer eigenen Geschichte, eigenen Überzeugungen und einer besonderen Lebenshaltung.

Wie sieht die Ausstellung vor Ort aus? Was ist zu sehen und wie setzt sich die Arbeit zusammen?

In der Vorbereitung hatte mir das Team in Neuengamme mehrere potenzielle Ausstellungsräume gezeigt. Einer davon war ein Keller, der noch nie bespielt wurde. Für diesen habe ich mich schließlich entschieden. Der Raum war unverändert und roh, das hat mir gut gefallen: Dort habe ich versucht aus Cramers Geschichten, Gedichten und seiner Lebenswelt eine Inszenierung zu schaffen – mit einer von Pflanzen bewachsenen Mauer und blauem Teppich und dafür mehrere Stationeninseln produziert, Teller und Spiegel, die sich drehen und auf denen Skulpturen befestigt sind. Es gibt zum Beispiel eine Hand oder einen gebrochenen Fuß aus Beton – in Anlehnung an das Drehbuch „Gebrochener Fuß“, das Cramer geschrieben hatte. Die von Pflanzen bewachsene Wand verweist auf Cramers Aufenthalte in Haiti und auf die zahlreichen biografischen und literarischen Erzählungen, in denen die üppige Vegetation und der Dschungel eine Rolle spielen. Edelsteine und Glasobjekte sind auf den rotierenden Spiegeln angeordnet und fangen das Licht ein. Durch die langsame Bewegung entstehen im gesamten Raum wechselnde Reflexe und Lichtblitze. Der blaue Teppich wiederum erinnert an das Meer und verweist auf Cramers frühe Biografie: Bevor er sich der Literatur und Kunst widmete, war er zum Marineoffizier ausgebildet worden. Es gibt viele kleine Anspielungen auf sein Werk. Schließlich werden in zwei Vitrinen Fotografien und Zeichnungen von und über Cramer sowie Publikationen über die Bewegung „Le Grand Jeu“ und Bücher gezeigt, die Cramer selbst verfasst hat. Es handelt sich dabei um Originale und Einzelexemplare aus den 1930er-Jahren, die ich über viele Jahre gesammelt habe.

Wie kam es zur Zusammenarbeit und wie lief der Produktionsprozess? War die Vision von Anfang an klar oder hat sie sich während des Schaffens entwickelt?

Als ich während meiner Recherche erfuhr, dass Cramer in Neuengamme gestorben ist, bekam die Auseinandersetzung mit dem Ort für mich eine zusätzliche Perspektive. Mit 60 Jahren kam er ins KZ und wurde nach nur einem halben Jahr getötet. Ich dachte, ich müsse das irgendwie präsentieren, sowohl in Hamburg als auch in Neuengamme selbst. Ich nahm Kontakt zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme auf und stieß auf offene Ohren. Aus der zunächst geplanten kleinen Präsentation zu Cramer entwickelte sich schließlich die Idee einer größeren Rauminstallation. Eine zeitgenössische Kunstinstallation in einer KZ-Gedenkstätte zu realisieren, war eine Premiere und zugleich eine besondere Herausforderung. Stiftungen wurden eingebunden, ein größeres Produktionsbudget ermöglicht und mir im Rahmen einer Carte blanche die künstlerische Freiheit gegeben, das Projekt eigenständig zu entwickeln.

Kunst beschränkt sich nciht auf bestimmte Räume: Die Ausstellung in Neuengame ist wie eine Revanche

Was können Menschen mitnehmen, nachdem sie deine Arbeit gesehen haben und welche Wirkung wünschst du dir?

Ich stelle Kunst sonst immer in Galerien, Museen und anderen Kunstorten aus. Aber Kunst hat auch einen Inhalt, eine Haltung und eine Aufgabe, an einem bestimmten Ort etwas zu zeigen oder zu sagen. Für die Arbeit spielt die KZ-Gedenkstätte Neuengamme als Ausstellungsort eine zentrale Rolle. An einem Ort, wo Freiheit und Kreativität verboten waren und Menschen unterdrückt wurden, diese Carte blanche zu erhalten, war eine super Revanche. Darum geht es eigentlich in der Kunst: Es sollte ein Ort sein, an dem du dich wahnsinnig frei fühlst und nicht nur für ein Kunstpublikum etwas machst, sondern für alle. Wenn man erst mal in Neuengamme reinkommt, spürt man schon sehr intensiv, was das für ein Ort ist. Dann kommt man in diesen Keller mit der Ausstellung – und dann ist das plötzlich eine ganz andere Ebene, die neue Perspektiven aufwirft.

Die Verbindung von Kunst und Neuengamme ist eine gewagte Sache. An einem Ort wie der KZ-Gedenkstätte wird die Aufgabe und Wirkung eines Kunstwerks besonders deutlich. Nicht nur das Grauen zeigen, sondern auch Hoffnung geben und das Leben der Menschen dahinter sichtbar machen. Das wollte ich für Cramer machen und ihn als kreativen, lebendigen Menschen zeigen. Dies soll nicht nur eine Erinnerung an die Vergangenheit sein, sondern zugleich eine eindringliche Warnung und ein Appell an unsere heutige Politik und Gesellschaft. Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Spannungen, politische Polarisierung, Ausgrenzung und gegenseitiges Misstrauen wieder zunehmen, dürfen wir nicht schweigen oder wegsehen. Demokratie, Freiheit, Menschenwürde und ein respektvolles Miteinander sind keine Selbstverständlichkeiten. Sie müssen jeden Tag aufs Neue verteidigt und mit Leben erfüllt werden.

Was können Menschen mitnehmen, nachdem sie deine Arbeit gesehen haben und welche Wirkung wünschst du dir?

Ich stelle Kunst immer in Galerien, Museen und anderen Kunstorten aus. Aber Kunst hat auch einen Inhalt, eine Haltung und eine Aufgabe, an einem bestimmten Ort etwas zu zeigen oder zu sagen. Für die Arbeit spielt die KZ-Gedenkstätte Neuengamme als Ausstellungsort eine zentrale Rolle. An einem Ort, wo Freiheit und Kreativität verboten waren und Menschen unterdrückt wurden, diese Carte blanche zu erhalten, war eine super Revanche. Darum geht es eigentlich in der Kunst: Es sollte ein Ort sein, an dem du dich wahnsinnig frei fühlst und nicht nur für ein Kunstpublikum etwas machst, sondern für ein größeres Publikum, das erreicht werden kann. Die Atmosphäre ist so erdrückend in Neuengamme und wenn man plötzlich in eine Kunstwelt reingeht, dann befreit sich etwas. Bis jetzt habe ich drei Führungen gemacht und bin überwältigt, dass die Leute zurückschreiben und mitteilen, was sie da gerade erlebt haben. Als Künstler ist das großartig, weil man bedenken muss, dass es nicht wie im Museum ist. Es ist zäh, ist schwer, sie kommen gehemmt dahin, aber jetzt langsam sprechen die Leute darüber, die da waren und es wird voller. Es gibt auch wahnsinnig viele Wissenschaftler, die natürlich skeptisch sind, überhaupt Kunst an so einem Ort zu machen. Ich habe mich sogar auf kritische Reaktionen vorbereitet und schon mit „Wie können Sie das wagen?“ gerechnet. Aber im Gegenteil: Bekannte Leute, die einen richtigen Hochanspruch auf die Geschichte hatten, waren begeistert. Die Leute sind überwältigt von diesem Ort. Wenn man erst mal in Neuengamme reinkommt, spürt man schon sehr intensiv, was das für ein Ort ist. Dann kommt man in diesen Keller mit der Ausstellung und dann ist das plötzlich eine ganz andere Ebene. Die Verbindung Kunst und Neuengamme ist natürlich eine gewagte Sache, da muss man schon vorsichtig sein und sich als Künstler Gedanken machen. Wenn an einem Ort wie der KZ-Gedenkstätte ein Kunstwerk entsteht, das sich nur auf eine bestimmte Sache konzentriert, da wird seine Aufgabe und Wirkung deutlich. Natürlich ist es immer noch eine Ästhetik, das halte ich auch für wichtig, aber der Inhalt muss genauso stark sein. Nicht nur die Opfer, das Grauen zeigen – klar, das ist sowieso da – aber es muss auch Hoffnung geben: Dass mehrere Leute gelebt und geliebt haben und einfach ein Leben hatten. Das muss man diesen Leuten zurückgeben. Das wollte ich für Cramer machen. Ich wollte einfach zeigen, dass er tatsächlich als lebendiger Mann kreativ war und seine Welt wieder zeigen. Dies soll nicht nur eine Erinnerung an die Vergangenheit sein, sondern zugleich eine eindringliche Warnung und ein Appell an unsere heutige Politik und Gesellschaft. Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Spannungen, politische Polarisierung, Ausgrenzung und gegenseitiges Misstrauen wieder zunehmen, dürfen wir nicht schweigen oder wegsehen. Demokratie, Freiheit, Menschenwürde und ein respektvolles Miteinander sind keine Selbstverständlichkeiten. Sie müssen jeden Tag aufs Neue verteidigt und mit Leben erfüllt werden.

Die Ausstellung geht noch bis zum 31. Oktober – läuft das Recherche-Projekt danach noch weiter oder was steht als Nächstes an?

Nein, ich glaube, meine Recherche zu Cramer sind vorerst abgeschlossen. Aber wer weiß – vielleicht kommt auch nochmal etwas, zumindest werde ich erst mal Pause machen. Dass es so ein langer Prozess geworden ist, war überhaupt nicht so geplant. Im Moment konzentriere ich mich auf andere Projekte, in denen ich mich auch mit der gleichen Zeit und mit Diktatur beschäftige, aber mit einer anderen Persönlichkeit– ein Amerikaner dieses Mal.

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