Mala Emde: „Wenn wir Diversität jetzt hochhalten, wird sie in Zukunft normal sein“

Die Schauspielerin Marla Emde dürften die meisten als Helene aus der gefeierten Serie „Oh Hell“ kennen. Hamburgern wird sie sich nun aber auch durch den Hamburg-Film „Sommer auf Asphalt“ ins Herz brennen. Wir haben mit der Dreißigjährigen über ihren Bezug zur Stadt, Diversität im Film und Patriotismus gesprochen
Mala Emde und Christoph Maria Herbst in „Sommer auf Asphalt“
Mala Emde und Christoph Maria Herbst in „Sommer auf Asphalt“ (© Wueste Medien/Frizzi Kurkhaus)

SZENE HAMBURG: Mala, wie bist du zu „Sommer auf Asphalt“ gekommen?

Mala Emde: Ich war auf der Fähre von Norwegen nach Dänemark und habe das tolle Drehbuch von Brix Koethe gelesen. Ich habe laut gelacht und leise geweint, aufs Meer geguckt und gewusst: Diese Geschichte möchte ich erzählen.

Mit Regisseur Simon Ostermann hattest du bereits die Serie „Oh Hell“ gedreht. Inwiefern hat dieser Umstand den Dreh zu „Sommer auf Asphalt“ beeinflusst?

Simon und ich haben eine ganz besondere Art zu kommunizieren, oft auch ohne Worte. Dadurch kann etwas sehr Besonderes vor der Kamera passieren.

Du bist mittlerweile eine bekannte und gefeierte Schauspielerin, sodass ich mir vorstellen kann, dass bei deiner Rollenauswahl auch mitgedacht wird, ob es deiner Karriere zuträglich ist – wenn nicht von dir, dann bestimmt von deinen Agenten. Inwiefern hat dieser Aspekt Einfluss auf die Auswahl deiner Projekte?

Ich denke grundsätzlich, dass im Leben Absagen ebenso wichtig sind wie Zusagen. Manchmal ist es wichtig, bei der Rollenauswahl auch strategische Gedanken mit einzubeziehen, aber ein Film bedeutet für mich immer eine so krasse Veränderung mit meinem Leben, meinem Körper, meiner Zeit, dass ich eine Entscheidung im Endeffekt nur aus Neugierde treffen kann – und meinem Bauchgefühl.

Ich habe laut gelacht und leise geweint, aufs Meer geguckt und gewusst: Diese Geschichte möchte ich erzählen

Mala Emde

Nach Soulkitchen und Co.: „Sommer auf Asphalt“ ist der neue Hamburg-Streifen

Es gibt Großstädte, die als Setting so präsent sind, dass sie eine Art eigenes Genre gebildet haben: Berlin-Filme wie „Lola rennt“ oder „Sommer vorm Balkon“ oder Hamburg-Filme wie „Rocker“ oder „Absolute Giganten“. Würdest du „Sommer auf Asphalt“ auch als Hamburg-Film bezeichnen?

„Sommer auf Asphalt“ ist der Hamburg-Film des Jahres: Wir sehen die Stadt durch die Biker-Perspektive noch mal ganz neu und zugleich bleiben wir dem Spirit dieser besonderen Stadt treu; die Menschen, die Offenheit für Spießer und Freaks …

Sommer auf Asphalt (© Wüste Film)

Welchen Bezug hast du zu Hamburg?

Hamburg ist für mich die Stadt der Abenteuer, weil ich nach der Schule viel Zeit hier verbracht und viele wilde Tage und Nächte erlebt habe. Durch „Sommer auf Asphalt“ habe ich Hamburg über seine legalen und auch illegalen Radwege neu kennengelernt. Ich habe auch zwei Lieblingsorte in der Stadt: einmal das Café Johanna am Venusberg und natürlich die Hafenmauer auf der Container-Seite.

Diese Bekenntnisse zu einer Stadt haben ja immer auch etwas mit Patriotismus zu tun. Du bist in Frankfurt aufgewachsen, wohnst mittlerweile in Berlin, hast aber auch längere Zeit in London und Paris verbracht. Gibt es eine Stadt, der „dein Herz gehört“?

Ich wünschte, ich könnte sagen, mein Herz gehört Stadt XY, aber ich glaube, sowie ich lieber das Bewegbild Film statt Fotografie mag, ist mein Herz eher eine Bewegungslinie als ein Fixpunkt.

Auf deiner Insta-Seite hast du mal geschrieben: „I never feel that I belong to just one country. I feel shaped by Europe, and from there I want to move forward with an open mind toward the world.“ Warum war es dir wichtig, das zu teilen?

Weil ich glaube, dass Grenzen, eine sehr praktische, aber nicht unbedingt menschliche Angelegenheit sind.

Method Acting: Wie viel Figur steckt in den Schauspielern?

„,Mit jeder meiner Rollen fange ich eine Art Beziehung an und lerne von ihnen“ – Mala Emde (© Valeria Mittelmann)

Deine Figur Les legt am Anfang des Films Wert auf größtmögliche Freiheit: Will sich nicht fest binden, spontan sein können, keine großen Verpflichtungen eingehen. Ist das eine Lebensweise, zu der du direkt relaten konntest?

Ich finde, man sieht selten Figuren wie Les in Filmen. Das war auch ein Grund, sie spielen zu wollen. Sie ist unangepasst, frei und ehrlich mit ihren Bedürfnissen. Mit jeder meiner Rollen fange ich eine Art Beziehung an und lerne von ihnen – wie von einer neuen Freundin. Und die Attribute von Les wollte ich gerne in mein Leben einladen.

„Sommer auf Asphalt“ ist ein Film, der einerseits sehr im Hier und Jetzt spielt, indem es andererseits aber auch permanent darum geht, wie die Zukunft aussieht. Welchen Aspekt hältst du im Film für wichtiger und warum?

Schaut euch „Nouvelle Vague“ von Richard Linklater an. Der hat da eine gute Antwort drauf gefunden!

Bist du selbst eher Gegenwarts- oder Zukunftsmensch?

Wenn ich mit Freund:innen anstoße, sage ich oft statt „Prost“ lieber „Jetzt“. Gleichzeitig bewundere ich aber Visionäre.

Mir ist aufgefallen, dass der Film auf sämtlichen Ebenen angenehm divers ist und unterschwellig Aufgeschlossenheit propagiert, ohne dass es aufgesetzt wirken würde. Achtest du bei deiner Rollenauswahl auf so etwas?

Ich achte darauf sehr, aber gar nicht, weil ich es mir vornehme. Ich glaube, das deckt sich gut mit meiner inhärenten Weltsicht.

Wie ist dahingehend deine Wahrnehmung: Wird beim deutschen Film auf solche Aspekte geachtet?

Es hat sich in den letzten Jahren viel bewegt in die Richtung Diversität, das gibt mir Hoffnung. Aber seit einiger Zeit bemerke ich eine Rückwärtsgewandtheit. Vielleicht ist das ein Resultat der Analyse von Zuschauerzahlen, die sich nach alten Rollenmustern sehnen. Aber ich bin überzeugt: Gewohnheit verändert unsere Weltsicht. Wenn wir die Diversität jetzt hochhalten, wird sie in Zukunft normal sein.

Du hast dieses Jahr sowohl deinen 30. Geburtstag gefeiert als auch dein zehnjähriges Kinojubiläum. Welche Bedeutung haben solche „Jubeljahre“ für dich?

Ich feiere das Leben einfach unglaublich gerne. Das ist nur ein Grund mehr.

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