Lars Jessen: „Man kann gleichzeitig Lokalpatriot und Antifaschist sein“

Einmal Italien und zurück – Lars Jessens neuer Film „Spaziergang nach Syrakus“ erzählt von einer Flucht aus der DDR und der freiwilligen Rückkehr dorthin. Ein Gespräch mit dem Hamburger Regisseur über den Wessi-Blick auf die DDR, optimistische Filme und Freiheit
„Sein Zuhause kann man auch in einer glücklichen Partnerschaft finden, in einer Mundart, einer Landschaft oder einem Essen“: Lars Jessen
„Sein Zuhause kann man auch in einer glücklichen Partnerschaft finden, in einer Mundart, einer Landschaft oder einem Essen“: Lars Jessen (©Thomas Leidig)

SZENE HAMBURG: Lars, das Buch „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ von Friedrich Christian Delius, auf dem dein Film beruht, stammt aus dem Jahr 1995. Du kanntest das Buch bereits aus dieser Zeit. Wann wusstest du, dass du einen Film daraus machen willst?

Lars Jessen: In den Neunzigern, als ich noch ein kleines Licht war und als Regieassistent gearbeitet habe – also noch weit davon entfernt war, einen großen Film zu machen – hatte ich bereits die vage Idee dazu. Versucht habe ich es auch. Aber es hat nicht geklappt, die Rechte zu erwerben. Mit der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 war der Blick auf den Stoff dann noch mal ein ganz anderer und wir haben angefangen, daran zu arbeiten.

Was meinst du mit „anderer Blick“?

Früher wurde die DDR ja in der Regel über ihren Status als Unrechtsstaat erzählt. Durch „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ hat man sie als ein Land mit Menschen kennengelernt, die ihre Heimat dort hatten und schätzten, auch wenn sie ihre Sorgen und keine (Reise-)Freiheit hatten. Die DDR wird von Delius als ein Land erzählt, das auch seine schönen skurrilen Seiten hatte. Diese Perspektive war für mich Anfang der Neunzigerjahre neu. Im Jahr 2015 ist der Blick auf den Stoff dann gekippt. Das Thema „Flucht“ wurde auf einmal für alle Deutschen real – und dadurch für Charly Hübner und mich noch mal neu interessant.

Aus meiner Sicht hat die Fiktion die Aufgabe und die Pflicht, über Möglichkeitsräume in der Zukunft zu erzählen

Lars Jessen

Im Kopf arbeitest du nun also schon relativ lange an einer filmischen Übersetzung des Stoffes. Wie muss man sich deine Umsetzung ins Filmische konkret vorstellen?

Bei diesem Roman gibt es ja einen klaren Handlungsimpuls, die Hauptfigur hat ein klares Ziel: Abzuhauen nach Italien und dann wieder zurück in die DDR zu kommen. Die Frage war dann eher: Was passiert danach? Was ist, wenn man für seine Freiheit seine Liebe geopfert hat? Was bedeutet das für einen Menschen in einem autokratischen System? Damit haben wir uns bis zum letzten Schnitttag beschäftigt, weil wir keinen Film machen wollten, der einen romantischen Blick zurück wagt, sondern uns eher fragen wollten: Was sagt uns diese Geschichte heute?

Über Geschichten vom Gelingen: Lars Jessen 

In einem Interview vor zwei Jahren hast du sinngemäß erzählt, dass du dir als Regisseur vorgenommen hättest, Geschichten vom Gelingen zu erzählen. Warum ist dir das wichtig?

Wir sehen in diesen Überkrisenzeiten, in denen wir leben, dass die dystopischen Storys, die vor dreißig, vierzig Jahren noch aufgerüttelt haben, heute zu einer Überforderung führen – das belegen diverse Studien. Das ist wie eine Lähmung, wie eine selbsterfüllende Prophezeiung. Wir manövrieren uns dadurch praktisch selbst in Doomsday-Szenarien rein. Und aus meiner Sicht hat die Fiktion die Aufgabe und die Pflicht, über Möglichkeitsräume in der Zukunft zu erzählen. Das hat die Autorin Bell Hooks doch mal so schön gesagt: „What we cannot imagine cannot come into being.“ Insofern: Wenn Geschichten die Welt verändern und die Art und Weise, wie Menschen sich Realität aneignen, entscheidend ist, dann müssen wir auch versuchen, Geschichten darüber zu erzählen, wo wir gemeinsam hinwollen.

„Spaziergang nach Syrakus“: Ab 20.8.2026 im Kino (©Pandorafilm)

„Spaziergang nach Syrakus“ ist eine solche Geschichte. Was würdest du dir wünschen, das Menschen davon mitnehmen?

Dass wir die vielen Dinge, die wir in unserem Leben für selbstverständlich erachten, auch verteidigen; dass wir vieles wertschätzen sollten, was wir uns hier aufgebaut haben mit der freiheitlichsten Grundordnung, die dieses Land jemals gesehen hat. Der Minderheitenschutz, die Gewaltenteilung, die Freiheit der Kunst! Wir sollten viel mehr den Blick darauf lenken, was wir in unserer Gesellschaftsform und in unserem Leben für Möglichkeiten haben Dinge zu tun – und gemeinsam bessere Wege finden, diese Möglichkeiten auszuschöpfen. Diese Energie sollten wir mitnehmen. Wir leben in einem freien Land, können unser Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Und wenn von meinem Film ein kleines bisschen von dieser Botschaft ausgeht „Leute, so scheiße ist es gar nicht! Und wenn doch, dann lasst es uns besser machen“, dann würde ich mich freuen.

Du lebst ja seit vielen Jahren in Hamburg. Inwiefern hat dich die Stadt in Sachen Kreativität beeinflusst?

Hamburg ist eine Stadt, in der es sich super leben lässt und die super funktioniert. Wir haben ein tolles kulturelles Leben und durch die Politik hier auch eine super Unterstützung in der Filmförderung. Da ist einiges besser geworden in den letzten Jahren – gerade im Vergleich zu vielen anderen Regionen im Land. Insofern ist Hamburg für mich nach wie vor eine extrem gute Basis, um meine Geschichten zu erzählen – auch als Schleswig-Holsteiner. Ich fühle mich in Hamburg nach wie vor sehr zu Hause.

„Zuhause kann man auch mit Heimat übersetzen – und das ist etwas, das mir in meiner Arbeit immer sehr wichtig ist“: Lars Jessen 

Viele deiner Filme spielen aber in der Provinz. Was reizt dich daran?

Viele Erzählungen, die in den Vorstädten und in den Kleinstädten stattfinden – dort lebt ja das Gros der Menschen in unserem Land –, die finden eben nicht in großen Altbauwohnungen in den coolen Stadtteilen in Berlin oder Hamburg statt. Das heißt: Wenn man solche Geschichten erzählt, entspricht das gar nicht der Lebensrealität vieler Menschen, die außerhalb unserer urbanen Blase existieren. Aber was außerhalb davon passiert, das interessiert mich viel mehr, als nur um meine eigene Lebensrealität herum zu kreisen – weil das nicht stellvertretend für die meisten Menschen im Land ist.

Charly Hübner sagt als Paul in einer Szene des Films den Satz: „Zuhause is’ immer am schönsten.“ Würdest du das unterschreiben?

Ja, aber man kann sein Zuhause natürlich selbst definieren. Das muss nicht immer nur das Elternhaus sein. Sein Zuhause kann man auch in einer glücklichen Partnerschaft finden, in einer Mundart, einer Landschaft oder einem Essen. Zuhause kann man ja auch mit Heimat übersetzen – und das ist etwas, das mir in meiner Arbeit immer sehr wichtig ist: Selbst zu definieren, was Heimat ist. Und auch, was Patriotismus ist. Das haben wir bisher viel zu sehr irgendwelchen Rechtsradikalen überlassen. Da ist eine Leerstelle entstanden. Deswegen kann man eben zum Beispiel gleichzeitig Lokalpatriot und Antifaschist sein.

Apropos Heimat: Einer der für mich interessanten Aspekte an deinem Film ist diese Zerrissenheit zwischen der Sehnsucht nach Heimat und Fernweh. Wie gehst du als Geschichtenerzähler an so einen Aspekt heran, den man filmisch ja nicht eins zu eins abbilden kann. Funktioniert so etwas deiner Meinung nach über Text, Schauspiel, Bilder, Musik – oder das perfekte Zusammenspiel von allem?

In diesem Film war das vergleichsweise leicht, denn allein das Einspielen von italienischer Musik öffnet im Kopf ja schon ein Fenster Richtung Süden. Und der Held Paul macht sich seinen Parmesan selbst aus Edamer, eingewickelt in weingetränkte Tücher auf der Heizung – auch das schreit bereits nach Fernweh. Die Knöpfe, um filmisch Sehnsucht zu erzeugen, sind da gar nicht so schwer zu drücken. Aber gleichzeitig ging es mir auch darum, die Ostsee konkurrenzfähig zum Mittelmeer zu halten. Und ich hoffe, es ist uns gelungen, nicht nur vom Fernweh, sondern auch vom Nahweh gleichermaßen zugewandt zu erzählen.

Dieses Interview ist zuerst in SZENE 08/26 erschienen. 

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