SZENE-HAMBURG: Amelie und Janne, ihr eröffnet in ein paar Tagen die erste queerfeministische Buchhandlung in Hamburg, namens „Perspektiven.“ Aber erst einmal zum Anfang: Wie habt ihr eure Begeisterung fürs Lesen entdeckt und ganz besonders für queerfeministische Literatur?
Amelie: Ich habe eigentlich mein ganzes Leben lang gern gelesen. Das habe ich wohl von meiner Mutter mitbekommen. Als ich dann mein eigenes Queer-Awakening hatte, habe ich mich zunehmend mit politischen Themen beschäftigt und begonnen, queerfeministische Literatur zu lesen. Angefangen habe ich mit schwulen Teenager-Romanzen. Da fällt mir gerade John Green und sein Roman „Will & Will“ ein.
Janne: Bei mir war es auch die familiäre Prägung. Mein Opa hat sehr viel gelesen und meine Eltern auch. Dadurch waren immer Bücher zu Hause. Nach meinem Abitur habe ich dann angefangen Germanistik zu studieren. Im Studium haben Amelie und ich uns auch kennengelernt. In dieser Zeit habe ich mich erst wirklich politisiert und mich intensiver mit Feminismus auseinandergesetzt. Durch Amelie habe ich dann queere Literatur für mich entdeckt.

Wann war der Moment, als ihr wusstet, dass ihr eine queerfeministische Buchhandlung eröffnen wollt?
Amelie: Das ist ein wenig auf meinem Mist gewachsen. Ich hatte vor etwa einem Jahr eine kleine Lebenskrise. Damals hatte ich das Gefühl, dass ich etwas Sinnstiftendes in meinem Leben brauche. Da kam der Wunsch einer eigenen Buchhandlung in mir auf. Ich wusste auch recht schnell, dass es eine queerfeministische Buchhandlung sein soll, damit ich diesen Wunsch mit meinem Aktivismus verbinden kann.
Und wie kam es dann dazu, dass ihr das Projekt zusammen macht?
Janne: Amelie hat mir recht schnell von ihrer Idee erzählt. Ich war also direkt mit involviert. Am Anfang war ich allerdings skeptisch, weil ich nicht so risikobereit bin. Ich habe mich immer wieder gefragt: Schaffen wir das? Ziehen wir das wirklich durch? Aber ich hatte trotzdem auch Lust, dabei zu sein, und so haben wir das Projekt Buchhandlung gemeinsam geplant. Es war aber von Anfang an klar, dass ich nicht Mitbegründerin bin. Das ist in erster Linie Amelies Projekt. Ich mache gerade noch meinen Master und werde als Mitarbeiterin auf Werkstudierendenbasis hier arbeiten.
Bei „Perspektiven“ möchten wir deshalb zahlreichen queeren, weiblichen und migrantischen Autor:innen eine Bühne geben.
Amelie
Amelie du kommst gerade erst aus dem Bachelor, da wirkt eine eigene Buchhandlung wie ein riesiger Schritt. Wie hast du die Zeit bisher erlebt und welche Hürden gab es?
Amelie: Die erste große Hürde ist natürlich das Finanzielle. Für die Gründung braucht es viel Startkapital. Ich habe das Privileg, dass ich die nötigen Mittel habe und im Zweifel auch familiäre Unterstützung. Obwohl ich Germanistik studiert habe, hatte ich keine Erfahrung im Buchhandel und musste mir vieles selbst aneignen, vor allem über Bücher, das Internet und einen Crashkurs für Quereinsteiger:innen. Trotzdem gibt es im Buchhandel viele Strukturen, die man von außen kaum überblicken kann. Deshalb werden sicher noch Hürden auf uns zukommen, die wir jetzt noch nicht kennen. Wir haben uns aber vorgenommen, gelassen mit Fehlern umzugehen und daraus zu lernen.
Überraschend einfach war die Suche nach einem Laden. In Hamburg einen Laden zu finden, ist auf jeden Fall leichter, als eine Wohnung zu bekommen, besonders für eine Buchhandlung. Vermieter:innen schätzen Buchläden oft, weil sie eine Straße und ein Viertel aufwerten.
Habt ihr euch denn absichtlich hier für diesen Stadtteil oder für diese Region entschieden?
Amelie: Ja, auf jeden Fall. Wir wohnen auch im Osten von Hamburg und wollten unseren Laden einfach gern in der Nähe unserer Wohnung haben. Dann kommt natürlich noch hinzu, dass es östlich der Alster nicht mehr inhabergeführte Buchhandlungen gibt.
Zunächst geht es beim Lesen ja nur darum, auch andere Perspektiven zu entdecken.
Amelie

Wie nehmt ihr die Repräsentation queerfeministischer Bücher in Buchhandlungsketten wahr?
Janne: Mhh, ausbaufähig, würde ich sagen. Zum Pride Month gibt es dann natürlich einen mit Regenbogenflaggen geschmückten Tisch, aber auch da werden immer die gleichen Bücher ausgestellt. Da liegen dann Heated Rivalry, Adam Silvera und andere, hauptsächlich schwule und lesbische Romance-Bücher. Diese Romane sind auch wichtig, aber eben nur die Spitze des Eisbergs.
Amelie: Bei „Perspektiven“ möchten wir deshalb zahlreichen queeren, weiblichen und migrantischen Autor:innen eine Bühne geben, die bislang eben nicht so viel Sichtbarkeit bekommen haben. Wir wollen versuchen, mehr Sexualitäten und Identitäten abzubilden, auch mit Büchern aus Indie-Verlagen, die bei Thalia und Co. oft gar nicht zu finden sind. Ich glaube, man kann die Repräsentation solcher Werke gar nicht hoch genug einschätzen. Gerade das macht das Lesen ja so schön: dass man in andere Welten eintauchen und auch einmal andere Perspektiven kennenlernen kann.
Was sind eure Buchempfehlungen für Personen, die vielleicht selbst bisher nicht so viele Berührungspunkte mit queerfeministischer Literatur haben, aber gern einsteigen wollen?
Amelie: Ich glaube, gerade bei Fantasy oder bei Belletristik kann man gar nicht so viel falsch machen. Zunächst geht es beim Lesen ja nur darum, auch andere Perspektiven zu entdecken. Was ich auch empfehlen würde, ist das Buch „Why We Matter“ von Emilia Roig. Das ist ein sehr umfangreiches Werk, das sehr viele Themen, wie Rassismus, Feminismus, Queerness, Trauma und Queerfeindlichkeit abdeckt und verständlich erklärt.
Janne: Wer sich zu spezifischen Themen einlesen möchte, kann bei uns auch kleine, etwas dünnere Büchlein bekommen, die gut in verschiedene Themen einführen, ohne dass einem gleich Fachbegriffe um die Ohren fliegen. Dafür würde ich die Buchreihe „Resistance and Desire“ aus dem Unrast Verlag empfehlen. Das ist eine Sammlung aus kurzen Sachbüchern, die etwa Themen wie Freund:innenschaft, Mothering und Queerfeminismus behandeln.
Die Eröffnung von „Perspektiven“ am 8. August
Ihr eröffnet am 8. August. Was erwartet die Besucherinnen und Besucher an diesem Tag?
Amelie: Unsere Eröffnungsfeier startet um 10 Uhr mit einem entspannten Zusammenkommen bei Kaffee und Kuchen. Außerdem gibt es einen Bücherflohmarkt auf Spendenbasis, dessen Erlös wir an die Trans-Beratungsstelle 4Be spenden möchten. Um 14 Uhr trete ich gemeinsam mit meinem queerfeministischen Chor „SHE*Choir“ auf. Am Abend liest dann um 18 Uhr Leo, eine befreundete Person von uns, kurze Texte vor und gibt im Anschluss noch einen kleinen Schreib-Workshop.
Sind auch nach der Eröffnung Workshops oder Lesungen geplant, von denen ihr mir verraten dürft?
Amelie: Oh ja, es ist einiges geplant. Es wird auf jeden Fall einen Transbuchclub geben, der immer am letzten Donnerstag des Monats stattfinden wird. Wir planen zudem einen Schreib-Workshop, da sind wir in der Organisation aber bislang nicht so weit.
Janne: Einige Termine für Lesungen können wir auch schon verraten. Am 11. September gibt es eine Release-Lesung von Brian Frank aus seinem neuen Thriller „Please Come And Get Me“. Das ist unsere erste offizielle Lesung abseits von der Eröffnungsveranstaltung. Außerdem kommt Else Buschheuer mit ihrem Roman „Ex@Frau“ am 16. Oktober zu uns. Alle diese Termine werden wir aber auch noch auf Instagram ankündigen.

